Kinderhand-in-Erwachsenenhand

Beautiful Trauma

Das kleine Mädchen kauert an der Heizung, umklammert seinen Teddy und wiegt sich hin und her. Eben gerade wurde es von seiner Mutter verprügelt. Mit dem Kochlöffel. Und beschimpft. “Du Drecksmensch! Bin ich von Dir oder Du von mir!?”
Das kleine Mädchen wehrt sich nicht mehr. Es hat aufgehört, 32938087_1617383025056814_1857917330860802048_nmitzuzählen, wie oft schon es misshandelt wurde. Es hat aufgehört, auf Hilfe zu hoffen. Es ist gefangen in einem Alptraum.

20 Jahre später. Das kleine Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau. Die junge Frau versucht zu leben. Aber immer wieder wird sie krank. Die Ärzte reichen sie weiter von einem zum anderen, bis sie beim Psychiater landet. Der hört ihr endlich zu. Und findet heraus: schwere Depression durch langjährige Misshandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung.

Ihre Freundin leiht ihr ein Buch aus. Indianisches Horoskop – der Rabe. Darin steht, dass die junge Frau nach einem schweren Leben mal eine Heilerin sein wird. Die junge Frau lächelt müde und legt das Buch zur Seite.

Die junge Frau kämpft. Wenn sie eines mitbekommen hat in diesem Leben, dann den Willen, zu überleben. Sie studiert, findet einen tollen Job, heiratet, bekommt ein Baby. Aber immer und immer wieder reißt die Depression sie aus dem Alltag, macht ihr das Leben schwer.

5 Jahre später. Die erwachsene Frau hat eine Reihe an Therapien hinter sich. Weil sie schon immer ein Forschergeist war, hat sie sich intensiv mit dem Thema Psyche und Depression auseinandergesetzt. Sie geht an die Öffentlichkeit, erzählt von sich. Sie lernt zahlreiche andere Menschen kennen, denen es genau so geht wie ihr. Sie merkt: Sie ist kein Alien. Sie denkt: Wenn ich nur einem von ihnen mit meinen Erfahrungen helfen kann, ist schon viel gewonnen. Sie gründet einen Blog, schreibt über ihre Depressionen.

10 Jahre später: Das Mädchen von damals ist unterwegs. Es hat eine wundervolle Familie und ein Zuhause gefunden. Sich selbst noch nicht ganz. Es ist noch auf der Suche, aber immerhin kann es seiner inzwischeIMG_7295n chronisch gewordenen Depression die Stirn bieten. Es lebt sein Leben, so gut es eben geht.

Da trifft es eine Bekannte. Die fragt, ob das Mädchen von damals nicht Lust hätte, auszuhelfen. In einem Heim für psychisch und physisch behinderte Menschen. Das Mädchen von damals hat ein bisschen Angst, aber die erwachsene Frau sagt ja.

Ein halbes Jahr später. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau und wiegt sich hin und her. Sie redet nicht viel, aber wenn, hat sie nur ein Thema. Ihre Stereotypie geht an die Nieren.
Aber ihr gegenüber sitzt das Mädchen von damals, das weiß, was sie durchgemacht hat, das weiß, warum sie heute so sein mag, wie sie ist.
Die eine hört der andern zu. Stunden, Tage, Monate. Manchmal treffen sich ihre Augen, und für einen kurzen Moment ist eine Verbindung da, und die eine kann der anderen in die Seele schauen.


Als mich meine Bekannte vor einem halben Jahr fragte, ob ich nicht bei ihr im Behindertenwohnheim aushelfen könnte, war ich ziemlich unsicher. Ich, mit meiner Sozialphobie, meiner toxischen Scham und meinen depressiven Episoden? Puh…

Ich ging hin – und fühlte mich zuhause. Den Menschen dort war es egal, wie ich aussah, was ich für einen Werdegang hatte, wo ich herkam. Wichtig war für sie nur eins: Wer ist für uns da? Wer hört uns zu? Wer versteht uns? Und ich konnte sie so gut verstehen! Denn so viele lebten dort, die ähnlich wie ich in ihrem Leben ein Trauma erlebt hatten, unter dem sie noch heute leiden – so sehr, dass sie mit ihren Psychosen kein eigenständiges Leben mehr führen können.

Mittlerweile bin ich fest dort angestellt, arbeite 25 Stunden die Woche, begleite die Bewohner des Heims in ihrem Alltag. So unterschiedlich ihre Behinderungen, so einzigartig die Menschen.
Ich sehe keine Behinderungen. Ich sehe, was sie erlebt haben,  warum sie so wurden, wie sie sind, und sehr oft erinnern sie mich an das kleine Mädchen von damals.IMG_7245
Es ist keine leichte Aufgabe, aber eine wunderschöne. So viele Heiratsanträge wie dort habe ich noch nie bekommen :-)
Nein, im Ernst. Immer, wenn ich nach Hause gehe, werde ich gefragt, wann ich wiederkomme. Viele sagen mir, wie schön es ist, dass ich jetzt da bin. Ich bin dort nicht nur erwünscht, sondern geliebt.
Das ist für mich eine ganz seltsame Situation: Menschen lieben mich für das, was ich mit ihnen mache, dass ich einfach für sie da bin, dass ich ich bin.

Momentan bewerbe ich mich für ein berufsbegleitendes Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in unserer Nähe. Ich will noch mehr wissen, noch mehr erfahren, wie ich anderen Menschen helfen kann. Und natürlich auch mir selbst.

Außerdem binIMG_7171 ich jetzt Mitglied im Team von project semicolon. Das ist eine internationale Organisation, die depressiven Menschen mit Selbstmord-Gedanken hilft. Gerade wird eine App entwickelt, mit der man einen provider, also Helfer oder Ansprechpartner, in der Nähe finden kann. Ich werde für Deutschland zuständig sein.
Unser Erkennungszeichen ist das Semikolon. Es sagt: “My Story isn’t over yet!”

Macht mir das alles noch Angst? Nein. Ich glaube, ich habe endlich meine Bestimmung im Leben gefunden.
Nach so vielen Um- und Irrwegen, so vielen Schmerzen und schlimmen Zeiten wird es ja auch endlich Zeit dafür. Das kleine Mädchen von damals ist kein Opfer mehr, sondern auf dem Weg zur Heilerin.

Passt auf Euch auf. Und wenn Ihr Hilfe braucht, schreibt mir.
Eure Patricia


 

Bildschirmfoto 2017-05-06 um 09.14.30

Stigma Depression – neue Studie

Als hätte ich es bei meinem Beitrag vor ein paar Tagen gerochen:

Mein Prof hat gerade eine Studie zur  Stigmatisierung von Personen mit Depressionen gestartet. Und mich gefragt, ob ich diese auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Natürlich tue ich das gerne! Und würde mich sehr freuen, wenn Ihr – natürlich anonym – daran teilnehmt. Das Ganze ist seriös und hat Hand und Fuß. Autoren sind die Universität Mannheim und das dort ansässige Zentralinstitut für seelische Gesundheit, in dem ich auch in Behandlung war. 

Ihr würdet damit sehr die Forschungen an unserer Krankheit unterstützen.

Hier sind Text und Link zur Studie. Ich danke Euch vielmals!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie an dieser Studie teilnehmen möchten. Bitte lesen Sie sich die folgenden Informationen aufmerksam durch.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit Einstellungen zu Depressionen und Vorurteilen gegenüber Personen mit dieser Erkrankung. Zu diesem Thema werden Sie Fragen am Computer beantworten.
Bei Fragen zum genauen Ablauf der Untersuchung, sowie zur Auswahl der Aufgaben wenden Sie sich bitte nach Abschluss der Untersuchung an die Untersuchungsleitung (siehe Kontakt).

Die Dauer der Studie beträgt etwa 10 bis 15 Minuten. Durch Ihre Teilnahme an dieser Studie haben Sie die Möglichkeit, nähere Einblicke in die psychologische Forschung zu erhalten. Vor allem aber können Sie uns dabei helfen besser zu verstehen, wie Vorurteile entstehen und Betroffene darauf reagieren. Des Weiteren können Sie mit Ihrer Teilnahme dazu beitragen, dass Betroffene besser mit Vorurteilen umgehen können.
Ihre Daten sind selbstverständlich vertraulich und werden nur in anonymisierter Form genutzt.
Demographische Angaben wie Alter oder Geschlecht lassen keinen eindeutigen Schluss auf Ihre Person zu. Zu keinem Zeitpunkt im Rahmen der jeweiligen Untersuchung werden wir Sie bitten, Ihren Namen oder andere eindeutige Informationen zu nennen.
Durch die Teilnahme an dieser Studie entsteht kein Risiko,das über die Risiken des alltäglichen Lebens hinausgeht.

Durch die Bestätigung in der Online-Studie, dass Sie diese Einverständniserklärung gelesen haben, erklären Sie sich damit einverstanden an der Untersuchung teilzunehmen.
Ihre Teilnahme an dieser Untersuchung ist freiwillig. Es steht Ihnen zu jedem Zeitpunkt dieser Studie frei, Ihre Teilnahme abzubrechen, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Die Kontaktdaten der Untersuchungsleitung finden Sie zu Beginn und am Ende der Studie.

Und hier der Link:
https://www.soscisurvey.de/zpp-studie/?q=valid


 

Nacht

Hast Du auch Deine Tabletten genommen?

Etwas beschäftigt mich zur Zeit sehr: die Reaktion von Menschen auf meine Depression. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen damit umzugehen. Zwei Dinge veranlassen mich dazu: erstens anderen begreiflich zu machen, wie es jemanden geht, der an dieser furchtbaren Krankheit leidet. Und zweitens, Hoffnung zu verbreiten, dass auch ein Leben mit Depression möglich ist.

Natürlich binde ich es nicht jedem Menschen sofort auf die Nase: “Hallo, ich bin Patricia und depressiv!” Wobei ich das auch schon getan habe. Als mich die Geschäftsführung für meinen letzten PR-Job anfragte, sagte ich: “Lies Dir bitte erst meinen Blog durch. Und dann ruf noch mal an.” Ich bekam den Job. Weil die Geschäftsführung meinen Blog ignorierte. Oder nicht ernst nahm. beaker-47537Und dann sehr erstaunt war, als ich den Job quittierte.

Höre ich deswegen auf, mich zu outen? Nein. Wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. Oder wenn jemand sehr leidet, sage ich: “Du, ich habe das auch.” Ich könnte vorsichtiger sein und ein Leben in völliger Dunkelheit führen, ein Teil von mir weggesperrt in den Tiefen meiner Seele. Und ich verstehe jeden, der das tut. Denn die Erfahrungen bei einem Outing sind nicht immer schön. Ich möchte Sie gerne mit Euch teilen. Damit Ihr das nächste Mal ein bisschen behutsamer mit Menschen umgeht, die sich Euch anvertrauen.

Erstaunen

“Hö? DU bist depressiv?! DAS hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht!” Tja, stell Dir vor. Auch depressive Menschen können ein Leben führen, ein durchaus zufriedenstellendes, erfolgreiches. Sie können Chef sein, Elternteil, eine Familie organisieren, tolle Sportler werden und sehr kreativ. Und dass, obwohl der schwarze Hund ihnen ständig im Nacken sitzt. Wenn so etwas kommt, nehmt es als hqdefaultKompliment und nicht persönlich. Einfach so. Und versucht nicht, Euch zu rechtfertigen.

Ignoranz

Das sind die Leute, denen Ihr Euch offenbart, die aber nicht richtig hinhören und gleich zur Tagesordnung übergehen. Wer ist heute schon nicht depressiv, haben wir nicht alle einen kleinen Schatten?

Genau diese Leute sind dann erstaunt, wenn Ihr Symptome Eurer Krankheit an die Oberfläche lasst und eben mal nicht perfekt seid.
Es ist mühselig, solche Leute aufklären zu wollen, weil sie sowieso kein offenes Ohr für die Nöte andere haben. Kann man mit leben, muss man aber nicht.

Spott

“Jaja, depressiv!” Plus leichtes Kräuseln der Mundwinkel. Das sind Menschen, die auch gerne behaupten, dass es kein Burn-Out gibt. Wir sind halt schlichtweg träge, faul, hypochondrisch. Solchen Leutena3ea252b837add417e5e9666e351d6ab würde ich am liebsten in die Fresse schlagen. Die machen mich am wütendsten. Ich wünsche Ihnen, dass sie nur einen Monat lang in meinen Schuhen gehen müssten. Wahrscheinlich würden Sie sich danach die Kugel geben.
Leider packen mich diese Menschen genau an meinem wunden Punkt und bekommen haargenau und bis ins Detail dargelegt, welche Krankheit eine Depression ist – inklusive aller aktuellen Studien und dezidierter biomechanischer Vorgänge im Hirn. Danach sind die Spötter so plattgelabert, dass sie sich hüten werden, je wieder so etwas Unbedachtes auszusprechen.

Entmündigung

Ja, ein hartes Wort, ich weiß. Es bezieht alle mit ein, die Euch nach Eurem Outing nicht mehr zutrauen, geradeaus zu denken. Gerne kombiniert mit dem Satz: “Hast Du auch Deine Tabletten genommen?!” Als wenn wir keine Seele, keinen Verstand, kein selbstständiges Leben hätten (siehe oben). Ja, es ist bisweilen schwierig, mit einem Depressiven. Weil er immer und ständig an sich selbst zweifelt und alles in Frage stellt. Weil seine 776024-beakerhoneydew460Stimmungsschwankungen nicht nur beim PMS auftauchen, sondern auch zwischendurch. Was gestern noch total schrecklich war, ist heute völlig akzeptabel und keinen Gedanken mehr wert.
Wir WISSEN, dass wir dieses Manko haben, und nicht nur EUCH fällt es schwer, damit umzugehen. Nein, am allerschwersten fällt es uns, weil es sich so real anfühlt, unser Verstand aber weiß, dass es falsch ist.

Unsere “Tabletten” nehmen wir, damit wir nicht von der nächsten Brücke springen. Damit unser Serotonin- und Dopaminhaushalt im Hirn stabil bleibt. Damit wir überhaupt leben können. Trotzdem sind wir Menschen mit Emotionen, die ihren Weg im Leben finden müssen. Und glaubt uns, wir tun ALLES dafür, das zu tun!!
Unsere Tabletten ändern daran nichts. Ihr müsst damit klar kommen oder den Kontakt abrechen. Isso.

Also bitte hört auf, Depressiven diese Frage zu stellen. Wir sind eh schon am Zweifeln und nach einem solchen Kommentar vollauf davon überzeugt, dass wir jetzt gleich sofort zehn Pillen auf einmal schlucken oder noch heute am Feiertag dringend zum Notarzt fahren müssen.

Ablehung

Nach meinem letzten – zugegeben negativen – Text zum Thema Selbstmord hier sah ich ein FB-Posting einer Bekannten, von der ich weiß, dass sie hier mitliest. Sie schrieb sinngemäß, sie habe die Nase voll von Leuten, die immer nur negativ auf der Stelle treten und in ihrem eigenen Sumpf wühlen und niemals voran kommen.

Ich weiß nicht, ob sie mich damit meinte. Aber es hat mich verletzt. Als ob das ein Hobby, die liebste Freizeitbeschäftigung wäre, sich Stunde um Stunde gegen die quälenden Gedanken im Kopf zu wehren, diesen Film, der immer mitläuft und stört, egal, was wir tun.
Deswegen heißt es CHRONISCHE Depression. Oder, wie bei mir in der Diagnose: rezidivierende depressive Störung mit mittelschweren bis schweren Episoden nach ICD-10-GM-2017. Es muppet-show-3ist nicht heilbar. Es ist einfach da und wird immer bleiben.

Ich verstehe jeden, der sich vor solchen Menschen zurückzieht. Ich selbst hätte gerade nicht die Kraft, mit mir zusammen zu leben und mir zuzuhören (vielleicht sollte ich das mal… An dieser Stelle von Herzen ein Danke an meinen Mann!). Aber ich bitte Euch: Ihr müsst uns weder lesen, noch anhören noch treffen. Wo ist also das Problem?

So ein Kommentar tut trotzdem weh. Glaubt mir, könnte ich mein Gehirn austauschen, ich würde es sofort tun. Aber es geht nicht, und den Clown spiele ich nicht mehr.  Auch wenn ich das durchaus kann. Aber nicht immer will. Da müsst Ihr Euch leider andere Spaßvögel suchen. Sorry.

Ratschläger

“Ja, dann musst Du halt mehr an die frische Luft gehen/Leute treffen/Sport machen/aufräumen/einen neuen Job suchen….to be continued.” Den Vogel schoss mal meine Mutter ab: “Du sitzt ja auch nur zuhause rum. Also ICH achte ja immer drauf, dass wir jeden Tag rauskommen. Ich bummel dann mit dem Papa durch den Supermarkt, da sind wir beschäftigt, und es ist gleich viel besser!”

Ha. Haha. Hahaha. Mal abegsehn davon, dass ich ja auch irgendwie einkaufen gehen muss und mich deswegen STÄNDIG in Muppets-com79irgendwelchen Supermärkten befinde, ist dieser Tipp geradezu grandios. Ich werde meinem Hirn mitteilen, beim Anblick der Auslagen von sofort an automatisch Serotonin ausschütte.

Es stimmt schon, ich merke es an mir selbst: Wenn ich mich mal wirklich dazu zwinge, unter (liebe) Menschen zu gehen oder eine Stadt zu erkunden, geht es mit danach tatsächlich besser. Aber es kostet mich auch viel Kraft. Es geht energetisch gesehen plusminus Null auf. Und klar liebe ich bestimmte Dinge, die ich gerne tue und die mir Kraft geben. Aber das ist immer nur von kurzer Dauer. Und hilft akut in einer schweren Phase gar nicht.

Dazu kommt: Viele von uns haben sich tiefgreifend mit unserer Krankheit auseinander gesetzt. Wir WISSEN, was theoretisch helfen SOLLTE. IHR solltet wissen, dass die praktische Umsetzung der Knackpunkt ist. Jeder Gang nach draußen ist wie der Start eines Marathons auf den Himalaja.

Auch, wenn sie lieb gemeint sind: Spart euch Eure Ratschläge. Seid einfach nur da und haltet uns im Arm, OBWOHL wir depressiv sind.  Das hilft mehr als tausend Worte.

Bewunderung

Ja. Ich kann es kaum glauben. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die mich bewundern. Das kommt mir immer ganz seltsam vor, weil ich denke, ich mach doch gar nichts Besonderes. Dann erzählen sie mir, lovato_with_beaker___muppets____by_lovatoedittions-d3b14ybwie nett, schön, kreativ ich bin, was für eine tolle Mutter und Freundin und Ehefrau. Ich nicke dann – emotionslos. Das ist leider auch eine der depressiven Schattenseiten: Man glaubt dem andern nicht. Der muss doch völlig gaga sein, wenn er sowas sagt.

Aber je öfter ich es höre, umso mehr denke ich, das könnte doch stimmen. Ich könnte ja tatsächlich trotz Depression ein ganz wunderbarer Mensch sein. Wäre das nicht einfach – schön? Ich danke allen von Herzen, die einem depressiven Menschen ein Kompliment aussprechen und ihn wertschätzen.

Denn dafür lohnt es sich zu schreiben.
Dafür lohnt es sich zu leben.


Titelbild: ich
Fotos: (c) The Muppets 

Bloghuette0.jpg

Es geht vorbei

Den unten stehenden  Kommentar habe ich gestern zu meinen Text “Du hast die Wahl” bekommen. Ich möchte ihn gerne mit Euch teilen, weil er so wunderbar mutmachend ist. Danke dafür!
Danke auch für all Eure Zuschriften! Ihr müsst Euch keine Sorgen um mich machen. Ich habe meine Wahl längst getroffen, und die heißt Leben, mit allem, was für mich eben dazu gehört. Ich wollte Euch nur einen Eindruck davon geben, wie es im Kopf von Menschen aussieht, die das Leben nicht mehr ertragen. Damit Ihr es besser versteht.

Viele sagen: Na, dann ignorier doch die Stimmen im Kopf! Oder: Such nach Deinem inneren Wesen und schicke es vor! Tja. Wenn ich das nicht schon all die Jahre versucht hätte. Ich versuche es eben weiter. Vielleicht gelingt es mir irgendwann.

Noch ein Wort zu dem “sich als andere Person fühlen und die vorschicken”: Für mich ist das keine Option mehr. Ich habe so lange in meinem Leben eine und mehrere Rollen gespielt, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Das macht nicht nur mir zu schaffen, sondern auch meinem Mann und allen, die mir nahestehen. Gerade möchte ich einfach nur alle selbst kreierten und von außen auferlegten Rollen abstreifen und rausfinden, was dann noch über bleibt. Ich habe so viele Verhaltentrainings hinter mir, dass ich auf Knopfdruck funktioniere. Nur leben ist das nicht.
Mal sehen, wie ich da weiterkomme. Ich halte auch auf dem Laufenden.

Und jetzt geh ich raus und schau nach, ob die Blumen wirklich so bunt sind ;-)

Ich drück Euch, Patricia

Ich kenne diese Verfassung. Ich kenne die Sehnsucht, es möge vorbei sein. Bald. Am Besten sofort. Für mich ist es vorbei. Diese abgrundtiefe, scheinbar unendliche Müdigkeit und Leere, die ständige Selbstverachtung und das Gefühl nur eine Last zu sein. 

Warum es vorbei ist weiß ich nicht genau.  Es fing an mit einer Ärztin, die mir erklärte, dass ich zu blöd bin das Richtige für mein Kind zu tun. Die mir sogar die Polizei ins Haus schickte, um mein Kind vor mir zu schützen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Polizisten kopfschüttelnd und uns alles Gute wünschend wieder gegangen sind, ohne einen Grund für diese Aktion gefunden zu haben). Aber da bin ich wie aus einer Trance aufgewacht. Genauso fühlte es sich an. Wie aufwachen.

Mein schlummerndes Ego hat sich aufgebäumt und hat einen Urschrei von sich gegeben. Seitdem ist es für mich vorbei. Ich habe noch kurze Phasen, wo sich alles wieder “blöd” anfühlt, aber das vergeht immer sehr schnell. Auch der Verzicht auf Zucker hat viel bewirkt (das meine ich sehr ernst). Ich lebe wieder. Ich fühle mich wie ein Mensch. Ich habe zwar viel abgenommen, aber ich bin immer noch fett. Ist mir egal. Ich bin nicht bereit, dieser Stimme, die mich dafür verhöhnt, nochmal eine Bühne zu geben. Denn ich bin wieder wach. Ich bestimme, wer in meinem Kopf rumtönt. 

Ich erzähle das nicht, um mich als “besser als ihr” darzustellen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte Mut machen. Ich dachte jahrzehntelang nur daran, wie und wann ich es(mich)  beenden kann, ohne andere zu sehr damit zu behelligen. Heute weiß ich, das war nicht ich. Das war so was wie ein Albtraum. Aber jetzt bin ich wach. Und dieses Erwachen wünsche ich allen Betroffenen von ganzem Herzen. Dann seht ihr, wie bunt die Blumen sind und wie blau der Himmel leuchtet.  

Gebt nicht auf! Gebt niemals auf!


 

Schiffchen3

Du hast die Wahl

“Es gibt nur eine Alternative, aber die wählen wir nicht.”
“Nein, die nicht.”

Es ist Zeit, wieder zu schreiben. Für alle, die denken, dass sie dieses Leben nicht mehr aushalten. Vor kurzem war ich seit langem wieder mal in der Bloghütte – ich hatte ein PlugIn für meinen anderen Blog gesucht. Dabei streifte ich mein Dashboard, das mir anzeigt, wie Leser zu mir finden.  Das Suchwort, das am häufigsten zu mir führte, war Selbstmord.

Wenn das Leben grad zu allem schweigt
dir noch eine Antwort schuldig bleibt
dir nichts andres zuzurufen scheint als Nein
Es geht vorbei

Das bewegt mich gerade: Wie anstrengend es ist, mit chronischen Depressionen zu leben. Und dass es keinen Ausweg gibt. Entweder man lebt damit – oder nicht. Ich möchte Euch heute nur mal einen Tag in meinem Leben skizzieren, damit Ihr vielleicht versteht, warum depressive Menschen an Suizid denken. Es ist mein persönliches Empfinden, aber vielleicht erkennt Ihr Euch wieder.
Merke: So geht es mir heute, nach zahlreichen Therapien und mit einem Antidepressivum, das ich seit 20 Jahren nehmen muss. Wie es mir in meinen schlimmen, akuten Phasen ging, könnt Ihr am Anfang dieses Blogs nachlesen.

Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt
sich tarnt bis zur Unkenntlichkeit
wenn etwas hilft mit Sicherheit, dann Zeit
Es geht vorbei, es geht vorbei

3 Uhr morgens Die typische Aufwachzeit für Depressive. Von da an Panikattacken, Zukunftsängste, Zweifel, Magenkrummen. Mittlerweile schaffe ich es des Öfteren, mich rumzudrehen und noch mal einzuschlafen.

6.30 Uhr Der Wecker klingelt, ein neuer Tag. Noch keine Minute alt, liegt er bleiern auf mir. Ich seufze, quäle mich aus dem Bett und gehe ins Bad. Der Spiegel sagt mir wie jeden Morgen, dass ich fett und  hässlich bin, und dass sich das auch nie mehr ändern wird. Das macht mich fertig. Ich schleiche zum Schrank und weiß, alles, was ich anziehe, macht mich noch fetter und hässlicher. Ich will mich in meinen Jogginganzug verkriechen und nie wieder raus gehen. Ausgerechnet heute muss ich raus. Ich bin am Verzweifeln. Wie kann ich mich am besten tarnen? Tausend Stimmen in meinem Kopf, die mich heute wieder bis tief in die Nacht begleiten werden:
“Du bist hässlich.”
“Du bist fett.”
“Was werden die Leute sagen, wenn sie Dich so sehen? Vor allem die, die Dich noch schlanker in Erinnerung haben?”
“Ich schaffe das nicht, ich schaffe den Tag nicht.”
“Du musst aber, die Kunden erwarten ihre Aufträge, Dein Kind will versorgt sein, das Haus, der Garten, Dein Mann!”

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich

Mit einer Zentnerlast auf den Schultern schleiche ich nach unten zum Frühstück.

7.30 Uhr Wir sitzen am Frühstückstisch. Ich wäre so gerne allein. So ganz allein. Ohne Kindergeplapper, ohne prüfende Blicke vom Mann, der weiß, dass was nicht stimmt. Wie jeden Morgen. Ich leide unter meinem schlechten Gewissen, weil ich mein Kind doch lieben muss und froh sein, dass es so lebendig ist und so ein Sonnenschein und ständig am Lachen und Singen. Dass ich meinem Mann keine gutgelaunte, attraktive Frau sein kann. Es macht mich fertig. Der Lärm macht mich fertig. Für andere da zu sein, macht mich fertig.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu gehn
komm nicht auf Scherben zum stehn

8.30 Uhr Mann und Kind sind aus dem Haus, ich habe die erste Runde mit dem Hund gedreht und könnte mich schon wieder auf die Couch legen und die Decke über den Kopf ziehen. Ich gehe in mein Nähzimmer und sehe das Chaos.
Die Stimmen sind auch (wieder) da. Ständig geht es:
“Du  bist ein Messi.”
“Wie sieht es hier denn aus.”
“Was wird Dein Mann sagen!”
“Was die Leute, wenn sie Dich besuchen kommen!”
“Aber ich kann nicht aufräumen, ich bin so erschöpft. Und das bisschen Kraft, das ich habe, brauche ich zum Nähen.”
“Ach, quatsch, andere schaffen das auch, stell Dich nicht so an.”

Ich spare mir eine Antwort und nähe bis… oh Gott, schon halb zwei! In zehn Minuten steht das Kind schon wieder auf der Matte!
Aber ich muss noch so viel tun!
Und will allein sein.

Wenn die Angst dich in die Enge treibt
es fürs Gegenhalten nicht mehr reicht
du es einfach grad nicht besser weißt
dann sei
es geht vorbei

Oh, nein, heute Mittag müssen wir auch noch zusammen zum Arzt/ in die Bücherei/ jemanden besuchen!
Ich klappe innerlich zusammen, kriege keine Luft mehr, richte mein Äußeres auf und

13.45 Uhr öffne strahlend die Tür: “Na, mein Schatz, wie war Dein Tag?”
Wir machen Hausaufgaben. Ich denke ständig an das, was ich deswegen nicht schaffe.
“Du Looser, Du!”
“Wenn Dein Mann heimkommt, wird er sich wieder fragen, was Du den ganzen Tag gemacht hast.”
“Oh Gott, schau nur, der Garten, so hässlich!”
“Dieses Haus, es macht mich fertig, ich muss raus hier.”
“Deine Kunden warten schon seit einer Woche auf Ihre Bestellungen!”

Wenn jeder Tag dem andern gleicht
und ein Feuer der Gewohnheit weicht
wenn lieben grade kämpfen heißt
dann bleib
es geht vorbei

15 Uhr Wir gehen in die Bücherei. Das Anziehen zuvor war wieder eine Qual, das Schminken ebenso. Ich kann nicht ungeschminkt aus dem Haus wegen meiner Aknenarben. Und weil ich ja sowieso hässlich bin. Ich quäle mich zum Auto und hoffe, das mich niemand sieht und anspricht. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, gerade in Gesprächen mit anderen. Selbstverständlichkeiten fallen mir nicht mehr ein, ich rede wirr und ringe nach Worten. Wie fremdgesteuert halte ich Konversation. Es kostet so viel Mühe.
Ich weiß nicht, ob das den anderen auffällt, bin unsicher, was sie über mich denken.
“Die ist ja komisch.”
“Was redet die für ein dummes Zeug?”
“Die ist doch nicht ganz klar im Kopf!”
“Achja, die Depressive:”

15.30 Uhr In der Bücherei. Menschen suchen nach Lesestoff. Ich suche nach einer Ecke zum Verstecken. Ich versuche, mich nicht in den Scheiben zu spiegeln.
“Mann ist die fett.”
“Die könnte auch mal abnehmen.”
“Das arme Kind, bei der Mutter!”
Mein Kind ist glücklich und zeigt mir die neueste Wilde Hühner-Ausgabe. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Ich rede, aber bin nic17796420_1233164566811997_6630604599439192606_nht da. Ich will nur noch weg hier.

Es ist warm. Es wird Frühling. Ich hasse den Frühling, weil ich mich nicht mehr in weite, dicke Jacken ducken kann. Mit jedem Zentimeter Haut mehr, den ich zeigen muss, weil ich schwitze wie ein Tier, steigt mein Depressionsindex.

Scheiße. Da kommt eine Kundin auf mich zu. Wenn die mich hier so sieht. Ich hasse es, unvorbereitet auf Bekannte zu treffen. Wieder dieser Smalltalk. Die denkt bestimmt, ich bin komplett bescheuert. Völlig erschöpft und in mich zusammengesunken verlasse ich die Bücherei.

17 Uhr Wir fahren nach Hause. Ich kann mich kaum auf den Verkehr konzentrieren. Die Stimmen wüten in meinem Kopf, sprechen die heutigen Szenarien noch mal durch und beschimpfen und erniedrigen mich. Wäre das doch nur vorbei. Endlich vorbei.
Der Baum am Wegrand sieht verlockend aus. Der nächste auch. Nein. Ich habe ein Kind im Wagen und Verantwortung. Außerdem habe ich beschlossen, dass das nicht mein Weg ist. Aber ich verstehe jeden nur zu gut, der ihn geht.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich

18.30 Uhr Wir sind alle wieder zuhause und sitzen beim Abendessen. Ich bin alle, nicht mehr aufnahmefähig. Aber ich muss noch mein Kind ins Bett bringen. Ich schleppe mich die Treppe hoch. Weil ich so fertig bin und keine Kraft mehr habe, bin ich gereizt. Ich meckere mein Kind an, das wieder mal trödelt. Das Kind weiß nicht, warum ich meckere und wird bockig. Die schöne Vorlesezeit wird zur Farce. Mühsam schaffe ich es, mich zu kontrollieren und gelassen heiter den Buchtext vorzutragen und das Kind in den Schlaf zu kuscheln.

Die Stimmen sind immer noch wach:
“Boah, musste das jetzt sein?”
“Wieso kannst Du nicht auch so toll und energiegeladen sein wie andere Mamas auch?”
“Ich will das hier alles nicht, ich will alleine sein.”
“Dann mach doch, lass doch Dein Kind im Stich, Du Versager.”
“Das wird immer so weitergehen, morgen schon wieder. und übermorgen. Und überüberübermorgen.”

22.15 Uhr Endlich sind Kind und Mann im Bett und ich allein. Ich 17796278_1233165990145188_543768191006433019_nmuss jetzt Schokolade essen, anders werde ich die Anspannung des Tages nicht los.
“Boah, Du fette Kuh, schon wieder!”
“Wenn Dein Mann morgen das Schoki-Papier findet, ist er wieder enttäuscht von Dir.”
“Lasst mich alle in Ruhe. Ich brauche das jetzt, ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.”
“Doch, deiner Gesundheit, schau Dich doch mal an, Deine Haut, das Fett!”
Irgendwann habe ich die Schnauze im wahrsten Wortsinn voll, schleppe mich ins Bad, erniedrige mich wieder selbst vorm Spiegel, schleppe mich ins Bett und stöpsle die Ohropax rein. Stille. Wenigstens für ein paar Stunden.

6 Uhr Schon wieder ein neuer Tag. Der genauso ist. Mit all den Erniedrigungen, die sekündlich in meinem Gehirn aufploppen. Mit der Kraftlosigkeit, die daher rührt, schon zu lange gekämpft zu haben. Mit der Gewissheit, dass ich nie richtig fit für dieses Leben sein werde. Mit der Frage, was es das alles wert ist. Und mit der Bitte, dass es endlich, endlich, endlich bald vorbei ist.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu gehn
komm nicht auf Scherben zum stehn


Titelfoto: Ich, fotografiert von meinem Mann
Songtext: Andreas Bourani, Hey

www.jochen-boy.de

Schatzsucher

long time no see…

Ich habe Euch sträflich vernachlässigt.
Vor allem aber habe ich mich selbst vernachlässigt.

Alles, was ich Euch in den vergangenen Artikeln geschrieben habe, hat sehr an meinen Nerven gezerrt… mit den bekannten Auswirkungen.

Seit ein paar Wochen entspannt sich die Lage: Mein Existenzgründerzuschuss ist durch, ich bin jetzt komplett selbstständig, es sind Ferien, DeHasn war mit dem Mausebären eine Woche im Urlaub – und ich hatte Zeit. Es ist unglaublich, wie wertvoll Zeit ist. Vor allem Zeit, sich zu resetten.

Ich habe gemerkt, wie sehr mir diese Minuten und Stunden gefehlt haben. Dazusitzen, sich zu ordnen, Prioritäten zu setzen, sich selbst wieder wichtig zu nehmen. Bis vor kurzem hatte ich dafür überhaupt keinen Kopf. Ich hetzte und hetzte und machte und machte…. und wäre wohl wieder einmal ins Burnout gerannt. Was hat mich abgehalten?

Abgesehen von meiner tollen Familie und meinen Freunden *kuss!* denke ich, dass es zum größten Teil mit meinem Job zusammenhängt. ENDLICH tue ich wieder etwas, was mir Freude macht, was für mich einen Sinn ergibt. Vor allem macht es mich stolz, nun für mich verantwortlich zu sein, MEINE Geschäfte zu führen (und nicht immer den Karren für jemand anderen aus dem Dreck zu ziehen). Es tut mir so gut, meine Zeit einzuteilen. Das ist eine große Freiheit, die ich sehr genieße: Habe ich morgens um fünf einen  Flow, dann arbeite ich eben morgens um fünf. Habe ich mittags keine Energie mehr, tanke ich bei einem Nickerchen auf. Es ist so viel effektiver, so zu arbeiten. Und so zu leben!
Ich arbeite wohl mehr als zuvor. Aber es stresst mich nicht mehr.

Langsam, ganz langsam lege ich mich wieder frei. Geduld braucht das, aber es bringt auch unendliche Ruhe – meditativ, wie das Sandwaschen am Fluss auf der Suche nach Gold.

Den Klinikaufenthalt habe ich gecancelt. Ich frage mich, wie ein depressiver Mensch diese Bürokratieberge bewältigen soll, bis er überhaupt einmal einen Platz in einer für ihn passenden (!) Klinik erhält. Und dazu noch die zu ihm passende (!) Behandlung. Viel zu viel Stress. Und dann: Was ist, wenn man wieder zuhause ist? In der alten Umgebung? Da nehme ich lieber den direkten Weg: sich zuhause besser fühlen lernen.

Das Essen ist nach wie vor meine Krux, aber jetzt habe ich Zeit, mich auch darum zu kümmern. Vor allem ist es ein Umlernen von Gewohnheiten. Und das dauert – zwei Schritte vor, einer zurück. Immerhin! Ein Schritt nach vorne!
Es ist wie beim Tanzen. Da dreht man den Walzer sein Leben lang rechts rum und soll auf einmal links rum zirkeln. Heidewitzka! Das klappt nur mit viel Training. Und Balance. Und einem, der einen sicher im Arm hält <3

Ab er es wird. Und deswegen habe ich jetzt auch die Hintergrundfarbe der Bloghütte auf Weiß geändert. Auf einer Seite zumindest. Ich finde, das ist ein guter Anfang :-)

Passt auf Euch auf!


 Hier geht’s zurück zum Eingang           Hier geht’s zu Facebook

IMG_3379

Wände aus Fleisch

This is such a painful way to live. When you can’t tell the truth, you cut the bonds that tie you to other people, bonds of shared emotions like pain and joy and fear and happiness. You start building walls around you instead of bridges between you and others. You start spending more and more time
eating, in your car, your bedroom, the bathroom, anywhere you cannot be seen. Then you convince yourself that something is really wrong with you, look at what you are doing, you couldn’t possibly tell anyone, no one would understand.
So you turn to food.
Again.
For solace, for comfort.
For a warm embrace.
And the walls around you become WALLS OF FLESH.*


Eigentlich geht es mir ganz gut. Deswegen schreibe ich hier auch kaum noch. Die Depression habe ich ganz gut im Griff.

Eigentlich.

Wenn da nicht etwas anderes wäre, was immer stärker wird und immer mehr Raum einnimmt. In meinem Körper. In meinem Leben. Das verdammte Binge Eating – Fressen bis zur Ohnmacht. DeHasn vermutet, dass sich das Problem nur verlagert und sich mein Seelenschmerz nun einen anderen Weg nach draußen sucht (oder nach drinnen, je nachdem).

Ich rede mit meinem Prof darüber. Sage: Dieses Jahr will ich mein Essen in den Griff kriegen. Wir stellen Ernährungspläne auf. Ver- und Gebote. Regeln. Wie schon so oft in meinem Leben. Ich pappe mir seine Blätter zuhause an den Kühlschrank und weiß in dem Moment schon, dass es mich mal kann, das Blatt. Mitsamt seinen doofen Regeln. Und der Prof mit dazu.

Sorry. Aber all diese Diäten (und ich habe sie alle durch!) bringen doch nichts! Weil sie nur an der Oberfläche kratzen. Weil sie mir nicht verraten, warum ich süchtig nach Essen bin. Warum ich mich jedes Mal beim Versuch, endlich vernünftig zu sein, selbst boykottiere, sobald ich nur irgendwo irgendwelche Ernährungsberatungsregeln höre. Wie ein Kind, dem man verbietet, an den Schokoschrank zu gehen. Dreimal dürft Ihr raten, wer den damals bei uns zuhause leergefressen hat.

Heimlich natürlich. Denn die Scham und das schlechte Gewissen sind meine steten Begleiter. Wie es mir gerade geht, hat Geneen Roth in ihrem Buch sehr treffend zusammengefasst – siehe Zitat oben. Überhaupt, Geneen,  amerikanische Autorin, hat dasselbe durch wie ich. Aber sie ist die erste, die erklärt, wie Binge Eating entsteht, was die tiefen Ursachen dafür sind … und dass man es nur in den Griff bekommt, wenn man sich nichts mehr verbietet. Tja. Nichts mehr verbieten. Ich hamstere dann mal unseren Supermarkt.

Nein. Die Kunst ist, sich selbst zuzuhören. Wann habe ich wirklich Hunger. Auf was habe ich wirklich Hunger. Und wann bin ich satt. Also, ganz ehrlich beim ersten Sättigungsgefühl und nicht erst, wenn man voller Völle vom Stuhl kippt. Es ist ein neuer Ansatz, der mich anfängt, verstehen zu lassen. Aber ich bin weit davon entfernt, ihn in die Praxis umzusetzen, ihn leben zu können. Deswegen wird mein Problem immer größer. Und ich mit dazu.

You begin living a lie, eating one way in public and a totally different way, when you are alone. “If they really knew the truth about me, if they knew how much I could eat, if they knew how devouring I am, they would be appaled. ” From
there, it is a short distance to “If they really knew me, they wouldn’t love me. Who I am is not worthy and must be hidden”. Dishonesty becomes a matter of emotional survival:
You must lie, you must hide yourself to be loved.
Yet gaining weight is sureley
not a way of becoming less visible,
and the more you hide your eating, the less you hide yourself.*

Wände aus Fleisch. Immer mehr. Vor was sollen sie mich schützen? Jetzt, da doch alles gut ist, ich quasi erfolgreich therapiert bin? Ach, es ist zum Kotzen. Nein, halt, über die Bulimie sind wir ja mittlerweile hinweg. “Gut”, sagt mein Prof. “Brav so.” Liebkind bricht nicht mehr, Liebkind schluckt runter.

Ihr merkt, ich drehe mich im Kreis. Irgendjemand muss doch eine Lösung haben! In meiner Not verschlinge (ha, Wortspiel!) ich Sachbücher, stoße dort auf den Begriff Zuckersucht. Ja, richtig. Zucker als Droge. Wie Heroin. Wie Alkohol. Genauso komme ich mir vor. Wie ein Suchti, der schon beim Aufwachen daran denkt, wann er sich schnellstmöglich den nächsten Zuckerschuss setzen kann. Der alles durchwühlt und seinem Kind die Schoki klaut, weil er sonst in einem cold turkey endet.

Vielleicht liegt da die Verbindung?  Heißhungerattacken auf raffinierte Kohlenhydrate (was nicht bedeuten muss, dass diese auch süß schmecken) entstehen nach neuesten Forschungsergebnissen durch einen Mangel des Botenstoffes Serotonin im Gehirn, sagt eines meiner schlauen Bücher. Der Konsum von Zucker und Weißmehl hilft in akuten Situationen den Serotoninhaushalt zu stabilisieren und zwar auch dann, wenn die Lebensmittel anschließend wieder erbrochen werden. Obwohl Zucker und Weißmehl zwar schnell und kurzfristig helfen können, verschlimmern sie langfristig das Problem des niedrigen Serotoninspiegels und wirken zudem suchtauslösend. 

Tja. Und was ist bei einem Depressiven niedrig? Richtig. Der Serotoninspiegel. Seufz. Wäre ich Alkoholiker, könnte ich einen Entzug machen und würde nie wieder einen Schluck trinken. Aber ich bin Zuckerjunkie und muss leider essen. Aber was? Und wer bringt mir endlich bei, wie?

Wie mein Karma so will, flattert im vergangenen Jahr eine Mail in mein Postfach: Eine psychosomatische Rehaklinik bietet mir einen Platz für diese Sommerferien an. Den Mausebären könne ich mitnehmen, und auch DeHasn dürfe  mich da besuchen. Ich drücke mich vor einer festen Planung, jetzt, da der Termin immer näher rückt. Mal muss ich in dieser Zeit ganz dringend neue  Sachen für meine Kollektion nähen (logo, im Hochsommer bei 40°C, wenn jeder an der Maschine sitzt *kopfbatsch*). Dann wieder reserviere ich einfach so ein Häuschen auf Rügen. Der Mausebär will ja in den Ferien unbedingt ans Meer, und die Reha kann ich ja dann locker für den Urlaub zwei Wochen kürzen.

Ich fühle mich jetzt schon auf Entzug.

DeHasn verzweifelt schier an mir (er sagt es nicht, aber ich weiß es), und setzt mir jedes Mal, wenn mein destruktiver Aktivismus durchbricht, mit einer Engelsgeduld auseinander, wie wichtig und wertvoll dieser Reha-Aufenthalt für mich sein wird. Weil ich da in einem geschützten Umfeld bin. Weil es da viele Leute gibt, die sich wirklich mit Depressionen auskennen. Weil ich dort vielleicht eine Lösung für mein Problem finde.

Weil ich da endlich meine Wände einreißen kann.

Okay. Montag rufe ich an. Ich gehe.
Aber nicht allein.
Ich brauche Eure Unterstützung.

Kommt Ihr mit?


Geneen Roth, Breaking free from compulsive eating. NY 1984, p. 46. 

Hier geht’s zurück zum Eingang           Hier geht’s zu Facebook

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Angst essen Seele auf. Oder: Frohes Neues!

Hallo, Ihr Lieben!

Na, seid Ihr gut gelandet im neuen Jahr?

Was sind Eure Vorsätze? Hoffentlich habt Ihr keine und lebt glücklich und zufrieden wie bisher in den Tag hinein. Das wünsche ich Euch!

Weihnachten und Silvester waren bei mir wie immer holprig, aber ich habe es geschafft. Wir hatten dieses Jahr keinen großen Stress, objektiv gesehen. Haben Weihnachten mit der Familie und Silvester mit unseren lieben Nachbarn und Freunden gefeiert. Es war H.-J. Spindler  : pixelio.dewunderschön. Aber mitten in der Neujahrsfeier, so zwischen Gorgonzolabirne und Salamipilzen (Preisfrage: Was gab’s zum Essen?), wurde mir anders. Alles war zu viel, zu laut und am allerliebsten hätte ich mich zuhause auf meiner Couch unter der Decke verkrochen.

Warum? Weil Menschen mich Kraft kosten, sehr viel Kraft. Ihr seht das von außen nicht, ich bin im Laufe der Jahre zum sozialen Profi geworden. Aber dass ich andere treffe, mit ihnen smalltalke, Witze mache, gar esse, ist für mich immer noch ein Spießrutenlauf. Ständig läuft ein Film hinter meiner Stirn und spult ohne Unterbrechung ab: “Was denken die, wie du aussiehst? Du bist so dick geworden, sie verachten dich dafür! Was sollst du nur sagen, wie dich verhalten?” Leider ist es kein Stummfilm.

Vielleicht könnt Ihr Euch das vorstellen. Es ist, als ob Ihr einen Tinnitus hättet, den Ihr mit viel Energie und Geduld ausblenden müsst. Ihr habt also ständig diese Gedanken im Ohr und Kopf und versucht, vordergründig ganz normal zu sein. Mal gelingt es, mal nicht. Es kommt immer darauf an, wie es Euch gerade geht, ob Ihr Wilhelmine Wulff  : pixelio.deohnehin am Energielimit seid oder fremden Leuten gegenüber sitzt (ganz, ganz schlimm!) oder ob Ihr ausgeglichen und ruhig bei vertrauten Menschen seid.

Fokussieren, achtsam sein, im Augenblick ruhen – das hilft manchmal. Das innere Stoppschild rausholen, dem Gedankenrausch die Stirn bieten, der doofen Stimme alle zwei Sekunden den Mund zuhalten. Atmen. Ein. Aus. Und während Ihr rund um die Uhr diese yogaeske Übung praktiziert, immer schön locker bleiben und weiterplaudern. Nicht, damit es keiner merkt – mittlerweile kennen mich meine Freunde und Bekannte ziemlich gut. Sondern weil auch ich Spaß haben will! Weil ich keinen Bock mehr darauf habe, nicht normal wie jeder andere Gesellschaft genießen und feiern zu können!

Soziale Phobie heißt das, was mit meiner Depression einher geht und mir die Freude raubt. Es ist eine harte Nuss, die ich niemals knacken werde. Ich kann mit bestimmten Tricks die Schale wetzen. Aber den Kern erreiche ich nicht. Das ist eben so. Oft spreche im Reckmann  : pixelio.de  5ich mit meinem Prof darüber – denn wer unter Menschen leben will, hat immer damit zu tun.

Das Perfide an einer sozialen Phobie ist, dass sie sich schwer abstellen lässt. Wer Angst vor Spinnen oder Aufzügen hat, macht ein Keinepanikprogramm durch und ist geheilt. Oder er meidet sie ganz einfach. Geht leider bei mir nicht. Jedes Mal, wenn ich raus gehe, ist es, als ob ich aus der schützenden Höhle auf eine Lichtung trete. Das volle Sonnenlicht blendet mich, die Feinde leider nicht, sie stürzen los, bereit zum Töten. Wenn ich das nicht möchte, muss ich mich also wappnen: Panzer rum und durch.

Dabei ist es egal, ob da draußen tatsächlich Feinde lauern oder mich Freunde erwarten. Meinem Hirn ist das gleich. Seufz.

Die Ursache liegt wie so vieles in meiner Kindheit. Wenn ich mal ganz viel Kraft habe, schreibe ich Euch darüber. Nur eine Bitte an dieser Stelle: Sagt Euren Kinder nie-, nie-, niemals, dass sie hässlich und Drecksmenschen sind! Bitte. Danke.

Ist die soziale Phobie nicht ganz ausgeprägt, kommt man gut mit Training dagegen an. Das lernt man in der Verhaltenstherapie oder bei CBASP. Je länger sich die Phobie im Hirn einnistet, um so mehr schädigt sie es aucim Reckmann  : pixelio.de  4h. Über die exakten Vorgänge schreibe ich Euch später noch einen Beitrag. Theoretisch kann ich alle Verteidigungsstrategien aus dem Effeff. Aber wenn meine Gedanken panisch den Kopf verlieren, ist es aus mit wohlüberlegtem Handeln. Ich renne in mein Unglück und versuche, den ganzen Stress zu kompensieren – mit andauerndem Binge Eating. Mir hilft in solchen Situationen nur noch mein Antidepressivum, Citalopram. Es kappt die Emotionsspitzen, es verhindert, dass ich panisch durchdrehe, es hilft mir, zu leben – und ja, auch Weihnachten und Silvester zu überstehen, Menschen zu treffen und das manchmal sogar zu genießen. Den Heißhunger heilt es leider nicht. Aber, mein Gott. Man muss eben Prioritäten setzen…

Wie gesagt. Außenstehende bekommen von diesem inneren Kampf nichts mit, wenn sie mich nicht sehr gut kennen. Und ich lebe ja auch trotzdem weiter – habe meine Familie, einen Haushalt, einen Job und bald mein eigenes Unternehmen, wie viele andere depressive Menschen auch.

Solche Tage wie Weihnachten und Neujahr (der soziale Supergau schlechthin) zeigen mir allerdings, dass meine Kraft nicht unendlich ist. Dass ich wieder kürzer treten muss. Und dass es auch überhaupt gar nicht schlimm ist, an Feiertagen einfach mal allein oder zu zweit auf der Couch rumzulungern (lustigerweise habe ich das von vielen Freunden gehört, die auf einer Party ins neue Jahr geschlittert sind. Yado  : pixelio.deWir werden älter, scheint’s).

Jahrzehnte fand ich das völlig unmöglich, habe mich auch abseits des Jahreswechsels unter Menschen gezwungen. Hat es was gebracht? Nein. Außer enormer Anstrengung. Schuld daran war auch der ein oder andere Psychologe, der meinte, so meine Sozialphobie kurieren zu müssen. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich 20 war: Eine Freundin wollte mit mir Kaffee trinken gehen. Horror! Meine damalige Therapeutin stellte mit mir einen exakten Verhaltensplan für dieses Treffen auf. Und tatsächlich habe ich es überstanden, indem ich jede Sekunde die eingetrichterten Befehle abrief. Ganz toll. Total ungezwungen. Aber: Auch ich glaubte fest daran, dass das der richtige Weg sei. Wie bei den Spinnen. Je näher man ihnen kommt, je öfter man sie trifft, umso furchtloser wird man. Pfft.

Mittlerweile denke ich anders: Warum soll ich so was tun? Ich brödle vor mich hin, und ab und an treffe ich liebe Menschen und feiere sogar mit ihnen. Ganz freiwillig. Und manchmal macht es sogar Spaß. Und wenn mir alles zu viel wird, zu laut und der Tinnitus nicht mehr verstummt, weiß ich: Stoppschild hoch, ab in die Höhle. Doof nur: Dass ich das weiß, heißt nicht, dass ich es auch tue.  Es braucht Tim Reckmann  : pixelio.dewahrscheinlich noch einige Zeit, bis ich mir wieder vertraue – das wird mein großes Thema 2016 sein.

Abgesehen von diesen Einbrüchen, die längst nicht mehr so schlimm sind wie früher, geht es mir neutral bis gut. Zum einen liegt es an all dem, was ich von meinem Prof gelernt habe. Zum anderen an meinem Medikament, von dem ich täglich 20 mg nehme. Ich schlafe normalerweise zügig ein und gut durch bis zum nächsten Morgen. Ich stehe nicht auf mit einer Zentnerlast auf den Schultern, fürchte mich nicht vor dem Tag und würde nicht am liebsten wieder unter die Decke kriechen. Es fällt mir nicht alles so unendlich schwer, ich muss mich nicht von Minute zu Minute schleppen.

Ich kann mich ab und an auf mein Gegenüber konzentrieren und verliere mich nicht im gedanklichen Nirwana. Mein Akku ist noch nicht ganz voll, aber es reicht wieder für acht bis zehn Stunden. Bisweilen kann ich mich entspannen, so einfach zwischendurch, ohne großes Wellnessprogramm. Ich habe wieder Energie, für andere da zu sein. Nicht viel, aber ich hoffe, es hilft ihnen. Draußen nehWolfgang Dirscherl  : pixelio.deme ich meine Umwelt vereinzelt wahr. Bin ich auf der Autobahn unterwegs, fällt mir ab und an auf, dass am Himmel Wolken oder am Wegrand Bäume stehen.

Und manchmal, ganz manchmal, muss ich unwillkürlich lächeln und bin ein kleines bisschen glücklich.


Fotos: pixelio – CFalk (1), H.-J. Spindler (2), Wilhelmine Wulff (3), Tim Reckmann (3+4), Yado (5), Tim Reckmann (6), Wolfgang Dirscherl (7)

Hier geht’s zurück zum Eingang!        Hier geht’s zu Facebook! 

 

 

Nacht

Kopf sagt Bauch meint

Da war sie wieder, die Drei vor der Null.

Seufz. Guten Morgen, liebe Sorgen.

Was soll denn das jetzt? Befreit von allem, was mich in den vergangenen Monaten runtergezogen und Kraft gekostet hat, müsste es mir doch blendend (also in Euren Worten: normal ohne große Emotionswallungen) gehen. 12190930_837788489682942_2079298748456974226_nIst aber nicht so. Ich bin hundemüde und starre auf den Wecker, und der zeigt unbarmherzig drei. Okay. Eins nach drei.

Um halb sieben steht die Familie auf. Noch dreieinhalb Stunden Zeit. Zum Wachliegen. Zum Grübeln. Die kleine Kratzekatze (ja, wir haben Nachwuchs!) kommt zu mir ins Bett gekrabbelt, legt sich um meinen Kopf, will meine Gedanken wegschnurren. Die Süße. Klappt leider nicht.

Also raffe ich mich auf, schleppe mich nach unten – die Kotzekatze macht große Augen, selbst ihr ist das noch eindeutig zu früh – schalte den ersten Kaffee ein, schnappe mir Laptop, Kratzekatze und Kaffee und igle mich auf der Couch ein.

Drei Tage geht das nun schon wieder so. Na gut. Ist ja nicht so, dass ich nach all den Jahren kein perfekter Selbstanalyst wäre. Ich Folie1weiß es doch, ist doch gut, Mensch: Ich habe wieder mal meinen Bauch ignoriert. Geh weg da, weg!, knurrt der.

Was ist passiert? Klar, die unschöne Trennung von meinem Arbeitgeber sitzt mir in den Knochen, die mir genommene Möglichkeit, meine Sicht der Dinge darzulegen, damit alle mich wieder lieb haben. Doofes altes Verhaltensmuster. So was arbeitet nach, gerade bei Menschen, die alle Kräfte mobilisieren und dann irgendwann zusammensacken, weil nichts mehr geht. Das war Mist, ganz klar, aber nicht der alleinige Grund.

Vor einigen Wochen hatte ich mich mit jemandem getroffen, der Leute für den Aufbau eines Geschäftes suchte. Nähtechnisch. Und da ich ja gerade auf dem Weg in die Selbstständigkeit bin, dachte ich, wäre das doch eine wunderbare Gelegenheit, Fuß zu fassen. Wir trafen uns, und mein Bauch sagte: Obacht! Ich hatte ein ungutes Gefühl, und als ich zuhause in Ruhe reflektierte (wir haben ja was gelernt in der Therapie), erkannte ich, dass ich gerade dabei war, in den Misthaufen reinzureiten, aus dem ich mich eben erst so mühsam freigeschaufelt hatte. Die Chemie stimmte nicht, der Zeitpunkt stimmte nicht, meine Rolle in diesem Spiel stimmte nicht.

Ich besprach das mit DeHasn, und uns war klar, dass ich mich aus dieser Sache raushalten wollte. Tja. Und dann ging ich doch wieder hin und nahm einen Auftrag an. Ich fluchte und schwitzte Blut und Wasser, weil das Material garstig war, und weil ich niemanden Bestimmten vor Augen hatte, für den ich da Stunde um Stunde an Folie1der Nähmaschine saß. Stitch for stitch filled with love. Was sonst in meinen Werken steckt, fehlte diesem Stück völlig.

Nun gut, ich gab es ab, weil es bestellt war und wurde umgehend mit einem zweiten Teil der gleichen Machart beauftragt. Das Geld dafür sollte ich erhalten, sobald es sich verkauft hätte. Wieder murrte mein Bauch. Nein, sagte er, das ist nicht gut! Du hast keinen Bock auf dieses Projekt, und Du weißt gar nicht, ob Du für all die Mühe entlohnt wirst. Klappe, sagte mein Kopf. Da müssen wir jetzt durch, sagte mein Kopf. Stell Dich nicht so an, sagte mein Kopf.

Zeitgleich war ich mit DeMausebär in der Bücherei und nahm interessehalber ein Buch für mich mit. Angstfrei leben für Dummies. Ich mag diese Reihe, weil sie fundiert von Fachleuten geschrieben ist. Und voll wertvoller Informationen für alle, die sich nichts unter einer Depression, Panikattacke und sonstigen psychischen Krankheiten vorstellen können. Im Prinzip stand da, was ich schon wusste. Aber: Beim Lesen der Tipps, wie man mit Angst umgehen sollte, dachte ich auf einmal: What the fuck?!?

WIESO um alles in der Welt muss ich immer und immer wieder mit etwas umgehen müssen, was ich nicht will? Wieso vergeude ich Monate und Jahre meines Lebens damit, enorme Kräfte zu mobilisieren, um mich mit Dingen zu konfrontieren, die mir einfach nicht gut tun? Welcher normale Mensch kettet sich ständig an Gleisen fest und hofft, mit Folie1seiner mentalen Stärke einen ICE auszubremsen. Hallo?!?

Ich habe das jetzt wahrlich lang genug getan. Warum also soll ich mir immer neue Situationen suchen, in denen ich mich bewähren muss? Wo die doch sowieso bei meiner Vorgeschichte an jeder Ecke lauern! Um auch dem letzten Hirni klarzumachen, dass Depressive keine Weicheier sind? Pah!

Ihr merkt, ich bin sauer. Leicht angefressen. Ehrlich gesagt: ES KOTZT MICH AN!

Dafür kann jetzt der arme Stoff nichts und das Projekt auch nicht und alle anderen Beteiligten am wenigsten. Aber ich kann was dafür. Nämlich solche Dinge einfach sein lassen. Auf meinen Bauch hören (oh, Du frommer Wunsch!). Und endlich, endlich, endlich nichts mehr angehen, von dem ich weiß, dass es mir nichts bringt. Außer schlaflosen Nächten.

Ganz schön clever, so ein Bauch. Hat nach 40 Jahren immer noch nicht resigniert und schaut sich genau an, vor was mein Kopf die Augen verschließt. Still struggling in life…

12189519_837271889734602_2513213041979066627_n

Hier geht’s zurück zum Eingang!             Hier geht’s zu Facebook! 


Zwischen den Zeilen: Mark Forster, Bauch und Kopf
Fotos: Unsere kleine Kratzekatze

Folie1

Die Angst, Du selbst zu sein

Ich bin wieder hier. Nicht in meinem Revier.
Sondern an genau dem Punkt. Also doch in meinem Revier.
Ich wusste, wusste, wusste, dass es schief gehen würde. Aber ich wollte, wollte, wollte es allen beweisen. Vor allem mir. Dass ich kein Schwächling bin. Dass ich über mich hinauswachsen werde. Dass ich Dinge tun kann, die ich abgrundtief verabscheue, mich dazu zwingen, weil es mir zeigt, wie stark ich bin.

Jo. Habe ich auch alles geschafft. Mit viel Kraft. Mit viel Energie. Mit viel Überredungskunst. Mit vielen Bauchschmerzen. Mit dem Gefühl, mich selbst zu verleugnen.

Aber fangen wir ganz vorne an…
Ihr erinnert Euch. An meinen Ausbruch im Frühling 2014. Weg aus diesem PR-Management-Gedöns. Wie frei habe ich mich damals gefühlt! Wie richtig! Auf dem Weg in MEIN Leben! Tja. Und dann kam der Anruf. Von meiner lieben Ex-Kollegin. Ob ich nicht, ich könne das doch so gut und überhaupt, ich müsse ja nur Texte schreiben.
Ganz ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich damals geritten hat, zuzusagen. Doch, ich erinnere mich. Wir saßen gemütlich auf der Couch in der Lounge, ich extra in meinen ollen Klamotten (Revoluzzer), und die Regeln waren klar: nur nach meinen Bedingungen. Ich gab  dem Team sogar meine Bloghütte zu lesen, damit sie verstünden, auf was sie sich einließen.IMG_3366

Jo. Nennen wir es Anpassungsschwierigkeiten. Mit viel Unterstützung von meinem Prof habe ich mir ein Standing aufgebaut, mir einen respektvollen  Umgang erkämpft, mir erfolgreich bestätigt, wie wohl ich mich mit all dem fühle.

Dann kamen die Anrufe. Optimisten nennen es Kundengewinnung, Realisten Kaltakquise. Es gibt Menschen, die lieben es, bei fremden Leuten anzuklingeln und Dinge zu präsentieren mit dem Ziel, sie zu vertickern. Ich hasse es.

Nein, Ihr merkt das natürlich nicht. Gelernt ist gelernt. Bei Meetings, auf Elternabenden, im Smalltalk … ich bin eine ganz normale, freundliche, humorvolle Frau. Wenn keiner ein Thema findet, ich weiß immer, wie das Gespräch vorankommt. Ich spüre die feinsten Stimmungsnuancen und kann Euch so lenken, dass sich zum Schluss alle wieder lieb haben. Toll, sagen alle. Die ist cool.

Aber in mir drin schreit es. Jedes Mal. Wenn ich weiß, ich treffe gleich auf jemanden, gehen alle Alarmglocken an. Ich wappne mich IMG_2789zur Flucht. Und kann doch nicht weg. Ich muss es durchstehen. Mit einer riesigen Angst in mir.

Geht es mir gut, komme ich damit zurecht. Bei vielen, die ich mag, kann ich es sogar ganz verdrängen. Aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht überfordere – zwei, drei Treffen mit Fremden kurz hintereinander sind machbar, danach wird es kritisch. Dann  brauche ich eine Pause. Geht es mir schlecht, wird das Fremde zum Ungeheuer. Jeden Morgen muss ich mich wappnen, um mit eiserner Rüstung den Tag zu überstehen.

Jo. Und jetzt stellt Euch vor, Euer Job besteht auf einmal nur noch darin, fremde Leute anzuquatschen, um Ihnen Dinge, die sie wahrscheinlich nicht brauchen, anzudrehen. Stellt Euch den Alarm vor, der jedes Mal ausgelöst wird, lange, bevor ihr zum Hörer greift. Die Panik, wenn sich jemand meldet. Und die Kraft, die es kostet, all das zu unterdrücken – weil es ja der Job ist. Und irgendeiner muss den Job ja machen. Und Du kannst das doch so gut, sagt der Chef.

Moment. Aber war für genau diesen Job nicht ganz was anderes vereinbart? So am Anfang? Stand da nicht was von “nur Texte schreiben”?

IMG_3087Jo. Aber man wächst doch mit seinen Aufgaben, sagen alle. Und wenn man es nie versucht, weiß man nie, ob es nicht doch klappt, sagen alle. Und man wird stärker, indem man sich seinen Ängsten stellt, sagen alle. Und Du bist doch erfolgreich, Du kannst den Leuten doch was verkaufen, sagen alle.

Also machte ich weiter. Und weiter. Und weiter.

Stunden haben mein Prof und ich damit verbracht, diese Arbeit auseinanderzunehmen. Immer, wenn ich gut gelaunt kam und sagte: JETZT ist alles gut, reichte ein Blick von ihm, und das Kartenhaus fiel   zusammen. Aber ich wollte es schaffen! Ich wollte das Geld verdienen und in meinem Job glücklich sein, verdammt noch mal!

Ich würde noch heute da sitzen und mit dem Hörer in der Hand vor mich hinzittern, wenn mich das Nähen nicht gerettet hätte. Huh, klingt das pathetisch. Ist aber so. Mitten in dieser Jobkrise kommen Leute auf mich zu und interessieren sich für das, was ich zuhause erschaffe. Ich muss sie nicht hinter ihrem Telefon vor locken. Sie kommen von ganz alleine! Warum? Gute Frage. Ich denke, es ist die Freude an dem, was ich tue, die auch andere begeistert. Waren wir genau da vor einem Jahr nicht schon einmal?

Jo. Ein letzter Arschtritt noch, dann ist’s gut, muss sich mein Karma gedacht haben. Ich bekam die Kündigung zum Ende des Jahres. Nur einen winzigen Moment ließ ich mich von der Depression in die Opferecke ziehen (“Du hast wieder versagt-Du kannst nichts-Du wirst nie im realen Leben bestehen-bliblablub”). Aber dann wurde ich sauer. SO RICHTIG SAUER!!!

Für DIESEN JOB habe ich vor einem Jahr meine Pläne fallen lassen!!! Für DIESEN JOB habe ich mein Können, meine Energie, meine Erfahrung gegeben!!! Für DIESEN JOB habe ich meine Bedingungen und mich selbst verraten!!! Ich habe mir den ARSCH UND DIE SEELE AUFGERISSEN!!!

AAAAAAARGH!

Dann halt nicht. Dann investiere ich meinen Grips und meine Kraft eben in mich selbst! Und schenke all das, was ich die vergangenen Jahrzehnte gelernt und getan hab nur noch Menschen, die ich mag: Euch. Und mir.
Die ganze Geschichte erzähle ich Euch ein anderes Mal, aber gerade bin ich dabei, mich mit meinem eigenen Modelabel selbstständig zu machen. Und, oh Wunder, seit ich das beschlossen habe, öffnet sich eine Tür nach der anderen.

Jo. Klingt alles so einfach, oder? Isses aber nicht. Denn ich will diesen Job gewissenhaft bis zum Ende ausführen. Bis zum letzten Tag. Damit ich mir NICHTS nachsagen lassen kann. Gelernt ist gelernt.
Geht nur leider nicht. Als ich die fünfte Nacht hintereinander wieder morgens um drei wach lag, war Sense. Gottseidank kenne ich mich mittlerweile und merke genau, wann das nächste Tief anrollt.
Also habe ich in mich reingehört. Nein, sagte mein Ich. Ich will da nicht mehr hin. Ich unterstütze Dich nicht länger bei diesem Wahnsinn. Du hast wieder mal meine ganzen Reserven aufgebraucht. Und wenn Du doch gehst, KOTZE ICH DIR VOR DIE FÜSSE!!

Mein Arzt schrieb mich sofort krank. Ich habe das gar nicht 11225081_376314909205802_5655480503466403323_nverstanden. Ich komme mir vor wie ein Lügner, jemand, der sich extra Urlaub ergaunert, der sich vor der Arbeit drückt. Ich sehe, dass es mir schlecht geht, aber ich begreife es nicht. Ich habe das Gefühl, meinen Chef im Stich zu lassen. Er muss ähnlich denken. Entsprechend sarkastisch war die Reaktion aus dem Büro: die letzten Wochen noch blau machen, von wegen krank, jaja.

Wenn ich an einem Schuld habe, dann an dieser Reaktion. Denn ich habe mich die ganze Zeit hinter einer Fassade versteckt. Die Tüte mit dem immerwährenden Lächeln über den Kopf gestülpt. Ich wollte es so. Ich wollte, dass jeder dachte, es ginge mir gut, ich schaffe das!

Jo. Was lernen wir daraus? Dass auch ich als alter Depressions-Hase noch immer Fehler mache und daraus lerne, lernen muss. Aber auch etwas ganz Wunderbares: Wenn Ihr Euch traut, die Tüte vom Kopf zu ziehen,  hat Euer wahres Ich endlich die Luft, die es zum Leben braucht.

Gebt ihm die Chance. Habt keine Angst davor!


Hier geht’s zurück zum Eingang!                       Hier geht’s zu Facebook!

 

Tür an Tür mit der Depression

%d Bloggern gefällt das: