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Betrogen und belogen

Ich HASSE moderne Kinderlieder. Ganz besonders, wenn sie von Rolf Zuckowski sind. Dieser singende erhobene Zeigefinger geht mir mächtig auf den Zeiger. Aber wenn es den Mausebären glücklich und vor allem still macht, ertrage ich ihn. Wie letzte Woche auf der Heimfahrt vom Stall.

Doch dann erwischt er mich. Ihr wisst schon. Wenn der Text Euch auf einmal einfängt, Eure Ohren hängenbleiben, Ihr ins Lied*  eintaucht und denkt: Singt der von mir?

Du sagst, du kannst nicht singen?
Gelogen! Gelogen!
Du hast vor allen Dingen Dich selber betrogen.

Während der Mausebär hinter mir auf den billigen Plätzen weiterträllert, kommen mir die Tränen. Ich bin gerührt. Betroffen. Getroffen. Warum?

Es gab eine Zeit, da konnte ich singen. Ich habe gesungen, bis sich die Balken bogen. Jede freie Minute. Zuhause zur Gitarre. Draußen im Chor. In der Band. Im Kammerensemble. Zu IMG_1113Ausstellungseröffnungen und Hochzeiten. Am allerschönsten war „Dream of Gerontius“ von Elgar mit hundert anderen Sängern und Orchester in einer mittelalterlichen Kirche. Als der letzte Ton verklungen war, läuteten die Glocken. Und schwiegen dann wieder. Ich auch.

Es kamen Leute, die sangen besser. Vielleicht sangen sie auch nicht besser. Aber meine Eltern fanden das wohl. Es gab den Morgen nach einem Konzert, an dem ich lobheischend und stolzgeschwellt in die Küche kam und allen alles erzählen wollte. Von meinem Triumph. Wir hatten „Hard to say I’m sorry“ zweistimmig interpretiert. Unplugged. Nur zur Gitarre. Wir waren die Stars des Abends! Allein, es kam nicht dazu. Mit dem Satz „Hattest Du gestern nichts anderes anzuziehen als die alten schwarzen Hosen?!“ war der Zauber verflogen und ich verstummt. Wieder mal.

So erging es all meinen Talenten. Ich konnte malen wie ein Meister. Ich konnte tanzen wie ein Derwisch. Ich koIMG_1110nnte reiten wie der Blitz. Aber es interessierte niemanden. Und wenn, dann nur, wenn ich vermutlich etwas falsch dabei machte. Ich wurde unsicher, ich strauchelte, ich zitterte, ich stellte mich und meine Talente in Frage und gab immer häufiger auf. Und immer früher. Saß ich zuvor stundenlang versunken an einem Bild, kritzelte ich jetzt schnell was dahin, nur um bestätigt zu sein, dass es Scheiße war. Alle anderen Mädchen wurden Ballettelfen und brillierten auf Reitturnieren.

Ich zog mich in mein Kämmerlein zurück und vergaß. Immer mal wieder dachte ich: Ach, Du konntest doch mal so gut… Und probierte es. Aber es kam nichts Gutes dabei heraus.

Bis, ja bis ich im September meine Auszeit antrat und Zeit hatte. So viel Zeit. Beim Stöbern im Internet fand ich durch Zufall Stoff. Also, den zum Nähen. Ich war fasziniert. Diese Farben! Diese Muster! Ich recherchierte und recherchierte, und bald landete der erste Ballen in unserer Bloghütte. Dieser Anblick! Dieses GeIMG_1112fühl! Schon lange nicht mehr hatte ich etwas in der Hand gehabt, was so weich, so fließend, so voller Qualität war.

Ich fieberte meinem Geburtstag entgegen. Die Familie hatte zusammengelegt, und am Morgen des 22. Oktobers hatten DeHasen und mein Mausebär sie liebevoll auf dem Gabentisch drapiert: meine neue Nähmaschine!

Ich blätterte einmal quer durch die Gebrauchsanweisung und legte los.

Halt.

Ich legte eben nicht einfach mal so los. Ich nahm mir Zeit. Zeit, die Gebrauchsanweisung von vorne bis hinten durchzulesen. Zeit, die einzelnen Striche eines Schnittmusters abzupausen und jede einzelne Linie behutsam mit dem Bleistift nachzufahren. Zeit, den Fadenlauf des Stoffes zu ertasten, um den Zuschnitt genau danach auszurichten. Zeit, alle nötigen Stücke sorgfältig und genau auszuschneiden. Zeit, zusammenzunähen, was zusammengehörte. Und Zeit, alles wieder aufzutrennen, weil es falsch war.

Ich staunte: Das machte mich weder wütend, noch aggressiv, noch gab ich auf! Mit einer Engelsgeduld und meinem verpflasterten Daumen (hatte dummerweise drübergenähtIMG_1117) in der viel zu kleinen Schere löste ich den Faden vom Stoff, wohlbedacht, dem wertvollen Stück nicht zu schaden. Ich spürte, wie mich das entspannte. Diese Arbeit mit den Händen, diese langsame Behutsamkeit, diese Liebe zum Detail. Ich fand meine Ruhe wieder. Meine Geduld. Meine Freude. Und meinen Glauben, dass alles, was ich da fabrizierte, gut werden würde.

Und es wurde gut. Ich nähte ein um das andere Kleidungsstück. Und jedes einzelne ist zauberhaft. Noch immer kann ich es nicht fassen, wenn ich den Fuß meiner Nähmaschine hebe und den Stoff herausnehme. Dass der so gerade vernäht ist, dass jedes Teil zum andern passt. Dass daraus Dinge entstehen, die einfach nur … schön sind.

Nach jeder einzelnen Naht renne ich zu DeHasen, hüpfte vor ihm auf und ab wie ein Kind vorm Weihnachtsmann und schreie: „Schau! Da! Die Naht! Ganz gerade! Hier! Sieh! Mein erstes Bündchen! Guck! Da! Der perfekte Ärmel!“

Seit ich das entdeckt habe, sprudle ich über. Ich kann mich kaum halten vor neuen Ideen, neuen Stoffen. Ich bin süchtig danach. Es istIMG_1121 mein Antidepressivum: Sew your Song! ** Unsere Bloghütte quillt über – vor Nähzeug, vor neuen Stücken, vor Freude, vor Energie. Leute kommen und sagen: „Boah, ist das toll, was Du machst! Kannst Du mir auch so was nähen?“

Das macht mich stolz. Auf mich und auf etwas, was langelangelange ganz tief in mir verbuddelt war. Ein bisschen wie das Schreiben. Und definitiv ein Talent – mein Talent!

Du sagst, Du kannst nicht singen?
Gelogen! Gelogen!
Schon bald sind Deine Zweifel
verflogen, verflogen.
In Zukunft sing und denk nicht dran,
ob jemand schöner singen kann.
Denn keiner singt genau wie DU.
Drum hören wir DIR gerne zu!


* Hier könnt Ihr das Lied ab Minute 6:25 anhören. Aber auch das erste Lied in diesem Video passt an dieser Stelle perfekt. Aufgenommen wurde übrigens in Mainz ;-)

** Praxistipp: Ihr seid genervt, weil Euch nie was gelingt? Ihr werdet aggressiv, wenn Ihr etwas tut, was schnellstmöglich fertig sein soll und danach total doof aussieht? Schnappt Euch ein Blatt Butterbrotpapier und irgendein Bild. Legt das Butterbrotpapier auf die Zeichnung. Paust sie durch. Mit dem Bleistift. Gaaanz langsam. Gaaanz behutsam. Dann nehmt eine Schere und schneidet entlang der gepausten Linien das Bild aus. Gaaanz langsam. Gaaanz behutsam. Atmen nicht vergessen! Lasst Euch Zeit. Und wenn Ihr fertig seid, hebt Euer Werk hoch und begutachtet es gebührend. Ihr könnt stolz auf Euch sein!

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Ein Gedanke zu „Betrogen und belogen“

  1. Hallo Patricia!

    Nachdem ich mich meinen Stricknadeln gewidmet hatte, fließen die Gedanken ganz frei zu Deinem neuen Blogbeitrag.
    Die Parallelität zu Dornröschen fiel mir ein. Und das Aufwachen!
    Ganz gleich, wie sehr sich Deine “böse Fee” bemühte, Deine Talente zum Schweigen und Schlafen zu bringen, scheint mir jetzt der Zauber gebrochen!
    Unaufhöhrlich tauchen Deine Talente aus dem Tiefschlaf auf und erfreuen und beleben und inspirieren Dich ! Das ist so immens grandios!
    Auch für de Hasen und Mausebär!

    Lass Deine Talente erblühen und liebe und lebe sie!

    herzlichst
    Inge

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