Kategorie-Archiv: Friss oder stirb

Esstörungen von Binge Eating bis Bulimie

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Wände aus Fleisch

This is such a painful way to live. When you can’t tell the truth, you cut the bonds that tie you to other people, bonds of shared emotions like pain and joy and fear and happiness. You start building walls around you instead of bridges between you and others. You start spending more and more time
eating, in your car, your bedroom, the bathroom, anywhere you cannot be seen. Then you convince yourself that something is really wrong with you, look at what you are doing, you couldn’t possibly tell anyone, no one would understand.
So you turn to food.
Again.
For solace, for comfort.
For a warm embrace.
And the walls around you become WALLS OF FLESH.*


Eigentlich geht es mir ganz gut. Deswegen schreibe ich hier auch kaum noch. Die Depression habe ich ganz gut im Griff.

Eigentlich.

Wenn da nicht etwas anderes wäre, was immer stärker wird und immer mehr Raum einnimmt. In meinem Körper. In meinem Leben. Das verdammte Binge Eating – Fressen bis zur Ohnmacht. DeHasn vermutet, dass sich das Problem nur verlagert und sich mein Seelenschmerz nun einen anderen Weg nach draußen sucht (oder nach drinnen, je nachdem).

Ich rede mit meinem Prof darüber. Sage: Dieses Jahr will ich mein Essen in den Griff kriegen. Wir stellen Ernährungspläne auf. Ver- und Gebote. Regeln. Wie schon so oft in meinem Leben. Ich pappe mir seine Blätter zuhause an den Kühlschrank und weiß in dem Moment schon, dass es mich mal kann, das Blatt. Mitsamt seinen doofen Regeln. Und der Prof mit dazu.

Sorry. Aber all diese Diäten (und ich habe sie alle durch!) bringen doch nichts! Weil sie nur an der Oberfläche kratzen. Weil sie mir nicht verraten, warum ich süchtig nach Essen bin. Warum ich mich jedes Mal beim Versuch, endlich vernünftig zu sein, selbst boykottiere, sobald ich nur irgendwo irgendwelche Ernährungsberatungsregeln höre. Wie ein Kind, dem man verbietet, an den Schokoschrank zu gehen. Dreimal dürft Ihr raten, wer den damals bei uns zuhause leergefressen hat.

Heimlich natürlich. Denn die Scham und das schlechte Gewissen sind meine steten Begleiter. Wie es mir gerade geht, hat Geneen Roth in ihrem Buch sehr treffend zusammengefasst – siehe Zitat oben. Überhaupt, Geneen,  amerikanische Autorin, hat dasselbe durch wie ich. Aber sie ist die erste, die erklärt, wie Binge Eating entsteht, was die tiefen Ursachen dafür sind … und dass man es nur in den Griff bekommt, wenn man sich nichts mehr verbietet. Tja. Nichts mehr verbieten. Ich hamstere dann mal unseren Supermarkt.

Nein. Die Kunst ist, sich selbst zuzuhören. Wann habe ich wirklich Hunger. Auf was habe ich wirklich Hunger. Und wann bin ich satt. Also, ganz ehrlich beim ersten Sättigungsgefühl und nicht erst, wenn man voller Völle vom Stuhl kippt. Es ist ein neuer Ansatz, der mich anfängt, verstehen zu lassen. Aber ich bin weit davon entfernt, ihn in die Praxis umzusetzen, ihn leben zu können. Deswegen wird mein Problem immer größer. Und ich mit dazu.

You begin living a lie, eating one way in public and a totally different way, when you are alone. “If they really knew the truth about me, if they knew how much I could eat, if they knew how devouring I am, they would be appaled. ” From
there, it is a short distance to “If they really knew me, they wouldn’t love me. Who I am is not worthy and must be hidden”. Dishonesty becomes a matter of emotional survival:
You must lie, you must hide yourself to be loved.
Yet gaining weight is sureley
not a way of becoming less visible,
and the more you hide your eating, the less you hide yourself.*

Wände aus Fleisch. Immer mehr. Vor was sollen sie mich schützen? Jetzt, da doch alles gut ist, ich quasi erfolgreich therapiert bin? Ach, es ist zum Kotzen. Nein, halt, über die Bulimie sind wir ja mittlerweile hinweg. “Gut”, sagt mein Prof. “Brav so.” Liebkind bricht nicht mehr, Liebkind schluckt runter.

Ihr merkt, ich drehe mich im Kreis. Irgendjemand muss doch eine Lösung haben! In meiner Not verschlinge (ha, Wortspiel!) ich Sachbücher, stoße dort auf den Begriff Zuckersucht. Ja, richtig. Zucker als Droge. Wie Heroin. Wie Alkohol. Genauso komme ich mir vor. Wie ein Suchti, der schon beim Aufwachen daran denkt, wann er sich schnellstmöglich den nächsten Zuckerschuss setzen kann. Der alles durchwühlt und seinem Kind die Schoki klaut, weil er sonst in einem cold turkey endet.

Vielleicht liegt da die Verbindung?  Heißhungerattacken auf raffinierte Kohlenhydrate (was nicht bedeuten muss, dass diese auch süß schmecken) entstehen nach neuesten Forschungsergebnissen durch einen Mangel des Botenstoffes Serotonin im Gehirn, sagt eines meiner schlauen Bücher. Der Konsum von Zucker und Weißmehl hilft in akuten Situationen den Serotoninhaushalt zu stabilisieren und zwar auch dann, wenn die Lebensmittel anschließend wieder erbrochen werden. Obwohl Zucker und Weißmehl zwar schnell und kurzfristig helfen können, verschlimmern sie langfristig das Problem des niedrigen Serotoninspiegels und wirken zudem suchtauslösend. 

Tja. Und was ist bei einem Depressiven niedrig? Richtig. Der Serotoninspiegel. Seufz. Wäre ich Alkoholiker, könnte ich einen Entzug machen und würde nie wieder einen Schluck trinken. Aber ich bin Zuckerjunkie und muss leider essen. Aber was? Und wer bringt mir endlich bei, wie?

Wie mein Karma so will, flattert im vergangenen Jahr eine Mail in mein Postfach: Eine psychosomatische Rehaklinik bietet mir einen Platz für diese Sommerferien an. Den Mausebären könne ich mitnehmen, und auch DeHasn dürfe  mich da besuchen. Ich drücke mich vor einer festen Planung, jetzt, da der Termin immer näher rückt. Mal muss ich in dieser Zeit ganz dringend neue  Sachen für meine Kollektion nähen (logo, im Hochsommer bei 40°C, wenn jeder an der Maschine sitzt *kopfbatsch*). Dann wieder reserviere ich einfach so ein Häuschen auf Rügen. Der Mausebär will ja in den Ferien unbedingt ans Meer, und die Reha kann ich ja dann locker für den Urlaub zwei Wochen kürzen.

Ich fühle mich jetzt schon auf Entzug.

DeHasn verzweifelt schier an mir (er sagt es nicht, aber ich weiß es), und setzt mir jedes Mal, wenn mein destruktiver Aktivismus durchbricht, mit einer Engelsgeduld auseinander, wie wichtig und wertvoll dieser Reha-Aufenthalt für mich sein wird. Weil ich da in einem geschützten Umfeld bin. Weil es da viele Leute gibt, die sich wirklich mit Depressionen auskennen. Weil ich dort vielleicht eine Lösung für mein Problem finde.

Weil ich da endlich meine Wände einreißen kann.

Okay. Montag rufe ich an. Ich gehe.
Aber nicht allein.
Ich brauche Eure Unterstützung.

Kommt Ihr mit?


Geneen Roth, Breaking free from compulsive eating. NY 1984, p. 46. 

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