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Das Haar in der Decke

Manchmal erwischt es Dich eiskalt. Auf dem falschen Fuß. Ohne Vorbereitung. Einfach so in einer Sekunde ist es da, triggert Dich und schickt Dich mit Lichtgeschwindigkeit zurück in die Welt, der Du entronnen bist. Die Du seit Jahren erfolgreich in Deine tiefsten Tiefen einschließt und von der Du selbst schon nicht mehr weißt, ob sie je existierte.

Ja. Sie hat existiert. Manifestiert in einem Haar. Einem einzelnen Haar, das sich in dieser blöden Pferdedecke verhakt hat, die Du zufällig aus diesem scheiß Karton ziehst, der bislang unbeachtet in der hintersten Speicherecke wie ein Vampir im Sarg auf seine Auferstehung lauerte.

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Es ist zum Heulen. Da hocke ich, zwischen all den Kisten voller Sommer- und Winterklamotten, die ich am Morgen für den Flohmarkt sortiert habe, halte diese Decke, weiß-lila-blau gestreift, in der Hand und heule wie ein Schlosshund. Erst war ich wütend. Stinksauer. Aggressiv. Nachdem ich die Decke meines ehemaligen Pferdes entdeckt hatte, motzte ich grundlos den Mausebären an und fand mich selbst zum Kotzen. Oh, man, Mama!
Abends, als DeHasen mich anschaut, fange ich an zu flennen. Er will mit mir reden. Ich will nicht. „Wahrscheinlich bin ich nur traurig, dass ich mein Pferd damals verkaufen musste“, äußere ich vage Vermutungen und verziehe mich mit meiner Frustschokolade auf die Couch.

Am nächsten Tag muss ich zu meinem Prof. Ich hab keinen Bock. Ich will nicht mit ihm darüber sprechen. Ich will MIT GAR NIEMANDEM darüber sprechen. Ich will WILL WILL NICHT! „Du“, sagt sanft DeHasen, „ich will Dir nix vorschreiben, aber ich fände es besser, Du fährst hin.“ Also gut, motze ich, schnappe die Schlüssel und mache mich auf den Weg. Durchs Nirvana. Ich bin gar nicht hier. Ständig drifte ich ab in die Welt der Pferdedecke. Muss mich höllisch auf die Straße konzentrieren. Weine und weine und weine, komme endlich an und finde doch keinen Ausweg.

Mein Prof ist erschrocken. „So habe ich Sie ja noch nie gesehen“, sagt er. „Herzlichen Glückwunsch“, sprühe ich Sarkasmus. „Mein Gefühl heute ist: VERZWEIFELT.“ Also gehen wir auf Spurensuche. Wieso macht ein einzelnes Haar in einer alten, verdammten Pferdedecke mich so fertig? Reißt mich zurück und lässt mich nicht mehr los?

Flashbacks, getriggert. Ausgelöst durch ein Ding, einen Geruch, einen Namen, der den Betroffenen in den Emotionen eines früheren Erlebnisses gefangen hält, so dass er Damals und Heute nicht mehr unterscheiden kann. So dass er alles noch einmal durchlebt.

Haar, Decke, Netra, meine Stute, die ich kaufte, weil sie keiner mehr wollte, damals Ende der 90er, während des Studiums, mit jemandem zusammen, der die Hälfte der Stallmiete übernahm. Glückliche Tage mit meiner Freundin, gemeinsam im Sattel, stundenlang unterwegs in den Weinbergen, Philosophieren über Gott und die Welt.

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In meiner Wohnung Enge, Ignoranz, Gewalt. Ein Ex-Freund, der meiner Mutter in nichts nachstand, den ich aber trotzdem liebte und heiraten wollte. Eingriffe in meine Privatsphäre, zerschnittene Tagebücher, die Drohung, sich umzubringen. Der Revolver.

Am anderen Ende der Leitung meine Eltern, meine Mutter, „Ich hab Dich für so intelligent gehalten, wie kannst Du nur mit so jemandem zusammen sein?!“ Ich, wie ich widerspreche, um Verständnis suche, verstoßen werde mit den abschließenden Worten meines Vaters: „Wir kannst Du nur so mit Deiner Mutter sprechen?! Dein weiteres Leben interessiert uns nicht mehr!“

Ich, allein in einer Tragödie, der Mitbesitzer meiner Stute springt ab, mag nicht mehr, mit dem letzten Geld kaufe ich seinen Anteil, halte Netra über Wasser, halte mich über Wasser, rette uns vorm Ertrinken, gehe unter.

Mein Ex-Freund macht sich vom Acker. Auch hier keine Unterstützung. War er je eine?

Ich, morgens um sieben, bei meiner Freundin im Wohnzimmer, zitternd, heulend, in der schlimmsten Depression meines Lebens, muss in den Stall, meine Stute verkaufen, die Käufer kommen gleich, muss standhalten, stark sein, nur dieses eine Gespräch noch. Muss sie hergeben, sie aufgeben, habe es nicht geschafft, sie zu retten. Habe es nicht geschafft, mich zu retten. Hörsturz. Ende der Fahnenstange. Leb’ wohl, süße Netra.

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Jahre ziehen ins Land. Ich heirate, kaufe wieder ein Pferd, stehe wieder vor den Scherben einer Beziehung, muss mich wieder trennen – von Mann und von Pferd. Wieder lasse ich etwas, dass ich mir anvertraut habe, im Stich. Aber muss ich nicht VERDAMMT NOCH MAL ZEITLEBENS DAFÜR VERANTWORLTLICH SEIN?!?

Albträume, ich, auf dem Weg zum Stall, im Stall, Netra ist weg. Oder ist da und am Verhungern, weil ich mich ewig nicht gekümmert habe. Vorwurfsvolle Blicke der Stallbesitzerin. Keiner der Träume endet schön.

Bin es leid, verkaufe alles, schmeiße alles weg, alles alles aus dieser Zeit, was mich an Menschen und Situationen dieser Jahre erinnert, will nicht mehr daran denken. Schaffe, zu vergessen. Dummerweise auch, die letzte Pferdekiste zu räumen. Da steht sie jetzt vor mir, im Muff der Gezeiten, angeschimmelt, Netras weiß-lila-blaue Decke im Bauch, in den Maschen hängen rotfuchsfarbene Härchen. Zieht mich zurück an den Ort, in die Zeit. Sagt mir: Du wirst nie eine verlässliche Beziehung bieten können!

Posttraumatische Belastungsstörung, sagt mein Prof. Schlimme Erfahrungen, die nicht verarbeitet, sondern einfach weggeschmissen werden, manifestieren sich im Unterbewusstsein. Ein Ding, ein Geruch, ein Name sprengen die Ketten, und alles ist wieder da. Bis es die Erlaubnis bekommt, besprochen zu werden, bewusst zu werden, verarbeitet zu werden. Immer und immer wieder. Dann, und erst dann, wird es Teil des autobiographischen Gedächtnisses, eine normale Erinnerung, wertfrei abgespeichert zwischen dem Tod der Lieblingsoma und Eisessen im Sommer. Es geht nicht nur um Netra. Es geht um die ganze verdammte Kacke, die ich mit und nach ihr erlebt habe.

„Sie müssen darüber reden“, mahnt mein Prof. „Fallen Sie nicht in alte Verhaltensmuster zurück! Und wenn Sie nicht reden können, müssen Sie es sortieren. Schreiben Sie es auf.”

Also tue ich das. Bis zum nächsten Haar in der Decke. In der Suppe. Im Leben.

Nachtrag ein paar Tage später: Die frisch gewaschene Decke hat mittlerweile die Kotzekatze akquiriert. Ich finde, sie steht ihr sehr gut.

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2 Gedanken zu „Das Haar in der Decke“

  1. Du hast mir grade aus der Seele geschrieben. Ein Duft, ein Bild, irgendwas löst die Erinnerung aus. Und schon liegt man am Boden…
    Ich drücke Dich

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