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Die Depression kommt über Nacht

Diesen Text habe ich am 6. Januar 2012 um 2.43 Uhr geschrieben – am Geburtstag meiner Tochter, damals noch mutterseelenalleinerziehend. Er zeigt, wie sich jemand fühlt, der an Depressionen leidet.

Gedanken zur Nacht

Die Depression kommt über Nacht, aber nicht heimlich. Nein, Du ahnst sie schon, sie schickt ihre dunklen Boten voraus.
Gereizt bist Du, unglücklich, tust jeder Fliege was zu leide, verschreist Dich an Deiner Tochter, obwohl die
doch nur lacht, spielt, fröhlich ist. Zu fröhlich für Dich?

Die Depression kommt über Nacht, fährt Dir in die Glieder, lässt sie starr werden, erzittern, den ganzen Körper erzittern,
Dich erzittern, bis Du rappelst wie ein dürrer Zweig im Wind, hin- und hergerissen, wo ist nur Deine Standhaftigkeit geblieben,
und wen soll das wundern, bei all den nicht gewachsenen Wurzeln?

Die Depression kommt über Nacht, sie umpackt Deine Schultern, schnürt Dir die Kehle zu, so dass Du nicht kotzen kannst,
obwohl es doch raus will, all das, was Dich ankotzt, heraus damit, was zu viel ist, was Du zu viel geschluckt hast,
Dir selbst aufgebürdet.

Die Depression kommt über Nacht, sie steigt Dir zu Kopf, macht Dich schwindeln und hellwach, obwohl Du so müde bist, todmüde,
seit Tagen nicht richtig geschlafen. Du wandelst umher, die Decke um die Schultern, wenigstens etwas, das Dich
behütet, du läufst und läufst, leise, leise, das Kindlein schläft, drehst Dich im Kreis, damit der Schmerz aufhört, und der Druck
auf Dir, unter dem Du nicht weißt, ob Du kotzen oder scheißen oder einfach nur zusammen brechen sollst.

Die Depression kommt über Nacht, und Du weißt, bald schon ist Morgen, schon wieder Morgen, ein neuer Tag, schon wieder,
Du wirst auch ihn überstehen, wie Du immer alles überstehst, aber Du hast Angst, panische Angst, dass Du zusammenbrichst,
dass Du für Dein Kind nicht da sein kannst, seht her, sie schafft es nicht, wir haben es schon immer gewusst, dass da
wieder einer einen falschen Ton sagt, der Dir so weh im Körper tut wie all die Schnitte in Deine Seele.
Wann endlich werden sie heilen?  Sie werden nicht heilen.

Die Depression kommt über Nacht, und Du erkennst Dich nicht wieder, bist ein Haufen Leib und Seele am seidenen Faden,
keiner da, der ihn spielt, keiner da, der Dich führt, keiner da, der ihn Dir aus der Hand nimmt und gegen ein dickes, sicheres
Seil tauscht, das Dich aus dem Abgrund zieht.

Die Depression kommt über Nacht, und was bleibt Dir, als diese Nacht abzuwarten, da keiner neben Dir liegt, keiner ans Telefon
geht, keiner Dich in den Arm nimmt und nur einmal sagt: Lass los, lass gehen, das wird schon.

Die Depression kommt über Nacht und schmiegt sich in Deinen Nacken. Selbst schuld, flüstert sie deliziös, selbst schuld,
wo hast Du Dich nur wieder reingeritten, Du hast doch genau gewusst, dass dieses Pferd nicht zu reiten ist, und jetzt stehst Du hier mit Deiner ganzen Schuld und Deinem ganzen schlechten Gewissen in den Händen, es klebt so sehr, es geht nicht weg, auch,
wenn Du noch so oft versuchst, verzweifelt versuchst, sie in Unschuld zu baden.

Die Depression kommt über Nacht, und wenn sie sich endlich in Dir eingerichtet hat, häuslich, wie eh und je, denn Ihr seid so
gute Bekannte, Freunde in einer Hassliebe, Liebe bis auf den Tod, dann setz‘ Dich hin und schreib‘. Schreib‘, damit die Schmerzen
die Tastatur quälen und nicht mehr Dich, schreib‘, weil es das einzige ist, was Dir geblieben ist, dieses eine Talent, das Dir keiner
genommen hat in all den Jahren, schreib‘, als ob es Dein letztes Mal wäre, von dem Du weißt, dass es nicht sein wird, noch viele Male wirst Du hier sitzen und es kaum aushalten vor verschluckter Gefühle, Wut, Trauer, Enttäuschung, die große Enttäuschung über die Menschen, die Dir all das angetan haben und denen Du all das antust, der große, große Schmerz, verwundet auf Lebenszeit.

Die Depression kommt über Nacht, und wenn es Dir endlich, endlich gelingt zu weinen, wenn Du die Tränen erbrichst, nimmt sie
langsam ihren Hut und geht, wie ein egoistischer Macho, der im Gehen sagt: Ich wollt‘ doch nicht stören.

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