Urlaub-Titel

Ferien im Finsterwald

Wir sind im Paradies.  Während der Rest von Deutschland im Regentief versinkt, strahlt über uns ein Sonnenhoch. Das Frühstück war opulent, wie alle anderen Mahlzeiten hier – es fehlt an nichts. Der Mausebär ist heute Morgen herzig heiter in die Spielgruppe gehüpft, wir werden ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht Urlaub-Schildbekommen. De Hasen hat mich ausschlafen lassen, ein komplett freier Tag liegt vor mir. Unser Balkon bietet eine Traumaussicht – Pferdekoppel, Meer, Vogelzwitschern, Himmel. Wir sind im Paradies. Aber für mich ist es die Hölle.

3.50 Uhr morgens. Wach. Nicht der fehlende Schlaf ist schlimm. Sondern die Panik, die sich anschleicht. Gestern war es 4.15 Uhr. Ich weiß: Wenn sich die Drei nähert, ist die Depression da. Angst. Ohrensausen. Herzklopfen. Du schaffst den nächsten Tag nicht, wie willst Du das durchstehen, wenn Du nicht ausgeschlafen bist? Absurd. Du bist im Urlaub!

Ja. Ich bin im Urlaub. Und Urlaub ist für Depressive ein Finsterwald. Die Gesunden bleiben außen vor und wiegen verwundert die Köpfe. Sie sehen nicht und verstehen nicht. Wollt Ihr es versuchen? Dann folgt mir auf die Pfade ins Dickicht…

Auf der Flucht

Wir laufen einen Marathon. Er führt übern Stress. Für Euch ist es der gewöhnliche Ich-muss-noch-876-Dinge-einpacken-und-haben-wir-auch-nichts-vergessen-Weg. Aber mein Hirnstoffwechsel hinkt. Und mit ihm die Stress-Regulation. Mein Körper schüttet Cortisol aus. Ich bin bereit zur Flucht. Oder zum Kampf. Ich kann mich nicht entscheiden und verharre, gefangen in Spannung. Während alles seinen Platz im Wagen findet, zieht sich das Cortisol langsam wieder zurück. Normalerweise. Leider nicht in mir. Bei Depressiven schwärmt Cortisol aus, beißt sich fest, bleibt kleben. Es bizzelt in den Gliedern und stellt uns unter Dauerstrom. Ständig auf dem Sprung, Panik im Nacken. Das Cortisol legt unser Immunsystem lahm und entzündet sich an der Haut: Akne mit fast 40 und chronische Sinusitis. Langwierig und kräftezehrend ist es, sich vom Cortisol wieder reinzuwaschen. Mitunter dauert es Wochen, Monate, Jahre.

Rückschläge lauern dabei an jeder Ecke, getarnt als schlechtes Gewissen. Weil man das Schöne nicht genießen kann. Weil man das Teure nicht schätzen kann. Weil man dem Partner nicht anstrahlen kann. Weil man nicht wie jeder gottverdammt andere normale Mensch auch einfach seiUrlaub-Mannshandne Familie umarmen und sich am Paradies freuen kann!

Versumpft

Gleich neben der Stressstrecke wartet der Sumpf des Versagens. Einen Tag – ausgerechnet! – bevor wir in Urlaub fahren, kontaktiert mich ein Headhunter. Hat auf Xing mein Profil entdeckt. Den Link zu meinem Blog hat er großzügig überlesen. Er bietet mir einen Bombenjob bei BASF an. Vollzeit. Für ganz Europa. Pressesprecherin. Einige sagen: Wow! Jackpot! Ich frage mich, ob irgendjemand überhaupt zuhört, wenn ich was sage, liest, was ich schreibe. Unverständnis. Dass ich ablehne. Meine Entscheidung schwankt. Wie kannst Du nur? Du kannst doch nicht! Ja, ich kann nicht. Weil kein normaler Mensch, der ein Kind erzieht und Familie hat, dieses Pensum schaffen würde, sagt mein Prof. Ich glaube ihm nicht. Ich bin ein Versager. Wie immer schon. Sackgasse.

Schlammschlacht

Die Feindesfurcht bleibt. Alles wird zur Bedrohung am Urlaubsort: die neue Umgebung, das fremde Bett, die unbekannten Menschen im Speisesaal, die anderen Mütter in der Kinderbetreuung. Allein ein Geräusch kann Panik auslösen. Ein Lachen von der Wiese, weil ich fürchte, wegen zu großen Lärms nachts nicht schlafen zu können. Fortsetzung folgt. Alle Eindrücke strömen ungefiltert und dreifach so laut auf mich ein, und ich kann mich nirgendwo verkriechen. Trigger heißt das, wenn unser Körper instinktiv auf einen Reiz reagiert, der die Abwärtsspirale antreibt. Bei Depressiven kann alles zum Trigger werden. Der Blick in den Spiegel, die Stimme am Nebentisch, der Anblick eines Schwimmbads. Wecken unschöne Begebenheiten der Vergangenheit und reizen uns bis aufs Blut. Bis die trübe Brühe über uns zusammenschwappt. Wir sind ihr ausgeliefert, macht- und hilflos.

Auf dem Grund kauert die soziale Phobie im Schlamm und freut sich. Sie weiß, wir sind wertlos. Weil wir von Kindheit an nichts anderes erfahren haben. Weil wir im Alter vielfach bestätigt wurden. Unsere Partner sind hilflos. „Ich liebe Dich, weil Du es selbst nici fell in love with youht kannst“, sagt De Hasen oft. Ich versuche, es zu
glauben.

Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, wenn ich auf andere Menschen treffe. Sie treffen muss. Jede Sekunde tastet mein Hirn ab, was der Gegenüber von mir denkt, wie hässlich, albern oder skurril er mich wohl findet. Meine Gedanken schreiben eine Hintergrundmollmusik, deren Text einen Sprung hat: „Du bist zu fett. Du hast Pickel. Deine Nase ist krumm. Deine Klamotten schäbig. Deine Haltung schief. Deine Sprache lächerlich. Vergiss es. An die andern reichst Du eh nie ran.“ Der Aufenthalt unter meinesgleichen wird zum Horrorfilm, Smalltalk eine Farce. Egal, ob im Job oder unter Freunden, sogar in der Familie: Wir bestehen nur, weil wir uns mit übernatürlicher Kraft in eine Rolle pressen, von der wir denken, dass andere sie erwarten. Damit wir normal erscheinen.

Stellt Euch das vor. Und Ihr wisst, wie viel unglaubliche Energie mich mein Beruf als Pressesprecherin gekostet hat. Die zwei neuen Arbeitsstellen binnen zweier Jahre, die Vorstellungsgespräche, diese pseudo-psychologischen Spielchen und Prüfungen. Die Öffentlichkeit, die Veranstaltungen, die Meetings. Mehr, als ein Mensch tragen kann.

Im Dunkel-Dickicht

Undurchdringlich ist der Dschungel. Dort hält sich das Dopamin versteckt. Es weiß, es soll die Menschen erhellen. Ein Wegweiser auf verschlungenem Pfad zwischen Relevanz und Irrelevanz. Wo kein Dopamin, da keine Hoffnungsstreif. Was bleibt dem Depressiven, dem es an Dopamin mangelt, als sich auf Irrlichter zu verlassen, die ihm mit Liebe den Weg in den Abgrund weisen. Simple Sinneseindrücke zur grotesken  Grausamkeit ausstrahlen. Vor allem nachts.

Kennt Ihr den Film Zeit des Erwachsens“ mit Robin Williams und Robert de Niro? Schaut ihn Euch an. Und Ihr wisst, wie es Menschen im Dopamin-Dschungel geht.Urlaub-Quallen

Stau der Glückseligkeit

Der Fluss im Hirn ist unterbrochen. Die Depression hat Serotonin-Dämme errichtet. Es staut sich und kommt nicht weiter und signalisiert dem Körper, dass er zu viel davon hat. Das Glückshormon ebbt ab, versiegt. Das ist fatal. Denn der Neurotransmitter macht nicht nur „glücklich“, er beeinflusst unser komplettes Leben. Steuert unsere Wahrnehmung, unseren Schlaf, regelt unsere Temperatur, Schmerzempfinden und Schmerzverarbeitung. Macht uns Appetit und Lust auf Sex. Bringt Herz-Kreislaufsystem, Verdauung und Blutgerinnung in Schwung.

Wenn Ihr depressiv seid, versiegt dieser Strom der Glückseligkeit. Euch zermürben  Gelenk- und Rückenschmerzen vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Es gibt keinen Tag, an dem Ihr frisch und ausgeschlafen und voller Lust aufspringt. Am Morgen schon seid Ihr am Ende. Ihr schleppt Euch hundemüde durch die Stunden, findet keinen Schlaf. Im Sommer erfriert, im Winter verglüht Ihr. Erleidet Fressanfälle und Magerwahn, Herzrasen, Kreislaufkollapse, Durchfälle und blaue Flecken am ganzen Körper. Ihr vegetiert dahin, bis Ihr nur noch ein Schatten Eurer selbst seid. Völlig entnervt, völlig entkräftet. Und doch – niemand darf es merken! Und es bemerkt auch niemand. Ihr seid Meister der Gesichter, das Rollenspiel Eure höchste Kunst. Jede verdammte Minute.

Willkommen im Finsterwald! Die Dornen schließen sich hinter Euch wie im Märchen die Hecke. Die Hölle, das sind nicht nur die anderen. Die Hölle, das sind wir selbst.

Wa(h)re Wegweiser

Wer weist Euch jetzt den Weg zurück? Und welchen wollt Ihr wählen? Laut einer Studie schaffen es nur sechs Prozent aller Depressiven zurück ans Licht. Ist das ein Wunder? Ja. Der Rest kämpft ein Leben lang. Oder ergibt sich der Dunkelheit. Ist das ein Wunder? Nein.

Urlaub-WegweiserEs fehlt an Wegweisern. An Lotsen. Und an guten Feen. Wer sich alleine auf den Weg macht, scheitert. Wer die falsche Begleitung wählt, irrt. Wer zaubern kann, sehr viel Glück hat oder den Weg nicht zum ersten Mal antritt, wird es vielleicht schaffen. Doch jedes Mal bleibt ein Teil seines Muts, seines Willens auf der Strecke.
Seit 20 Jahren bin ich auf der Reise. In den dunkelsten Finsterwald und zurück ans Licht. Mittlerweile kenne ich fast alle Wege im Schlaf. Und alle Irrlichter beim Namen. Ich habe mich durchgeschlagen, verletzt, überlebt. Gnade mir, wenn ich vergesse, was ich dabei lernen musste. Wenn ich eine Sekunde meine Gedanken freilasse. Der Wald verschlingt mich mit Haut und Haar. Ohne Wenn und Aber.

Gerade wuchert mein persönlicher Finsterwald auf einer kleinen Insel in der Ostsee. Wie gerne würde ich mir darin eine Höhle graben, mich mit Moos bedecken und für immer verschwinden. Damit die Reise ein Ende hat. Aber sie wird nicht zu Ende gehen. Also packe ich wieder mal meine Machete aus und kämpfe mich zurück. An die Ostsee. Zu meiner Familie. Zu mir selbst.

Ich bin schließlich im Urlaub.

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6 Gedanken zu „Ferien im Finsterwald“

  1. Du Liebe!
    Ich erschrecke immer wieder, wenn ich von Deinen Kämpfen lese. Wie wenig können wir „anderen“ nachvollziehen, was Dich quält, belastet, verletzt. Und das immerzu! Das ist kein mal-einen-schlechten-Tag-haben, wie ein permanenter Schmerz begleitet es Dein Leben, als hätte ich die Migräne als Dauerbegleiter und könnte mich davon nicht befreien. Wie grausam ist das denn!

    Und doch schreibst Du von lichten Momenten, Deinen Erfolgen mit der Machete gegen die Mächte des Finsterwaldes zu kämpfen und zu bestehen, und sei es für Augenblicke.
    Dein Professor unterstützt Dich in Deinem Kampf, de Hasen hilft und gibt Dir zusammen mit Mausebär Sonnenschein in den Alltag.

    Deine Schilderung erinnert mich an meinen Mann, der viele Jahre seine Probleme (ich muss allen gerecht werden und ihre Ansprüche erfüllen, einwandfrei funktionieren, tollen Job machen, für alle Zeit haben, dabei auf meine Lieblingsbeschäftigungen verzichten, immer vorher erahnen, was andere von mir wollen) nur mit Alkohol zuschütten konnte. In dem Moment als er trocken wurde (mit 37 Jahren), tauchte aus seinem Sumpf der wirkliche Mann wieder auf. Da er es nicht jedem recht machen konnte, entschied er sich dafür, es ihm selbst recht zu machen! Er wollte immer nur er selbst sein, und als er sich das erlaubte, fielen alle anderen Probleme von ihm ab.

    Wie gesagt, es erinnert mich an ihn. Nun will ich Deinen Weg in die Depression nicht einfach vergleichen, da ich das auch nicht annähernd kenne, nur hatte er in seiner Kindheit auch vieles miterlebt und erlitten, was ihn zu einem sehr geringen Selbstwertgefühl erzogen hat. Diese Befreiung daraus half ihm, sein Selbst zu finden und zu leben. Er war ein so sehr liebenswerter Mensch!

    Das ist, was ich Dir vor allem sagen will: Du bist ein absolut liebenswerter Mensch! Ohne Wenn und Aber! Du magst es in Deiner Enge nicht glauben, vielleicht kannst Du es aber mit der Zeit akzeptieren als eine Wirklichkeit, zu der Du keine „Leistung“ erbringen musst, in der Du einfach DU sein kannst.

    Sei fest umarmt! Ich wünsche Dir einen guten Tag!
    Herzlichste Grüße
    I.

    1. Liebe I.,

      auch Dir ganz herzlichen Dank für Deinen langen Kommentar!
      Es tut mir leid, wenn ich Dich und andere Leser erschrecke. Ich kann es nachvollziehen, dass meine Gedanken nicht einfach zu verdauen sind. Aber ich möchte Euch sagen, dass es mir nach solchen Episoden recht schnell wieder gut geht. Es kommt und geht…es ist eben so.
      Was Du über Deinen Mann schreibst, kann ich ebenfalls sehr gut nachvollziehen! Was für ein Druck muss auf ihm gelastet haben…Ich selbst mache mir wenig aus Alkohol. Aber ich habe eine andere Droge – das Essen. In jedem Fall bleibt eine Sucht, sich zu betäuben, solange man nicht man selbst sein kann.
      Die Kindheit ist definitv ausschlaggeben dafür, wie es ihm und mir ging und geht. Ich werde wohl irgendwann noch etwas dazu schreiben.

      Danke für Deine Worte, dass Du mich als liebenswert empfindest! Das tut sehr gut!

      Ich drück Dich ganz fest zurück, Patricia

  2. Ich bin immer noch sprachlos.
    Mitten in meinem Urlaub habe ich diesen Beitrag von Dir gelesen: Vieles von dem, was Du schreibst, ist für mich so seit Jahren “normal” – und das ständige Versteck- und Schauspiel, das ich permanent leiste, ist mir zum ersten Mal bewusst geworden. Auch die ständige Frage: Warum schaffen alle anderen ihren Alltag und ich nicht? Vielleicht sind es doch nicht alle anderen?! Das gibt tatsächlich ein bisschen Hoffnung, dass das Ganze einen Namen haben könnte. Danke Patricia

    1. Liebe Britta,
      vielen Dank für Deine Zeilen! Ich habe lange überlegt, ob ich den Finsterwald überhaupt beschreiben soll, weil er mein Innerstes nach außen kehrt. Aber wenn Du dadurch das Gefühl hast, verstanden und mit Deinen Sorgen nicht allein auf der Welt zu sein, hat mein Blog und mein Schreiben seinen Sinn erfüllt. Es fällt immer leichter, etwas zu packen, wenn man es beim Namen nennt. Und es gibt die Hoffnung, eines Tages wieder frei leben zu können.
      Ich wünsch Dir alles Gute! Patricia

  3. Ach mein liebe, süße Patricia!

    Ich leihe dir gerne meine Machete und schlage den Weg für dich mit frei. du weiß, wir schaffen all das nicht alleine. Dafür sind Freunde da. Freunde die dich wach rütteln und dir sagen, dass das Jobangebot von BASF nett und toll ist, aber nicht für dich!
    Da ist kein Versagen, kein gar nichts, es ist einfach nichts für dich. Das bist du nicht, nicht mehr… Warst du das jemals? Rock, Kostüm und High Heels?

    Wenn ich dich sehe, sehe ich eine wunderschöne und warmherzige Frau, Mutter und Freundin.
    All die Pickel sehe ich nicht. Wie du sie mir nicht siehst…
    Nein, ich sehe nur eine Freundin, die ich unheimlich gern habe!

    Ich drücke dich ganz doll und schwinge die Machete…

    Vero :-)

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