Folie1

Ich bin ein Text

Ich bin ein Text. Noch ehe ich etwas spüre, habe ich es in Worte gefasst. Das Glück. Den Wind. Die Menschen. Das Haus. Den Gummibärchenduft der Bäume im Frühjar. Ich dichte, seit ich denken kann. Ich zeichne Worte in meinen Kopf, und mein Kopf malt daraus Sätze. Geschichten. Ganze Bücher. Ich bin voll davon.

Als ich 14 war, trabte ich – wie immer mit dem druckfrischen Stern unterm Arm – in unser ringelschwanzschweinchenrosa Klassenzimmer. Der vom Schulamt geladene Berufsberater taxierte mich kurz und fragte, welch’ hübsche Arbeit ich mir denn ausgesucht hätte. “Ich will schreiben!”, sagte ich. Er seufzte. Dann atmete er tief durch und sprach: “Mädchen, wenn Du das wirklich willst, geh’ zur Zeitung.” Dann gab er mir seinen Segen, und wir hörten nie wieder voneinander.unicorn

Doch vielleicht las er von mir? Am nächsten Tag marschierte ich in die Lokalredaktion meines Heimatortes. Ich weiß nicht, was die Jungs damals dachten, als ich da so wild entschlossen vor ihnen stand. Aber sie gaben mir eine Chance (danke, Ihr seid die Besten!). Mein erster Bericht erschien im November 1989 und war ein rührseliges Stück zum Volkstrauertag in der Friedhofskapelle.

Von da an schrieb ich. Und schrieb. Und schrieb. Zeitung war mein Leben, und ich brachte Leben in die Zeitung. Alle wollten meine Texte. Ich schrieb mich ins Volontariat, zur überregionalen Tagespresse, in die Redaktionen des ZDFs. Ich leitete an und bildete aus. Bis ich beim bekanntesten Magazin des größten deutschsprachigen Special Interest-Verlags landete. Dort traf ich eine Frau, die jedem Herzbluttext sein kaltes Worthülsengrab schaufelte. Die jeden verachtete, der nicht schrieb, wie sie. Dummerweise wurde sie meine Chefin.

Da war es vorbei. Mir fehlten die Worte. Mein Kopf war leer, und je dringlicher ich versuchte, das 14-seitige Titelthema mit Leben zu füllen, je heftiger ich Sätze sezierte und den Wahrig* würgte, umso mehr ging ich zugrunde. Ich zweifelte an mir, an meinen Worten, an der Welt – und gab auf. Dumm gelaufen. Zu blöd zum Schreiben. Und nun? Wohin mit meiner Ausbildung, mit meinem Wissen, meiner Liebe? Ich stopfte alles ganz hinten in den Schrank. Mottete meine Worte ein. Ließ sie im Stich. Begann sie zu hassen. Ging raus in die große weite Wirtschaftswelt. Wurde PR-Frau, Projektmanagerin, verbrachte die Hälfte meines Lebens in Meetings und die andere Hälfte damit, unglücklich zu sein.

Bis mein Körper all dem ein paar Bandscheiben vorschob. Ausgeknockt. Ruhiggestellt. Reduziert auf meinen Kopf, der ständig unverständliches Zeug brabbelt. Und während ich so festsitze und mir die Ohren zuhalte, sagen alle: “Jetzt hast Du ja wieder Zeit, ein Buch zu schreiben!” Panik. Leere. Mein Freund stellt mir den Laptop hin und meint: “Komm’, versuch’s mal. Ich richte Dir ‘nen Blog ein.” Ich denke: Bringt doch eh nix. Muss Geld verdienen. Was Sinnvolles tun!
Drücke mich drumrum, indem ich die komplette Software umprogrammiere und keinen einzigen Buchstaben schreibe. Irgendwann setzt mein Kopf sich durch und erhebt das Wort. Er malt daraus Sätze und zeichnet Geschichten. Misstrauisch klappe ich den Laptop auf. Fühle nach den Tasten. Tippe die ersten Zeilen. Bin überwältigt. Da ist es ja wieder, mein Leben. Und ich bin voll davon.

*Wahrig = Wörterbuch, das zu jedem Begriff Sprichwörter und Redewendungen parat hält. Glaubt nicht, dass die ganzen tollen Überschriften in den Zeitungen selbst erdacht sind. Die meisten jedenfalls nicht…

 Hier geht’s zurück zum Eingang! 

6 Gedanken zu „Ich bin ein Text“

  1. Es ist schwer ,”sich selbst zu sein” in einer Gesellschaft in der Menschen wie Vieh bewirtschaftet werden, ausgerichtet maximalen Ertrag für ihre Halter zu erbringen.. Kultur Geist Innovation Bildung sind nicht erwünscht die Leute werden und wurden des Denkens, ihres Ich’s entwöhnt, Einheitsware leicht austauschbar. Man schwimmt mit dem Strom , die Hauptsache man gilt bei seinen Mitgenossen nicht als Außenseiter.
    So ist eben das Spiel des Lebens
    “Bereicherte Dich und Kauf Dir Schei..e, die Du nicht brauchst Unterdrücke deine Artgenossen und lass dir vorschreiben was Du zu denken und zu fühlen hast. Lug und Betrug ist ausdrücklich erwünscht. Leide ständig Mangel und sei immer unzufrieden mit Dir und Anderen. Zerfleische Dich selbst und fürchte Dich immer vor Irgend etwas.” Während des Spiels, wirst Du von oben besprüht, vergiftet, mit Drogen zu gedrückt und ganz genau überwacht.
    ..ein altes Spiel, aber auch ich da auch nicht mit.

    Sei stark ..alles wird gut, sei du selbst ;-)

    1. ..ein altes Spiel, aber auch ich spiele da nicht mit.

      soll’s heissen .. man sollte eben nicht drei Sachen gleichzeitig machen ;-)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Tür an Tür mit der Depression

%d Bloggern gefällt das: