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Nachts sind alle Torten grau

Die Küche ist meine Gruft und der Kühlschrank mein Grab.
Wenn es dunkel wird und alles schläft (und ich überprüfe sehr genau, ob alles schläft!) steige ich hinab in mein Verderben.
Ich tauche ein und tauche ab ins zwielichtige Heil, grabe meine Hand hindurch und beiße mich fest an allem, was meinen Weg kreuzt, sauge, sauge, sauge, bis nur noch eine leere Hülle bleibt.

Die Küche ist meine Gruft und der Kühlschrank mein Grab.
Meine letzte Bastion, aufs Blut verteidigt wie mein Leben.
Aber ist das noch ein Leben?

„Na, Frau W.“, fragt mein Prof, nachdem wir freudig festgestellt haben, dass ich inzwischen so ziemlich alle Stolpersteine auf meinem Weg zum Glück beseitigt habe, „was wollen wir denn nun angehen?“. „Weiß nicht“, weiche ich aus. „Wie wär’s mit …?“ und ziehe mir eine belanglose Banalität aus der Nase. Er sieht mich an mit diesem Blick, den ich hasse, denn ich weiß, jetzt kommen die Worte, die ich hasse. „Frau W.“, tadelt er, „Sie können die Zukunft nur beeinflussen, wenn Sie die Gegenwart ändern“. Und während ich immer tiefer in meinem Sessel zusammensinke, schneidet er mir mit seinen Worten ins Fleisch: „Wir müssen uns noch um Ihr Essverhalten kümmern.“

Es ist zum Kotzen. Kann er mich damit nicht einfach in Ruhe lassen? Sich um seinen eigenen Kram kümmern? Nein, kann er nicht. Denn mittlerweile ist es so schlimm, dass ich mir die Seele aus dem Hals reihere. Das Essen und ich, wir konnten noch nie gut miteinander. Mal haben wir uns gehasst und monatelang gemieden, mal waren wir so dicke, dass es sich auf meinen Rippen festgefressen hat. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals normal gegessen zu haben. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass Essen jemals kein Dämon für mich war, der mich besetzt und bezwungen und seinem Willen unterworfen hat.

Mein Tempel liegt auf dem Heimweg vom Job und ist dem Gott der Völlerei geweiht. Diesmal nicht, bitte nicht, bete ich jedes Mal, wenn ich auf ihn stoße. Doch er zieht mich an, zieht mich hinein in seinen Bauch und spuckt mich erst wieder aus, wenn ich ihm genug Opfer dargebracht habe. Der Lohn ist eine Tüte voller Essen, egal welches, die ich zitternd nach Hause trage, verstecke, bis endlich, endlich alle zu Bett gegangen sind und ich sie dann endlich, endlich packe, aufreiße, in mich hineinstopfe, mehr, immer mehr, schonungslos, besinnungslos, bis es mir zu den Ohren herausquillt und ich wie ein zugedröhnter Junkie auf der Couch hänge, der sich gerade einen Schuss verpasst hat.

Wie ein Baby klein und weich
und immer hungrig, doch ganz gleich,
was ich ihm gebe – es tut mir weh
es schreit bis es speit.
Es hält mich wach Tag und Nacht.

Binge Eating nennt das die Psychologie, was soviel heißt wie: Essen bis zum Exzess. Wenn ich einen Anfall habe, verlasse ich meinen Körper, flüchte aus der Kontrollstation, schwebe nach oben und schaue erstaunt auf die Orgie, die sich da zu meinen Füßen abspielt. Meist beginnt es nach dem Abendessen, wenn ich zur Ruhe komme. Und endet spät in der Nacht, wenn ich mich grün- und blau gefressen habe. „Was essen Sie denn da so?“, fragt mein Prof. Ich will ihm nicht antworten, denn ich schäme mich fürchterlich: „Eine 500-Gramm-Tafel Milka und Keks, zwei Schüsseln Müsli, danach zwei Käsebrote, eine Tüte Chips, wieder Schokolade, den Rest Pizza vom Mittag, zwei Tüten gebrannte Mandeln“, würge ich hervor. „Und wenn gar nichts mehr da ist, fresse ich auch noch die Süßigkeitenschublade des Mausebären leer.“

Es ist die große Scham, die mir auch jetzt beim Schreiben in den Augen brennt. Weil ich genau weiß, wie nun alle schockiert und empört ihr Maul aufreißen und schreien: Oh. Mein. Gott. Kann die sich nicht beherrschen?!

Nein, ich kann es nicht, denn ich bin süchtig, und das ist meine allergrößte Schande, dass ich es nicht einfach schaffe, mich zu kontrollieren, im Griff zu haben, dass ich aber- und abermals scheitere und versage und mich auch noch selbst verrate! Denn nach einer solchen Nacht quillt der Gelbe Sack über. DeHasen sagt nichts am nächsten Morgen, aber er sieht es. Schweigend räumt er meinen Müll weg, weil ich ihn gebeten habe, niemals darüber zu sprechen. Dem Mausebären aber kann ich das nicht verbieten. „Mama, wo sind meine Marzipantaler hin?“, fragt sie. Und ich wende mich ab und kann nichts sagen, denn was soll ich antworten außer: „Deine gefräßige Mutter konnte sich nicht beherrschen und hat selbst ihrem sechsjährigen Kind den letzten Schokoriegel weggefressen.“

Zwischenzeitlich hatte ich einen Ausweg gefunden, im wahrsten Wortsinn. Der erste Versuch war leider einfacher als gedacht und so manifestierte sich, was zur neuen Sucht wurde: Wer nach dem Fressen kotzt, ist aus allem fein raus. Wer danach fastet, Diätpülverchen schluckt oder exzessiv Sport treibt, übrigens auch. Die Bulimie hat viele Gesichter und viele Auslöser. Ich bin es müde, nach den meinen zu suchen. Ich weiß, dass mein geringer Belastungspegel dafür verantwortlich ist, und das reicht mir.

Wer frisst und kotzt, hat noch nicht das Leben gefunden, das ihm schmeckt.

Der Prof ist besorgt. „Jetzt“, sagt er, „ist es aber höchste Eisenbahn, das Problem anzugehen!“ Wir üben, nichts mehr zu schlucken und nichts mehr zu erbrechen. Zweiteres klappt, ersteres nicht. Ich kehre zurück zum Binge Eating. Bis mein Körper ganz wund ist, mein Gesicht verquollen und auch DeHasen zum ersten Mal ganz vorsichtig den Einwand wagt, dass „das alles doch ein bisschen zu viel geworden“ sei.

Es hat lange gebraucht, bis ich das auch gesehen habe. Nicht nur von außen, sondern durch meine eigene Brille. Aber jetzt ist es soweit: Ich setze mich auf Entzug, öffne die Türen zu meiner Burg (und schließe die vom Kühlschrank) und sage dem letzten Dämon in meinem Leben den Kampf an. Im Mai wollen wir heiraten, DeHasen und ich. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich beginne eine Kur mit Almased. Jeder denkt, ich nehme ab, um ins Hochzeitskleid zu passen und hält gute Tipps parat. Ja. Ein paar Kilos weniger sind ein netter Nebeneffekt, in der Tat. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dem Essen die Macht über mich zu nehmen. Es geht darum, ein ganz normales Leben führen zu können, ohne jede Sekunde überlegen zu müssen, wo ich den nächsten Bissen herbekomme. Leider kann ich nicht wie ein Alkoholiker oder Raucher mein Leben lang auf mein Suchtmittel verzichten. Also muss ich mich damit arrangieren. Almased ist eine Trinkkur. Sie hilft mir zu lernen, Stress nicht mehr durch Kauen zu kompensieren. Als ich merke, dass ich auch lebe, wenn meine Zähne nicht ständig am Mahlen sind, ist der erste Schritt geschafft.

Das war letzte Woche.

Es bleibt ein Balanceakt zwischen Gedeih und Verderben. Bulimiker dürfen in einer Therapie normalerweise keine Diätdrinks nutzen, weil sie damit dass Problem von der Kloschüssel in den Mixer verlagern. Mir muss klar sein, dass mein Pülverchen kein Wunder- und schon gar kein Allheilmittel ist. Während ich mich entwöhne, gewöhne ich mir an: Stressbewältigung ohne Essen. Mein Leben von Ballast zu befreien und nicht mehr alles zu schlucken. Stattdessen zu sagen, was ich will. Das ist mühsam. Aber es wird. Mittlerweile esse ich eine feste Mahlzeit am Tag, trinke zweimal Almased, bin gesättigt, und das Verlangen, mir danach vollends die Kante zu geben, schwindet.

Gestern Abend habe ich zum ersten Mal die Tankstelle tatsächlich nur mit einem Kassenzettel für 60 Liter Diesel in der Hand verlassen und meinen Fresstempel auf der Heimfahrt ignoriert.
Es hat mich sehr viel Energie gekostet.
Aber ich habe es geschafft.

Hier geht’s zurück zum Eingang!

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