Vani

Worten sollen Taten folgen…

…heißt es immer höchst euphorisch, wenn irgendwer zu irgendwas Neuem aufbricht.

Diesmal ist es andersrum. Nach meinem Gekläpper hier auf der
Tastatur die vergangenen zwei Tage habe ich so viele liebe Worte von Euch erhalten – unter anderem diese knuffige Karte von meiner Nachbarin.

Ich danke Euch dafür. Von Herzen.

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Briefe

Kreischalarm

Wenn wir etwas Spezielles ausdrücken wollen – tiefes Glück, große Empörung oder die schlichte Erkenntnis, dass heute Nacht mal wieder die Kotzekatze zugeschlagen hat – ist es für meine Freundinnen und mich Zeit, schreiend im Kreis zu rennen. Und/oder Prilblümchen zu werfen (ich hab’ Euch lieb!). Das passiert alle paar Wochen, und dann is’ wieder gut.

Aber seit Tagen ist nichts mehr gut. Genauer gesagt, seit dem einunddreißigsten Juli. Da veröffentlichte de Hasen nämlich das:

Briefe3

Am 4. August ging’s los. Jeden Morgen ziert nun eine der regenbogenbunten Kärtchen meinen Frühstücksteller. Darin stehen kryptische Sätze wie: “Ich freue mich, mit Dir in einem Straßencafé unter Bäumen zu sitzen.” Oder die Wettervorhersage eines streng geheimen My-lips-are-sealed-Reiseziels (na, erkennt Ihr die Stadt?):

Briefe2

Ich weiß nur seit Monaten, dass ich mir von morgen an das Wochenende frei nehmen soll. Dass ich mich bequem anziehen kann (“außer Freitagabend, da trage ich Anzug”….*kreisch!!!*). Dass wir bummeln und flanieren, aber nur so viel, wie meine Bandscheibe hergibt. Und seit heute Morgen weiß ich das…

Briefe4

Ich geh dann mal ‘ne Runde weiterkreischen.
AAAAAAAAAAAAAAARRRRRRGGGGHHHHHHHHHH!

PS: Liebe Spanner, Stalker und selbsternannte Superdiebe. Unser Haus wird in dieser Zeit gesittet. Und zwar nicht nur von unserer Wachkatze, die schon einiges auf dem Gewissen hat. Also vergesst es. Lieben Gruß, die Bloghüttler.

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Robin

Tears of a Clown

“I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived. I did not wish to live what was not life, living is so dear; nor did I wish to practise resignation, unless it was quite necessary. I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, to live so sturdily and Spartan-like as to put to rout all that was not life, to cut a broad swath and shave close, to drive life into a corner, and reduce it to its lowest terms.”

Henry David Thoreau, Walden: Or, Life in the Woods
and Robbin Williams in Dead Poets Society

Seit Tagen suche ich nach einem Aufhänger für mein Thema Depression. Heute morgen hatte ich ihn. Mädels, wisst Ihr noch, wie wir im “Club der toten Dichter” waren? Ganz allein im Kino außer dem ollen Schreiberling auf den hinteren Rängen, weil irgendwie keiner so recht wusste, was dieses Drama mit dem Komiker Robin Williams eigentlich sollte? Wer hätte gedacht, dass es einmal sein eigenes wird.

Sein Tod macht mich wütend. Er hätte nicht sein müssen. Genau wie der von Robert Enke, schon fast vergessen. Andreas Biermann, der vergangenen Monat den Freitod wählte. Sie alle waren depressiv. Ja mei, sagen die Leute. Dann hätten sich’s halt z’ammenreißen müssen! Glaubt mir. Genau das haben sie getan. Über Monate und Jahre hinweg. Sie und alle anderen abermillionen Menschen in der Welt, die an dieser furchtbaren Krankheit leiden. Ihre Krux ist, dass sie nicht reden. Dass sie sich verstecken aus Angst, aus Scham. Dass ihnen keiner erklärt, dass sie für ihr Leiden nichts können. Dass sie es nicht selbst ausgesucht haben. Dass ihr Serotonin-Stoffwechsel den Dienst quittiert. Und dass sie all das nicht wissen.

Ich weiß das. Nicht, weil ich Gott bin. Sondern weil ich seit 20 Jahren selbst an dieser Krankheit leide. Ich bin chronisch depressiv.

Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, das zu verbergen. Wie groß die Befürchtung ist, jemand könnte es entdecken. Im Freundeskreis, in der Familie, im Job – worst case! Es ist die Anstrengung, normal zu sein, die uns zermürbt. Das Unverständnis. Das Unwissen.

Okay. Gehen wir es an. Erklären wir der Welt, was da in uns vorgeht. Schildern wir unseren Kampf ums Überleben. Und haben wir Achtung vor allen, die am Ende keine Kraft mehr hatten.

R.I.P. Robin

 

ist

Die Depression kommt über Nacht

Diesen Text habe ich am 6. Januar 2012 um 2.43 Uhr geschrieben – am Geburtstag meiner Tochter, damals noch mutterseelenalleinerziehend. Er zeigt, wie sich jemand fühlt, der an Depressionen leidet.

Gedanken zur Nacht

Die Depression kommt über Nacht, aber nicht heimlich. Nein, Du ahnst sie schon, sie schickt ihre dunklen Boten voraus.
Gereizt bist Du, unglücklich, tust jeder Fliege was zu leide, verschreist Dich an Deiner Tochter, obwohl die
doch nur lacht, spielt, fröhlich ist. Zu fröhlich für Dich?

Die Depression kommt über Nacht, fährt Dir in die Glieder, lässt sie starr werden, erzittern, den ganzen Körper erzittern,
Dich erzittern, bis Du rappelst wie ein dürrer Zweig im Wind, hin- und hergerissen, wo ist nur Deine Standhaftigkeit geblieben,
und wen soll das wundern, bei all den nicht gewachsenen Wurzeln?

Die Depression kommt über Nacht, sie umpackt Deine Schultern, schnürt Dir die Kehle zu, so dass Du nicht kotzen kannst,
obwohl es doch raus will, all das, was Dich ankotzt, heraus damit, was zu viel ist, was Du zu viel geschluckt hast,
Dir selbst aufgebürdet.

Die Depression kommt über Nacht, sie steigt Dir zu Kopf, macht Dich schwindeln und hellwach, obwohl Du so müde bist, todmüde,
seit Tagen nicht richtig geschlafen. Du wandelst umher, die Decke um die Schultern, wenigstens etwas, das Dich
behütet, du läufst und läufst, leise, leise, das Kindlein schläft, drehst Dich im Kreis, damit der Schmerz aufhört, und der Druck
auf Dir, unter dem Du nicht weißt, ob Du kotzen oder scheißen oder einfach nur zusammen brechen sollst.

Die Depression kommt über Nacht, und Du weißt, bald schon ist Morgen, schon wieder Morgen, ein neuer Tag, schon wieder,
Du wirst auch ihn überstehen, wie Du immer alles überstehst, aber Du hast Angst, panische Angst, dass Du zusammenbrichst,
dass Du für Dein Kind nicht da sein kannst, seht her, sie schafft es nicht, wir haben es schon immer gewusst, dass da
wieder einer einen falschen Ton sagt, der Dir so weh im Körper tut wie all die Schnitte in Deine Seele.
Wann endlich werden sie heilen?  Sie werden nicht heilen.

Die Depression kommt über Nacht, und Du erkennst Dich nicht wieder, bist ein Haufen Leib und Seele am seidenen Faden,
keiner da, der ihn spielt, keiner da, der Dich führt, keiner da, der ihn Dir aus der Hand nimmt und gegen ein dickes, sicheres
Seil tauscht, das Dich aus dem Abgrund zieht.

Die Depression kommt über Nacht, und was bleibt Dir, als diese Nacht abzuwarten, da keiner neben Dir liegt, keiner ans Telefon
geht, keiner Dich in den Arm nimmt und nur einmal sagt: Lass los, lass gehen, das wird schon.

Die Depression kommt über Nacht und schmiegt sich in Deinen Nacken. Selbst schuld, flüstert sie deliziös, selbst schuld,
wo hast Du Dich nur wieder reingeritten, Du hast doch genau gewusst, dass dieses Pferd nicht zu reiten ist, und jetzt stehst Du hier mit Deiner ganzen Schuld und Deinem ganzen schlechten Gewissen in den Händen, es klebt so sehr, es geht nicht weg, auch,
wenn Du noch so oft versuchst, verzweifelt versuchst, sie in Unschuld zu baden.

Die Depression kommt über Nacht, und wenn sie sich endlich in Dir eingerichtet hat, häuslich, wie eh und je, denn Ihr seid so
gute Bekannte, Freunde in einer Hassliebe, Liebe bis auf den Tod, dann setz‘ Dich hin und schreib‘. Schreib‘, damit die Schmerzen
die Tastatur quälen und nicht mehr Dich, schreib‘, weil es das einzige ist, was Dir geblieben ist, dieses eine Talent, das Dir keiner
genommen hat in all den Jahren, schreib‘, als ob es Dein letztes Mal wäre, von dem Du weißt, dass es nicht sein wird, noch viele Male wirst Du hier sitzen und es kaum aushalten vor verschluckter Gefühle, Wut, Trauer, Enttäuschung, die große Enttäuschung über die Menschen, die Dir all das angetan haben und denen Du all das antust, der große, große Schmerz, verwundet auf Lebenszeit.

Die Depression kommt über Nacht, und wenn es Dir endlich, endlich gelingt zu weinen, wenn Du die Tränen erbrichst, nimmt sie
langsam ihren Hut und geht, wie ein egoistischer Macho, der im Gehen sagt: Ich wollt‘ doch nicht stören.

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Hut, sweet hut

Wir leben in einer Hütte. Eigentlich ist es ein Haus, ein ganz hübsches sogar, gefüllt mit viel Krimskrams und viel Liebe. Aber Hütte klingt netter. Was liegt also näher, als diesen Blog Bloghütte zu nennen. Schließlich entsteht er direkt hier, mitten in ihrem Herzen.* Der Name war übrigens nicht meine Idee. Sondern die meines Freundes. Manchmal hat er echt die besseren Einfälle *kuss*

Zu viert wohnen wir hier: mein Freund, unsere kleine Tochter, unsere Kotzekatze und ich. Unsere Hütte steht in einem riesigen Garten auf dem Grundstück einer alten Villa. Was hier schon alles passiert ist, will ich gar nicht wissen – im Ort heißt unser Zuhause nur das Hexenhäuschen. Dieses Frühjahr haben wir ein neues Stück des Gartens dazugepachtet und sind seither damit beschäftigt, aus einem brachliegenden Acker eine blühende Wiese zu machen. Genauer gesagt, eine idyllische Parkanlage im Cottage Style. Ich arbeite dran – Fotos seht Ihr unten.

Besonders gut gefällt es hier unserem Wunderrasen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

*(Meine Ex-Chefin hätte mich für diese Plattitüde vermutlich gefeuert…).

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Tür an Tür mit der Depression

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