a-1962-thelwell-jumping-print_0_0_VTOL

Patiencen im Ponyclub

„Da is’ ja noch voll Staub drin!“ – „Die Hufe musst Du aber ordentlicher machen!“ – „Nein, wir legen erst das Pad drauf und dann die Decke!“ – „Manno, immer darf die alles allein machen!“

Puh. Ich stehe mitten in einer Wolke staubenThelwell shaggy messder Ponys und stänkernder Kinder, alle jeweils um einen Meter groß, und spiele ruhenden Fels im Sandsturm. Das ist meine erste Stunde im Ponyclub und wenn alles gut geht, darf ich das Tohuwabohu gleich unterrichten. Und die nächsten Samstage bis zu meiner Trainerprüfung auch. Aber so ganz bestimmt nicht!

„Der ist sauber, die Hufe sind okay, die Decke kommt unters Pad und die kleine Chantalle darf JETZT ENDLICH AUCH MAL PUTZEN!“, brülle ich über Reitkappen und Ponyohren hinweg. Erstaunte Stille. „Bist Du eine Reitlehrerin?“, fragt ehrfürchtig eins der Mädels. „Ja, die bin ich“, antworte ich im Brustton der Überzeugung eines ThelStartingPointRächers der Enterbten, Beschützers der Witwen und Waisen etc. pp. Scheint zu funktionieren.

Mädels und Pferde halten die Klappe, nehmen Haltung an und nachdem auch Klein-Chantalle endlich ihre Wollmaus zum Pony gebürstet hat, tappern wir gemeinsam auf den Reitplatz. Ich denke an meine Oma, die noch im größten Wirbelsturm unbeeindruckt ihre Patiencen* legte und sage mir: Geduld. Nur Geduld.

Der Platz hat die Ausmaße eines Fußballfeldes, und der Wind treibt Ponys und Kids wie Sandkörner in alle möglichen und unmöglichen Ecken. Kaum habe ich ein Pferdchen abgefangen, hüpft ein anderes schon wieder davon. „Abteilung bilden!“ brülle ich. „Ich will vorne reiten!“ – „Nein, ich!“ – „Der Schorschi muss aber immer hinten gehen, der tritt!“ – „Ich bin noch nie in der Abteilung geritten…“ Geduld. Nur Geduld. „Pupsi vorne, dann Lotti, dann Moritz, dann Seppel, dann Schorschi!“, befehlige ich meine Schutzb1962-thelwell-print_700_600_3TCDBefohlenen und los geht’s.

Das ganze klappt exakt 30 Sekunden. Dann muss Pupsi mal pupsen, Lotti läuft auf, Moritz motzt rum, Seppel sieht seine Chance und büxt aus und Schorschi haben wir auf den letzten hundert Metern irgendwo an ein Grasbüschel verloren. Geduld. Nur Geduld.

Ich stiefele über den Platz, sortiere die Ponys erneut und weiter geht’s. Diesmal schaffen wir eine ganze Runde – bis zum Antraben. Pupsi schläft, Lotti zischt ab, Moritz dreht durch und flitzt in die andere Richtung, Seppel fällt hinter Schorschi, und Schorschi schlägt aus, weil er ja immer hinten gehen muss. Geduld, nur Geduld.

536900_524958334211740_877110117_n„Kinners!“, beordere ich alle zu mir in die Mitte. „Ihr müsst auch schon ein bisschen auf Eure Ponys aufpassen! Wenn wir auf dem Hufschlag** reiten, dann reiten wir auf dem Hufschlag und kreiseln keine moderne Kunst in den Sand, OKAY?“ – „Aber der Moritz haut immer ab, und die Pupsi bleibt immer stehen und und und und!“ Geduld, nur Geduld.

Ich erkläre meinen Schützlingen also nochmal genau die Reiterhilfen, klemme mir Moritz untern Arm, sortiere Lotti hinter Seppel ein und lasse erneut antraben. Himmlische Ruhe. 35 Sekunden lang. „Meine Steigbügel sind zu kurz!“ De45820_524009597639947_1253787012_nr Schrei kommt von Kevin, dessen Lotti endlich einmal akkurat in Reih und Glied geht. Aber ich kann das Kind ja nicht im Sattel dotzen lassen, wenn ich doch vorher erst über die richtige Beinlänge referiert habe. Also Lotti wieder raus aus der Reihe zu mir, Moritz kriegt’s spitz und folgt, seine Reiterin plärrt, ich tröste, verziehe Bügelriemen und brülle den anderen ein „Weitermachen!“ zu. Geduld, nur Geduld.

Unfassbar. Nach einer halben Stunde haben wir es endlich geschafft, einmal diagonal durch die Bahn zu wechseln. Ohne Ausfälle. Ohne Ausbrüche. Ich bin begeistert. Die Kids auch: „Wir wollen galoppieren!“, kreischen sie. Ich habe nix dagegen. „Ohja, alle zusammen!!“, kreischen sie. Ich habe entschieden was dagegen. 554192_524009907639916_1865711985_nGrummeliges Gemotze. Aber die Frau Reitlehrerin setzt sich durch: „Die erste im Galopp, marsch!“ Pupsi macht ihre Sache ganz passabel, auch die anderen hopsen fein ums Reitplatzrund bis… „BREMSEN!!!“ Gerade noch rechtzeitig schaltet Lena Moritz runter, damit er nicht auf den Ich-muss-immer-hinten-geh’n-weil-ich-trete-Schorsch aufbrummt. Geduld, nur Geduld.

Wir galoppieren links herum und rechts herum, üben Übergänge vom Trab zum Schritt und Schorschi büxt nur noch zwei M7ccaf608937fcf9fe97606805983eb48al aus. Am Ende der Stunde bin ich schweißgebadet und habe wahrscheinlich mehr Schritte getrabt als alle Ponys zusammen. Geschafft lasse ich die Kids noch einmal vor mir aufmarschieren. „Oh, das war toll!“ ruft Chantalle, „machst Du nächstes Mal wieder unsere Stunde?!“

Geduld. Nur Geduld.


* patience = franz. Kartenspiel, zu Deutsch “Geduldsspiel”
** immer außenrum am Rand entlang
· Die Abbildungen sind aus meinem alten Ponybuch von Norman Thelwell, einem britischen Cartoonist (1923-2004)
· Namen von der Redaktion geändert. Ähnlichkeiten mit real existierenden Ponys oder Personen sind natüüüüüüürlich rein zufällig.

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

Ein Gedanke zu „Patiencen im Ponyclub“

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>