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Schutzbefohlen

Der Mausebär wurde ins Gesicht geschlagen. Im Kindergarten. Weil er anderer Meinung war, als seine “Freundin”. Weil er einfach nur sagte: “Du, das habe ich aber vorhin ganz anders gemeint.”

Der Mausebär ist ungewöhnlich anhänglich, als ich ihn Freitagnachmittag abhole. “Was ist denn los, mein Schatz?”, frage ich. Sie druckst herum, es ist ihr sichtlich unangenehm. Bis sie leise mit der Sprache rausrückt: “Die xy hat mir ins Gesicht geschlagen.”
Viele behutsame Worte später erzählt sie mir ihre Geschichte: Die beiden Mädels waren unterschiedlicher Meinung darüber, was eine von ihnen irgendwann vorher gesagt hatte. Es ging um banale Dinge wie: “Wir wollten doch mit den Puppen spielen?” – “Nein, Du hast gesagt, mit den Legosteinen.”

Okay. Der Mausebär diskutiert gerne. Aber so habe ich ihn erzogen. Immer versuchen, mit Worten eine Lösung zu finden, einen Kompromiss, nachzufragen, dem andern zuzuhören, dann seine Meinung zu äußern. Das ist bisweilen anstrengend. Denn ein Kind, das so aufwächst, in aller Achtung, in großem Respekt, in der Ermunterung, für sich Wort zu ergreifen, fragt nach. Das nervt bisweilen. Und einige ziehen es vor, solche Kinder kurzerhand zum Schweigen zu bringen. Sie geben damit ihr eigenes Verhalten weiter: Unverständnis. Null Bock. Kurzer Prozess. Gewalt.

Auch das andere Mädchen hatte keinen Bock, dem Mausebär zuzuhören. Nachdem dieser seine Meinung geäußert hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Einfach so. “Und was hast Du dann gemacht?”, frage ich meine Tochter erschüttert. “Ich bin weggegangen”, flüstert sie.

Ich muss durchatmen. Ganz tief. Da bringt man seinem Kind bei, Konflikte mit Worten zu lösen, auf den andern einzugehen, ihm zuzuhören, mit ihm zu sprechen. Und der Lohn dafür ist eins auf die Klappe.

Wir kuscheln uns auf die Couch, und es dauert lange, bis ich dem Mausebär erklärt habe, dass Gewalt niemals die Lösung ist. Weggehen aber auch nicht. Dass er sofort laut sagen muss, wenn ein anderer ihm wehtut. Wenn dessen Verhalten nicht gerecht ist. Dass er sich Hilfe suchen soll. Und dass ich immer für ihn da bin. Wir beschließen, am Montag das Thema im Kindergarten anzusprechen – jener Kindergarten, der sich der Vermittlung korrekter Streitkultur rühmt. Der den Kindern in der ganzen Stadt Läden zeigt, wo sie im Notfall Hilfe finden. Und der trotzdem nicht verhindern kann, dass sich seine Schutzbefohlenen in die Fresse schlagen.

Ein Tag und eine Nacht ist vergangen. Der Mausebär ist dieses Wochenende bei seinem Papa. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Wie ich sie kenne, arbeitet das in ihr. Und wird es noch lange tun.

Da rennen wir mit unseren Babys zur Massage, zum Pekip und zur bewusstseinserweiternden Krabbelgruppe. Damit die noch unbefleckten Menschlein besser werden als wir. Gerechter. Fairer. Sozialer. Nur, um das alles dann im vierten, fünften, sechsten Jahr nach ihrer Geburt zu vergessen. Um zu verdrängen, dass die kleinen Menschlein gerade jetzt, wo sie langsam erwachsen werden, für den  Umgang mit sich und der Welt unsere Anleitung brauchen, unsere Unterstützung, unsere Hilfe, unser Wort. Erziehung ist kein Pappenstiel.

Während ich an meiner Nähmaschine sitze, kommt mir ein Telefonat mit der Mutter des Mädchens in den Sinn. Vor kurzem rief sie mich an, weil es im Kindergarten wohl zu Doktorspielen gekommen war. Gerüchten zufolgen. Den wahren Hergang kenne ich nicht. Ich war nicht dabei, und der Mausebär auch nicht. Die Erzieherin vom Mausebär hatte mich beruhigt: “Alles halb so schlimm.”

Das fand die andere Mutter gar nicht: “Meine Tochter wird sich wehren”, droht sie. “Sie soll einfach zurückschlagen. Mein Mann wird es ihr schon beibringen.”

Glückwunsch. Das hat wohl tadellos funktioniert.


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