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Sonnentrost

Als diese schlimme Nacht heute endlich zu Ende ging und es hell wurde, fiel mein Blick auf unsere Kotzekatze. Sie saß vor der Tür und ihr Fell leuchtete. Sie hatte ein LED-Lämpchen verschluckt.

Nein, Scherz, natürlich nicht. Es war die Sonne, die immer in unserem Garten aufgeht. Sie hüllte Nini in ein ganz besonderes Licht, ein Trostleuchten, das mich hinaus in die Kälte gehen ließ, um ganz viel davon einzufangen. Und immer, immer wieder geht die Sonne auf.

Ich klemmte die Kotzekatze untern Arm und sah mir von meinem warmen Küchenstuhl aus den Sonnenaufgang an. In dieser Zeit kam die erste Nachricht. Es folgten weitere, Anrufe, SMS, Mails, Kommentare hier in meinem Blog auf meinen letzten Beitrag. Typisch ich hatte ich zuerst ein schlechtes Gewissen: Oh, Gott, Du hast sie aufgeschreckt, sie machen sich jetzt Sorgen, sie denken “Was hat die Alte schon wieder?”
Aber nein. Jedes einzelne Eurer Worte – Regina, Guido, Manu, Vero, Patricia, Belinda, Petra, Matthias, Birgit, Claudia, Katja und alle anderen! –  war und ist mir ein Trost, eine Sänfte, die mich durch die Depression trägt, ein Sonnenaufgang, der die nächtliche Hölle ausschaltet.

Ich danke Euch sehr dafür!

Heute Morgen hatte ich außerdem ein langes Telefonat mit meinem Bruder. Der Gute hat nicht nur bei meinen Eltern auf den Tisch gehauen und sie dezent *hust* gebeten, an meiner Hochzeit einfach mal die Klappe zu halten (ich liebe Dich dafür!!). Er stellte auch die entscheidende Frage: “Welche Dosierung nimmst Du eigentlich gerade?” Da fiel mir ein, dass ich schon seit Wochen, vielleicht Monaten keine einzige Tablette meines Antidepressivums mehr geschluckt hatte, ich habe sie einfach vergessen. Und außerdem war ich ja ab und an bei meinem Prof – was sollte schon schief gehen.

Tja, genau das: teuflische Depression. Sie saugt Dein letztes Transmitterchen Serotonin auf, aber bis Du dahinterkommst, gaukelt sie Dir weiter ist-ja-alles-supi-dupi vor. Bis Du im nächsten Tief steckst (das geht echt über Nacht!) und es Wochen dauert, Deinen Hormonhaushalt mit Medikamenten wieder aufzufüllen.  Ich falle aber auch jedesmal drauf rein. Merde! Eine Freundin schrieb mir:

“Depressionen sind einfach nur pervers. Sie teilen nichts mit. Sie machen nur kaputt um des Kaputtmachens Willen. Auf keinen Fall hinhören. Sie sind die Sirenen des Odysseus.”*

Ich rief mir ins zermaterte Hirn, was ich Euch ständig predige: Sirenen kümmern sich nicht um  Verhaltensregeln und gute Vorsätze. Grundlagen der Psychotherapie sind Ihnen scheißegal. Du musst Deine Ohren vor ihnen verschließen. Und das geht nur, mit einem intakten Hirnstoffwechsel, der alle Eindrücke ins recht Licht rückt. Finde den Fehler!

Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Möchte ich von mir behaupten können, ich besiege meine Sirenen  mit Willenskraft – eine Stoffwechselerkrankung mit bloßen Worten? Jeden Tag 24 Stunden jede Sekunde, jeden Moment? Noch über 1000 weitere Trigger hinweg?

Nein. Das möchte ich nicht. Ganz entschieden nicht. Nehmen wir an, ich würde 80 Jahre alt. Dann hätte ich nun schon die Hälfte meines Lebens damit vergeudet. Das ist zu viel.

Ich akzeptiere hiermit, dass meine Form der chronischen Depression nicht mit einer Verhaltenstherapie (und leider auch nur ganz, ganz, ganz schwer mit CBASP**) zu heilen ist. IchIMG_0278 habe jetzt wieder mal zwei Jahre durch – und ja, vieles hat sich gebessert. Aber nicht genug, um normal leben zu können. Verhaltenstherapie ist eine tolle Ergänzung, wenn man psychisch stabil ist, um Tricks und Kniffe fürs Leben zu lernen oder zu schauen, welches Trauma eine Depression verursacht hat. Alleiniges Allheilmittel ist sie leider nicht. Oder wie mein alter Psychiater immer sagte: “Du wirst Deine SSRI ein Leben lang nehmen müssen. Aber das ist völlig in Ordnung so.” Eben.

Nun beginnt eine neue Nacht. Sie wird wieder einmal die erste sein auf dem Weg zur Besserung.

Wünscht uns einen guten Schlaf!


* Antwort einer lieben Freundin auf meinen letzten FB-Eintrag
** Ich bin nächste Woche zur Auswertung meiner Ergebnisse zwei Jahre nach Ablauf der Studie im ZI Mannheim. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

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6 Gedanken zu „Sonnentrost“

  1. Zum Thema Medis …. Die Ärztin in der Klinik meinte mal zu mir, das wäre nur eine Krücke und wenn ich meine Verhaltensweisen geändert habe, würde ich sie sicherlich nicht mehr brauchen…. erstens glaube ich nicht daran, auch nicht in Zeiten, wo es mir gut geht und nach deinem Beispiel irgendwie erst recht nicht…. Aber im Endeffekt ist es mir inzwischen egal, solange meine Blutwerte in Ordnung sind. Mir gehts oft genug auch noch schlecht trotz Medis… das kommt bähm mitten aus dem Nichts….

    Du hast einen tollen Bruder! :-)

    1. Danke, keana, ich weiß (das mit dem Bruder) :-)
      Ja, das mit den Medis… ich hatte ja mal Kontakt zu einem Forscher, der in dieser Sache unterwegs ist, und der sagte, Depressionen seien nur ganz, ganz, ganz schwer mit VT in den Griff zu bekommen. Und wenn selbst der das sagt, können wir nicht so falsch liegen…

      Dir alles Liebe!

  2. Aha. Ich habe auch so einen. Nemo.
    [url=https://flic.kr/p/dosYFB][img]https://farm9.staticflickr.com/8463/8130507721_9e561b414e_s.jpg[/img][/url][url=https://flic.kr/p/dosYFB]Untitled[/url] by [url=https://www.flickr.com/people/44934812@N02/]manukora[/url], on Flickr

  3. Liebe Manu,

    ja, eine waschechte. Wir haben sie vor drei Jahren aus dem Tierheim geholt, und seither ist sie hier der Boss in der Siedlung ;-)

    Danke für Deinen Drücker – *drück zurück!*

  4. *staun*
    Ist die Kotzekatze ein Perser?

    Ps. ich habe meine Medis auch vernachlässigt und schleichend und heimtückisch die Quittung bekommen. Ist schon was länger her – Weihnachten – aber auch da bist Du nicht allein.
    *drücke Dich*

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