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Stein-Zeit

Was tun, mitten in der Depression und mit Panikattacken am Hals? Raus! Raus in den Garten, in den großen, wilden Garten. Und dann – einen Stein aufheben. Das Laub darunter behutsam wegfegen, damit die zarten Pflänzlein nicht brechen. DeIMG_2186n Stein wieder hinlegen. Und dann – den zweiten
Stein aufheben. Das Laub darunter behutsam wegfegen, damit die Regenwürmer weiterschlafen können. Den Stein wieder hinlegen. Stein um Atemzug, Atemzug um Stein, bis das Herz weich wird und der Kopf stumm.

Nur ein Stein! Und dann der nächste. Nicht alle auf einmal! Nicht alle Steine und danach noch das Efeubeet und das Rosenbeet und die Rasenfläche und den Vorgarten! Nein. Nur diese eine Reihe, Stein für Stein, so lange, wie es eben braucht.

Während ich mich zwinge und konzentriere, nicht wieder den Überblick und mich selbst zu verlieren, muss ich an Beppo denken. Ihr wisst schon, den Straßenkehrer aus Michael Endes Märchen
“Momo”. Und weil ich mich heute in meinem Garten so verbunden mit ihm, dem Straßenkehrer, gefühlt habe, hier seine Geschichte. Zum Erinnern. Zum Zeitnehmen. Und zum Atemholen:

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenkliIMG_2189ch vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. “Siehst du, Momo”, sagte er dann zum Beispiel, “es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man”.

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: “Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt
IMG_2188es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem.

So darf man es nicht machen.” Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: “Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.” Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: “Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.”

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: “Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.” Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: “Das ist wichtig.”

Nachtrag: Während ich das schreibe und völlig im Hier und Jetzt bin, geht die Tür auf, und der Mausebär kommt plärrend hereingestürmt. Er hat einen Spreisel im Finger. Entweder bekommt er eine Blutvergiftung oder stirbt sofort. Mindestens. Ein Schritt nach dem….”Maaaamaaaaa, das tuuuut sooo weeeeheeee!!!”

Die große Kunst ist, in der Stein-Zeit zu bleiben.
Auch, wenn die nächste Bombe tickt.


Zitat aus: Michael Ende, Momo. Thienemann Verlag; 20. Auflage (1973).

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2 Gedanken zu „Stein-Zeit“

  1. Erst einmal danke für den Artikel. Er kommt zur richtigen Zeit. Heute ist wieder so ein Tag, wo ich denke, ich drehe durch und ich schaffe gar nichts…. Der Gedanke “Schritt für Schritt” ist so wahr, aber wie schafft man das so zu denken, v.a. wenn man sowieso das Gefühl hat, alles bricht über einem ein?

    1. Liebe Keana *drück ganz fest*,

      tja, wie schafft man das. Am besten von Stunde zu Stunde hangeln: In dieser Stunde tue ich NUR genau das! Nicht ablenken lassen. Erst, wenn das vorbei ist, das nächste angehen. Ich weiß, das scheint fast unmöglich, bei mir läuft nahezu ständig ein Film im Kopf, egal, was ich mache. Aber mit manchen Dingen – wie Nähen oder Gärtnern – kann ich mich in den Augenblick versetzen und durchschnaufen. Vielleicht findest Du auch solche Inseln?
      LG

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