Barbed Berries (8217012089) von Craig Sunter from Manchester UK - Barbed BerriesUploaded by russavia

Stich in die Seele

„Du hast Dich ja zugerichtet!“, seufzt meine Lieblingskosmetikerin. Eigentlich bin ich zum Ausreinigen bei ihr. Aber ihr bleibt nicht viel zum Reinigen. Erst einmal muss sie das Schlachtfeld auf meinem Gesicht verarzten.

Immer und immer wieder ist das so. Seit Jahren verbieten mir zig Fachleute, an meiner Haut herumzudoktern. Ich tue es trotzdem, ein Zwang, dem ich nicht Fotowiderstehen kann. Narben und Flecken singen ein Requiem auf einst unversehrte, zarte Wangen. Wenn ich Mitesser, die keine sind, ausquetsche, fühle ich mich rein. Der Druck in mir lässt nach. Erst, wenn alles blutet und schmerzt, komme ich zu mir – und erschrecke über das, was ich mir wieder angetan habe. „Sie vergewaltigen sich selbst“, sagt mein Prof. Er hat wohl Recht.

Ein 14-jähriges Mädchen liest meinen Blog und schreibt mir: „Ich schneide mir in die Arme. Bin ich auch depressiv?“ Ich sitze vor der Frage und schlucke. Nein, denke ich mir, Du bist nicht depressiv. Du hast vermutlich Borderline.

Borderliner zu sein ist schlimmer, als Depressionen zu haben. Allein das Wort stigmatisiert, noch bevor man seinen Namen sagen kann. „Die Verrückten, Schizophrenen, die sich mit Rasierklingen die Arme aufritzen! Bah, wie eklig! Die haben ja was an der Klatsche!“ Ja, vermutlich haben wir was an der Klatsche. Und vermutlich seid genau Ihr der Grund dafür.

Es gibt viele Formen von Borderline. Die Grenzen zur Depression sind fließend. Selbstverletzung ist nur ein SympFolie1tom davon, und nicht jeder Borderliner ritzt sich. In jedem Fall aber sind die Wunden Reaktionen auf einschneidende Erlebnisse.

Wie alle anderen Krankheiten lässt sich auch Borderline nur durch ein detailliertes Screening mittels der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) diagnostizieren. Betroffene müssen Dutzende, sehr persönliche Fragen beantworten, bis feststeht, was genau sie haben und – ganz wichtig – wie genau sie behandelt werden können. Mich macht es sehr wütend, wenn Menschen andere abfällig als Borderliner bezeichnen, ohne einen blassen Schimmer zu haben. Ich empfehle mich und die Fachliteratur.

Borderline heißt übersetzt Grenzlinie. Das Wort stammt vom amerikanischen Psychoanalytiker Adolf Stern, der 1938 alle Symptome zusammenfasste und die Krankheit an der Grenze von neurotischen zu psychotischen Störungen ansiedelte. In neuester Zeit assoziieren viele Borderline mit Menschen, die am Abgrund wandeln. Und so ist es auch:

  •  Betroffene mögen nicht alleine sein und Trennungen auf jeden Fall vermeiden; oft versuchen sie, andere durch ihr Verhalten zu manipulieren oder kontrollieren.tumblr_n2qqps9njj1skbkwbo1_500
  • In Krisen schalten Betroffene komplett ab, sind gefühlstaub. Sie erleben sich als fremd und verändert – wie „im falschen Film“, in „Watte gepackt“ oder einem „Alptraum, aus dem niemand erwacht“.
  • Zwischenmenschliche Beziehungen sind sehr intensiv, aber auch sehr instabil – ein stetes Wechselbad von Hass und Liebe. Partnerschaften werden himmelhochjauchzend begonnen und dann kurze Zeit später ohne ersichtlichen Grund abrupt beendet.
  • Gefühle sind genauso unkontrollierbar, sie ändern sich von einer Sekunde auf die andere, reichen von Angst und Depression über Wut und Aggression bis zum Drang zu sterben oder sich zu zerstören. Stimmungen werden unreflektiert und sofort an andere weitergegeben
  • Impulsivität ist ein großes Thema. Betroffene leben ohne Rücksicht auf Verluste, was oft zu lebens- oder existenzbedrohlichen Situationen führt. Dazu gehört auch Kaufsucht.
  • Schlimm für Betroffene ist, dass sie um ihre Krankheit und ihre Makel wissen. Und sich dafür zu Tode schämen.
  • Borderliner sind wie die meisten Menschen wunderhübsch, finden sich aber abgrundtief hässlich – Folge einer gestörten Selbstwahrnehmung. „Hi, I’m Emma and I hate myself“, schreibt das 14-jährige Mädchen aus meinem Postfach auf ihrer Website.*

Die Ursache für Borderline liegt wie so oft in einer traumatischen Kindheit. Unsicher-desorganisierte Bindungen, keine Words hurtVerlässlichkeit, kein Schutz. Gewalt an Seele und Leib mit Worten und Taten. Wie bei Depressiven auch beeinflussen solche Erlebnisse den Gehirnstoffwechsel, vor allem den des Serotonins.
Das cholinerge System wird empfindsamer; es umfasst die vegetativen Nervenfasern, an deren Enden Acetylcholin gebildet und als Transmitter freigesetzt wird. Acetylcholin (ACh) ist einer der wichtigsten Botenstoffe im Organismus, er vermittelt zum Beispiel die Erregungsübertragung zwischen Nerven und Muskeln und regelt das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasymphatikus. Ist das cholinerge System aus dem Gleichgewicht, kann Erregung nicht mehr abgebaut werden. Ein Mangel an Acetylcholin kann zu Alzheimer führen.
Bei vielen Borderlinern ist die Amygdala, der Mandelkern im Hirn, verkleinert und übererregbar. Sie können Stress nicht mehr verarbeiten. Die Hirnschäden bei Betroffenen sind vergleichbar mit jenen von Patienten, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

Emma weiß, wie sich all das anfühlt. Und ich fühle mit ihr. Jedes Mal bin ich geschockt, wenn auf meiner Überweisung ans ZI neben Depression das Wort Borderline-Syndrom steht. Schnell falte ich den Schein zusammen. Niemand soll es sehen. Vor allem ich nicht.

Folie1Mir geht es mittlerweile gut – bis auf die Quetschpartien im Gesicht. Meiner kleinen Brieffreundin nicht. Ich bin keine Therapeutin und zum ersten Mal fühle ich mich rat- und hilflos. Aber ich bin für sie da und sie für mich, und gemeinsam werden wir einen Weg finden:

Kinder erkennen sich am Gang. Auch im Grenzfall.

*Natürlich heißt Emma nicht Emma, und auch die Zitate auf dieser Seite stammen bis auf das erstgenannte nicht von ihr, sondern von anderen Betroffenen (sic! = Rechtschreibung vom Original übernommen).

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4 Gedanken zu „Stich in die Seele“

  1. Meine Empfehlung für Emma und all die anderen mit BPS (=Borderline-Persönlichkeits-Störung) : Sucht euch eine DBT-Gruppe ! Diese Therapieform wurde entwickelt von der Psychologin Marsha M. Linehan , die selbst eine BPS hat. Mir jedenfalls hat die DBT (= Dialectic-Behavioral-Therapy) viel geholfen. Auch wenn ich immer wieder mal rückfällig werde, weiss ich heute, was ich tun kann, um mich wieder “unter Kontrolle” zu kriegen. Etwas anderes, das ich lernen musste, war die Akzeptanz. Die Selbstverletzungen , und damit auch die Narben, sind ein Teil von mir, den ich niemals ganz verlieren/ besiegen werde – also musste ich lernen, damit umzugehen.
    Mittlerweile ist mir klargeworden, dass es bei den Selbstverletzungen nicht nur darum geht, Schmerzen zu haben/ Blut zu sehen. Es geht viel mehr darum, den inneren, nicht greifbaren Schmerz nach aussen zu leiten, ihn dadurch sichtbar, fassbar, und vor allem: behandelbar zu machen. “An die seelische Verletzung komme ich nicht heran, aber die Wunde am Körper, die beschädigte Haut, kann ich pflegen, kann ich desinfizieren, eincremen, verbinden. Damit hole ich mir ein Stück Kontrolle zurück.

  2. Ihr Lieben!

    Eine weitere Lerserin fragte, als sie von meinen Quetschereien las, ob es “skin picking” sei. Skin Picking Disorder, oder Dermatillomanie, bezeichnet die Manie, sich ständig an der Haut herumzupfen und quetschen zu müssen, bis offene Wunden und Narben entstehen. Skin Picking wurde 2013 als eigenständige Krankheit im ICD als Impulskontrollstörung aufgenommen. Diese Klassifizierung ist umstritten, weil das Zerstören der eigenen Haut bei vielen anderen Krankheitsbildern wie Borderline ebenfalls auftritt.
    Ich werde mal recherchieren und darüber einen eigenen Beitrag schreiben.

  3. Ihr Lieben!

    Eine Leserin fragte, woher ich denn wisse, dass Emma am Borderline-Syndrom leide. Selbstverletzungen allein seien kein Beleg dafür.
    Die Frage ist berechtigt, und ich will gerne darauf antworten. Wie schon erwähnt bin ich kein Therapeut und mir liegen keine Screening-Ergebnisse vor. Mit Emma habe ich natürlich mehr als diese eine Mail gewechselt, wir haben viel geschrieben, ich habe ihre Texte und Bilder gesehen. All das zeigt das typisch deutliche Bild eines Borderliners.
    Wie ebenfalls oben erwähnt, ist allein das Selbstverletzen kein Anzeichen für diese Erkankung. Das Zusammenspiel mit den anderen genannten Faktoren macht sie aus.
    Ich kann Emma auch in keinem Fall therapieren oder ihr ein bestimmtes Verhalten verordnen! Aber ich kann mit ihr in Kontakt bleiben, damit sie jemand hat, um ihre Gedanken zu teilen.

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