Schlagwort-Archiv: Alleinerziehend

Kinderhand-in-Erwachsenenhand

Beautiful Trauma

Das kleine Mädchen kauert an der Heizung, umklammert seinen Teddy und wiegt sich hin und her. Eben gerade wurde es von seiner Mutter verprügelt. Mit dem Kochlöffel. Und beschimpft. “Du Drecksmensch! Bin ich von Dir oder Du von mir!?”
Das kleine Mädchen wehrt sich nicht mehr. Es hat aufgehört, 32938087_1617383025056814_1857917330860802048_nmitzuzählen, wie oft schon es misshandelt wurde. Es hat aufgehört, auf Hilfe zu hoffen. Es ist gefangen in einem Alptraum.

20 Jahre später. Das kleine Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau. Die junge Frau versucht zu leben. Aber immer wieder wird sie krank. Die Ärzte reichen sie weiter von einem zum anderen, bis sie beim Psychiater landet. Der hört ihr endlich zu. Und findet heraus: schwere Depression durch langjährige Misshandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung.

Ihre Freundin leiht ihr ein Buch aus. Indianisches Horoskop – der Rabe. Darin steht, dass die junge Frau nach einem schweren Leben mal eine Heilerin sein wird. Die junge Frau lächelt müde und legt das Buch zur Seite.

Die junge Frau kämpft. Wenn sie eines mitbekommen hat in diesem Leben, dann den Willen, zu überleben. Sie studiert, findet einen tollen Job, heiratet, bekommt ein Baby. Aber immer und immer wieder reißt die Depression sie aus dem Alltag, macht ihr das Leben schwer.

5 Jahre später. Die erwachsene Frau hat eine Reihe an Therapien hinter sich. Weil sie schon immer ein Forschergeist war, hat sie sich intensiv mit dem Thema Psyche und Depression auseinandergesetzt. Sie geht an die Öffentlichkeit, erzählt von sich. Sie lernt zahlreiche andere Menschen kennen, denen es genau so geht wie ihr. Sie merkt: Sie ist kein Alien. Sie denkt: Wenn ich nur einem von ihnen mit meinen Erfahrungen helfen kann, ist schon viel gewonnen. Sie gründet einen Blog, schreibt über ihre Depressionen.

10 Jahre später: Das Mädchen von damals ist unterwegs. Es hat eine wundervolle Familie und ein Zuhause gefunden. Sich selbst noch nicht ganz. Es ist noch auf der Suche, aber immerhin kann es seiner inzwischeIMG_7295n chronisch gewordenen Depression die Stirn bieten. Es lebt sein Leben, so gut es eben geht.

Da trifft es eine Bekannte. Die fragt, ob das Mädchen von damals nicht Lust hätte, auszuhelfen. In einem Heim für psychisch und physisch behinderte Menschen. Das Mädchen von damals hat ein bisschen Angst, aber die erwachsene Frau sagt ja.

Ein halbes Jahr später. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau und wiegt sich hin und her. Sie redet nicht viel, aber wenn, hat sie nur ein Thema. Ihre Stereotypie geht an die Nieren.
Aber ihr gegenüber sitzt das Mädchen von damals, das weiß, was sie durchgemacht hat, das weiß, warum sie heute so sein mag, wie sie ist.
Die eine hört der andern zu. Stunden, Tage, Monate. Manchmal treffen sich ihre Augen, und für einen kurzen Moment ist eine Verbindung da, und die eine kann der anderen in die Seele schauen.


Als mich meine Bekannte vor einem halben Jahr fragte, ob ich nicht bei ihr im Behindertenwohnheim aushelfen könnte, war ich ziemlich unsicher. Ich, mit meiner Sozialphobie, meiner toxischen Scham und meinen depressiven Episoden? Puh…

Ich ging hin – und fühlte mich zuhause. Den Menschen dort war es egal, wie ich aussah, was ich für einen Werdegang hatte, wo ich herkam. Wichtig war für sie nur eins: Wer ist für uns da? Wer hört uns zu? Wer versteht uns? Und ich konnte sie so gut verstehen! Denn so viele lebten dort, die ähnlich wie ich in ihrem Leben ein Trauma erlebt hatten, unter dem sie noch heute leiden – so sehr, dass sie mit ihren Psychosen kein eigenständiges Leben mehr führen können.

Mittlerweile bin ich fest dort angestellt, arbeite 25 Stunden die Woche, begleite die Bewohner des Heims in ihrem Alltag. So unterschiedlich ihre Behinderungen, so einzigartig die Menschen.
Ich sehe keine Behinderungen. Ich sehe, was sie erlebt haben,  warum sie so wurden, wie sie sind, und sehr oft erinnern sie mich an das kleine Mädchen von damals.IMG_7245
Es ist keine leichte Aufgabe, aber eine wunderschöne. So viele Heiratsanträge wie dort habe ich noch nie bekommen :-)
Nein, im Ernst. Immer, wenn ich nach Hause gehe, werde ich gefragt, wann ich wiederkomme. Viele sagen mir, wie schön es ist, dass ich jetzt da bin. Ich bin dort nicht nur erwünscht, sondern geliebt.
Das ist für mich eine ganz seltsame Situation: Menschen lieben mich für das, was ich mit ihnen mache, dass ich einfach für sie da bin, dass ich ich bin.

Momentan bewerbe ich mich für ein berufsbegleitendes Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in unserer Nähe. Ich will noch mehr wissen, noch mehr erfahren, wie ich anderen Menschen helfen kann. Und natürlich auch mir selbst.

Außerdem binIMG_7171 ich jetzt Mitglied im Team von project semicolon. Das ist eine internationale Organisation, die depressiven Menschen mit Selbstmord-Gedanken hilft. Gerade wird eine App entwickelt, mit der man einen provider, also Helfer oder Ansprechpartner, in der Nähe finden kann. Ich werde für Deutschland zuständig sein.
Unser Erkennungszeichen ist das Semikolon. Es sagt: “My Story isn’t over yet!”

Macht mir das alles noch Angst? Nein. Ich glaube, ich habe endlich meine Bestimmung im Leben gefunden.
Nach so vielen Um- und Irrwegen, so vielen Schmerzen und schlimmen Zeiten wird es ja auch endlich Zeit dafür. Das kleine Mädchen von damals ist kein Opfer mehr, sondern auf dem Weg zur Heilerin.

Passt auf Euch auf. Und wenn Ihr Hilfe braucht, schreibt mir.
Eure Patricia


 

Bildschirmfoto 2017-05-06 um 09.14.30

Stigma Depression – neue Studie

Als hätte ich es bei meinem Beitrag vor ein paar Tagen gerochen:

Mein Prof hat gerade eine Studie zur  Stigmatisierung von Personen mit Depressionen gestartet. Und mich gefragt, ob ich diese auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Natürlich tue ich das gerne! Und würde mich sehr freuen, wenn Ihr – natürlich anonym – daran teilnehmt. Das Ganze ist seriös und hat Hand und Fuß. Autoren sind die Universität Mannheim und das dort ansässige Zentralinstitut für seelische Gesundheit, in dem ich auch in Behandlung war. 

Ihr würdet damit sehr die Forschungen an unserer Krankheit unterstützen.

Hier sind Text und Link zur Studie. Ich danke Euch vielmals!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie an dieser Studie teilnehmen möchten. Bitte lesen Sie sich die folgenden Informationen aufmerksam durch.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit Einstellungen zu Depressionen und Vorurteilen gegenüber Personen mit dieser Erkrankung. Zu diesem Thema werden Sie Fragen am Computer beantworten.
Bei Fragen zum genauen Ablauf der Untersuchung, sowie zur Auswahl der Aufgaben wenden Sie sich bitte nach Abschluss der Untersuchung an die Untersuchungsleitung (siehe Kontakt).

Die Dauer der Studie beträgt etwa 10 bis 15 Minuten. Durch Ihre Teilnahme an dieser Studie haben Sie die Möglichkeit, nähere Einblicke in die psychologische Forschung zu erhalten. Vor allem aber können Sie uns dabei helfen besser zu verstehen, wie Vorurteile entstehen und Betroffene darauf reagieren. Des Weiteren können Sie mit Ihrer Teilnahme dazu beitragen, dass Betroffene besser mit Vorurteilen umgehen können.
Ihre Daten sind selbstverständlich vertraulich und werden nur in anonymisierter Form genutzt.
Demographische Angaben wie Alter oder Geschlecht lassen keinen eindeutigen Schluss auf Ihre Person zu. Zu keinem Zeitpunkt im Rahmen der jeweiligen Untersuchung werden wir Sie bitten, Ihren Namen oder andere eindeutige Informationen zu nennen.
Durch die Teilnahme an dieser Studie entsteht kein Risiko,das über die Risiken des alltäglichen Lebens hinausgeht.

Durch die Bestätigung in der Online-Studie, dass Sie diese Einverständniserklärung gelesen haben, erklären Sie sich damit einverstanden an der Untersuchung teilzunehmen.
Ihre Teilnahme an dieser Untersuchung ist freiwillig. Es steht Ihnen zu jedem Zeitpunkt dieser Studie frei, Ihre Teilnahme abzubrechen, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Die Kontaktdaten der Untersuchungsleitung finden Sie zu Beginn und am Ende der Studie.

Und hier der Link:
https://www.soscisurvey.de/zpp-studie/?q=valid


 

IMG_1023

Wat mut, dat mut: Willkommen in der Scheibenwelt

36 Grad, es wird noch heißer…

Ja, ich weiß. Tolle Ausrede. Genauso wie: Ich muss dringend a) die Kotzekatze vom Baum pflücken, b) nervige Fliegen totklatschen, c) Gummibärchen in der Süßigkeitenschublade nach Farben sortieren, d) to be continued (oh, eine Aufzählung, lieben Gruß an M. ;-) ).

Leider schert das meinen Rücken überhaupt nicht. Ja, meine Welt ist eine Scheibe. Genauer gesagt, eine Bandscheibe. Und wer’s exakt Bild2_06_6313075b45wissen will: eine ziemlich lädierte, seit Jahren überstrapazierte und deswegen tot-quietsch-beleidigte-ich-geb-dir-eins-ins-kreuz-damit-du-dich-kaum-noch-bewegen-kannst-wenn-du-keinen-sport-machts-MIT-DIR-SPIEL-ICH-NICHT-MEHR-DU-BIST-NICHT-MEHR-MEINE-FREUNDIN-DREI-AUSRUFEZEICHEN-Bandscheibe.

Nein, sie lässt sich weder mit charmanter Überredungskunst (“Hömma, Du bist gerade 39, lass Dich mal nicht so hängen, Du Gallertdingens, Du!”) noch wüsten Beschimpfungen (“Sakra-krutzi-deifi, jetzt reiß’ Dich aber mal zusammen!…Autsch, doch nicht so!!”) beruhigen. Sie will wie ein drei Tage bei Regenwetter im Haus eingesperrtes Kleinkind loshüpfen. Und zwar JETZT.

Hachja. Is’ ja nicht so, dass wir schon eine Depression mit uns rumschleppen würden. Naaaahaaaaaain. Jetzt muss einem auch noch der eigene Rücken ins Kreuz fallen!

“Okay”, sage ich zur Scheibe, nachdem ich sie zwei Jahre lang ignoriert habe und sie mich dafür jeden zweiten Monat außer Gefecht gesetzt hat. “Waffenstillstand. Ich schlepp Dich, äh, mich ins Fitti, und Du gibst dann Ruhe. HOST MI ?!?”

Ja, so kam heute der Tag der Tage….während alle anderen zum Badesee pilgerten, tuckerte ich einsam und allein ins Fitnesscenter. Kein Schwein war da, klar bei dem Wetter (hier wäre dann die Stelle, wo Ihr alle ganz laut “OOIMG_1024OOOOCH” sagen müsst), außer dem Trainer. Und der unterzog mich, meinen zwei Jahre alten Trainingsplan (Ihr kennt das: einmal im Studio angemeldet, regelmäßig gezahlt, nie hingegangen) und meine Scheibe erstmal einer Generalüberholung.

Ich gestehe es nicht gerne, aber das tat – gut. Also nicht nur, meinen geplagten Rücken mal wieder richtig zu strecken und meine *räusper* hoffentlich bald wieder vorhandenen Bauchmuskeln zu stärken. Nein, auch der Kopf prustete und pustete mal so richtig durch. Ich hatte völlig vergessen, wie ich beim Training ins Nichts abtauchen kann – ähnlich wie beim Nähen. Blick ins Nirwana und nur fühlen, wie alle Spannung aus dem Körper weicht. Ausatmen. Zur Ruhe kommen. “Schöööön”, sagt die Scheibe da. “Wollen wir vielleicht wieder Freunde sein?”

SPORT UND DEPRESSION

Nein. Ich tue das nicht wegen des bösen Onkels. Denn ich weiß schon seit Jahren, dass ich mich in meinem Körper nicht wohl fühle. Zu den Kreuzschmerzen kommen die Seelenstiche. Jedes Mal, wenn es Sommer wird. Jedes Mal, wenn ich schwimmen gehen muss. Jedes Mal, wenn ich meine Kleidung wechsle und dabei dummerweise mit einem Auge am Spiegel hängen bleibe. Ich mache also auch Sport, damit es mir wieder leichter ums Herz wird.

Dass Sport bei Depressionen helfen soll, ist ein alter Hut. Die Krux daran ist, dass Depressive es einfach nicht schaffen, sich aufzuraffen. Wen nur das bloße (Über)leben – und ich rede jetzt nicht mal vom Job oder Alltag einer alleinerziehenden Mutter! – Energie kostet, wer soll sich da noch ins Fitnesscenter schleppen? Ich schaffe das auch nur, weil es mir gerade gut geht. Diese Kraft nutze ich dafür, endlich etwas für mich zu tun. Denn dass ich kaum ohne Schmerzen stehen, liegen oder sitzen kann, dass ich mich selbst nicht leiden mag, raubt mir jeden Tag zusätzlich Lebenswillen. Ich habe die Wahl, und ich werde sie nutzen, weil ich gerade kann. Wenn Ihr es nicht könnt: Alles ist gut! Macht Euch keinen Stress! Es besteht kein Zwang, als Depressiver Sport zu treiben.

Aber die ganzen Endorphine! Humbug. Noch gibt es keinen Beweis, dass Sport den bei uns gestörten Serotonin-Stoffwechsel wieder ins Lot bringt. Was Bewegung allerdings tut, ist Stress abbauen. Denn wie wir wissen, hat eine langanhaltende Stressbelastung zur Folge, dass der Adrenalinspiegel im Körper steigt. Das führt zu einer Hochregulation des Cortisons und später zu einer Erschöpfung des Systems – auch des Serotonin-Stoffwechsels. Die Folgen sind: Migräne, Schmerzen, Burn-out, Depression.

Was ich damit sagen will: Stress, egal ob körperlicher oder seelischer und vor allem lang anhaltender, muss abgebaut werden – indem wir unseren kompletten Stoffwechsel durch Bewegung wieder ausgleichen. Das funktioniert aber nur, wenn der Sport selbst nicht wieder in Stress ausartet! Also denkt dran: immer schön locker bleiben!





Hier geht’s zurück zum Eingang!                                   Hier geht’s zu FB!

air-birds-cross-fields-fly-2503402-1920x1080

Kreuzschmerzen

Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Bevor ich mir die Schläge und Schreie zu Hause gab, verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Großvater. Er war Küster unserer Gemeinde und seine Kirche mein Revier. Ich kannte sie alle, die großen und kleinen Heiligen, weil Opa ihnen in seinem Atelier mit beißend riechender Ölfarbe neue Lächeln in die gestrengen Gesichter zauberte. Wenn ich heute an Weihnachten vor seiner Krippe stehe und den heiligen Josef sehe, weiß ich, mein Großvater lächelt mich an.

My lover’s got humour
She’s the giggle at a funeral
Knows everybody’s disapproval
I should’ve worshipped her sooner

Die Glocken waren meine Freunde. Auch sie kannte ich beim Namen, und das Größte war, wenn ich sie zur Heiligen Messe rufen lassen durfte. Dieser Knopf für diese und jener Schalter für jene, und es brauste in den Ohren, dass der Kirchturm wackelte.

If the heavens ever did speak
She’s the last true mouth-piece
Every Sunday’s getting more bleak
A fresh poison each week

Damals war ich fünf. Und ich zweifelte nicht. Nicht, dass es den lieben Gott gab und die Jungfrau Maria und den Heiligen Sankt Martin, der mit seinem wunderbaren Schimmel jeden November durch die Straßen ritt, seinen Mantel und anschließend Weckmänner verteilte.

We were born sick
You heard them say it

Jeden Mai denke ich an diese Zeit, wenn eine bestimmte Baumsorte beginnt, nach Gummibärchen zu duften – jene Bäume, unter denen wir an Fronleichnam feierlich den Leib Christi durch die wunderschön geschmückten Straßen trugen. Erinnerungen, verblasst.

My Church offers no absolutes
She tells me, “Worship in the bedroom.”
The only heaven I’ll be sent to
Is when I’m alone with you—

Ich zweifelte nicht, als ich zur ersten heiligen Kommunion ging, bei der das weiße Kleid allen wichtiger war als das, was da passierte – wie hätten wir es auch verstehen sollen, als Neunjährige? Ich zweifelte niemals, auch nicht, als ich Lobeshymnen im Kirchenchor sang und auch nicht, als ich ganze Jugendgottesdienste vorbereitete.

I was born sick, but I love it
Command me to be well
Amen. Amen.

Du sollst nicht lügen! Während des Firmunterrichts mussten wir wie schon oft zuvor beichten. Das wurde ganz groß geschrieben und war immens wichtig, bläute meine Mutter mir ein. Ich saß da und mir fiel partout nichts ein, was ich hätte falsch gemacht haben können. „Vielleicht“, sagte ich zu dem Priester, „ist meine Sünde, dass meine Mutter micht nicht mag?“
Er verstand den Wink nicht. Er druckste herum und sagte, wenn ich Probleme hätte, sollte ich doch mal mit der Gemeindereferentin sprechen. Gewalt in der Familie, das war nichts für seinen katholischen Beichtstuhl.

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins and you can sharpen your knife
Offer me that deathless death
Good God, let me give you my life

Anyway. Drei Ave-Maria, und die Sache war vergessen. Ich machte tapfer weiter, verteidigte Gott und meine Kirche. Im Gedächtnis blieb mir eine Szene: Unsere Clique fuhr wie jeden Tag mit dem Zug zur Schule. Jemand machte einen Witz über den Papst. Ich war erbost: „Glaubst Du nicht an Gott, wenn Du Dich so über den Papst lustig machst?!“ schrie ich ihn an. Die verwunderten Blicke waren mir egal.

 If I’m a pagan of the good times
My lover’s the sunlight
To keep the Goddess on my side
She demands a sacrifice

Mein Glaube war angeknackst. Ich ließ es nicht zu. Ich war katholisch erzogen, und ich wollte nichts anderes. Und ganz insgeheim hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich Gott verließe. Würde ich nur noch Pech im Leben haben und später schwitzend in der Hölle schmoren? „Gott wird Dich noch strafen!!“, schrie meine Mutter immer wie von Sinnen, wenn sie mal wieder – warum auch immer – auf mich eindrosch.

Drain the whole sea
Get something shiny
Something meaty for the main course

Ich studierte Geschichte, und ich studierte die Bibel und alles, was NICHT in der Bibel stand. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich als Frau wohl die perfekte Priesterin gewesen wäre, hätten irgendwelche antifeministischen Bischöfe nicht auf so einem depperten Konzil die falschen Schriften zum Wort Gottes erklärt.

That’s a fine looking high horse
What you got in the stable?
We’ve a lot of starving faithful
That looks tasty
That looks plenty
This is hungry work

Aber es half nichts. Gott entglitt mir immer mehr, und ich ihm. Was damals im Beichtstuhl zerbrochen wurde, war nicht mehr zu kitten. Wo war er, der liebe Gott mit all seinen Heiligen in meinen tiefsten Depressionen, wenn es mir richtig dreckig ging? Erhörte er meine Gebete, nahm er mich an der Hand und führte mich zu sanften Auen und dem Ruheplatz am Wasser? Leitete sein Stecken und Stab mich mit Zuversicht aus dem Tal der Todesschatten? Nein!

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins so you can sharpen your knife
Offer me my deathless death
Good God, let me give you my life

Vierzig verdammte Jahre musste ich alt werden, um der Hölle zu entrinnen. Und der letzte, der mir dabei geholfen hat, war Gott oder seine Kirche. Blasphemie, mag sein. Aber der einzige, der mich durch all die Jahre gerettet hat, war ich selbst.
Als der Mausebär kam, ließ ich ihn taufen, katholisch natürlich. Ich wollte ihn nicht ungeschützt und ohne Segen in diese Welt schicken. Am Anfang besuchten wir eifrig Kindergottesdienste. Ich wollte, dass er einen Glauben kennenlernt, bevor er sich dafür oder dagegen entscheidet. Aber es war ihm nicht wichtig. Er kennt alle Geschichten über Gott und Jesus und die Heiligen. Aber sie kümmern ihn nicht. Er braucht keinen Herren, der ihm Nächstenliebe gebietet und nach der rechten auch noch die linke Wange schlägt. Der sich einfach so ans Kreuz schlagen lässt ohne Widerworte und dann behauptet, er hätte uns alle damit gerettet. In meinem Fall leider umsonst. Lasset die Kinder zu mir kommen? Im Leben nicht!

No Masters or Kings when the Ritual begins
There is no sweeter innocence than our gentle sin

Wir waren vor kurzem in Paris flittern, DeHasen und ich. Eigentlich wollten wir nur Notre Dame besichtigen (die Glocken!). Nebenbei bemerkte unsere Führerin, dass wir dort heute die Dornenkrone sehen würden. Die Dornenkrone? Die echte? Ich wollte unbedingt dahin. Ich wollte sie sehen. Warum nur, wo ich doch meinem Glauben abgeschworen hatte? Ich konnte es nicht erwarten. Sie lag in Notre Dame, in der hintersten Ecke, verborgen hinter dickem roten Glas. Ich glaube nicht, dass sie jemand erkannte, und ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich die echte war.Krone

Ich setze mich davor, starrte sie an. Und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit, ich war nicht da, in dieser Kirche, ich stand vor Jesus und wir hielten Zwiesprache. „Wieso hast Du das getan?“, warf ich ihm vor, „wieso hast Du so gelitten? Verdammt, ich weiß, was es heißt zu leiden, also wozu? Um ein paar Nasen zu zeigen, wie toll Du bist?“ Ich bekam keine Antwort, natürlich nicht. Aber etwas anderes. Da war einer, dem es wohl ergangen war wie mir. Der genau wusste, wie es sich anfühlt, im tiefsten Dunkel keinen Ausweg mehr zu sehen. All das Leid, all die Schmerzen, all die Menschen, die Dir Unrecht tun, Dich verhöhnen, Dich verprügeln, immer und immer wieder und keiner da, der Dich schützt. Der Dir nicht nur ein billiges Schweißtuch reicht, sondern den andern auf die Fresse haut und schreit: Spielt Eure schmutzigen Spielchen mit jemand anderem!!!

In the madness and soil of that sad earthly scene
Only then I am Human
Only then I am Clean

Als ich fertig geweint hatte, stand ich auf und ging. So ist das, Jesus. Niemand sucht sich aus, in welche Welt er geboren wird. Und sein eigenes Kreuz, das muss schon jeder selbst tragen.

Amen. Amen.


Titelbild: Air birds cross flieds fly, n.n.
Englischer Songtext von Hozier, Take me to church

Foto der Dornenkrone: DeHasn

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!              Hier geht’s zu Facebook!

 

Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.44.38

Du bist da, um…

… Tja. Warum bin ich eigentlich da? Bei all dem Mist, der mir im Leben begegnet, all den Kämpfen, all den Hoffnungslosigkeiten – warum bin ich dann noch da? Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.16

Der Mausebär und ich haben einen Lieblingsfilm. Den haben wir schon so oft geschaut, dass wir ihn mitsprechen können.

Und dennoch: Jedesmal, wenn wir ihn wieder sehen, bezaubert und fasziniert er uns gleichermaßen. Denn er hat Antworten auf Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.27Fragen, die wir uns jeden Tag aufs Neue stellen. Nehmt Euch Zeit und schaut ihn in Ruhe an. Ihr findet ihn hier.

Und noch etwas möchte ich Euch sagen: Ich schreibe in der letzten Zeit nicht. Wie Ihr wisst, steht uns in zwei Wochen ein großes Fest in die Bloghütte. Mir gehen tausend Gedanken im Kopf herum, und ich formuliere tausend Geschichten. Allein die Zeit fehlt mir, alles aufzuschreiben. Und Zeit braucht es, Geschichten auf Papier – oder in die Tastatur – fließen zu lassen.

Aber glaubt mir, ich bin jeden Tag bei Euch. Nicht nur, weil mir ständig Dinge begegnen, die ich Euch Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.47.21am liebsten mitteilen würde. Sondern auch, weil Euch Dinge begegnen, die Euch beschäftigen, worüber ich mir wiederum Gedanken mache.

Ich bin mit Euch connected, die ganze Zeit, überall.

Passt auf Euch auf.


Film: Die große Frage. Copyright WDR 2014

Hier geht’s zurück zum Eingang!

IMG_3782

Schutzbefohlen

Der Mausebär wurde ins Gesicht geschlagen. Im Kindergarten. Weil er anderer Meinung war, als seine “Freundin”. Weil er einfach nur sagte: “Du, das habe ich aber vorhin ganz anders gemeint.”

Der Mausebär ist ungewöhnlich anhänglich, als ich ihn Freitagnachmittag abhole. “Was ist denn los, mein Schatz?”, frage ich. Sie druckst herum, es ist ihr sichtlich unangenehm. Bis sie leise mit der Sprache rausrückt: “Die xy hat mir ins Gesicht geschlagen.”
Viele behutsame Worte später erzählt sie mir ihre Geschichte: Die beiden Mädels waren unterschiedlicher Meinung darüber, was eine von ihnen irgendwann vorher gesagt hatte. Es ging um banale Dinge wie: “Wir wollten doch mit den Puppen spielen?” – “Nein, Du hast gesagt, mit den Legosteinen.”

Okay. Der Mausebär diskutiert gerne. Aber so habe ich ihn erzogen. Immer versuchen, mit Worten eine Lösung zu finden, einen Kompromiss, nachzufragen, dem andern zuzuhören, dann seine Meinung zu äußern. Das ist bisweilen anstrengend. Denn ein Kind, das so aufwächst, in aller Achtung, in großem Respekt, in der Ermunterung, für sich Wort zu ergreifen, fragt nach. Das nervt bisweilen. Und einige ziehen es vor, solche Kinder kurzerhand zum Schweigen zu bringen. Sie geben damit ihr eigenes Verhalten weiter: Unverständnis. Null Bock. Kurzer Prozess. Gewalt.

Auch das andere Mädchen hatte keinen Bock, dem Mausebär zuzuhören. Nachdem dieser seine Meinung geäußert hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Einfach so. “Und was hast Du dann gemacht?”, frage ich meine Tochter erschüttert. “Ich bin weggegangen”, flüstert sie.

Ich muss durchatmen. Ganz tief. Da bringt man seinem Kind bei, Konflikte mit Worten zu lösen, auf den andern einzugehen, ihm zuzuhören, mit ihm zu sprechen. Und der Lohn dafür ist eins auf die Klappe.

Wir kuscheln uns auf die Couch, und es dauert lange, bis ich dem Mausebär erklärt habe, dass Gewalt niemals die Lösung ist. Weggehen aber auch nicht. Dass er sofort laut sagen muss, wenn ein anderer ihm wehtut. Wenn dessen Verhalten nicht gerecht ist. Dass er sich Hilfe suchen soll. Und dass ich immer für ihn da bin. Wir beschließen, am Montag das Thema im Kindergarten anzusprechen – jener Kindergarten, der sich der Vermittlung korrekter Streitkultur rühmt. Der den Kindern in der ganzen Stadt Läden zeigt, wo sie im Notfall Hilfe finden. Und der trotzdem nicht verhindern kann, dass sich seine Schutzbefohlenen in die Fresse schlagen.

Ein Tag und eine Nacht ist vergangen. Der Mausebär ist dieses Wochenende bei seinem Papa. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Wie ich sie kenne, arbeitet das in ihr. Und wird es noch lange tun.

Da rennen wir mit unseren Babys zur Massage, zum Pekip und zur bewusstseinserweiternden Krabbelgruppe. Damit die noch unbefleckten Menschlein besser werden als wir. Gerechter. Fairer. Sozialer. Nur, um das alles dann im vierten, fünften, sechsten Jahr nach ihrer Geburt zu vergessen. Um zu verdrängen, dass die kleinen Menschlein gerade jetzt, wo sie langsam erwachsen werden, für den  Umgang mit sich und der Welt unsere Anleitung brauchen, unsere Unterstützung, unsere Hilfe, unser Wort. Erziehung ist kein Pappenstiel.

Während ich an meiner Nähmaschine sitze, kommt mir ein Telefonat mit der Mutter des Mädchens in den Sinn. Vor kurzem rief sie mich an, weil es im Kindergarten wohl zu Doktorspielen gekommen war. Gerüchten zufolgen. Den wahren Hergang kenne ich nicht. Ich war nicht dabei, und der Mausebär auch nicht. Die Erzieherin vom Mausebär hatte mich beruhigt: “Alles halb so schlimm.”

Das fand die andere Mutter gar nicht: “Meine Tochter wird sich wehren”, droht sie. “Sie soll einfach zurückschlagen. Mein Mann wird es ihr schon beibringen.”

Glückwunsch. Das hat wohl tadellos funktioniert.


Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

Welle Titel

CBASP – Wellenreiten für chronisch Depressive

Dieser Text ist für A. und M. und alle anderen, die noch einen Ausweg aus der Depression suchen. Er ist ein wenig *räusper* lang geraten. Also nehmt Euch ne Tasse Kaffee, nen Keks und vor allem Zeit und kommt mit mir in den April 2012…

Da sitze ich wieder, in dem kleinen, muffigen Räumchen des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), zweiter Stock, Flur ganz durch, hinten links. Während ich diesen Text schreibe, bin ich erneut mitten drin, im ZDCIM112GOPROimmer, im Geschehen, in der Therapie – jene Therapie, die mir beibrachte, nicht in den Wellen meiner Depression zu versinken, sondern sie zu reiten. Die für mich die Rettung war.

Frühjahr 2012. Ich habe eine Geburt hinter mir, eine Scheidung, drei Umzüge mit Kleinkind, drei Jahre als alleinerziehende berufstätige Mama und einen Arbeitgeber, der mich gerade hinaus gemobbt hat. Alles so viel, dass weder mein Antidepressivum Citalopram noch eine „normale“ Verhaltenstherapie mehr greift. Ich bin am Ende. In meiner Verzweiflung google ich nach Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Depressive und lande auf der Homepage des ZIs. Dort suchen sie Teilnehmer für eine Studie. Eine neue Behandlungsform ist aus den USA herübergeschwappt, angeblich genauso wirksam wie Antidepressiva und vor allem für chronisch Depressive.

Ich maile hin und lande bei meinem heutigen Prof. „Bitte“, flehe ich ihn an, „helfen Sie mir! Das ist meine letzte Rettung.“ Tatsächlich lädt er mich zum Screening ins ZI. Ich werde auf Herz und Seele geprüft. Denn nur Patienten mit eineBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.19.13m tatsächlich chronischen Depressionsverlauf können an der Studie, welche die Wirksamkeit der neuen gegenüber alten Therapieformen beweisen will, teilnehmen. Ich bete, dass der Test positiv ausfällt und ich zu den Probanden der neuen Therapie gehöre. Es klappt. Mein Depressionsindex liegt bei 87 (Gesunde haben null, bei 90 gibt man sich glaub’ ich die Kugel), und ich werde der neuen Therapieform zugeteilt. Ich bin unendlich erleichtert und fortan Studienteilnehmer, Gruppe CBASP.

Was klingt wie eine Wespe mit Startschwierigkeiten, heißt in Langform „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy” (CBASP) – zu Deutsch „Kognitives Verhaltens-Analyse-System der Psychotherapie“. Das neue Behandlungsverfahren wurde Ende der 1990er von Prof. James P. McCullough Jr. (Virginia Commonwealth University, USA) entwickelt, um 2006 kam es nach Deutschland. Es ist bis heute weltweit der einzige Therapieansatz, der speziell für chronisch (länger als zwei Jahre) Depressive konzipiert wurde.

CBASP geht davon aus, dass chronisch Depressive durch früh erfahrene Traumata (Misshandlungen, Verluste oder chronische Vernachlässigung) sozial und emotional in ihrer Entwicklung meblockiert wurden. Die Betroffenen haben nie gelernt, mit anderen Personen und ihrer Umwelt zu interagieren. Wenn sie es heute dennoch versuchen, und das aufgrund fehlenden „sozialen Wissens“ schief geht, sind sie frustriet und ziehen sich immer weiter zurück.

In der Kindheit traumatisierte Menschen bleiben oft in einem präoperativen Entwicklungsstadium stehen, also sozial und kognitiv auf der Stufe eines zwei- bis siebenjährigen Kindes. Versetzt Euch in eine Sechsjährige, die sich durch den Managementdschungel eines Großunternehmens mit all seinen menschlichen Spitzfindigkeiten schlagen muss. Das ist die Erklärung, warum so viele, die doch so qualifiziert sind, so oft scheitern.

Haben Menschen nicht die Chance, dieses Entwicklungsdefizit aufzuarbeiten, leiden sie ein Leben lang an niedrigem Selbstwert und einer generellen Hoffnungslosigkeit. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur genauen Beobachtung und Selbstwahrnehmung. Zudem können sie Erfahrungen kaum verarbeiten. Deswegen fällt es chronisch Depressiven sehr schwer, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Besonders fremde oder neue Menschen und Situationen sind anstrengend, weil sie automatisch mit Personen und Erlebnissen Bildschirmfoto 2014-10-02 um 14.53.25früherer Traumata gleichgesetzt werden. Beispiel: „Mama hat mir immer weh getan, also wird auch Herr oder Frau XY mir immer wehtun.“

Was CBASP nun tut, ist, diese finsteren Gedanken zu durchleuchten, aufzudröseln, kleinzuhacken, zu überprüfen und sie durch neue, positive, zielführende zu ersetzen. Der Patient lernt, dass niemand außer ihm selbst über seine Gedanken bestimmen kann. Dass es in seiner Macht liegt, wie Leute ihn sehen und auf ihn reagieren und wie er sich verhält. Er wird vom ferngesteuerten Opfer seiner Depression zum selbstbestimmten Agitator seines Lebens.

Klingt alles so wunderbar, so einfach, oder? Isses aber nicht. (Wäre ja auch zu schön gewesen… ;-)) Stellt Euch vor, Ihr wart 20 Jahre gelähmt an einen Rollstuhl gefesselt und habt nun die Chance, wieder gehen zu können. Wie lange brauchen Eure Nerven, Eure Muskeln und letztlich Euer Willen, das in Angriff zu nehmen – vom ersten Schritt bis zum Marathonlauf? Vermutlich ein Jahr. Mindestens. Genauso ist es bei CBASP. Zwischen dem Entschluss, sich in Bewegung zu setzenCBASP1 und dem Erreichen der Ziellinie liegt ein Jahr harten Trainings. Ich will Euch zeigen, wie meins aussah.

Zuerst einmal musste ich herausfinden, warum ich falsch gepolt war. Dass ich es war, war mir klar, aber nicht, wieso! Also gingen mein Therapeut und ich meinem Leben auf den Grund – bis in die frühe Kindheit…

  • Wie sah es mit meinen emotionalen Bedürfnissen aus, wurden sie erfüllt? Wie Ihr an dem Flipchart-Blatt aus meiner ersten Sitzung im April 2012 erkennen könnt, lautet die Antwort: Nein. Meine Mutter hatte kein Interesse an mir, unterdrückte mich und trat meine Bedürfnisse sprichwörtlich mit Füßen. Mein Vater tat es ihr gleich. Mein Großvater, der mit uns im Haus lebte, erkannte meine Bedürfnisse, unterstützte mich aber nicht, weil er genauso viel Schiss vor meiner Mutter hatte wie ich.
    Ich lernte: Meine Bedürfnisse und ich interessieren niemanden.
  • Meine Kindheit war geprägt von negativen Gefühlen. Die Mutter drohte mit Strafe (körperliche und psychiche), ansonsten kam von ihr keinerlei Unterstützung. Der Vater strafte ebenso und war kaltherzig. Mit dem Großvater war ich verbunden im Leid, aber auch von ihm kam keine Hilfe.
    Ich lernte: Ich muss CBASP2alles selber mit mir abmachen; ich werde herabgewürdigt und gestraft, wenn ich zeige, wie es mir geht.
  • Bei „Fehlern“ meinerseits (die meine Mutter willkürlich zu solchen erklärte) kam es zur Strafe durch die Mutter, wiederholt abends vom Vater und zu sogenannten Familiengerichten, bei denen ich nochmals verurteilt und bestraft wurde.
    Ich lernte: Ich darf keine Fehler machen! Und ich bekam nie ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.
  • Auch der Beziehungsfähigkeit drückte meine Kindheit ihren Stempel auf. Von meiner Mutter erfuhr ich null Nähe, dafür Gewalt. Dasselbe gilt für meinen Vater, wobei er Nähe zuließ, wenn die Mutter es nicht mitbekam. Meine Großeltern, die weiter weg lebten, gaben mir alle Liebe und Nähe, die sie hatten. Sie waren mein Rückzugsort, der aber zeitlich begrenzt auf ein paar Wochen im Jahr blieb.
    Ich lernte: Beziehungen sind nicht verlässlich.

All diese Erfahrungen, all diese Stempel setzten sich in mir fest und beeinflussten jede weitere Begegnung, jeden weiteren Schritt in meinem restlichen Leben, ja sogar die Art und Weise, wie andere auf mich reagierten. Wie es in den Wald hineinruft…? Ja. Blödes Sprichwort. Aber es stimmt. Wissenschaftlich erwiesen. Schaut Euch den Kiesler-Kreis an. Er zeigt, wie sich Personen untereinander Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.05verhalten, welche Rolle sie einnehmen. Ist der eine dominant-distanziert, wird der andere unterwürfig-distanziert reagieren – so geschehen bei meiner Mutter und mir, siehe mein Kiesler-Kreis von einer Therapiestunde ganz am Anfang. Selten ändert sich der andere. Also könnt Ihr diesen Teufelskreis nur durchbrechen, indem IHR Euch ändert, IHR eine andere Rolle einnehmt. Sobald Ihr nicht mehr feindselig-unterwürfig, sondern zum Beispiel freundlich-dominant agiert, wird der andere freundlich-unterwürfig reagieren. Das ist kein Hokuspokus, keine Magie, sondern einfach menschlich.

Im Nachhinein erklären diese Blätter vom Flipchart meines Therapeuten so vieles, fast alles. Aber bis zum Frühjahr 2012 wusste ich davon nichts. Als Kind hatte ich keine Möglichkeit, das zu erkennen oder zu verändern. Und als Erwachsene war und bin ich noch immer zutiefst schockierBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.32t darüber, was meine Eltern mir angetan und mir somit die Chance auf ein normales, glückliches Leben genommen haben.

Die Kunst war nun also, mich so umzupolen, dass ich auf meine Mutter und stellvertretend alle anderen Menschen nicht mehr feindselig-unterwürfig reagieren oder ihnen erst gar nicht in dieser Weise gegenübertreten würde. Dass ich nicht länger als Opfer leben müsste. Oh, Gott, dachte ich damals, mitten in der Depression. Wie soll ich das nur schaffen? In ganz, ganz, ganz kleinen Schritten und mithilfe der CBASP-Situationsanalyse. Weiter unten habe ich Euch zwei typische Beispiele aus meiner Therapiezeit eingefügt. Wie ein Patient mit Schlaganfall musste ich wieder lernen, meine Gedanken und meinen Körper selbst zu leiten.

„Wenn Sie einen Brief schreiben möchten“, fragte mein Therapeut, „was tun Sie da?“
„Ich mache mir Gedanken über den Inhalt und schreibe los“, sagte ich.
„Hm“, sagte der Therapeut. „Wenn sie einen Brief schreiben möchten, müssen Sie erst einmal einen Stift zur Hand nehmen. Und was tun sie, um den Stift in die Hand zu nehmen?“
„Ich greife danach?“DCIM112GOPRO
„Aha. Und was müssen Sie Ihrer Hand sagen, damit sie das auch tut?“
„Greif!“

Zweimal die Woche fuhr ich nun ins ZI und analysierte eine Stunde lang genau EINE Situation wie zum Beispiel das Aufheben eines Stiftes. Es waren nur Sekundenbruchteile einer Szene, die mich völlig aus der Bahn warfen: Meine Mutter öffnet die Tür, schaut mich an, ich heule. Wir fanden heraus, welche meiner Gedanken mich in die Irrealität, in frühere Situationen, führten. Ich lernte, sie zu destillieren, durch neue zu ersetzen. In zahllosen Rollenspielen saß ich Menschen meines früheren Lebens gegenüber und führte Dialoge ein zweites Mal – bis ich diejenige war, die freundich-dominant den Gesprächsverlauf und damit mein Leben  bestimmte.

Hier seht Ihr zwei meiner Blätter als Beispiel (anklicken), die Ihr gerne auch für Euch als Vorlage herunterladen könnt:
Situationsanalyse Hochzeitskleid
Situationsanalyse Döner

Was wir nicht in den Therapiesitzungen besprechen konnten, analysierte ich alleine zuhause. Nun hat ein Tag ziemlich viele Sekundenbruchteile und eine Woche erst recht. Also analysierte und analysierte ich, in meiner Wohnung stapelten sich Blätterberge, mein Leben war eine einzige Situationsanalyse. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf, erforschte meine Gedanken, entlarvte die Irrläufer, formulierte meinen Schlachtruf („Schlaf ein!“) Welle 02und betete ihn so lange mantramäßig vor mich hin, bis niemand außer mir mehr in meinem Kopf war – und ich tatsächlich einschlief.

Oft genug war ich versucht, wieder meine Antidepressiva, die ich vor Therapiebeginn absetzen musste, zu nehmen. Aber ich hielt durch. Ich wusste, es war meine letzte Chance. Ich lernte, mich bewusst mit Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, Geburtstage zu feiern, zusammen zu arbeiten. Ich fand heraus, was für mich falsch und richtig war, was (und wen) ich liebte und was (und wen) nicht. Ich äußerte Kritik, und Kritik von anderen tat nicht mehr so weh. Und – die Königsdisziplin – ich sagte meiner Mutter ins Gesicht, dass ich anderer Meinung sei als sie und das tun würde, was mir gefiele.

Ein Jahr dauerte es, Training rund um die Uhr, bis sich das neu Erlernte in meinem Hirn festsetzte, automatisierte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nicht mehr bei jeder GeBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.23.55legenheit Blatt und Stift aus der Tasche zog, sondern unbewusst die Situation schon gemeistert hatte. CBASP war fest in mir verankert, hatte alte Denk- und Verhaltensmuster bei Seite geschoben, sich etabliert und mein inneres, traumatisiertes Kind wachsen und heilen lassen. Im April 2013 war mein Leben endlich selbstverständlich geworden, und ein letztes Screening zeigte statt einem Index von 87 die Zahl Drei. Nicht mehr chronisch depressiv. Ganz ohne Medikamente. Nur mit CBASP. Und allein durch mich.

„Aber“, ereifert Ihr Euch nun (ich kann es genau hören ;-)), „aber, der Finsterwald! Im Sommer! In den Ferien! Immer wieder musst Du gegen ihn kämpfen! Wie kannst Du da sagen, Du bist geheilt?!“ Ich antworte wie mein weise schmunzelnder Prof, dem ich vergangene Woche genau dieselbe Frage stellte: „Frau W., sie werden nie geheilt sein“.

Das ist das Leben: Verletzungen hinterlassen Narben. Wir werden dünnhäutig, und manchmal brechen Narben wieder auf. Für mich heißt das, dass ich stets vulnerabel, also verletzlich sein werde. Aber mal ganz ehrlich – wer ist das nicht! Stress ist ein großer Feind. Er macht mich fahrig, ich verliAivasovsky_Ivan_Constantinovich_Moonlit_Seascape_With_Shipwreckere meine Kontur, bin nicht bei mir und in mir, schenke mir keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn dann etwas auf mich einströmt – Konflikt mit dem Ex-Partner, neuer Job, Urlaub – übersehe ich den Leuchtturm und schippere geradewegs ins Unglück. Ich vergesse, die Situation zu analysieren und mich mit einem Schlachtruf wieder heraus zu katapultieren. Oft verliere ich den Blick für die Realität und setze mir Ziele, die selbst mit der ausgefeiltesten CBASP-Methode nicht zu erreichen sind. Ich kämpfe mich mit irrealen Gedanken (Du MUSST das jetzt schaffen!!) gegen den Strom und rudere volle Kraft voraus in den Untergang. Und manchmal – ich geb’s offen zu – hab’ ich auch einfach keinen Bock mehr und lass die Segel gleiten. Ich rutsche auf der nächsten Depressions-Welle aus und strande wieder mal in meinem kleinen, muffigen Räumchen im Mannheimer ZI.

Das ist nicht schlimm. Für mich. Für Außenstehende schon, weil sie Angst haben, dass ich ertrinken würde. Ich kann es verstehen. Noch heute zweifle ich, selbst in guten Phasen, wenn ich den Tanzsaal, den Reitplatz, die Geburtstagsparty oder meDepression me3in Büro betrete: „Was werden sie über Dich denken?!“ Aber es bleibt bei diesem einen, kurzen Stich ins Herz und binnen Sekunden habe ich mich wieder unter Kontrolle. Nur bei zwei Menschen hat sich dieser anfängliche Schmerz, diese Angst völlig verloren. Nicht bei meinen Eltern oder bei meinen besten Freunden. Sondern bei DeHasen und meinem Mausebären.

Ob CBASP dauerhaft eine Alternative zu Antidepressiva bietet? Wir werden sehen, was die Auswertung der Studie im kommenden Jahr bringt. Prof. Christian Schubert, Medizinische Universität Innsbruck, forscht auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie. Ihn hatte ich gefragt, ob ein Leben mit chronischer Depression ohne Medikamente möglich sei. Seine Antwort: „Ja, mit sehr viel harter Arbeit.“

Ich merke das: Extremsituationen wie Vorstellungsgespräche sind immer noch ein enormer Kraftakt und erfordern da, wo andere sich nur auf die Fragen des Gegenübers konzentrieren, meine ganze cbasp3Körper- und Willensbeherrschung. Dass CBASP selbst dann wirkt, seht Ihr an dem psychologischen Gutachten, das eine Firma von mir erstellt hat. Ich verkneife mir ein triumphierendes Grinsen und verweise besonders auf den Bereich „Außenorientierung“ (Den Job habe ich übrigens dann auch bekommen. Es war der mit dem Döner).

Also keine Sorge: Jede Welle, die ich nehme, macht mich stärker. Ich hab nämlich inzwischen nicht nur das Depressions-Seepferdchen. Sondern auch den Freischwimmer. In Silber;-)


  • Die bunten Folien sind aus einem Vortrag von Frank Padberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München (9. November 2009) über Psychotherapie bei chronischen Depressionen.
  • Das kleine Mädchen auf Bild 3 bin ich.
  • Das Bild vom Wrack im Mondlicht ist von Aivasovsky Ivan Constantinovich (Rechte gemeinfrei).
  • Und die wunderschönen Meerfotos sind von DeHasen.
  • Alle weiteren Infos zu CBASP und eine Liste von zertifizierten Therapeuten findet Ihr hier.

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

Josie Meer

Land in Sicht – Tipps für einen antidepressiven Urlaub

Wie versprochen hier die Anleitung für einen absolut antidepressiven Urlaub – und entspannte, finsterwaldfreie Ferien!

“Du musst unbedingt mal raus – fahr doch innen Urlaub!” Tolle Idee. Wirklich. Für alle, die nicht depressiv sind. Jeder andere, der diesem Ratschlag folgt, landet allzu oft im Finsterwald. Warum, steht hier.

Deswegen der ultimative Anti-Depri-Urlaubs-Tipp vorweg: Ihr müsst gar nichts! Es ist völlig legitim, Eure freie Zeit zuhause, in der persönlichen Pampa oder sonstwo zu verbringen. Ja, ich weiß. Depressive dürfen sich nicht einigeln und abschotten. Machen sie ja auch nicht. Irgendwann mal wieder. Wenn es ihnen besser geht. Aber nicht jetzt, im tiefsten Tief. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Hier also meine Absolution (ich bin nicht Gott, aber mal so frei) und meine weiteren Tipps:

· “Tu nur das, was Du schaffst!” Und zwar jetzt in diesem Augenblick. Buch’ keinen Urlaub, weil Du denkst, dass es Dir beim Reiseantritt bestimmt besser gehen wird. Und weil Du jemandem einen Gefallen Josie Meer2tun willst. Ortsveränderungen heißen so, weil sich der Ort verändert. Nicht Du selbst. Oder wie Seneca schon vor 2000 Jahren sagte:

“Du bist, der du bist! Was hilft es, über das Meer zu setzen und den Wohnort zu wechseln? Wenn du dem, was dich drückt, entgehen willst, so musst du nicht an einem anderen Ort sein, sondern selbst ein anderer sein. Deine Reisen werden dir keine Erleichterung schaffen; denn du
reisest mit deinen Leidenschaften, und
deine Übel folgen dir nach.”

Als ich mit dem Mausebär noch alleinerziehend war, hatte ich für uns zwei Wochen Türkei gebucht. Ein traumhafter Urlaub. Wäre es geworden. Aber ich musste ihn kurzfristig absagen. Ich hätte es nicht geschafft – den Flug, Transfer, fremde Welt, allein mit der Maus. Wer hätte das gedacht, sechs Monate vorher, als die Hochglanzprospekte lockten? Also: Bucht – wenn überhaupt – nur das, wozu Ihr jetzt im Moment in der Lage seit. Und wenn das NICHTS ist, ist auch das völlig in Ordnung.

· “Was willst Du eigentlich?” Tja, wenn ich das so genau wüsste. Ich kann in einer depressiven Phase ja noch nicht mal entscheiden, ob ich mir lieber grüne oder graue Gardinen ins Wohnzimmer hängen möchte! Depressive tun sich schwer mit Entscheidungen. Sie trauen sich nicht, sie zweifeln. Was eben richtig ist, kann morgen schon wieder falsch sein und umgekehrt. Plant in so einem Zustand keinen
Urlaub! Das kann nur schief gehen.

Wenn Ihr nicht wisst, was Euch gefällt, hilft das Ausschlussverfahren: “Was willst Du eigentlich NICHT?” Depressive können diese Frage einfacher beantworten. Wer ganz viel wegstreicht, weiß irgendwann, was er will. Das kann dauern. Auch mal etwas länger. Wenn Ihr Euch also nicht hundertpro sicher seid, bucht nichts, was Euch nur zu 80 Prozent überzeugt. Ihr werdet Euch nicht wohlfühlen.

· “Trau Dich!” Und zwar genau das zu sagen, was Du nicht möchtest. Auch wenn Du total konfliktscheu bist und es Dir komplett Josie Meer3übertrieben und pingelig scheint. Ich zum Beispiel brauche das Meer. Ich liebe es, mir vom windigen Wellenrauschen den Kopf freiblasen zu lassen. Den Blick hinaus in die Weite, den  nichts verstellt. In einem Bergdorf würde ich eingehen.
Ich liebe den Norden, weil ich mich dort einmummeln und den Bikini im Schrank lassen kann. Ich mag Ruhe und Stille. Und Sauberkeit und Stil. Ein Haar auf dem Boden oder das falsche Kissenmuster kann mir den ganzen Urlaub vermiesen.

Bin ich deswegen gaga? Nein. Ich buche Urlaub und bezahle dafür. Deswegen erwarte ich auch genau das, was ich will, was mir gefällt, was mir guttut. Und sage das deutlich – meinem Partner, dem Reisebüro, dem Hotel. Übrigens: Kann ich mir genau das gerade nicht leisten, fahre ich nicht weg. Hä?! Genau. Lieber zuhause und sauber als am Meer und versifft. Isso.
Wie stellt Ihr Euch Eure Traumunterkunft vor? Was darf am Ferienort nicht vorhanden sein? Wann fühlt Ihr Euch unwohl? Fragt genau nach! Seid pingelig! Traut Euch!

· Apropos: Wellness ist nicht gleich Wohlfühlen! Im Frühjahr schenkte ich De Hasen zum Geburtstag ein Wellnesswochenende in einem Hammerhotel. Sagten die Bewertungen und 98 Prozent der Gäste. Als wir endlich wieder fahren konnten, war ich krank. Gestresst vom Wellnessen. Krass? Ja. Aber leider ebenfalls typisch für Depressive: Diese pure Konzentration auf das Selbst, der getaktete Tagesablauf, das Gewahrwerden des eigenen Körpers zwischen all den Schönheiten (subjektiv) in der Sauna. Puh. Wenn es dann auch noch in jeder Ecke voll und gesprächig ist, keine Ruhe herrscht, Euch das Frühstück im großen Saal gestylt erwartet, wird aus dem Wellnesswochenende ganz schnell eine Stressstrecke.

Also: Vorsicht vor angeblichen Ausgleich-Arrangements in einer depressiven Phase. Sie bringen Euch mächtig in Schieflage. Wenn Euch Massagen und Saunagänge gut tun, sucht Euch eine Unterkunft mit Verwöhnangebot in der Nähe. Dann könnt Ihr spontan entscheiden, wie viel Wellness Ihr zum Wohlfühlen braucht.

· “Sei spontan!” Speaking of: Nichts macht einem Depressiven mehr Druck, als komplett durchgeplant zu sein, das Bewusstsein, heute diesen und morgen jenen treffen zu müssen. Wie vielen Verabredungen, Festen und VerJosie Meer4anstaltungen ich schon mit einem Magen-
grummen zu- und dann doch kurzfristig wieder abgesagt habe – weil ich spürte, es geht einfach nicht! Urlaube gehören übrigens auch dazu. Meine Freunde wissen das inzwischen und reagieren bei Absagen gelassen.

Was spricht also dagegen, mal nicht ein halbes Jahr im Voraus zu planen? Sondern ganz spontan, hier und heute, irgendwo hin zu fahren? Last-Minute-Angebote gibt es en masse. Egal, ob am Meer, in der Wüste, für zwei Tage oder drei Wochen.
Mach’ Dir die Welt, wie sie Dir gefällt!”

· “Hotel oder Ferienwohnung?” Pest oder Cholera? Im Hotel seid Ihr an feste Essenszeiten gebunden. Also morgens raus aus den Federn, fein machen und ab in den Speisesaal mit all den andern Gästen. Mich persönlich stresst das sehr. Gerade, wenn meine Akne mal wieder blüht (was sie garantiert bei der Aussicht auf ein Frühstück mit mindestens 20 anderen tut). Dann muss ich vor dem ersten Schluck Kaffee  schon komplettes Make-Up auflegen, mich in Schale schmeißen und vor den Augen aller anderen am Buffet vorbei flanieren. Horror.

Logo. Ich könnte auch einfach so da aufkreuzen. Weil es den andern höchstwahrscheinlich egal ist, wie mein Gesicht aussieht. Aber das kann ich nicht. Noch nicht. Also ab in die Ferienwohnung! Okay. Aber hier müsst Ihr alles selber machen. Also, ALLES. Volles Haushaltsprogram im Urlaub. Klasse. Geradezu paradiesisch für einen Depressiven.

Überlegt Euch also gut, welche Unterkunft für Euch in Frage kommt.  Fühlt Ihr Euch mit Komplettkomfort wohler? Oder wenn Ihr im Schlafi an den Frühstückstisch schlurfen könnt? Wenn Ihr Euch nicht entscheiden könnt, bleibt in Eurer gewohnten Umgebung. Ich plädiere ja für diese Lösung: Ferienwohnung mit sämtlichem Service und Frühstück ans Bett. Werde gleich mal recherchieren…

· Wir sind Gewohnheitstiere. Und ganz besonders, wenn es uns nicht gut geht. Die kleinste Veränderung kann ein Tief an Land ziehen. Dabei muss diese Abweichung nicht mal negativ sein: Es gibt Studien über Bräute, die angesichts der bevorstehenden Hochzeit in Depressionen verfallen, weil sie auf einmal im Mittelpunkt stehen und die PlaJosie Meer6nung ihren bekannten Alltag über den Haufen wirft! Was nützt Euch der schönste Wasserbungalow auf den Malediven, wenn Ihr Euch darin nicht aufgehoben fühlt?

Deswegen mein Tipp: Geht es Euch gerade nicht so gut, wählt ein Ziel, dass Ihr schon kennt. Von dem Ihr wisst, wie Ihr hinkommt und was Euch dort erwartet. Trigger lauern sowieso an jeder Ecke, und schlafende Hunde soll man nicht wecken.

· “Wann sind wir endlich dahaaa?!” Ich liebe das Meer. Doch leider liegt es sieben Autostunden von uns entfernt. Ohne Stau und Baustellen. Denkt daran, dass der Weg zu Eurem Traumziel beschwerlich sein kann. Vor allem, wenn Kinder mit an Bord sind. Depressive haben einen langen Atem, weil sie gelernt haben, vieles auszuhalten. Die Quittung kommt aber bald und ziemlich sicher hinterher – am zweiten Urlaubstag oder wieder zurück in der Heimat. Auf einmal geht gar nichts mehr, Ihr bekommt Heulkrämpfe oder seid völlig am Ende.

Plant diese verzögerten Reaktionen Eurer Seele ein und verzichtet im Zweifelsfall lieber auf eine weite Strecke, die zusätzlich und langfristig stresst.

· Stichwort Kinder: Sie gehören einfach dazu, und was ist schöner, als ein gemeinsamer Urlaub mit all seinen Lieben? (Ich kenne die Antwort, und sie heißt alleine zu zweit in Paris ;-)). Klar, wollt Ihr Euren Kids einmal im Jahr das Rundum-Vollzeit-Familien-Paket schnüren. Nur Mama und Papa, 24/7. Gerade, wenn Ihr berufstätig und/oder alleinerziehend seid und der Nachwuchs mehrere Stunden am Tag – achtung, böses Wort – fremdbetreut ist.

Mein Tipp: Tut das nicht, wenn es Euch nicht gut geht! Kinder rund um die Uhr zu bespaßen, geht an die Nieren. Sie wollen springen, schwimmen, ringen, sie wollen raus, was erleben, auf Bäume klettern (und wieder runterfallen). Könnt Ihr das alles auch, wenn Ihr depressiv seid? Könnt Ihr uneingeschränkt und voll Freude mitspielen? Ich kann es nicht. So leid mir das für mein Kind tut.

Deswegen scheut Euch auch während der Ferienzeit nicht, Betreuungsangebote wahrzunehmen. Ihr müsst die Kids ja nicht den ganzen Tag entbehren. Aber Euch wird es gut tun, verlässlich ein paar
Stunden am Stück
frei Schnauze vor Euch hin zu leben. Eure Kleinen haben von einem  tollen Kinderprogramm ungleich mehr als von zig Stunden mit gestressten Eltern.

Extra-Tipp: Fragt genau nach, wie lange die Betreuung wirklich dauert und ob sie verbindlich ist. Nichts ist belastender, als wenn Ihr freie Zeit eingeplant habt und dann trotzdeJosie Meer7m den Pausenclown
spielen sollt.

· Taucht unter! Viele Depressive leiden an einer sozialen Phobie, sie haben Angst, was andere von ihnen denken könnten. Das wird umso schlimmer, je öfter man die anderen zu Gesicht bekommt.
Beispiel: De Hasen und ich waren ein paar Tage in Paris unterwegs. Es war traumhaft. Nicht nur wegen seines Heiratsantrages *schmelz*, sondern weil ich in dieser Menschenmasse komplett abtauchen konnte. Es waren so viele fremde (und eigenartige!) Leute unterwegs, dass ich schlicht nicht aufgefallen bin. Niemand hat mich beobachtet oder sich nach mir umgedreht. Für mich war es Erholung pur. Paradox, oder? Aber unter fremden Leuten, die an Euch vorbei strömen, seid Ihr so unsichtbar wie ein Sandkorn in der Wüste.

Ganz anders im kleinen, familiären Landhotel ein paar Wochen später: Wir hatten eine festen Tisch, sahen jeden Tag dreimal dieselben Gesichter, liefen uns im Schwimmbad, auf dem Spielplatz, im Klo übern Weg. Ganz schnell hatte ich einen Namen und die andern einen Eindruck von mir. Das war natürlich ziemlich sicher kein schlechter, aber Ihr kennt das: Dopamin fehlt - Einschätzung falsch.

· Kleider machen… Ja, ja. Wir wissen es. Aber wenn wir depressiv sind, fehlt manchmal einfach die Energie, uns aufzurüschen. Setzt Euch also nicht zusätzlich unter Druck, indem Ihr Euch in einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel einbucht oder smalltalkend beim  Captain’s Dinner übers Meer schippert. Ihr seid schön, und Ihr habt ein Gespür für tolle Klamotten. Nur gerade jetzt nicht.

Und wenn Ihr gerade am liebsten im Jogginganzug versumpfen möchtet. Na und? Es ist Euer Urlaub, und es ist Euer gutes Recht, genau das zu tun. Ihr müsst niemandem etwas beweisen!

Für Fortgeschrittene: Ich habe gerade im Stern einen interessanten Artikel über eine Schickimicki-Strandbar gelesen. Die Angestellten dort erzählten, woran sie Superreiche erkennen: Daran, dass sie nicht superreich gekleidet sind. Also: Statussymbole und Louis Vuitton tragen nur die, die so sein möchten. Nicht die, die es wirklich sind. Merkt Euch das!

· Pack’ die Tabletten ein! Solltet Ihr Antidepressiva nehmen, lasst Euch rechtzeitig eine neue Schachtel verschreiben. Und nehmt sie weiterhin regelmäßig ein. Auch im Urlaub, besonders da! Die Medikamente regeln Euren Hirnstoffwechsel. Lasst Ihr sie einfach weg, wird es Euch nach ein paar Tagen nicht gut gehen. Selbst, wenn es an Eurem Ferienort einen Arzt gäbe, der Euch Eure Arznei verschreiben könnte: Es dauert mitunter Wochen, bis sie wieder wirkt. Also vermiesJosie Meer8t Euch die Ferien nicht, indem Ihr Urlaub von Euren Antidepressiva macht oder sie schlicht vergesst.

Mir passiert das immer, wenn ich gerade eine gute Phase habe. Ich denke einfach gar nicht daran. Bis ich morgens um drei mal wieder wachliege… Stellt Euch den Diabetiker vor, der im Urlaub sein Insulin vergisst. Nicht schön, oder? Absetzen könnt Ihr Eure Tabletten zuhause, in Begleitung Eures Arztes, über mehrere Wochen hinweg, wenn ihr das möchtet. Ausschleichen nennt man das, und es ist gerade bei Antidepressiva dringend nötig!

Dasselbe gilt übrigens auch für alle anderen Medikamente, Schmerzmittel, Schilddrüsentabletten, Antibabypille etc. pp. Ich verherrliche nicht das Einnehmen von Arznei. Aber wenn Ihr wisst, Ihr seid gerade darauf angewiesen, macht keine Experimente!

 · “Mal so richtig ausschlafen!” Haha. Finde den Fehler. Schlaf ist eine heikle Angelegenheit. Die Depression äußert sich fast immer zuerst in Schlafstörungen. Das Zubettgehen ist ein Drama, morgens seid Ihr froh, wenn Ihr endlich aufstehen könnt (während ich das hier tippe, ist es übrigens 6.15 Uhr und mein Wecker klingelt erst um acht;-)). Dazu kommt die fremde Umgebung, ein Bett, in dem Ihr vielleicht nicht gut liegt, dünne Wände und ein schnarchender, pardon, zart atmender Partner.

Tipp Nummer 1: Macht Euch deswegen keinen Stress! Schlaf ist Schlaf, und gerade Urlaubstage sind für Mittagsschläfchen prädestiniert. Habt kein schlechtes Gewissen, wenn Ihr Euch zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags auf die Couch oder an den Strand legt und schlummert. Behauptungen, der Schlaf vor Mitternacht sei der wertvollste oder ein Mensch müsse acht Stunden am Stück schlafen, um erholt zu sein, sind falsch. Legt Euch immer dann ab, wenn Euch danach ist. Und wo Ihr möchtet. Plant dafür Zeit ein, damit Ihr Euch nicht hundemüde durch irgendwelche Museen schleppt, wenn Ihr lieber die Augen zumachen möchtet. Und wenn Ihr mal eine Nacht gar nicht schlaft, ist das kein Weltuntergang. Ihr müsst ja am kommenden Tag nichts tun, außer urlauben.

Ja, ich weiß. Populärer Schlafförderer bei Depression ist Schlafentzug. Sprich: Wer tagsüber seinen Schlaf verbraucht, findet nachts keine Ruhe. Aber mal ehrlich: Was machen die, die nachts keine Ruhe finden? 24/7 wach bleiben und wie ein Zombie durch die Gegend wanken? Bestimmt nicht.

Tipp Nummer 2: Ohropax! Ja, wirklich. Sie sind mein ständiger Begleiter. Gerade in einer depressiven Phase bin ich extrem lärmempfindlich. Ich höre alles dreifach so laut. Vor allem nachts. Vor allem in fremder Umgebung. Und vor allem in dünnwandigen Hotelzimmern. Also: Ohropax rein, Welt raus. Probiert’s. Es hilft!

· Redet, redet, redet! Und zwar nicht belanglosen Smalltalk, sondern Tacheles. Erklärt Eurem Partner, Eurer Familie, Euren Freunden, wie es Euch gerade geht. Dass Ihr liebend gerne
vJosie MEer9erreisen würdet, es aber im Moment nicht könnt. Oder nicht dorthin oder zu diesem Zeitpunkt. Auch, wenn Reden nicht Eure Paradedisziplin ist: Tut Euch und Euren Lieben diesen einen Gefallen, damit sie wissen, woran sie sind. Habt kein schlechtes Gewissen! Viel schlimmer ist es, jemanden im Ungewissen und auf dem trüben Boden der Vermutungen und Schuldgefühle fischen zu lassen.

Fazit: Wenn Ihr gerade in einer depressiven Phase seid, rate ich Euch von einer Urlaubsreise ab. Auch, wenn Luftveränderung von allen andern propagiert wird. Alle anderen sind nicht depressiv und wissen nicht, was Euch die Kehle zuschnürt. Sagt offen, wie es Euch geht, und habt den Mut, das zu tun, wonach Euch ist. Auch wenn das – und jetzt alle nochmal im Chor – NICHTS ist!

“Die größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern
unsere stillsten Stunden
.”
Friedrich Wilhelm Nietzsche

 “Ha, Du Schlaumeier!”, sagt Ihr jetzt. “Warum hast Du Dich dann nicht selbst an Deine Regeln gehalten in den vergangenen Ferien?!” Tja. Weil ich sie bis dahin auch noch nicht kannte. You live and learn – ich lebe und lerne. Immer wieder. Und diesmal auch für Euch. Ist das nicht klasse? *g*

Hier geht’s zurück zum Eingang!

Wir Waschweiber…

…würden weiße Wäsche waschen – und zwar sehr gerne nur eben diese, denn dann wären wir nach zwei Maschinen durch!

Wir sind wieder zuhause. Und während De Hasen in seinem Büro 8669436 Mails abarbeitet, der Mausebär wieder die Kita aufmischt und ich an meinem neuen Projekt und den alten Bandscheiben feile, schleudere ich mit Wäschekörben um mich. Aus diesem Grund gibt es noch keinen neuen, wirklich tiefgründigen Beitrag hier in der
Bloghütte – außer der Erkenntnis, dass rosa Stoffballerinas NICHT in die helle Kochwäsche gehören *räusper*

NiniIch bin froh, wieder zuhause zu sein und mich um meinen – sprichwörtlich – eigenen Dreck kümmern zu können! In der Zwischenzeit habe ich viele Nachrichten und Briefe von Euch erhalten. Ich freue mich über jedes einzelne Wort, weil es mir zeigt, dass mein Blog einen Sinn macht. Bei vielem, was Ihr schreibt, muss ich schlucken, ich fühle mit Euch…

…mit dem Mädchen, das sich ritzt, weil es die Welt nicht mehr erträgt.
…mit der jungen Frau, die nur noch schwarz sieht und deren Freund sich deswegen große Sorgen macht.
…mit der Mittvierzigerin, die wie ich gegen eine soziale Phobie kämpft und trotzdem jeden Tag tapfer ins Büro geht.
…mit der älteren Dame, deren Mann sich in die Alkoholsucht geflüchtet hatte, weil er nicht der war, der er sein sollte.

Euch allen danke ich für Euer Vertrauen! Ich habe Euch versprochen, ich schreibe Euch dazu und mache Euer Thema – natürlich anonym – zu meinem Thema, um Euch und anderen zu helfen. Ich bin weiß Gott kein Therapeut, aber durch meine Krankheits-Karriere kenne ich die eine oder andere Person oder Information, die Euch vielleicht wieder ein Stück weiterbringt auf Eurem Weg ins Leben zurück.

Gleich morgen geht es los…wenn ich den rosa Farbstich wieder aus der weißen Wäsche gewienert habe.

Header: Jean Siméon Chardin, Die Wäscherin (um 1735, Rechte gemeinfrei)

Hier geht’s zurück zum Eingang!

Bloghuette22

Noch’n Blog?!

Zugegeben. Als mein Mann von meinem Blog sprach, hatte ich keinen blassen Schimmer, wie so was funktioniert. Klar habe ich die eine oder andere Bekannte, die munter vor sich hinbloggte. So über Schnittmuster für Mädchenkleider. Ihren Abnehmmarathon. Oder über unser liebstes IPad-Spiel, die Sims (liebe Grüße an Petra und danke dafür!).

Ich warf also die vier Buchstaben in die Suchmaschine. Und wurde zugeschüttet mit Blogs – blog.de, blog.eu, blog.com, soweit der Bildschirm reichte. Okay. Ich musste schlucken. Die Online-Welt hatte ja geradezu auf mich gewartet. Und auf noch’n Blog.

Anyway. Ich hatte einen Grund, und ich hatte ein Ziel. So vieles ist passiert, so viel habe ich erlebt und erforscht. Den Kampf im Alleinerziehendmamasein und das Glück einer Patchworkfamilie. Die tiefste Depression morgens um drei und den regebogenfarbensten Augenblick am Sonntagnachmittag. Mein Leben hat mich gebeutelt. Aber immer habe ich Menschen getroffen, denen es genauso ging. Die einsam waren und Hilfe brauchten. Die mir den Rücken stärkten und mich gerettet haben.
Ich war niemals allein, und dafür danke ich ihnen.

Für Euch ist dieser Blog.
Ihr seid in meiner Hütte immer willkommen!

Übrigens…warum dieser Blog so heißt, erfahrt Ihr hier.

 Hier geht’s zurück zum Eingang!