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Kinderhand-in-Erwachsenenhand

Beautiful Trauma

Das kleine Mädchen kauert an der Heizung, umklammert seinen Teddy und wiegt sich hin und her. Eben gerade wurde es von seiner Mutter verprügelt. Mit dem Kochlöffel. Und beschimpft. “Du Drecksmensch! Bin ich von Dir oder Du von mir!?”
Das kleine Mädchen wehrt sich nicht mehr. Es hat aufgehört, 32938087_1617383025056814_1857917330860802048_nmitzuzählen, wie oft schon es misshandelt wurde. Es hat aufgehört, auf Hilfe zu hoffen. Es ist gefangen in einem Alptraum.

20 Jahre später. Das kleine Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau. Die junge Frau versucht zu leben. Aber immer wieder wird sie krank. Die Ärzte reichen sie weiter von einem zum anderen, bis sie beim Psychiater landet. Der hört ihr endlich zu. Und findet heraus: schwere Depression durch langjährige Misshandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung.

Ihre Freundin leiht ihr ein Buch aus. Indianisches Horoskop – der Rabe. Darin steht, dass die junge Frau nach einem schweren Leben mal eine Heilerin sein wird. Die junge Frau lächelt müde und legt das Buch zur Seite.

Die junge Frau kämpft. Wenn sie eines mitbekommen hat in diesem Leben, dann den Willen, zu überleben. Sie studiert, findet einen tollen Job, heiratet, bekommt ein Baby. Aber immer und immer wieder reißt die Depression sie aus dem Alltag, macht ihr das Leben schwer.

5 Jahre später. Die erwachsene Frau hat eine Reihe an Therapien hinter sich. Weil sie schon immer ein Forschergeist war, hat sie sich intensiv mit dem Thema Psyche und Depression auseinandergesetzt. Sie geht an die Öffentlichkeit, erzählt von sich. Sie lernt zahlreiche andere Menschen kennen, denen es genau so geht wie ihr. Sie merkt: Sie ist kein Alien. Sie denkt: Wenn ich nur einem von ihnen mit meinen Erfahrungen helfen kann, ist schon viel gewonnen. Sie gründet einen Blog, schreibt über ihre Depressionen.

10 Jahre später: Das Mädchen von damals ist unterwegs. Es hat eine wundervolle Familie und ein Zuhause gefunden. Sich selbst noch nicht ganz. Es ist noch auf der Suche, aber immerhin kann es seiner inzwischeIMG_7295n chronisch gewordenen Depression die Stirn bieten. Es lebt sein Leben, so gut es eben geht.

Da trifft es eine Bekannte. Die fragt, ob das Mädchen von damals nicht Lust hätte, auszuhelfen. In einem Heim für psychisch und physisch behinderte Menschen. Das Mädchen von damals hat ein bisschen Angst, aber die erwachsene Frau sagt ja.

Ein halbes Jahr später. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau und wiegt sich hin und her. Sie redet nicht viel, aber wenn, hat sie nur ein Thema. Ihre Stereotypie geht an die Nieren.
Aber ihr gegenüber sitzt das Mädchen von damals, das weiß, was sie durchgemacht hat, das weiß, warum sie heute so sein mag, wie sie ist.
Die eine hört der andern zu. Stunden, Tage, Monate. Manchmal treffen sich ihre Augen, und für einen kurzen Moment ist eine Verbindung da, und die eine kann der anderen in die Seele schauen.


Als mich meine Bekannte vor einem halben Jahr fragte, ob ich nicht bei ihr im Behindertenwohnheim aushelfen könnte, war ich ziemlich unsicher. Ich, mit meiner Sozialphobie, meiner toxischen Scham und meinen depressiven Episoden? Puh…

Ich ging hin – und fühlte mich zuhause. Den Menschen dort war es egal, wie ich aussah, was ich für einen Werdegang hatte, wo ich herkam. Wichtig war für sie nur eins: Wer ist für uns da? Wer hört uns zu? Wer versteht uns? Und ich konnte sie so gut verstehen! Denn so viele lebten dort, die ähnlich wie ich in ihrem Leben ein Trauma erlebt hatten, unter dem sie noch heute leiden – so sehr, dass sie mit ihren Psychosen kein eigenständiges Leben mehr führen können.

Mittlerweile bin ich fest dort angestellt, arbeite 25 Stunden die Woche, begleite die Bewohner des Heims in ihrem Alltag. So unterschiedlich ihre Behinderungen, so einzigartig die Menschen.
Ich sehe keine Behinderungen. Ich sehe, was sie erlebt haben,  warum sie so wurden, wie sie sind, und sehr oft erinnern sie mich an das kleine Mädchen von damals.IMG_7245
Es ist keine leichte Aufgabe, aber eine wunderschöne. So viele Heiratsanträge wie dort habe ich noch nie bekommen :-)
Nein, im Ernst. Immer, wenn ich nach Hause gehe, werde ich gefragt, wann ich wiederkomme. Viele sagen mir, wie schön es ist, dass ich jetzt da bin. Ich bin dort nicht nur erwünscht, sondern geliebt.
Das ist für mich eine ganz seltsame Situation: Menschen lieben mich für das, was ich mit ihnen mache, dass ich einfach für sie da bin, dass ich ich bin.

Momentan bewerbe ich mich für ein berufsbegleitendes Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in unserer Nähe. Ich will noch mehr wissen, noch mehr erfahren, wie ich anderen Menschen helfen kann. Und natürlich auch mir selbst.

Außerdem binIMG_7171 ich jetzt Mitglied im Team von project semicolon. Das ist eine internationale Organisation, die depressiven Menschen mit Selbstmord-Gedanken hilft. Gerade wird eine App entwickelt, mit der man einen provider, also Helfer oder Ansprechpartner, in der Nähe finden kann. Ich werde für Deutschland zuständig sein.
Unser Erkennungszeichen ist das Semikolon. Es sagt: “My Story isn’t over yet!”

Macht mir das alles noch Angst? Nein. Ich glaube, ich habe endlich meine Bestimmung im Leben gefunden.
Nach so vielen Um- und Irrwegen, so vielen Schmerzen und schlimmen Zeiten wird es ja auch endlich Zeit dafür. Das kleine Mädchen von damals ist kein Opfer mehr, sondern auf dem Weg zur Heilerin.

Passt auf Euch auf. Und wenn Ihr Hilfe braucht, schreibt mir.
Eure Patricia


 

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Stigma Depression – neue Studie

Als hätte ich es bei meinem Beitrag vor ein paar Tagen gerochen:

Mein Prof hat gerade eine Studie zur  Stigmatisierung von Personen mit Depressionen gestartet. Und mich gefragt, ob ich diese auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Natürlich tue ich das gerne! Und würde mich sehr freuen, wenn Ihr – natürlich anonym – daran teilnehmt. Das Ganze ist seriös und hat Hand und Fuß. Autoren sind die Universität Mannheim und das dort ansässige Zentralinstitut für seelische Gesundheit, in dem ich auch in Behandlung war. 

Ihr würdet damit sehr die Forschungen an unserer Krankheit unterstützen.

Hier sind Text und Link zur Studie. Ich danke Euch vielmals!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie an dieser Studie teilnehmen möchten. Bitte lesen Sie sich die folgenden Informationen aufmerksam durch.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit Einstellungen zu Depressionen und Vorurteilen gegenüber Personen mit dieser Erkrankung. Zu diesem Thema werden Sie Fragen am Computer beantworten.
Bei Fragen zum genauen Ablauf der Untersuchung, sowie zur Auswahl der Aufgaben wenden Sie sich bitte nach Abschluss der Untersuchung an die Untersuchungsleitung (siehe Kontakt).

Die Dauer der Studie beträgt etwa 10 bis 15 Minuten. Durch Ihre Teilnahme an dieser Studie haben Sie die Möglichkeit, nähere Einblicke in die psychologische Forschung zu erhalten. Vor allem aber können Sie uns dabei helfen besser zu verstehen, wie Vorurteile entstehen und Betroffene darauf reagieren. Des Weiteren können Sie mit Ihrer Teilnahme dazu beitragen, dass Betroffene besser mit Vorurteilen umgehen können.
Ihre Daten sind selbstverständlich vertraulich und werden nur in anonymisierter Form genutzt.
Demographische Angaben wie Alter oder Geschlecht lassen keinen eindeutigen Schluss auf Ihre Person zu. Zu keinem Zeitpunkt im Rahmen der jeweiligen Untersuchung werden wir Sie bitten, Ihren Namen oder andere eindeutige Informationen zu nennen.
Durch die Teilnahme an dieser Studie entsteht kein Risiko,das über die Risiken des alltäglichen Lebens hinausgeht.

Durch die Bestätigung in der Online-Studie, dass Sie diese Einverständniserklärung gelesen haben, erklären Sie sich damit einverstanden an der Untersuchung teilzunehmen.
Ihre Teilnahme an dieser Untersuchung ist freiwillig. Es steht Ihnen zu jedem Zeitpunkt dieser Studie frei, Ihre Teilnahme abzubrechen, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Die Kontaktdaten der Untersuchungsleitung finden Sie zu Beginn und am Ende der Studie.

Und hier der Link:
https://www.soscisurvey.de/zpp-studie/?q=valid


 

Nacht

Hast Du auch Deine Tabletten genommen?

Etwas beschäftigt mich zur Zeit sehr: die Reaktion von Menschen auf meine Depression. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen damit umzugehen. Zwei Dinge veranlassen mich dazu: erstens anderen begreiflich zu machen, wie es jemanden geht, der an dieser furchtbaren Krankheit leidet. Und zweitens, Hoffnung zu verbreiten, dass auch ein Leben mit Depression möglich ist.

Natürlich binde ich es nicht jedem Menschen sofort auf die Nase: “Hallo, ich bin Patricia und depressiv!” Wobei ich das auch schon getan habe. Als mich die Geschäftsführung für meinen letzten PR-Job anfragte, sagte ich: “Lies Dir bitte erst meinen Blog durch. Und dann ruf noch mal an.” Ich bekam den Job. Weil die Geschäftsführung meinen Blog ignorierte. Oder nicht ernst nahm. beaker-47537Und dann sehr erstaunt war, als ich den Job quittierte.

Höre ich deswegen auf, mich zu outen? Nein. Wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. Oder wenn jemand sehr leidet, sage ich: “Du, ich habe das auch.” Ich könnte vorsichtiger sein und ein Leben in völliger Dunkelheit führen, ein Teil von mir weggesperrt in den Tiefen meiner Seele. Und ich verstehe jeden, der das tut. Denn die Erfahrungen bei einem Outing sind nicht immer schön. Ich möchte Sie gerne mit Euch teilen. Damit Ihr das nächste Mal ein bisschen behutsamer mit Menschen umgeht, die sich Euch anvertrauen.

Erstaunen

“Hö? DU bist depressiv?! DAS hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht!” Tja, stell Dir vor. Auch depressive Menschen können ein Leben führen, ein durchaus zufriedenstellendes, erfolgreiches. Sie können Chef sein, Elternteil, eine Familie organisieren, tolle Sportler werden und sehr kreativ. Und dass, obwohl der schwarze Hund ihnen ständig im Nacken sitzt. Wenn so etwas kommt, nehmt es als hqdefaultKompliment und nicht persönlich. Einfach so. Und versucht nicht, Euch zu rechtfertigen.

Ignoranz

Das sind die Leute, denen Ihr Euch offenbart, die aber nicht richtig hinhören und gleich zur Tagesordnung übergehen. Wer ist heute schon nicht depressiv, haben wir nicht alle einen kleinen Schatten?

Genau diese Leute sind dann erstaunt, wenn Ihr Symptome Eurer Krankheit an die Oberfläche lasst und eben mal nicht perfekt seid.
Es ist mühselig, solche Leute aufklären zu wollen, weil sie sowieso kein offenes Ohr für die Nöte andere haben. Kann man mit leben, muss man aber nicht.

Spott

“Jaja, depressiv!” Plus leichtes Kräuseln der Mundwinkel. Das sind Menschen, die auch gerne behaupten, dass es kein Burn-Out gibt. Wir sind halt schlichtweg träge, faul, hypochondrisch. Solchen Leutena3ea252b837add417e5e9666e351d6ab würde ich am liebsten in die Fresse schlagen. Die machen mich am wütendsten. Ich wünsche Ihnen, dass sie nur einen Monat lang in meinen Schuhen gehen müssten. Wahrscheinlich würden Sie sich danach die Kugel geben.
Leider packen mich diese Menschen genau an meinem wunden Punkt und bekommen haargenau und bis ins Detail dargelegt, welche Krankheit eine Depression ist – inklusive aller aktuellen Studien und dezidierter biomechanischer Vorgänge im Hirn. Danach sind die Spötter so plattgelabert, dass sie sich hüten werden, je wieder so etwas Unbedachtes auszusprechen.

Entmündigung

Ja, ein hartes Wort, ich weiß. Es bezieht alle mit ein, die Euch nach Eurem Outing nicht mehr zutrauen, geradeaus zu denken. Gerne kombiniert mit dem Satz: “Hast Du auch Deine Tabletten genommen?!” Als wenn wir keine Seele, keinen Verstand, kein selbstständiges Leben hätten (siehe oben). Ja, es ist bisweilen schwierig, mit einem Depressiven. Weil er immer und ständig an sich selbst zweifelt und alles in Frage stellt. Weil seine 776024-beakerhoneydew460Stimmungsschwankungen nicht nur beim PMS auftauchen, sondern auch zwischendurch. Was gestern noch total schrecklich war, ist heute völlig akzeptabel und keinen Gedanken mehr wert.
Wir WISSEN, dass wir dieses Manko haben, und nicht nur EUCH fällt es schwer, damit umzugehen. Nein, am allerschwersten fällt es uns, weil es sich so real anfühlt, unser Verstand aber weiß, dass es falsch ist.

Unsere “Tabletten” nehmen wir, damit wir nicht von der nächsten Brücke springen. Damit unser Serotonin- und Dopaminhaushalt im Hirn stabil bleibt. Damit wir überhaupt leben können. Trotzdem sind wir Menschen mit Emotionen, die ihren Weg im Leben finden müssen. Und glaubt uns, wir tun ALLES dafür, das zu tun!!
Unsere Tabletten ändern daran nichts. Ihr müsst damit klar kommen oder den Kontakt abrechen. Isso.

Also bitte hört auf, Depressiven diese Frage zu stellen. Wir sind eh schon am Zweifeln und nach einem solchen Kommentar vollauf davon überzeugt, dass wir jetzt gleich sofort zehn Pillen auf einmal schlucken oder noch heute am Feiertag dringend zum Notarzt fahren müssen.

Ablehung

Nach meinem letzten – zugegeben negativen – Text zum Thema Selbstmord hier sah ich ein FB-Posting einer Bekannten, von der ich weiß, dass sie hier mitliest. Sie schrieb sinngemäß, sie habe die Nase voll von Leuten, die immer nur negativ auf der Stelle treten und in ihrem eigenen Sumpf wühlen und niemals voran kommen.

Ich weiß nicht, ob sie mich damit meinte. Aber es hat mich verletzt. Als ob das ein Hobby, die liebste Freizeitbeschäftigung wäre, sich Stunde um Stunde gegen die quälenden Gedanken im Kopf zu wehren, diesen Film, der immer mitläuft und stört, egal, was wir tun.
Deswegen heißt es CHRONISCHE Depression. Oder, wie bei mir in der Diagnose: rezidivierende depressive Störung mit mittelschweren bis schweren Episoden nach ICD-10-GM-2017. Es muppet-show-3ist nicht heilbar. Es ist einfach da und wird immer bleiben.

Ich verstehe jeden, der sich vor solchen Menschen zurückzieht. Ich selbst hätte gerade nicht die Kraft, mit mir zusammen zu leben und mir zuzuhören (vielleicht sollte ich das mal… An dieser Stelle von Herzen ein Danke an meinen Mann!). Aber ich bitte Euch: Ihr müsst uns weder lesen, noch anhören noch treffen. Wo ist also das Problem?

So ein Kommentar tut trotzdem weh. Glaubt mir, könnte ich mein Gehirn austauschen, ich würde es sofort tun. Aber es geht nicht, und den Clown spiele ich nicht mehr.  Auch wenn ich das durchaus kann. Aber nicht immer will. Da müsst Ihr Euch leider andere Spaßvögel suchen. Sorry.

Ratschläger

“Ja, dann musst Du halt mehr an die frische Luft gehen/Leute treffen/Sport machen/aufräumen/einen neuen Job suchen….to be continued.” Den Vogel schoss mal meine Mutter ab: “Du sitzt ja auch nur zuhause rum. Also ICH achte ja immer drauf, dass wir jeden Tag rauskommen. Ich bummel dann mit dem Papa durch den Supermarkt, da sind wir beschäftigt, und es ist gleich viel besser!”

Ha. Haha. Hahaha. Mal abegsehn davon, dass ich ja auch irgendwie einkaufen gehen muss und mich deswegen STÄNDIG in Muppets-com79irgendwelchen Supermärkten befinde, ist dieser Tipp geradezu grandios. Ich werde meinem Hirn mitteilen, beim Anblick der Auslagen von sofort an automatisch Serotonin ausschütte.

Es stimmt schon, ich merke es an mir selbst: Wenn ich mich mal wirklich dazu zwinge, unter (liebe) Menschen zu gehen oder eine Stadt zu erkunden, geht es mit danach tatsächlich besser. Aber es kostet mich auch viel Kraft. Es geht energetisch gesehen plusminus Null auf. Und klar liebe ich bestimmte Dinge, die ich gerne tue und die mir Kraft geben. Aber das ist immer nur von kurzer Dauer. Und hilft akut in einer schweren Phase gar nicht.

Dazu kommt: Viele von uns haben sich tiefgreifend mit unserer Krankheit auseinander gesetzt. Wir WISSEN, was theoretisch helfen SOLLTE. IHR solltet wissen, dass die praktische Umsetzung der Knackpunkt ist. Jeder Gang nach draußen ist wie der Start eines Marathons auf den Himalaja.

Auch, wenn sie lieb gemeint sind: Spart euch Eure Ratschläge. Seid einfach nur da und haltet uns im Arm, OBWOHL wir depressiv sind.  Das hilft mehr als tausend Worte.

Bewunderung

Ja. Ich kann es kaum glauben. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die mich bewundern. Das kommt mir immer ganz seltsam vor, weil ich denke, ich mach doch gar nichts Besonderes. Dann erzählen sie mir, lovato_with_beaker___muppets____by_lovatoedittions-d3b14ybwie nett, schön, kreativ ich bin, was für eine tolle Mutter und Freundin und Ehefrau. Ich nicke dann – emotionslos. Das ist leider auch eine der depressiven Schattenseiten: Man glaubt dem andern nicht. Der muss doch völlig gaga sein, wenn er sowas sagt.

Aber je öfter ich es höre, umso mehr denke ich, das könnte doch stimmen. Ich könnte ja tatsächlich trotz Depression ein ganz wunderbarer Mensch sein. Wäre das nicht einfach – schön? Ich danke allen von Herzen, die einem depressiven Menschen ein Kompliment aussprechen und ihn wertschätzen.

Denn dafür lohnt es sich zu schreiben.
Dafür lohnt es sich zu leben.


Titelbild: ich
Fotos: (c) The Muppets 

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Es geht vorbei

Den unten stehenden  Kommentar habe ich gestern zu meinen Text “Du hast die Wahl” bekommen. Ich möchte ihn gerne mit Euch teilen, weil er so wunderbar mutmachend ist. Danke dafür!
Danke auch für all Eure Zuschriften! Ihr müsst Euch keine Sorgen um mich machen. Ich habe meine Wahl längst getroffen, und die heißt Leben, mit allem, was für mich eben dazu gehört. Ich wollte Euch nur einen Eindruck davon geben, wie es im Kopf von Menschen aussieht, die das Leben nicht mehr ertragen. Damit Ihr es besser versteht.

Viele sagen: Na, dann ignorier doch die Stimmen im Kopf! Oder: Such nach Deinem inneren Wesen und schicke es vor! Tja. Wenn ich das nicht schon all die Jahre versucht hätte. Ich versuche es eben weiter. Vielleicht gelingt es mir irgendwann.

Noch ein Wort zu dem “sich als andere Person fühlen und die vorschicken”: Für mich ist das keine Option mehr. Ich habe so lange in meinem Leben eine und mehrere Rollen gespielt, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Das macht nicht nur mir zu schaffen, sondern auch meinem Mann und allen, die mir nahestehen. Gerade möchte ich einfach nur alle selbst kreierten und von außen auferlegten Rollen abstreifen und rausfinden, was dann noch über bleibt. Ich habe so viele Verhaltentrainings hinter mir, dass ich auf Knopfdruck funktioniere. Nur leben ist das nicht.
Mal sehen, wie ich da weiterkomme. Ich halte auch auf dem Laufenden.

Und jetzt geh ich raus und schau nach, ob die Blumen wirklich so bunt sind ;-)

Ich drück Euch, Patricia

Ich kenne diese Verfassung. Ich kenne die Sehnsucht, es möge vorbei sein. Bald. Am Besten sofort. Für mich ist es vorbei. Diese abgrundtiefe, scheinbar unendliche Müdigkeit und Leere, die ständige Selbstverachtung und das Gefühl nur eine Last zu sein. 

Warum es vorbei ist weiß ich nicht genau.  Es fing an mit einer Ärztin, die mir erklärte, dass ich zu blöd bin das Richtige für mein Kind zu tun. Die mir sogar die Polizei ins Haus schickte, um mein Kind vor mir zu schützen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Polizisten kopfschüttelnd und uns alles Gute wünschend wieder gegangen sind, ohne einen Grund für diese Aktion gefunden zu haben). Aber da bin ich wie aus einer Trance aufgewacht. Genauso fühlte es sich an. Wie aufwachen.

Mein schlummerndes Ego hat sich aufgebäumt und hat einen Urschrei von sich gegeben. Seitdem ist es für mich vorbei. Ich habe noch kurze Phasen, wo sich alles wieder “blöd” anfühlt, aber das vergeht immer sehr schnell. Auch der Verzicht auf Zucker hat viel bewirkt (das meine ich sehr ernst). Ich lebe wieder. Ich fühle mich wie ein Mensch. Ich habe zwar viel abgenommen, aber ich bin immer noch fett. Ist mir egal. Ich bin nicht bereit, dieser Stimme, die mich dafür verhöhnt, nochmal eine Bühne zu geben. Denn ich bin wieder wach. Ich bestimme, wer in meinem Kopf rumtönt. 

Ich erzähle das nicht, um mich als “besser als ihr” darzustellen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte Mut machen. Ich dachte jahrzehntelang nur daran, wie und wann ich es(mich)  beenden kann, ohne andere zu sehr damit zu behelligen. Heute weiß ich, das war nicht ich. Das war so was wie ein Albtraum. Aber jetzt bin ich wach. Und dieses Erwachen wünsche ich allen Betroffenen von ganzem Herzen. Dann seht ihr, wie bunt die Blumen sind und wie blau der Himmel leuchtet.  

Gebt nicht auf! Gebt niemals auf!


 

www.jochen-boy.de

Schatzsucher

long time no see…

Ich habe Euch sträflich vernachlässigt.
Vor allem aber habe ich mich selbst vernachlässigt.

Alles, was ich Euch in den vergangenen Artikeln geschrieben habe, hat sehr an meinen Nerven gezerrt… mit den bekannten Auswirkungen.

Seit ein paar Wochen entspannt sich die Lage: Mein Existenzgründerzuschuss ist durch, ich bin jetzt komplett selbstständig, es sind Ferien, DeHasn war mit dem Mausebären eine Woche im Urlaub – und ich hatte Zeit. Es ist unglaublich, wie wertvoll Zeit ist. Vor allem Zeit, sich zu resetten.

Ich habe gemerkt, wie sehr mir diese Minuten und Stunden gefehlt haben. Dazusitzen, sich zu ordnen, Prioritäten zu setzen, sich selbst wieder wichtig zu nehmen. Bis vor kurzem hatte ich dafür überhaupt keinen Kopf. Ich hetzte und hetzte und machte und machte…. und wäre wohl wieder einmal ins Burnout gerannt. Was hat mich abgehalten?

Abgesehen von meiner tollen Familie und meinen Freunden *kuss!* denke ich, dass es zum größten Teil mit meinem Job zusammenhängt. ENDLICH tue ich wieder etwas, was mir Freude macht, was für mich einen Sinn ergibt. Vor allem macht es mich stolz, nun für mich verantwortlich zu sein, MEINE Geschäfte zu führen (und nicht immer den Karren für jemand anderen aus dem Dreck zu ziehen). Es tut mir so gut, meine Zeit einzuteilen. Das ist eine große Freiheit, die ich sehr genieße: Habe ich morgens um fünf einen  Flow, dann arbeite ich eben morgens um fünf. Habe ich mittags keine Energie mehr, tanke ich bei einem Nickerchen auf. Es ist so viel effektiver, so zu arbeiten. Und so zu leben!
Ich arbeite wohl mehr als zuvor. Aber es stresst mich nicht mehr.

Langsam, ganz langsam lege ich mich wieder frei. Geduld braucht das, aber es bringt auch unendliche Ruhe – meditativ, wie das Sandwaschen am Fluss auf der Suche nach Gold.

Den Klinikaufenthalt habe ich gecancelt. Ich frage mich, wie ein depressiver Mensch diese Bürokratieberge bewältigen soll, bis er überhaupt einmal einen Platz in einer für ihn passenden (!) Klinik erhält. Und dazu noch die zu ihm passende (!) Behandlung. Viel zu viel Stress. Und dann: Was ist, wenn man wieder zuhause ist? In der alten Umgebung? Da nehme ich lieber den direkten Weg: sich zuhause besser fühlen lernen.

Das Essen ist nach wie vor meine Krux, aber jetzt habe ich Zeit, mich auch darum zu kümmern. Vor allem ist es ein Umlernen von Gewohnheiten. Und das dauert – zwei Schritte vor, einer zurück. Immerhin! Ein Schritt nach vorne!
Es ist wie beim Tanzen. Da dreht man den Walzer sein Leben lang rechts rum und soll auf einmal links rum zirkeln. Heidewitzka! Das klappt nur mit viel Training. Und Balance. Und einem, der einen sicher im Arm hält <3

Ab er es wird. Und deswegen habe ich jetzt auch die Hintergrundfarbe der Bloghütte auf Weiß geändert. Auf einer Seite zumindest. Ich finde, das ist ein guter Anfang :-)

Passt auf Euch auf!


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Die Angst, Du selbst zu sein

Ich bin wieder hier. Nicht in meinem Revier.
Sondern an genau dem Punkt. Also doch in meinem Revier.
Ich wusste, wusste, wusste, dass es schief gehen würde. Aber ich wollte, wollte, wollte es allen beweisen. Vor allem mir. Dass ich kein Schwächling bin. Dass ich über mich hinauswachsen werde. Dass ich Dinge tun kann, die ich abgrundtief verabscheue, mich dazu zwingen, weil es mir zeigt, wie stark ich bin.

Jo. Habe ich auch alles geschafft. Mit viel Kraft. Mit viel Energie. Mit viel Überredungskunst. Mit vielen Bauchschmerzen. Mit dem Gefühl, mich selbst zu verleugnen.

Aber fangen wir ganz vorne an…
Ihr erinnert Euch. An meinen Ausbruch im Frühling 2014. Weg aus diesem PR-Management-Gedöns. Wie frei habe ich mich damals gefühlt! Wie richtig! Auf dem Weg in MEIN Leben! Tja. Und dann kam der Anruf. Von meiner lieben Ex-Kollegin. Ob ich nicht, ich könne das doch so gut und überhaupt, ich müsse ja nur Texte schreiben.
Ganz ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich damals geritten hat, zuzusagen. Doch, ich erinnere mich. Wir saßen gemütlich auf der Couch in der Lounge, ich extra in meinen ollen Klamotten (Revoluzzer), und die Regeln waren klar: nur nach meinen Bedingungen. Ich gab  dem Team sogar meine Bloghütte zu lesen, damit sie verstünden, auf was sie sich einließen.IMG_3366

Jo. Nennen wir es Anpassungsschwierigkeiten. Mit viel Unterstützung von meinem Prof habe ich mir ein Standing aufgebaut, mir einen respektvollen  Umgang erkämpft, mir erfolgreich bestätigt, wie wohl ich mich mit all dem fühle.

Dann kamen die Anrufe. Optimisten nennen es Kundengewinnung, Realisten Kaltakquise. Es gibt Menschen, die lieben es, bei fremden Leuten anzuklingeln und Dinge zu präsentieren mit dem Ziel, sie zu vertickern. Ich hasse es.

Nein, Ihr merkt das natürlich nicht. Gelernt ist gelernt. Bei Meetings, auf Elternabenden, im Smalltalk … ich bin eine ganz normale, freundliche, humorvolle Frau. Wenn keiner ein Thema findet, ich weiß immer, wie das Gespräch vorankommt. Ich spüre die feinsten Stimmungsnuancen und kann Euch so lenken, dass sich zum Schluss alle wieder lieb haben. Toll, sagen alle. Die ist cool.

Aber in mir drin schreit es. Jedes Mal. Wenn ich weiß, ich treffe gleich auf jemanden, gehen alle Alarmglocken an. Ich wappne mich IMG_2789zur Flucht. Und kann doch nicht weg. Ich muss es durchstehen. Mit einer riesigen Angst in mir.

Geht es mir gut, komme ich damit zurecht. Bei vielen, die ich mag, kann ich es sogar ganz verdrängen. Aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht überfordere – zwei, drei Treffen mit Fremden kurz hintereinander sind machbar, danach wird es kritisch. Dann  brauche ich eine Pause. Geht es mir schlecht, wird das Fremde zum Ungeheuer. Jeden Morgen muss ich mich wappnen, um mit eiserner Rüstung den Tag zu überstehen.

Jo. Und jetzt stellt Euch vor, Euer Job besteht auf einmal nur noch darin, fremde Leute anzuquatschen, um Ihnen Dinge, die sie wahrscheinlich nicht brauchen, anzudrehen. Stellt Euch den Alarm vor, der jedes Mal ausgelöst wird, lange, bevor ihr zum Hörer greift. Die Panik, wenn sich jemand meldet. Und die Kraft, die es kostet, all das zu unterdrücken – weil es ja der Job ist. Und irgendeiner muss den Job ja machen. Und Du kannst das doch so gut, sagt der Chef.

Moment. Aber war für genau diesen Job nicht ganz was anderes vereinbart? So am Anfang? Stand da nicht was von “nur Texte schreiben”?

IMG_3087Jo. Aber man wächst doch mit seinen Aufgaben, sagen alle. Und wenn man es nie versucht, weiß man nie, ob es nicht doch klappt, sagen alle. Und man wird stärker, indem man sich seinen Ängsten stellt, sagen alle. Und Du bist doch erfolgreich, Du kannst den Leuten doch was verkaufen, sagen alle.

Also machte ich weiter. Und weiter. Und weiter.

Stunden haben mein Prof und ich damit verbracht, diese Arbeit auseinanderzunehmen. Immer, wenn ich gut gelaunt kam und sagte: JETZT ist alles gut, reichte ein Blick von ihm, und das Kartenhaus fiel   zusammen. Aber ich wollte es schaffen! Ich wollte das Geld verdienen und in meinem Job glücklich sein, verdammt noch mal!

Ich würde noch heute da sitzen und mit dem Hörer in der Hand vor mich hinzittern, wenn mich das Nähen nicht gerettet hätte. Huh, klingt das pathetisch. Ist aber so. Mitten in dieser Jobkrise kommen Leute auf mich zu und interessieren sich für das, was ich zuhause erschaffe. Ich muss sie nicht hinter ihrem Telefon vor locken. Sie kommen von ganz alleine! Warum? Gute Frage. Ich denke, es ist die Freude an dem, was ich tue, die auch andere begeistert. Waren wir genau da vor einem Jahr nicht schon einmal?

Jo. Ein letzter Arschtritt noch, dann ist’s gut, muss sich mein Karma gedacht haben. Ich bekam die Kündigung zum Ende des Jahres. Nur einen winzigen Moment ließ ich mich von der Depression in die Opferecke ziehen (“Du hast wieder versagt-Du kannst nichts-Du wirst nie im realen Leben bestehen-bliblablub”). Aber dann wurde ich sauer. SO RICHTIG SAUER!!!

Für DIESEN JOB habe ich vor einem Jahr meine Pläne fallen lassen!!! Für DIESEN JOB habe ich mein Können, meine Energie, meine Erfahrung gegeben!!! Für DIESEN JOB habe ich meine Bedingungen und mich selbst verraten!!! Ich habe mir den ARSCH UND DIE SEELE AUFGERISSEN!!!

AAAAAAARGH!

Dann halt nicht. Dann investiere ich meinen Grips und meine Kraft eben in mich selbst! Und schenke all das, was ich die vergangenen Jahrzehnte gelernt und getan hab nur noch Menschen, die ich mag: Euch. Und mir.
Die ganze Geschichte erzähle ich Euch ein anderes Mal, aber gerade bin ich dabei, mich mit meinem eigenen Modelabel selbstständig zu machen. Und, oh Wunder, seit ich das beschlossen habe, öffnet sich eine Tür nach der anderen.

Jo. Klingt alles so einfach, oder? Isses aber nicht. Denn ich will diesen Job gewissenhaft bis zum Ende ausführen. Bis zum letzten Tag. Damit ich mir NICHTS nachsagen lassen kann. Gelernt ist gelernt.
Geht nur leider nicht. Als ich die fünfte Nacht hintereinander wieder morgens um drei wach lag, war Sense. Gottseidank kenne ich mich mittlerweile und merke genau, wann das nächste Tief anrollt.
Also habe ich in mich reingehört. Nein, sagte mein Ich. Ich will da nicht mehr hin. Ich unterstütze Dich nicht länger bei diesem Wahnsinn. Du hast wieder mal meine ganzen Reserven aufgebraucht. Und wenn Du doch gehst, KOTZE ICH DIR VOR DIE FÜSSE!!

Mein Arzt schrieb mich sofort krank. Ich habe das gar nicht 11225081_376314909205802_5655480503466403323_nverstanden. Ich komme mir vor wie ein Lügner, jemand, der sich extra Urlaub ergaunert, der sich vor der Arbeit drückt. Ich sehe, dass es mir schlecht geht, aber ich begreife es nicht. Ich habe das Gefühl, meinen Chef im Stich zu lassen. Er muss ähnlich denken. Entsprechend sarkastisch war die Reaktion aus dem Büro: die letzten Wochen noch blau machen, von wegen krank, jaja.

Wenn ich an einem Schuld habe, dann an dieser Reaktion. Denn ich habe mich die ganze Zeit hinter einer Fassade versteckt. Die Tüte mit dem immerwährenden Lächeln über den Kopf gestülpt. Ich wollte es so. Ich wollte, dass jeder dachte, es ginge mir gut, ich schaffe das!

Jo. Was lernen wir daraus? Dass auch ich als alter Depressions-Hase noch immer Fehler mache und daraus lerne, lernen muss. Aber auch etwas ganz Wunderbares: Wenn Ihr Euch traut, die Tüte vom Kopf zu ziehen,  hat Euer wahres Ich endlich die Luft, die es zum Leben braucht.

Gebt ihm die Chance. Habt keine Angst davor!


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Wir sind viele

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Depression ist leise. Jeder kann ihr zum Opfer fallen.

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Und wie unter einer Maske verstecken die Menschen sie
hinter einem Lächeln. – “Mir geht’s gut!”

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Niemand entdeckt sie, nur Du – denn das Maskieren ist einfach.
Je witziger Du bist, umso weniger ahnen die anderen etwas.

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Aber du kannst es nicht ewig verbergen.

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Irgendwann bricht jeder ein.

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Aber das ist völlig okay.

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Du brauchst Dich für nichts schämen.
Es gibt Menschen da draußen, die Dich verstehen.

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Sieh jeden neuen Tag als eine Chance, zu wachsen.
Wir sind immer hier und warten auf Dich!

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Du bist wertvoll. Du wirst geliebt. Du bist nicht allein.
Hab Geduld mit allem, aber am meisten mit Dir selbst.


Quelle der Bilder leider unbekannt. Falls jemand den Autor kennt, freue ich mich über eine Nachricht.

 

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Mein Partner ist depressiv

Die Diagnose ist das eine. Damit leben, das andere. Denn eine Depression macht nicht nur dem oder der Betroffenen das Leben zur Hölle, sondern auch auch Freunden und Angehörigen. Gerade (Ehe-)Partner trifft es schwer, wenn sie den geliebten Menschen nicht wiedererkennen, als hätte über Nacht ein Alien von einem anderen Stern sein Gehirn ausgesaugt und nur noch die Hülle zurückgelassen. Nichts dringt mehr zu ihm vor, alle Versuche, ihn aufzumuntern oder ihm zu helfen, scheitern. Viele Angehörige tragen so schwer an dieser Last, an dieser Verantwortung, dass sie nicht selten selbst in ein Burn-Out oder eine Depression geraten.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Eine schwere Bürde. Müsst Ihr sie ein Leben lang tragen? Nein. Aber wenn Ihr möchtet, helfe ich Euch dabei. Hier findet Ihr Tipps, wie Ihr Depressionen bei Eurem Partner, einem Freund oder Familienmitglied erkennen und ihn oder sie dabei unterstützen könnt, wieder gesund zu werden. Eine Bitte: Wenn Ihr Fragen habt, fragt, egal was! Ich will versuchen, aus meiner Erfahrung heraus auf alles eine Antwort zu finden.*

Woran erkenne ich, dass mein Partner depressiv ist?

  • Jegliche Gefühlsregung schwindet aus seinem Gesicht, seine Mimik wird zur starren Maske.
  • Er schläft abends nicht ein oder tigert schon frühmorgens durchs Haus, weil er nicht schlafen kann. Drei Uhr ist ein typsicher Zeitpunkt, an dem Depressive aufwachen und nicht mehr zur Ruhe kommen können.
  • Er ist ständig am Grübeln und sorgt sich um alles. Er hat Angst vor der Zukunft und weiß nicht, wie es weitergehen soll.
  • Er hat scheinbar zu nichts mehr Lust, vernachlässigt Hobbys, Freundschaften und…
  • … vor allen Dingen sich selbst. In einer depressiven Phase ist es für mich beinahe schon schmerzhaft, schöne Kleider zu tragen oder mich zu schminken. Allein die tägliche Hygiene kostet immens Kraft. Ich kann es einfach nicht tun – als ob ich körperlich gelähmt wäre.
  • Er kann nicht mehr lachen, gar nicht, weder über Witze noch lustige Filme.
  • Er verfällt auch im Job in eine Starre, umgeht Termine, zögert Abgaben hinaus, sucht nach Entschuldigungen dafür, lässt sich krankschreiben, um seiner Pflicht nicht nachkommen zu müssen.
  • Einige Betroffene weinen oft aus für andere nicht ersichtlichen Gründen. Andere zeigen gar keine Gefühle mehr.
  • Dazu gehören auch Liebe, Nähe, Empathie, sogar dem eigenen Partner gegenüber.
  • Er isoliert sich, zieht sich zurück, meidet Menschen.
  • Er kann sich einfach nicht entspannen, selbst im schönsten Urlaub nicht.
  • Alles ist negativ, auch im Positiven sieht er nur das Schlechte.
  • Manche Depressive werden schnell aggressiv, andere gehen drohenden Konflikten sofort aus dem Weg und rennen sprichwörtlich davon.
  • Suchtverhalten kann ein Anzeichen sein – sei es der übermäßige Konsum von Alkohol oder auch von Zucker.
  • Typisch ist der sprunghafte Wechsel von der Depression in die Manie: Plötzlich haben Betroffene den einen großen Plan parat, der ALLES ändern wird (Auswandern, neuer Job, Kürbisse züchten). In einer solchen Phase werden auch abrupt Beziehungen oder Freundschaften beendet oder gegen neue eingetauscht, ohne dass der andere erkennen kann, warum.
  • „Ich will nicht mehr leben“, „Ich kann nicht mehr“. Wer von Depressionen gequält wird, sieht manchmal den Freitod als einzige Lösung. Hört Ihr so etwas von Eurem Partner, versucht, mit ihm zu reden und kontaktiert den Arzt Eures Vertrauens. Depressive nutzen solche Worte nicht, um andere zu erpressen. Manche sind wirklich so fertig, dass sie dem Leiden nur noch ein Ende setzen möchten

Was Eurem Partner nicht hilft

  • Sprüche wie: „Ach komm, draußen ist doch so tolles Wetter!“ oder „Komm endlich in die Puschen!“ oder „Stell Dich nicht so an!“ oder „Du musst einfach mal positiv denken!“ Wenn das so einfach wäre, würden Depressive es tun. Aber sie können es nicht, und ihnen geht es nur noch schlechter, wenn sie durch solche Kommentare ständig auf ihre Defizite hingewiesen werden.
  • In diese Kategorie fällt auch der blöde Spruch „Sei ein Mann!“. Depression ist eine Krankheit, keine (Charakter-)Schwäche. Wenn er nicht kann, hat das sehr wohl Gründe. Bei ihr übrigens auch.
  • „Du markierst ja nur!“ oder „Du willst ja nur im Mittelpunkt stehen!”, ist genauso verletzend wie unzutreffend. Nichts lieber als in der Versenkung verschwinden würden Depressive.
  • „In Afrika verhungern Kinder!“ Natürlich gibt es Menschen auf der Welt, denen es objektiv gesehen sehr viel schlechter geht. Aber das ändert nichts an der Depression und macht den Betroffenen nur noch mehr Kummer, weil es Schuldgefühle verstärkt.
  • Ja, eine Faschingsparty ist lustig. Aber nicht für jemanden, dem es seelisch gerade sehr schlecht geht, der Angst vor Menschen hat und am liebsten unsichtbar sein würde. Zwingt ihn nicht dazu, etwas zu tun, was er nicht möchte und akzeptiert, dass er gerade einfach nicht in der Lage dazu ist, auch „nur schnell auf nen Kaffee zum Nachbarn rüber“ zu gehen.

Was Eurem Partner hilft

  • Es ist oft schwierig, mit einem depressiven Menschen Kontakt aufzunehmen. Viele blocken ab oder behaupten, ihnen fehle gar nichts. Depression ist heute immer noch ein negativ besetzter Stempel, den keiner auf der Stirn haben möchte. Zu der Angst, was denn wohl die Leute dazu sagen würden, kommt die Angst „verrückt“ zu sein und in „der Klapse“ zu enden.
    Der erste Schritt, dem entgegenzuwirken ist, Euch selbst zu informieren: Was ist eine Depression überhaupt, welche Formen gibt es, welche Behandlungsmethoden? Und ganz wichtig: Wo in der Nähe findet Ihr Hilfe? Hier könnt Ihr einiges nachlesen, ansonsten scheut Euch nicht, selbst zum Arzt Eures Vertrauens zu gehen und ihm von Euch und Eurem Partner zu erzählen.
    Ich bitte Euch dabei eindringlich, nicht zu selbsternannten Heilern oder pseudopsychologischen Lehrern oder so genannten Coaches zu gehen! In jeder Stadt gibt es in den Krankenhäusern psychiatrische Ambulanzen mit Notfallsprechstunden. Dort findet Ihr fundiert ausgebildetes Fachpersonal, das Euch weiterhelfen wird und bekommt zügig und vor allem kostenlos einen Termin.
  • An dieser Stelle ein Wort an alle Alleinerziehenden: Bevor ich DeHasen kennenlernte, war auch ich jahrelang mit dem Mausebären alleinerziehend. Das war meiner Depression natürlich egal, sie kam regelmäßig wieder. Denn gerade als Alleinerziehende habt Ihr ein Stress-Abo. Wenn es Euch trifft und Ihr keinen Menschen habt, der Euch unterstützt – geschweige denn einen Partner – und es Euch sehr schlecht geht, lasst Euch krankschreiben. Es nützt niemandem, wenn Ihr Euch bis zur Erschöpfung durchs Leben schleppt, am wenigsten Euren Kindern und Euch selbst!
    In meiner akuten Phase war ich ein halbes Jahr zuhause, und in dieser Zeit habe ich es gerade mal geschafft, den Mausebärn morgens in die Kita zu bringen und nachmittags wieder abzuholen sowie einen Grundstandard an Ernährung und Hygiene aufrecht zu halten. Mit einem Job zusätzlich hätte ich das nie geschafft!
    Auch, wenn Ihr in eine Klinik müsst (keine Angst, für Euer Kind wird gesorgt werden), nutzt diese Zeit, um wieder Kraft zu tanken und zur Therapie zu gehen. Nur so habt Ihr eine Chance, weiterleben zu können. Eure Firma und Euer Umfeld sterben nicht, wenn Ihr ein halbes Jahr pausiert. Ihr allerdings sehr wohl, wenn Ihr es nicht tut!
  • Habt Ihr Euch informiert, ladet Euer (neues) Wissen nicht ungefiltert bei Eurem kranken Partner ab. Sich einzugestehen, depressiv zu sein, ist schwer genug. Wenn andere einen vehement darauf hinweisen und gute Ratschläge geben, fühlt man sich nackt und bloßgestellt und zieht sich noch mehr zurück. Versucht, das Thema behutsam anzugehen. Zum Beispiel, indem Ihr bei Euch zuhause unaufdringlich Lektüre zum Thema bereitlegt, die der Betroffene dann zur Hand nehmen kann, wenn er möchte.
  • Oder fragt Euren Partner vorsichtig, was denn mit ihm los sei. Lasst ihn reden, hört einfach nur zu, gebt keine Ratschläge. Das hilft schon ungemein.
  • Ist Euer Partner offen für Hilfe, begleitet ihn zum Arzt, damit er sich nicht allein und als Versager fühlt. Mir hilft die Erfahrung sehr, dass DeHasen auch in meiner tiefsten Depression bei mir ist und ich nicht einsam und verlassen an breiter Front kämpfen muss. Aber auch das musste ich erst einmal lernen.
  • Eine Depression kostet immense Kraft, Kraft, die für Haushalt oder Familie nicht mehr zur Verfügung steht. Gerade mit Kindern ist ein depressives Leben sehr anstrengend. Entlastet Euren Partner ab und an, schafft ihm Freiräume, damit er sich erholen kann. Aber Obacht: Nehmt ihm nicht alles ab, lebt nicht sein Leben für ihn! Depressive brauchen Aufgaben und einen Alltag, an dem entlang sie sich auf dem Weg zur Besserung aus dem schwarzen Loch wieder heraushangeln können.
    An dieser Stelle ein sehr wichtiger Ratschlag an alle Angehörigen: Unterstützung, Hilfe, Fürsorge, Liebe hilft Depressiven ungemein, wieder ans Licht zu finden. Aber  verliert Euch dabei selbst nicht! Gebt Euch selbst nicht auf – vor allem lauft nicht Gefahr, in die Therapeutenrolle zu rutschen oder den Partner alleine kurieren zu wollen. Das schafft Ihr nicht! Am Ende droht Euch selbst ein Burn-Out oder die Co-Abhängigkeit. Ich bin sogar der Meinung, dass es an der Zeit ist, einen Partner zu verlassen, wenn er Jahr um Jahr an seiner Depression festhält und jegliche Hilfe ablehnt. Und das sage ich als selbst Betroffene! Passt also bitte auf Euch und Euer Leben auf
    .
  • Weil Depressive erstarrt sind, fällt ihnen Bewegung unglaublich schwer. Dabei tut es so gut, Körper und Geist in Schwung zu bringen. DeHasen und ich tanzen. Früher auf Turnieren, heute nur noch so zum Spaß. Einmal die Woche ist Tanzkreis. Wenn ich depressiv bin, erfinde ich immer wieder neue Ausreden, nicht hinzumüssen. Obwohl es mein liebstes Hobby ist! Aber einmal fühle ich mich zu fett, das andere Mal von den Menschen dort überfordert, beim dritten Mal war die Woche zu anstrengend.
    Doch das Verrückte ist: Sobald ich den Trainingssaal betrete, die Luft schnuppere, die Musik höre und wir die ersten Schritte auf dem Parkett tun, bin ich ein anderer Mensch – nämlich wieder ich selbst. Es ist mein Anker, der mich im normalen Leben hält. Vielleicht findet Ihr ja gemeinsam ein Hobby, eine Sportart, bei der es Euch beiden ähnlich geht, bei der Ihr die Depression einfach für ein paar Stunden die Woche hinter Euch lassen könnt.
  • Stress ist das Futter der Depression. Je mehr Stress, umso stärker die Krankheit. Dummerweise ist ein Betroffener so in seiner Dunkelheit gefangen, dass er kein Licht am Ende des Stresstunnels sieht. Dann redet mit Eurem Partner und helft ihm, Ideen zu finden, wie er den Stress reduzieren kann. Wenn ich mal wieder nicht aus der Stressspirale finde, spreche ich mit DeHasen. In den allermeisten Fällen hat er einen Geistesblitz, der so einfach wie genial ist, auf den ich aber selbst nie gekommen wäre.
  • Das Glückskonto: Als es mir sehr schlecht ging, schenkte mir DeHasen ein großes Einmachglas und einen Block mit bunten Zetteln. Immer, wenn ich etwas Schönes oder Positives erlebte, sollte ich es aufschreiben und ins Glas werfen. Am Ende des Jahres öffneten wir das Glas und lasen gemeinsam, was ich auf meinem Glückskonto verbucht hatte. Ich war sehr erstaunt, was ich alles geschafft und Tolles erlebt hatte – denn in meiner (depressiven) Erinnerung war wie immer alles schwarz.

Akzeptieren, nicht negieren

  • Viele Depressive genesen vollständig, genauso viele wie ich zum Beispiel bleiben jedoch ein Leben lang depressiv. Dann muss man damit leben lernen. Und das funktioniert nur, indem man die Krankheit akzeptiert. Es hilft ungemein, wenn aus der Geheimniskrämerei ein offener Umgang und Austausch wird und Euer Partner merkt: Ihr steht hinter ihm, auch wenn seine Krankheit bekannt ist, auch wenn sie ein Leben lang bleibt.
  • Blöder Spruch, aber Wissen ist Macht: Wer weiß, wie eine Depression entsteht, welche chemischen Reaktionen dabei im Körper stattfinden, wie man sie behandeln kann, fühlt sich nicht mehr hilflos und kann auch anderen gegenüber selbstbewusster auftreten, die immer mal wieder fragen: „Oh Gott, wie hältst Du das nur aus?!“ Also informiert Euch. Wo, habe ich oben schon geschrieben.
  • Trigger (Reize) sind heimtückisch, weil kaum ein Partner weiß, was seinen Liebsten triggert und wann. Plötzlich geht es dem andern sehr schlecht, obwohl ihr überhaupt keinen Grund erkennen könnt. Redet miteinander und findet heraus, welche Schlüsselreize ihn in die Depression treiben. Das können einzelne Wörter sein, Erlebnisse, die bei ihm traumatisch besetzt sind, Orte oder bestimmte Ereignisse wie Urlaub.
    Achtet gemeinsam darauf, dass Ihr solche Trigger meidet oder damit umzugehen lernt. Nichts ist für Partner von Betroffenen schlimmer, als hilflos mit ansehen zu müssen, wie der Liebste sich im Kreis dreht und wendet und daran verzweifelt.
  • Depressive, die zwischendurch eine manische Phase haben, in der sie Berge versetzen möchten, überschätzen sich dann oft und bürden sich Dinge auf, die später wieder zu Stress führen. Helft Eurem Partner, indem Ihr ihn fragt, ob dieses Hobby oder dieses Projekt jetzt gerade wirklich sein müssen. Erinnert ihn daran, dass ihm zu viel Stress schadet.
  • Verachtet niemanden, der Medikamente nehmen muss und sprecht nicht abfällig über Psychopharmaka. Weil die wenigstens wissen, wann und warum Antidepressiva manchmal die letzte Rettung für Depressive sind, verurteilen sie Arznei als „Wunderpillen“, „bunte Pillen“, „Glückspillen“ oder gar als Drogen, Betroffene als „Junkies“ oder Leute, die sich einfach mal zum Spaß was einwerfen.
    Das ist sehr verletzend für Depressive! Oft ist ein Medikament die letzte Rettung vor dem (Frei)tod. Und gerade für chronisch Depressive, deren Hirnstoffwechsel dauerhaft außer Gleichgewicht ist, die einzige Möglichkeit, überhaupt ein normales Leben zu führen. Sind Medikamente bei Eurem Partner nötig, erklärt es Euch und anderen wie Diabetes: Ein Diabetiker, der kein Insulin erhält, wird auf Dauer ohne das Mittel  ebenfalls grausam krepieren.
  • Und zuguterletzt: Liebt Euren Partner wie bisher! Ich weiß, es ist schwierig. Aber dieses seltsame Wesen, das Euch gerade teilnahmslos gegenübersteht, ist nicht Euer Partner selbst. Es ist die Depression, die ihn besetzt. Und die ihn gerade lähmt, Euch das zu sagen, was er tief innendrin empfindet: Ich liebe Dich und danke Dir dafür, dass Du da bist.

“Ich liebe Dich, weil Du es gerade nicht kannst.”
DeHasen


*Auch an dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass ich weder Therapeut noch Arzt bin. Ich schreibe meine Erfahrungen als Betroffene nieder. Wo Ihr fundierte Hilfe findet, lest Ihr hier.
Zeichnung im Header: Matthew Johstone

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Welle Titel

CBASP – Wellenreiten für chronisch Depressive

Dieser Text ist für A. und M. und alle anderen, die noch einen Ausweg aus der Depression suchen. Er ist ein wenig *räusper* lang geraten. Also nehmt Euch ne Tasse Kaffee, nen Keks und vor allem Zeit und kommt mit mir in den April 2012…

Da sitze ich wieder, in dem kleinen, muffigen Räumchen des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), zweiter Stock, Flur ganz durch, hinten links. Während ich diesen Text schreibe, bin ich erneut mitten drin, im ZDCIM112GOPROimmer, im Geschehen, in der Therapie – jene Therapie, die mir beibrachte, nicht in den Wellen meiner Depression zu versinken, sondern sie zu reiten. Die für mich die Rettung war.

Frühjahr 2012. Ich habe eine Geburt hinter mir, eine Scheidung, drei Umzüge mit Kleinkind, drei Jahre als alleinerziehende berufstätige Mama und einen Arbeitgeber, der mich gerade hinaus gemobbt hat. Alles so viel, dass weder mein Antidepressivum Citalopram noch eine „normale“ Verhaltenstherapie mehr greift. Ich bin am Ende. In meiner Verzweiflung google ich nach Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Depressive und lande auf der Homepage des ZIs. Dort suchen sie Teilnehmer für eine Studie. Eine neue Behandlungsform ist aus den USA herübergeschwappt, angeblich genauso wirksam wie Antidepressiva und vor allem für chronisch Depressive.

Ich maile hin und lande bei meinem heutigen Prof. „Bitte“, flehe ich ihn an, „helfen Sie mir! Das ist meine letzte Rettung.“ Tatsächlich lädt er mich zum Screening ins ZI. Ich werde auf Herz und Seele geprüft. Denn nur Patienten mit eineBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.19.13m tatsächlich chronischen Depressionsverlauf können an der Studie, welche die Wirksamkeit der neuen gegenüber alten Therapieformen beweisen will, teilnehmen. Ich bete, dass der Test positiv ausfällt und ich zu den Probanden der neuen Therapie gehöre. Es klappt. Mein Depressionsindex liegt bei 87 (Gesunde haben null, bei 90 gibt man sich glaub’ ich die Kugel), und ich werde der neuen Therapieform zugeteilt. Ich bin unendlich erleichtert und fortan Studienteilnehmer, Gruppe CBASP.

Was klingt wie eine Wespe mit Startschwierigkeiten, heißt in Langform „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy” (CBASP) – zu Deutsch „Kognitives Verhaltens-Analyse-System der Psychotherapie“. Das neue Behandlungsverfahren wurde Ende der 1990er von Prof. James P. McCullough Jr. (Virginia Commonwealth University, USA) entwickelt, um 2006 kam es nach Deutschland. Es ist bis heute weltweit der einzige Therapieansatz, der speziell für chronisch (länger als zwei Jahre) Depressive konzipiert wurde.

CBASP geht davon aus, dass chronisch Depressive durch früh erfahrene Traumata (Misshandlungen, Verluste oder chronische Vernachlässigung) sozial und emotional in ihrer Entwicklung meblockiert wurden. Die Betroffenen haben nie gelernt, mit anderen Personen und ihrer Umwelt zu interagieren. Wenn sie es heute dennoch versuchen, und das aufgrund fehlenden „sozialen Wissens“ schief geht, sind sie frustriet und ziehen sich immer weiter zurück.

In der Kindheit traumatisierte Menschen bleiben oft in einem präoperativen Entwicklungsstadium stehen, also sozial und kognitiv auf der Stufe eines zwei- bis siebenjährigen Kindes. Versetzt Euch in eine Sechsjährige, die sich durch den Managementdschungel eines Großunternehmens mit all seinen menschlichen Spitzfindigkeiten schlagen muss. Das ist die Erklärung, warum so viele, die doch so qualifiziert sind, so oft scheitern.

Haben Menschen nicht die Chance, dieses Entwicklungsdefizit aufzuarbeiten, leiden sie ein Leben lang an niedrigem Selbstwert und einer generellen Hoffnungslosigkeit. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur genauen Beobachtung und Selbstwahrnehmung. Zudem können sie Erfahrungen kaum verarbeiten. Deswegen fällt es chronisch Depressiven sehr schwer, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Besonders fremde oder neue Menschen und Situationen sind anstrengend, weil sie automatisch mit Personen und Erlebnissen Bildschirmfoto 2014-10-02 um 14.53.25früherer Traumata gleichgesetzt werden. Beispiel: „Mama hat mir immer weh getan, also wird auch Herr oder Frau XY mir immer wehtun.“

Was CBASP nun tut, ist, diese finsteren Gedanken zu durchleuchten, aufzudröseln, kleinzuhacken, zu überprüfen und sie durch neue, positive, zielführende zu ersetzen. Der Patient lernt, dass niemand außer ihm selbst über seine Gedanken bestimmen kann. Dass es in seiner Macht liegt, wie Leute ihn sehen und auf ihn reagieren und wie er sich verhält. Er wird vom ferngesteuerten Opfer seiner Depression zum selbstbestimmten Agitator seines Lebens.

Klingt alles so wunderbar, so einfach, oder? Isses aber nicht. (Wäre ja auch zu schön gewesen… ;-)) Stellt Euch vor, Ihr wart 20 Jahre gelähmt an einen Rollstuhl gefesselt und habt nun die Chance, wieder gehen zu können. Wie lange brauchen Eure Nerven, Eure Muskeln und letztlich Euer Willen, das in Angriff zu nehmen – vom ersten Schritt bis zum Marathonlauf? Vermutlich ein Jahr. Mindestens. Genauso ist es bei CBASP. Zwischen dem Entschluss, sich in Bewegung zu setzenCBASP1 und dem Erreichen der Ziellinie liegt ein Jahr harten Trainings. Ich will Euch zeigen, wie meins aussah.

Zuerst einmal musste ich herausfinden, warum ich falsch gepolt war. Dass ich es war, war mir klar, aber nicht, wieso! Also gingen mein Therapeut und ich meinem Leben auf den Grund – bis in die frühe Kindheit…

  • Wie sah es mit meinen emotionalen Bedürfnissen aus, wurden sie erfüllt? Wie Ihr an dem Flipchart-Blatt aus meiner ersten Sitzung im April 2012 erkennen könnt, lautet die Antwort: Nein. Meine Mutter hatte kein Interesse an mir, unterdrückte mich und trat meine Bedürfnisse sprichwörtlich mit Füßen. Mein Vater tat es ihr gleich. Mein Großvater, der mit uns im Haus lebte, erkannte meine Bedürfnisse, unterstützte mich aber nicht, weil er genauso viel Schiss vor meiner Mutter hatte wie ich.
    Ich lernte: Meine Bedürfnisse und ich interessieren niemanden.
  • Meine Kindheit war geprägt von negativen Gefühlen. Die Mutter drohte mit Strafe (körperliche und psychiche), ansonsten kam von ihr keinerlei Unterstützung. Der Vater strafte ebenso und war kaltherzig. Mit dem Großvater war ich verbunden im Leid, aber auch von ihm kam keine Hilfe.
    Ich lernte: Ich muss CBASP2alles selber mit mir abmachen; ich werde herabgewürdigt und gestraft, wenn ich zeige, wie es mir geht.
  • Bei „Fehlern“ meinerseits (die meine Mutter willkürlich zu solchen erklärte) kam es zur Strafe durch die Mutter, wiederholt abends vom Vater und zu sogenannten Familiengerichten, bei denen ich nochmals verurteilt und bestraft wurde.
    Ich lernte: Ich darf keine Fehler machen! Und ich bekam nie ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.
  • Auch der Beziehungsfähigkeit drückte meine Kindheit ihren Stempel auf. Von meiner Mutter erfuhr ich null Nähe, dafür Gewalt. Dasselbe gilt für meinen Vater, wobei er Nähe zuließ, wenn die Mutter es nicht mitbekam. Meine Großeltern, die weiter weg lebten, gaben mir alle Liebe und Nähe, die sie hatten. Sie waren mein Rückzugsort, der aber zeitlich begrenzt auf ein paar Wochen im Jahr blieb.
    Ich lernte: Beziehungen sind nicht verlässlich.

All diese Erfahrungen, all diese Stempel setzten sich in mir fest und beeinflussten jede weitere Begegnung, jeden weiteren Schritt in meinem restlichen Leben, ja sogar die Art und Weise, wie andere auf mich reagierten. Wie es in den Wald hineinruft…? Ja. Blödes Sprichwort. Aber es stimmt. Wissenschaftlich erwiesen. Schaut Euch den Kiesler-Kreis an. Er zeigt, wie sich Personen untereinander Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.05verhalten, welche Rolle sie einnehmen. Ist der eine dominant-distanziert, wird der andere unterwürfig-distanziert reagieren – so geschehen bei meiner Mutter und mir, siehe mein Kiesler-Kreis von einer Therapiestunde ganz am Anfang. Selten ändert sich der andere. Also könnt Ihr diesen Teufelskreis nur durchbrechen, indem IHR Euch ändert, IHR eine andere Rolle einnehmt. Sobald Ihr nicht mehr feindselig-unterwürfig, sondern zum Beispiel freundlich-dominant agiert, wird der andere freundlich-unterwürfig reagieren. Das ist kein Hokuspokus, keine Magie, sondern einfach menschlich.

Im Nachhinein erklären diese Blätter vom Flipchart meines Therapeuten so vieles, fast alles. Aber bis zum Frühjahr 2012 wusste ich davon nichts. Als Kind hatte ich keine Möglichkeit, das zu erkennen oder zu verändern. Und als Erwachsene war und bin ich noch immer zutiefst schockierBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.32t darüber, was meine Eltern mir angetan und mir somit die Chance auf ein normales, glückliches Leben genommen haben.

Die Kunst war nun also, mich so umzupolen, dass ich auf meine Mutter und stellvertretend alle anderen Menschen nicht mehr feindselig-unterwürfig reagieren oder ihnen erst gar nicht in dieser Weise gegenübertreten würde. Dass ich nicht länger als Opfer leben müsste. Oh, Gott, dachte ich damals, mitten in der Depression. Wie soll ich das nur schaffen? In ganz, ganz, ganz kleinen Schritten und mithilfe der CBASP-Situationsanalyse. Weiter unten habe ich Euch zwei typische Beispiele aus meiner Therapiezeit eingefügt. Wie ein Patient mit Schlaganfall musste ich wieder lernen, meine Gedanken und meinen Körper selbst zu leiten.

„Wenn Sie einen Brief schreiben möchten“, fragte mein Therapeut, „was tun Sie da?“
„Ich mache mir Gedanken über den Inhalt und schreibe los“, sagte ich.
„Hm“, sagte der Therapeut. „Wenn sie einen Brief schreiben möchten, müssen Sie erst einmal einen Stift zur Hand nehmen. Und was tun sie, um den Stift in die Hand zu nehmen?“
„Ich greife danach?“DCIM112GOPRO
„Aha. Und was müssen Sie Ihrer Hand sagen, damit sie das auch tut?“
„Greif!“

Zweimal die Woche fuhr ich nun ins ZI und analysierte eine Stunde lang genau EINE Situation wie zum Beispiel das Aufheben eines Stiftes. Es waren nur Sekundenbruchteile einer Szene, die mich völlig aus der Bahn warfen: Meine Mutter öffnet die Tür, schaut mich an, ich heule. Wir fanden heraus, welche meiner Gedanken mich in die Irrealität, in frühere Situationen, führten. Ich lernte, sie zu destillieren, durch neue zu ersetzen. In zahllosen Rollenspielen saß ich Menschen meines früheren Lebens gegenüber und führte Dialoge ein zweites Mal – bis ich diejenige war, die freundich-dominant den Gesprächsverlauf und damit mein Leben  bestimmte.

Hier seht Ihr zwei meiner Blätter als Beispiel (anklicken), die Ihr gerne auch für Euch als Vorlage herunterladen könnt:
Situationsanalyse Hochzeitskleid
Situationsanalyse Döner

Was wir nicht in den Therapiesitzungen besprechen konnten, analysierte ich alleine zuhause. Nun hat ein Tag ziemlich viele Sekundenbruchteile und eine Woche erst recht. Also analysierte und analysierte ich, in meiner Wohnung stapelten sich Blätterberge, mein Leben war eine einzige Situationsanalyse. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf, erforschte meine Gedanken, entlarvte die Irrläufer, formulierte meinen Schlachtruf („Schlaf ein!“) Welle 02und betete ihn so lange mantramäßig vor mich hin, bis niemand außer mir mehr in meinem Kopf war – und ich tatsächlich einschlief.

Oft genug war ich versucht, wieder meine Antidepressiva, die ich vor Therapiebeginn absetzen musste, zu nehmen. Aber ich hielt durch. Ich wusste, es war meine letzte Chance. Ich lernte, mich bewusst mit Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, Geburtstage zu feiern, zusammen zu arbeiten. Ich fand heraus, was für mich falsch und richtig war, was (und wen) ich liebte und was (und wen) nicht. Ich äußerte Kritik, und Kritik von anderen tat nicht mehr so weh. Und – die Königsdisziplin – ich sagte meiner Mutter ins Gesicht, dass ich anderer Meinung sei als sie und das tun würde, was mir gefiele.

Ein Jahr dauerte es, Training rund um die Uhr, bis sich das neu Erlernte in meinem Hirn festsetzte, automatisierte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nicht mehr bei jeder GeBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.23.55legenheit Blatt und Stift aus der Tasche zog, sondern unbewusst die Situation schon gemeistert hatte. CBASP war fest in mir verankert, hatte alte Denk- und Verhaltensmuster bei Seite geschoben, sich etabliert und mein inneres, traumatisiertes Kind wachsen und heilen lassen. Im April 2013 war mein Leben endlich selbstverständlich geworden, und ein letztes Screening zeigte statt einem Index von 87 die Zahl Drei. Nicht mehr chronisch depressiv. Ganz ohne Medikamente. Nur mit CBASP. Und allein durch mich.

„Aber“, ereifert Ihr Euch nun (ich kann es genau hören ;-)), „aber, der Finsterwald! Im Sommer! In den Ferien! Immer wieder musst Du gegen ihn kämpfen! Wie kannst Du da sagen, Du bist geheilt?!“ Ich antworte wie mein weise schmunzelnder Prof, dem ich vergangene Woche genau dieselbe Frage stellte: „Frau W., sie werden nie geheilt sein“.

Das ist das Leben: Verletzungen hinterlassen Narben. Wir werden dünnhäutig, und manchmal brechen Narben wieder auf. Für mich heißt das, dass ich stets vulnerabel, also verletzlich sein werde. Aber mal ganz ehrlich – wer ist das nicht! Stress ist ein großer Feind. Er macht mich fahrig, ich verliAivasovsky_Ivan_Constantinovich_Moonlit_Seascape_With_Shipwreckere meine Kontur, bin nicht bei mir und in mir, schenke mir keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn dann etwas auf mich einströmt – Konflikt mit dem Ex-Partner, neuer Job, Urlaub – übersehe ich den Leuchtturm und schippere geradewegs ins Unglück. Ich vergesse, die Situation zu analysieren und mich mit einem Schlachtruf wieder heraus zu katapultieren. Oft verliere ich den Blick für die Realität und setze mir Ziele, die selbst mit der ausgefeiltesten CBASP-Methode nicht zu erreichen sind. Ich kämpfe mich mit irrealen Gedanken (Du MUSST das jetzt schaffen!!) gegen den Strom und rudere volle Kraft voraus in den Untergang. Und manchmal – ich geb’s offen zu – hab’ ich auch einfach keinen Bock mehr und lass die Segel gleiten. Ich rutsche auf der nächsten Depressions-Welle aus und strande wieder mal in meinem kleinen, muffigen Räumchen im Mannheimer ZI.

Das ist nicht schlimm. Für mich. Für Außenstehende schon, weil sie Angst haben, dass ich ertrinken würde. Ich kann es verstehen. Noch heute zweifle ich, selbst in guten Phasen, wenn ich den Tanzsaal, den Reitplatz, die Geburtstagsparty oder meDepression me3in Büro betrete: „Was werden sie über Dich denken?!“ Aber es bleibt bei diesem einen, kurzen Stich ins Herz und binnen Sekunden habe ich mich wieder unter Kontrolle. Nur bei zwei Menschen hat sich dieser anfängliche Schmerz, diese Angst völlig verloren. Nicht bei meinen Eltern oder bei meinen besten Freunden. Sondern bei DeHasen und meinem Mausebären.

Ob CBASP dauerhaft eine Alternative zu Antidepressiva bietet? Wir werden sehen, was die Auswertung der Studie im kommenden Jahr bringt. Prof. Christian Schubert, Medizinische Universität Innsbruck, forscht auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie. Ihn hatte ich gefragt, ob ein Leben mit chronischer Depression ohne Medikamente möglich sei. Seine Antwort: „Ja, mit sehr viel harter Arbeit.“

Ich merke das: Extremsituationen wie Vorstellungsgespräche sind immer noch ein enormer Kraftakt und erfordern da, wo andere sich nur auf die Fragen des Gegenübers konzentrieren, meine ganze cbasp3Körper- und Willensbeherrschung. Dass CBASP selbst dann wirkt, seht Ihr an dem psychologischen Gutachten, das eine Firma von mir erstellt hat. Ich verkneife mir ein triumphierendes Grinsen und verweise besonders auf den Bereich „Außenorientierung“ (Den Job habe ich übrigens dann auch bekommen. Es war der mit dem Döner).

Also keine Sorge: Jede Welle, die ich nehme, macht mich stärker. Ich hab nämlich inzwischen nicht nur das Depressions-Seepferdchen. Sondern auch den Freischwimmer. In Silber;-)


  • Die bunten Folien sind aus einem Vortrag von Frank Padberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München (9. November 2009) über Psychotherapie bei chronischen Depressionen.
  • Das kleine Mädchen auf Bild 3 bin ich.
  • Das Bild vom Wrack im Mondlicht ist von Aivasovsky Ivan Constantinovich (Rechte gemeinfrei).
  • Und die wunderschönen Meerfotos sind von DeHasen.
  • Alle weiteren Infos zu CBASP und eine Liste von zertifizierten Therapeuten findet Ihr hier.

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I had a black dog – deutsche Übersetzung

Ihr Lieben,

da es scheinbar keine deutsche Übersetzung für “My black dog” gibt, habe ich mich drangesetzt. Der Text ist zu wichtig, als dass er einfach unverstanden bliebe. Hier ist also die Transkription – der “Black dog” auf Deutsch:

Ich hatte einen schwarzen Hund, sein Name ist Depression.

Wann immer der schwarze Hund auftauchte, fühlte ich mich leer, und das Leben schien still zu stehen. Er überraschte mich mit seinem Besuch, einfach so, ohne Grund. Der schwarze Hund ließ mich so viel älter fühlen, als ich tatsächlich war. Wenn der Rest der Welt das Leben genoss, konnte ich es nur durch den schwarzen Hund sehen. Alles, was mir vorher Spaß gemacht hatte, war plötzlich bedeutungslos.

Er liebte es, mir den Appetit zu verderben. Er zerkaute mein Gedächtnis und die Fähigkeit, mich zu konzentrieren. Irgendwas zu tun oder irgendwohinzu gehen mit dem schwarzen Hund erforderte übernatürliche menschliche Kräfte. Bei gesellschafBildschirmfoto 2014-08-18 um 19.42.37tlichen Anlässen erschnüffelte er mein Selbstvertrauen und jagte es davon.

Meine größte Angst war, dass meine Depression entdeckt würde, stets besorgt, dass die Menschen mich verurteilten. Ich schämte mich so für meinen schwarzen Hund und des Stigmas, das er mir aufdrückte, dass ich ständig in Sorge war, aufzufliegen. So investierte ich Unmengen an Energie, um ihn zu verstecken. Hielt eine emotionale Lüge aufrecht, was mich unglaublich erschöpfte.

Der schwarze Hund drang in meine Gedanken ein und ließ mich negative Dinge sagen. Er konnte mich unberechenbar machen, es war schwierig, mit mir auszukommen. Bildschirmfoto 2014-08-18 um 19.43.12Er nahm mir meine Liebe und begrub meine Libido. Er mochte nichts mehr, als mich aufzuwecken und dann alleine zu lassen mit negativen, nicht enden wollenden Gedanken. Er erinnerte mich immer daran, wie erschöpft ich deswegen am nächsten Tag sein würde.

Einen schwarzen Hund in Deinem Leben zu haben, bedeutet nicht, dass Du Dich einfach nur ein bisschen niedergeschlagen oder traurig fühlst. Es ist viel schlimmer. Es bedeutet, dass Deine Gefühle komplett verschwunden sind.

Als ich älter wurde, wurde der schwarze Hund immer größer, und er begann, die ganze Zeit in meiner Nähe herumzuhängen. Ich jagte ihn davon mit allem, von dem ich dachte, dass es ihn zum Rennen bewegen würde. Aber immer überwältigte er mich. Hinzufallen wurde einfacher als aufzustehen. So wurde ich ziemlich gut darin, mich selbst zu behandeln…was niemals wirklich half.

Schließlich fühlte ich mich völlig isoliert von allem und jedem. Dem schwarzen Hund war es endlich gelungen, mein Leben zu entführen. Wenn Du alle Freude am Leben verlierst, kannst Du aBildschirmfoto 2014-08-18 um 19.43.23uch Dein Leben selbst in Frage stellen.

Gottseidank war das der Zeitpunkt, an dem ich mir professionelle Hilfe suchte. Das war der erste Schritt zur Genesung und eine wichtige Wende in meinem Leben. Ich lernte, dass es keine Rolle spielt, wer Du bist – der schwarze Hund sucht Millionen und Millionen von Menschen heim. Er ist ein Bastard der Chancengleichheit.

Ich habe auch gelernt, dass es nicht den einzigen Weg zum Ziel gibt oder magische Pillen. Medikamente können einigen helfen, andere benötigen einen anderen Ansatz. Ich lernte ebenfalls, dass emotional echt und authentisch zu jenen zu sein, die Dir nahestehen, die Welt verändern kann.
Bildschirmfoto 2014-08-18 um 19.37.09Am allerwichtigsten war zu lernen, keine Angst vor dem schwarzen Hund zu haben, und ich brachte ihm einige meiner Tricks bei. Je müder und gestresster Du bist, umso lauter bellt er. Deshalb ist es wichtig zu lernen, wie Du Deinen Geist beruhigen kannst.

Es ist klinisch erwiesen, dass regelmäßige Bewegung bei leichter bis mittelschwerer Depression ebenso wirksam wie ein Antidepressivum sein kann. Also geh raus für einen Spaziergang oder zum Joggen und lass den Köter hinter Dir.

Führe ein Stimmungstagebuch – Gedanken zu Papier bringen kann erlösend sein und oft sehr aufschlussreich. Behalte außerdem den Überblick über all die Dinge, für die Du dankbar sein kannst. Die wichtigste Sache ist, dass, egal wie schlimm es wird… wenn Du die richtigen Schritte gehst, mit den richtigen Leuten sprichst, Schwarze-Hunde-Tage wieder vorüber gehen.

Ich würde nicht sagen, dass ich dankbar bin Bildschirmfoto 2014-08-18 um 19.41.48für den schwarzen Hund, aber er war ein unglaublicher Lehrer. Er hat mich gezwungen, mein Leben neu zu bewerten und zu vereinfachen. Ich habe gelernt, dass es besser ist, nicht vor Problemen davon zu laufen, sondern diese zu umarmen.

Der schwarze Hund wird immer Teil meines Lebens sein, aber nie mehr das Biest, das er mal war. Wir verstehen uns. Ich habe gelernt, dass mit Wissen, Geduld, Disziplin und Humor der schlimmste schwarze Hund geheilt werden kann.

Wenn Du in Schwierigkeiten bist, habe niemals Angst, um Hilfe zu bitten. Es gibt absolut keinen Grund, sich dafür zu schämen. Die einzige Schande wäre, Dein Leben zu verpassen.

Depression. Lass Dir helfen. Dann wird Dir geholfen.

Alle Fotos auf dieser Seite sind Screenshots aus dem Film der WHO, gezeichnet, geschrieben und erzählt vom Autor Matthew Johnstone.

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