Schlagwort-Archiv: Depression Burnout

Kinderhand-in-Erwachsenenhand

Beautiful Trauma

Das kleine Mädchen kauert an der Heizung, umklammert seinen Teddy und wiegt sich hin und her. Eben gerade wurde es von seiner Mutter verprügelt. Mit dem Kochlöffel. Und beschimpft. “Du Drecksmensch! Bin ich von Dir oder Du von mir!?”
Das kleine Mädchen wehrt sich nicht mehr. Es hat aufgehört, 32938087_1617383025056814_1857917330860802048_nmitzuzählen, wie oft schon es misshandelt wurde. Es hat aufgehört, auf Hilfe zu hoffen. Es ist gefangen in einem Alptraum.

20 Jahre später. Das kleine Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau. Die junge Frau versucht zu leben. Aber immer wieder wird sie krank. Die Ärzte reichen sie weiter von einem zum anderen, bis sie beim Psychiater landet. Der hört ihr endlich zu. Und findet heraus: schwere Depression durch langjährige Misshandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung.

Ihre Freundin leiht ihr ein Buch aus. Indianisches Horoskop – der Rabe. Darin steht, dass die junge Frau nach einem schweren Leben mal eine Heilerin sein wird. Die junge Frau lächelt müde und legt das Buch zur Seite.

Die junge Frau kämpft. Wenn sie eines mitbekommen hat in diesem Leben, dann den Willen, zu überleben. Sie studiert, findet einen tollen Job, heiratet, bekommt ein Baby. Aber immer und immer wieder reißt die Depression sie aus dem Alltag, macht ihr das Leben schwer.

5 Jahre später. Die erwachsene Frau hat eine Reihe an Therapien hinter sich. Weil sie schon immer ein Forschergeist war, hat sie sich intensiv mit dem Thema Psyche und Depression auseinandergesetzt. Sie geht an die Öffentlichkeit, erzählt von sich. Sie lernt zahlreiche andere Menschen kennen, denen es genau so geht wie ihr. Sie merkt: Sie ist kein Alien. Sie denkt: Wenn ich nur einem von ihnen mit meinen Erfahrungen helfen kann, ist schon viel gewonnen. Sie gründet einen Blog, schreibt über ihre Depressionen.

10 Jahre später: Das Mädchen von damals ist unterwegs. Es hat eine wundervolle Familie und ein Zuhause gefunden. Sich selbst noch nicht ganz. Es ist noch auf der Suche, aber immerhin kann es seiner inzwischeIMG_7295n chronisch gewordenen Depression die Stirn bieten. Es lebt sein Leben, so gut es eben geht.

Da trifft es eine Bekannte. Die fragt, ob das Mädchen von damals nicht Lust hätte, auszuhelfen. In einem Heim für psychisch und physisch behinderte Menschen. Das Mädchen von damals hat ein bisschen Angst, aber die erwachsene Frau sagt ja.

Ein halbes Jahr später. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau und wiegt sich hin und her. Sie redet nicht viel, aber wenn, hat sie nur ein Thema. Ihre Stereotypie geht an die Nieren.
Aber ihr gegenüber sitzt das Mädchen von damals, das weiß, was sie durchgemacht hat, das weiß, warum sie heute so sein mag, wie sie ist.
Die eine hört der andern zu. Stunden, Tage, Monate. Manchmal treffen sich ihre Augen, und für einen kurzen Moment ist eine Verbindung da, und die eine kann der anderen in die Seele schauen.


Als mich meine Bekannte vor einem halben Jahr fragte, ob ich nicht bei ihr im Behindertenwohnheim aushelfen könnte, war ich ziemlich unsicher. Ich, mit meiner Sozialphobie, meiner toxischen Scham und meinen depressiven Episoden? Puh…

Ich ging hin – und fühlte mich zuhause. Den Menschen dort war es egal, wie ich aussah, was ich für einen Werdegang hatte, wo ich herkam. Wichtig war für sie nur eins: Wer ist für uns da? Wer hört uns zu? Wer versteht uns? Und ich konnte sie so gut verstehen! Denn so viele lebten dort, die ähnlich wie ich in ihrem Leben ein Trauma erlebt hatten, unter dem sie noch heute leiden – so sehr, dass sie mit ihren Psychosen kein eigenständiges Leben mehr führen können.

Mittlerweile bin ich fest dort angestellt, arbeite 25 Stunden die Woche, begleite die Bewohner des Heims in ihrem Alltag. So unterschiedlich ihre Behinderungen, so einzigartig die Menschen.
Ich sehe keine Behinderungen. Ich sehe, was sie erlebt haben,  warum sie so wurden, wie sie sind, und sehr oft erinnern sie mich an das kleine Mädchen von damals.IMG_7245
Es ist keine leichte Aufgabe, aber eine wunderschöne. So viele Heiratsanträge wie dort habe ich noch nie bekommen :-)
Nein, im Ernst. Immer, wenn ich nach Hause gehe, werde ich gefragt, wann ich wiederkomme. Viele sagen mir, wie schön es ist, dass ich jetzt da bin. Ich bin dort nicht nur erwünscht, sondern geliebt.
Das ist für mich eine ganz seltsame Situation: Menschen lieben mich für das, was ich mit ihnen mache, dass ich einfach für sie da bin, dass ich ich bin.

Momentan bewerbe ich mich für ein berufsbegleitendes Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in unserer Nähe. Ich will noch mehr wissen, noch mehr erfahren, wie ich anderen Menschen helfen kann. Und natürlich auch mir selbst.

Außerdem binIMG_7171 ich jetzt Mitglied im Team von project semicolon. Das ist eine internationale Organisation, die depressiven Menschen mit Selbstmord-Gedanken hilft. Gerade wird eine App entwickelt, mit der man einen provider, also Helfer oder Ansprechpartner, in der Nähe finden kann. Ich werde für Deutschland zuständig sein.
Unser Erkennungszeichen ist das Semikolon. Es sagt: “My Story isn’t over yet!”

Macht mir das alles noch Angst? Nein. Ich glaube, ich habe endlich meine Bestimmung im Leben gefunden.
Nach so vielen Um- und Irrwegen, so vielen Schmerzen und schlimmen Zeiten wird es ja auch endlich Zeit dafür. Das kleine Mädchen von damals ist kein Opfer mehr, sondern auf dem Weg zur Heilerin.

Passt auf Euch auf. Und wenn Ihr Hilfe braucht, schreibt mir.
Eure Patricia


 

Bildschirmfoto 2017-05-06 um 09.14.30

Stigma Depression – neue Studie

Als hätte ich es bei meinem Beitrag vor ein paar Tagen gerochen:

Mein Prof hat gerade eine Studie zur  Stigmatisierung von Personen mit Depressionen gestartet. Und mich gefragt, ob ich diese auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Natürlich tue ich das gerne! Und würde mich sehr freuen, wenn Ihr – natürlich anonym – daran teilnehmt. Das Ganze ist seriös und hat Hand und Fuß. Autoren sind die Universität Mannheim und das dort ansässige Zentralinstitut für seelische Gesundheit, in dem ich auch in Behandlung war. 

Ihr würdet damit sehr die Forschungen an unserer Krankheit unterstützen.

Hier sind Text und Link zur Studie. Ich danke Euch vielmals!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie an dieser Studie teilnehmen möchten. Bitte lesen Sie sich die folgenden Informationen aufmerksam durch.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit Einstellungen zu Depressionen und Vorurteilen gegenüber Personen mit dieser Erkrankung. Zu diesem Thema werden Sie Fragen am Computer beantworten.
Bei Fragen zum genauen Ablauf der Untersuchung, sowie zur Auswahl der Aufgaben wenden Sie sich bitte nach Abschluss der Untersuchung an die Untersuchungsleitung (siehe Kontakt).

Die Dauer der Studie beträgt etwa 10 bis 15 Minuten. Durch Ihre Teilnahme an dieser Studie haben Sie die Möglichkeit, nähere Einblicke in die psychologische Forschung zu erhalten. Vor allem aber können Sie uns dabei helfen besser zu verstehen, wie Vorurteile entstehen und Betroffene darauf reagieren. Des Weiteren können Sie mit Ihrer Teilnahme dazu beitragen, dass Betroffene besser mit Vorurteilen umgehen können.
Ihre Daten sind selbstverständlich vertraulich und werden nur in anonymisierter Form genutzt.
Demographische Angaben wie Alter oder Geschlecht lassen keinen eindeutigen Schluss auf Ihre Person zu. Zu keinem Zeitpunkt im Rahmen der jeweiligen Untersuchung werden wir Sie bitten, Ihren Namen oder andere eindeutige Informationen zu nennen.
Durch die Teilnahme an dieser Studie entsteht kein Risiko,das über die Risiken des alltäglichen Lebens hinausgeht.

Durch die Bestätigung in der Online-Studie, dass Sie diese Einverständniserklärung gelesen haben, erklären Sie sich damit einverstanden an der Untersuchung teilzunehmen.
Ihre Teilnahme an dieser Untersuchung ist freiwillig. Es steht Ihnen zu jedem Zeitpunkt dieser Studie frei, Ihre Teilnahme abzubrechen, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Die Kontaktdaten der Untersuchungsleitung finden Sie zu Beginn und am Ende der Studie.

Und hier der Link:
https://www.soscisurvey.de/zpp-studie/?q=valid


 

Bloghuette0.jpg

Es geht vorbei

Den unten stehenden  Kommentar habe ich gestern zu meinen Text “Du hast die Wahl” bekommen. Ich möchte ihn gerne mit Euch teilen, weil er so wunderbar mutmachend ist. Danke dafür!
Danke auch für all Eure Zuschriften! Ihr müsst Euch keine Sorgen um mich machen. Ich habe meine Wahl längst getroffen, und die heißt Leben, mit allem, was für mich eben dazu gehört. Ich wollte Euch nur einen Eindruck davon geben, wie es im Kopf von Menschen aussieht, die das Leben nicht mehr ertragen. Damit Ihr es besser versteht.

Viele sagen: Na, dann ignorier doch die Stimmen im Kopf! Oder: Such nach Deinem inneren Wesen und schicke es vor! Tja. Wenn ich das nicht schon all die Jahre versucht hätte. Ich versuche es eben weiter. Vielleicht gelingt es mir irgendwann.

Noch ein Wort zu dem “sich als andere Person fühlen und die vorschicken”: Für mich ist das keine Option mehr. Ich habe so lange in meinem Leben eine und mehrere Rollen gespielt, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Das macht nicht nur mir zu schaffen, sondern auch meinem Mann und allen, die mir nahestehen. Gerade möchte ich einfach nur alle selbst kreierten und von außen auferlegten Rollen abstreifen und rausfinden, was dann noch über bleibt. Ich habe so viele Verhaltentrainings hinter mir, dass ich auf Knopfdruck funktioniere. Nur leben ist das nicht.
Mal sehen, wie ich da weiterkomme. Ich halte auch auf dem Laufenden.

Und jetzt geh ich raus und schau nach, ob die Blumen wirklich so bunt sind ;-)

Ich drück Euch, Patricia

Ich kenne diese Verfassung. Ich kenne die Sehnsucht, es möge vorbei sein. Bald. Am Besten sofort. Für mich ist es vorbei. Diese abgrundtiefe, scheinbar unendliche Müdigkeit und Leere, die ständige Selbstverachtung und das Gefühl nur eine Last zu sein. 

Warum es vorbei ist weiß ich nicht genau.  Es fing an mit einer Ärztin, die mir erklärte, dass ich zu blöd bin das Richtige für mein Kind zu tun. Die mir sogar die Polizei ins Haus schickte, um mein Kind vor mir zu schützen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Polizisten kopfschüttelnd und uns alles Gute wünschend wieder gegangen sind, ohne einen Grund für diese Aktion gefunden zu haben). Aber da bin ich wie aus einer Trance aufgewacht. Genauso fühlte es sich an. Wie aufwachen.

Mein schlummerndes Ego hat sich aufgebäumt und hat einen Urschrei von sich gegeben. Seitdem ist es für mich vorbei. Ich habe noch kurze Phasen, wo sich alles wieder “blöd” anfühlt, aber das vergeht immer sehr schnell. Auch der Verzicht auf Zucker hat viel bewirkt (das meine ich sehr ernst). Ich lebe wieder. Ich fühle mich wie ein Mensch. Ich habe zwar viel abgenommen, aber ich bin immer noch fett. Ist mir egal. Ich bin nicht bereit, dieser Stimme, die mich dafür verhöhnt, nochmal eine Bühne zu geben. Denn ich bin wieder wach. Ich bestimme, wer in meinem Kopf rumtönt. 

Ich erzähle das nicht, um mich als “besser als ihr” darzustellen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte Mut machen. Ich dachte jahrzehntelang nur daran, wie und wann ich es(mich)  beenden kann, ohne andere zu sehr damit zu behelligen. Heute weiß ich, das war nicht ich. Das war so was wie ein Albtraum. Aber jetzt bin ich wach. Und dieses Erwachen wünsche ich allen Betroffenen von ganzem Herzen. Dann seht ihr, wie bunt die Blumen sind und wie blau der Himmel leuchtet.  

Gebt nicht auf! Gebt niemals auf!


 

Folie1

Die Angst, Du selbst zu sein

Ich bin wieder hier. Nicht in meinem Revier.
Sondern an genau dem Punkt. Also doch in meinem Revier.
Ich wusste, wusste, wusste, dass es schief gehen würde. Aber ich wollte, wollte, wollte es allen beweisen. Vor allem mir. Dass ich kein Schwächling bin. Dass ich über mich hinauswachsen werde. Dass ich Dinge tun kann, die ich abgrundtief verabscheue, mich dazu zwingen, weil es mir zeigt, wie stark ich bin.

Jo. Habe ich auch alles geschafft. Mit viel Kraft. Mit viel Energie. Mit viel Überredungskunst. Mit vielen Bauchschmerzen. Mit dem Gefühl, mich selbst zu verleugnen.

Aber fangen wir ganz vorne an…
Ihr erinnert Euch. An meinen Ausbruch im Frühling 2014. Weg aus diesem PR-Management-Gedöns. Wie frei habe ich mich damals gefühlt! Wie richtig! Auf dem Weg in MEIN Leben! Tja. Und dann kam der Anruf. Von meiner lieben Ex-Kollegin. Ob ich nicht, ich könne das doch so gut und überhaupt, ich müsse ja nur Texte schreiben.
Ganz ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich damals geritten hat, zuzusagen. Doch, ich erinnere mich. Wir saßen gemütlich auf der Couch in der Lounge, ich extra in meinen ollen Klamotten (Revoluzzer), und die Regeln waren klar: nur nach meinen Bedingungen. Ich gab  dem Team sogar meine Bloghütte zu lesen, damit sie verstünden, auf was sie sich einließen.IMG_3366

Jo. Nennen wir es Anpassungsschwierigkeiten. Mit viel Unterstützung von meinem Prof habe ich mir ein Standing aufgebaut, mir einen respektvollen  Umgang erkämpft, mir erfolgreich bestätigt, wie wohl ich mich mit all dem fühle.

Dann kamen die Anrufe. Optimisten nennen es Kundengewinnung, Realisten Kaltakquise. Es gibt Menschen, die lieben es, bei fremden Leuten anzuklingeln und Dinge zu präsentieren mit dem Ziel, sie zu vertickern. Ich hasse es.

Nein, Ihr merkt das natürlich nicht. Gelernt ist gelernt. Bei Meetings, auf Elternabenden, im Smalltalk … ich bin eine ganz normale, freundliche, humorvolle Frau. Wenn keiner ein Thema findet, ich weiß immer, wie das Gespräch vorankommt. Ich spüre die feinsten Stimmungsnuancen und kann Euch so lenken, dass sich zum Schluss alle wieder lieb haben. Toll, sagen alle. Die ist cool.

Aber in mir drin schreit es. Jedes Mal. Wenn ich weiß, ich treffe gleich auf jemanden, gehen alle Alarmglocken an. Ich wappne mich IMG_2789zur Flucht. Und kann doch nicht weg. Ich muss es durchstehen. Mit einer riesigen Angst in mir.

Geht es mir gut, komme ich damit zurecht. Bei vielen, die ich mag, kann ich es sogar ganz verdrängen. Aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht überfordere – zwei, drei Treffen mit Fremden kurz hintereinander sind machbar, danach wird es kritisch. Dann  brauche ich eine Pause. Geht es mir schlecht, wird das Fremde zum Ungeheuer. Jeden Morgen muss ich mich wappnen, um mit eiserner Rüstung den Tag zu überstehen.

Jo. Und jetzt stellt Euch vor, Euer Job besteht auf einmal nur noch darin, fremde Leute anzuquatschen, um Ihnen Dinge, die sie wahrscheinlich nicht brauchen, anzudrehen. Stellt Euch den Alarm vor, der jedes Mal ausgelöst wird, lange, bevor ihr zum Hörer greift. Die Panik, wenn sich jemand meldet. Und die Kraft, die es kostet, all das zu unterdrücken – weil es ja der Job ist. Und irgendeiner muss den Job ja machen. Und Du kannst das doch so gut, sagt der Chef.

Moment. Aber war für genau diesen Job nicht ganz was anderes vereinbart? So am Anfang? Stand da nicht was von “nur Texte schreiben”?

IMG_3087Jo. Aber man wächst doch mit seinen Aufgaben, sagen alle. Und wenn man es nie versucht, weiß man nie, ob es nicht doch klappt, sagen alle. Und man wird stärker, indem man sich seinen Ängsten stellt, sagen alle. Und Du bist doch erfolgreich, Du kannst den Leuten doch was verkaufen, sagen alle.

Also machte ich weiter. Und weiter. Und weiter.

Stunden haben mein Prof und ich damit verbracht, diese Arbeit auseinanderzunehmen. Immer, wenn ich gut gelaunt kam und sagte: JETZT ist alles gut, reichte ein Blick von ihm, und das Kartenhaus fiel   zusammen. Aber ich wollte es schaffen! Ich wollte das Geld verdienen und in meinem Job glücklich sein, verdammt noch mal!

Ich würde noch heute da sitzen und mit dem Hörer in der Hand vor mich hinzittern, wenn mich das Nähen nicht gerettet hätte. Huh, klingt das pathetisch. Ist aber so. Mitten in dieser Jobkrise kommen Leute auf mich zu und interessieren sich für das, was ich zuhause erschaffe. Ich muss sie nicht hinter ihrem Telefon vor locken. Sie kommen von ganz alleine! Warum? Gute Frage. Ich denke, es ist die Freude an dem, was ich tue, die auch andere begeistert. Waren wir genau da vor einem Jahr nicht schon einmal?

Jo. Ein letzter Arschtritt noch, dann ist’s gut, muss sich mein Karma gedacht haben. Ich bekam die Kündigung zum Ende des Jahres. Nur einen winzigen Moment ließ ich mich von der Depression in die Opferecke ziehen (“Du hast wieder versagt-Du kannst nichts-Du wirst nie im realen Leben bestehen-bliblablub”). Aber dann wurde ich sauer. SO RICHTIG SAUER!!!

Für DIESEN JOB habe ich vor einem Jahr meine Pläne fallen lassen!!! Für DIESEN JOB habe ich mein Können, meine Energie, meine Erfahrung gegeben!!! Für DIESEN JOB habe ich meine Bedingungen und mich selbst verraten!!! Ich habe mir den ARSCH UND DIE SEELE AUFGERISSEN!!!

AAAAAAARGH!

Dann halt nicht. Dann investiere ich meinen Grips und meine Kraft eben in mich selbst! Und schenke all das, was ich die vergangenen Jahrzehnte gelernt und getan hab nur noch Menschen, die ich mag: Euch. Und mir.
Die ganze Geschichte erzähle ich Euch ein anderes Mal, aber gerade bin ich dabei, mich mit meinem eigenen Modelabel selbstständig zu machen. Und, oh Wunder, seit ich das beschlossen habe, öffnet sich eine Tür nach der anderen.

Jo. Klingt alles so einfach, oder? Isses aber nicht. Denn ich will diesen Job gewissenhaft bis zum Ende ausführen. Bis zum letzten Tag. Damit ich mir NICHTS nachsagen lassen kann. Gelernt ist gelernt.
Geht nur leider nicht. Als ich die fünfte Nacht hintereinander wieder morgens um drei wach lag, war Sense. Gottseidank kenne ich mich mittlerweile und merke genau, wann das nächste Tief anrollt.
Also habe ich in mich reingehört. Nein, sagte mein Ich. Ich will da nicht mehr hin. Ich unterstütze Dich nicht länger bei diesem Wahnsinn. Du hast wieder mal meine ganzen Reserven aufgebraucht. Und wenn Du doch gehst, KOTZE ICH DIR VOR DIE FÜSSE!!

Mein Arzt schrieb mich sofort krank. Ich habe das gar nicht 11225081_376314909205802_5655480503466403323_nverstanden. Ich komme mir vor wie ein Lügner, jemand, der sich extra Urlaub ergaunert, der sich vor der Arbeit drückt. Ich sehe, dass es mir schlecht geht, aber ich begreife es nicht. Ich habe das Gefühl, meinen Chef im Stich zu lassen. Er muss ähnlich denken. Entsprechend sarkastisch war die Reaktion aus dem Büro: die letzten Wochen noch blau machen, von wegen krank, jaja.

Wenn ich an einem Schuld habe, dann an dieser Reaktion. Denn ich habe mich die ganze Zeit hinter einer Fassade versteckt. Die Tüte mit dem immerwährenden Lächeln über den Kopf gestülpt. Ich wollte es so. Ich wollte, dass jeder dachte, es ginge mir gut, ich schaffe das!

Jo. Was lernen wir daraus? Dass auch ich als alter Depressions-Hase noch immer Fehler mache und daraus lerne, lernen muss. Aber auch etwas ganz Wunderbares: Wenn Ihr Euch traut, die Tüte vom Kopf zu ziehen,  hat Euer wahres Ich endlich die Luft, die es zum Leben braucht.

Gebt ihm die Chance. Habt keine Angst davor!


Hier geht’s zurück zum Eingang!                       Hier geht’s zu Facebook!

 

Folie1

Wir sind viele

10419390_966710606759223_2926704816888587195_n

Depression ist leise. Jeder kann ihr zum Opfer fallen.

10153921_966710646759219_6381613642001991178_n

Und wie unter einer Maske verstecken die Menschen sie
hinter einem Lächeln. – “Mir geht’s gut!”

10404266_966710670092550_2555004102503401834_n

Niemand entdeckt sie, nur Du – denn das Maskieren ist einfach.
Je witziger Du bist, umso weniger ahnen die anderen etwas.

11222483_966710796759204_1378439983411126630_n

Aber du kannst es nicht ewig verbergen.

11227951_966710816759202_967459175059637060_n

Irgendwann bricht jeder ein.

10407995_966710846759199_3269249349859079802_n

Aber das ist völlig okay.

1609851_966710863425864_7347505823239375356_n

Du brauchst Dich für nichts schämen.
Es gibt Menschen da draußen, die Dich verstehen.

11351318_966710930092524_2083195912318277899_n

Sieh jeden neuen Tag als eine Chance, zu wachsen.
Wir sind immer hier und warten auf Dich!

11181091_966710916759192_4629978769416320994_n

Du bist wertvoll. Du wirst geliebt. Du bist nicht allein.
Hab Geduld mit allem, aber am meisten mit Dir selbst.


Quelle der Bilder leider unbekannt. Falls jemand den Autor kennt, freue ich mich über eine Nachricht.

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!                  Hier geht’s zu Facebook!

air-birds-cross-fields-fly-2503402-1920x1080

Kreuzschmerzen

Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Bevor ich mir die Schläge und Schreie zu Hause gab, verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Großvater. Er war Küster unserer Gemeinde und seine Kirche mein Revier. Ich kannte sie alle, die großen und kleinen Heiligen, weil Opa ihnen in seinem Atelier mit beißend riechender Ölfarbe neue Lächeln in die gestrengen Gesichter zauberte. Wenn ich heute an Weihnachten vor seiner Krippe stehe und den heiligen Josef sehe, weiß ich, mein Großvater lächelt mich an.

My lover’s got humour
She’s the giggle at a funeral
Knows everybody’s disapproval
I should’ve worshipped her sooner

Die Glocken waren meine Freunde. Auch sie kannte ich beim Namen, und das Größte war, wenn ich sie zur Heiligen Messe rufen lassen durfte. Dieser Knopf für diese und jener Schalter für jene, und es brauste in den Ohren, dass der Kirchturm wackelte.

If the heavens ever did speak
She’s the last true mouth-piece
Every Sunday’s getting more bleak
A fresh poison each week

Damals war ich fünf. Und ich zweifelte nicht. Nicht, dass es den lieben Gott gab und die Jungfrau Maria und den Heiligen Sankt Martin, der mit seinem wunderbaren Schimmel jeden November durch die Straßen ritt, seinen Mantel und anschließend Weckmänner verteilte.

We were born sick
You heard them say it

Jeden Mai denke ich an diese Zeit, wenn eine bestimmte Baumsorte beginnt, nach Gummibärchen zu duften – jene Bäume, unter denen wir an Fronleichnam feierlich den Leib Christi durch die wunderschön geschmückten Straßen trugen. Erinnerungen, verblasst.

My Church offers no absolutes
She tells me, “Worship in the bedroom.”
The only heaven I’ll be sent to
Is when I’m alone with you—

Ich zweifelte nicht, als ich zur ersten heiligen Kommunion ging, bei der das weiße Kleid allen wichtiger war als das, was da passierte – wie hätten wir es auch verstehen sollen, als Neunjährige? Ich zweifelte niemals, auch nicht, als ich Lobeshymnen im Kirchenchor sang und auch nicht, als ich ganze Jugendgottesdienste vorbereitete.

I was born sick, but I love it
Command me to be well
Amen. Amen.

Du sollst nicht lügen! Während des Firmunterrichts mussten wir wie schon oft zuvor beichten. Das wurde ganz groß geschrieben und war immens wichtig, bläute meine Mutter mir ein. Ich saß da und mir fiel partout nichts ein, was ich hätte falsch gemacht haben können. „Vielleicht“, sagte ich zu dem Priester, „ist meine Sünde, dass meine Mutter micht nicht mag?“
Er verstand den Wink nicht. Er druckste herum und sagte, wenn ich Probleme hätte, sollte ich doch mal mit der Gemeindereferentin sprechen. Gewalt in der Familie, das war nichts für seinen katholischen Beichtstuhl.

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins and you can sharpen your knife
Offer me that deathless death
Good God, let me give you my life

Anyway. Drei Ave-Maria, und die Sache war vergessen. Ich machte tapfer weiter, verteidigte Gott und meine Kirche. Im Gedächtnis blieb mir eine Szene: Unsere Clique fuhr wie jeden Tag mit dem Zug zur Schule. Jemand machte einen Witz über den Papst. Ich war erbost: „Glaubst Du nicht an Gott, wenn Du Dich so über den Papst lustig machst?!“ schrie ich ihn an. Die verwunderten Blicke waren mir egal.

 If I’m a pagan of the good times
My lover’s the sunlight
To keep the Goddess on my side
She demands a sacrifice

Mein Glaube war angeknackst. Ich ließ es nicht zu. Ich war katholisch erzogen, und ich wollte nichts anderes. Und ganz insgeheim hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich Gott verließe. Würde ich nur noch Pech im Leben haben und später schwitzend in der Hölle schmoren? „Gott wird Dich noch strafen!!“, schrie meine Mutter immer wie von Sinnen, wenn sie mal wieder – warum auch immer – auf mich eindrosch.

Drain the whole sea
Get something shiny
Something meaty for the main course

Ich studierte Geschichte, und ich studierte die Bibel und alles, was NICHT in der Bibel stand. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich als Frau wohl die perfekte Priesterin gewesen wäre, hätten irgendwelche antifeministischen Bischöfe nicht auf so einem depperten Konzil die falschen Schriften zum Wort Gottes erklärt.

That’s a fine looking high horse
What you got in the stable?
We’ve a lot of starving faithful
That looks tasty
That looks plenty
This is hungry work

Aber es half nichts. Gott entglitt mir immer mehr, und ich ihm. Was damals im Beichtstuhl zerbrochen wurde, war nicht mehr zu kitten. Wo war er, der liebe Gott mit all seinen Heiligen in meinen tiefsten Depressionen, wenn es mir richtig dreckig ging? Erhörte er meine Gebete, nahm er mich an der Hand und führte mich zu sanften Auen und dem Ruheplatz am Wasser? Leitete sein Stecken und Stab mich mit Zuversicht aus dem Tal der Todesschatten? Nein!

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins so you can sharpen your knife
Offer me my deathless death
Good God, let me give you my life

Vierzig verdammte Jahre musste ich alt werden, um der Hölle zu entrinnen. Und der letzte, der mir dabei geholfen hat, war Gott oder seine Kirche. Blasphemie, mag sein. Aber der einzige, der mich durch all die Jahre gerettet hat, war ich selbst.
Als der Mausebär kam, ließ ich ihn taufen, katholisch natürlich. Ich wollte ihn nicht ungeschützt und ohne Segen in diese Welt schicken. Am Anfang besuchten wir eifrig Kindergottesdienste. Ich wollte, dass er einen Glauben kennenlernt, bevor er sich dafür oder dagegen entscheidet. Aber es war ihm nicht wichtig. Er kennt alle Geschichten über Gott und Jesus und die Heiligen. Aber sie kümmern ihn nicht. Er braucht keinen Herren, der ihm Nächstenliebe gebietet und nach der rechten auch noch die linke Wange schlägt. Der sich einfach so ans Kreuz schlagen lässt ohne Widerworte und dann behauptet, er hätte uns alle damit gerettet. In meinem Fall leider umsonst. Lasset die Kinder zu mir kommen? Im Leben nicht!

No Masters or Kings when the Ritual begins
There is no sweeter innocence than our gentle sin

Wir waren vor kurzem in Paris flittern, DeHasen und ich. Eigentlich wollten wir nur Notre Dame besichtigen (die Glocken!). Nebenbei bemerkte unsere Führerin, dass wir dort heute die Dornenkrone sehen würden. Die Dornenkrone? Die echte? Ich wollte unbedingt dahin. Ich wollte sie sehen. Warum nur, wo ich doch meinem Glauben abgeschworen hatte? Ich konnte es nicht erwarten. Sie lag in Notre Dame, in der hintersten Ecke, verborgen hinter dickem roten Glas. Ich glaube nicht, dass sie jemand erkannte, und ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich die echte war.Krone

Ich setze mich davor, starrte sie an. Und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit, ich war nicht da, in dieser Kirche, ich stand vor Jesus und wir hielten Zwiesprache. „Wieso hast Du das getan?“, warf ich ihm vor, „wieso hast Du so gelitten? Verdammt, ich weiß, was es heißt zu leiden, also wozu? Um ein paar Nasen zu zeigen, wie toll Du bist?“ Ich bekam keine Antwort, natürlich nicht. Aber etwas anderes. Da war einer, dem es wohl ergangen war wie mir. Der genau wusste, wie es sich anfühlt, im tiefsten Dunkel keinen Ausweg mehr zu sehen. All das Leid, all die Schmerzen, all die Menschen, die Dir Unrecht tun, Dich verhöhnen, Dich verprügeln, immer und immer wieder und keiner da, der Dich schützt. Der Dir nicht nur ein billiges Schweißtuch reicht, sondern den andern auf die Fresse haut und schreit: Spielt Eure schmutzigen Spielchen mit jemand anderem!!!

In the madness and soil of that sad earthly scene
Only then I am Human
Only then I am Clean

Als ich fertig geweint hatte, stand ich auf und ging. So ist das, Jesus. Niemand sucht sich aus, in welche Welt er geboren wird. Und sein eigenes Kreuz, das muss schon jeder selbst tragen.

Amen. Amen.


Titelbild: Air birds cross flieds fly, n.n.
Englischer Songtext von Hozier, Take me to church

Foto der Dornenkrone: DeHasn

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!              Hier geht’s zu Facebook!

 

Folie1

Sonnentrost

Als diese schlimme Nacht heute endlich zu Ende ging und es hell wurde, fiel mein Blick auf unsere Kotzekatze. Sie saß vor der Tür und ihr Fell leuchtete. Sie hatte ein LED-Lämpchen verschluckt.

Nein, Scherz, natürlich nicht. Es war die Sonne, die immer in unserem Garten aufgeht. Sie hüllte Nini in ein ganz besonderes Licht, ein Trostleuchten, das mich hinaus in die Kälte gehen ließ, um ganz viel davon einzufangen. Und immer, immer wieder geht die Sonne auf.

Ich klemmte die Kotzekatze untern Arm und sah mir von meinem warmen Küchenstuhl aus den Sonnenaufgang an. In dieser Zeit kam die erste Nachricht. Es folgten weitere, Anrufe, SMS, Mails, Kommentare hier in meinem Blog auf meinen letzten Beitrag. Typisch ich hatte ich zuerst ein schlechtes Gewissen: Oh, Gott, Du hast sie aufgeschreckt, sie machen sich jetzt Sorgen, sie denken “Was hat die Alte schon wieder?”
Aber nein. Jedes einzelne Eurer Worte – Regina, Guido, Manu, Vero, Patricia, Belinda, Petra, Matthias, Birgit, Claudia, Katja und alle anderen! –  war und ist mir ein Trost, eine Sänfte, die mich durch die Depression trägt, ein Sonnenaufgang, der die nächtliche Hölle ausschaltet.

Ich danke Euch sehr dafür!

Heute Morgen hatte ich außerdem ein langes Telefonat mit meinem Bruder. Der Gute hat nicht nur bei meinen Eltern auf den Tisch gehauen und sie dezent *hust* gebeten, an meiner Hochzeit einfach mal die Klappe zu halten (ich liebe Dich dafür!!). Er stellte auch die entscheidende Frage: “Welche Dosierung nimmst Du eigentlich gerade?” Da fiel mir ein, dass ich schon seit Wochen, vielleicht Monaten keine einzige Tablette meines Antidepressivums mehr geschluckt hatte, ich habe sie einfach vergessen. Und außerdem war ich ja ab und an bei meinem Prof – was sollte schon schief gehen.

Tja, genau das: teuflische Depression. Sie saugt Dein letztes Transmitterchen Serotonin auf, aber bis Du dahinterkommst, gaukelt sie Dir weiter ist-ja-alles-supi-dupi vor. Bis Du im nächsten Tief steckst (das geht echt über Nacht!) und es Wochen dauert, Deinen Hormonhaushalt mit Medikamenten wieder aufzufüllen.  Ich falle aber auch jedesmal drauf rein. Merde! Eine Freundin schrieb mir:

“Depressionen sind einfach nur pervers. Sie teilen nichts mit. Sie machen nur kaputt um des Kaputtmachens Willen. Auf keinen Fall hinhören. Sie sind die Sirenen des Odysseus.”*

Ich rief mir ins zermaterte Hirn, was ich Euch ständig predige: Sirenen kümmern sich nicht um  Verhaltensregeln und gute Vorsätze. Grundlagen der Psychotherapie sind Ihnen scheißegal. Du musst Deine Ohren vor ihnen verschließen. Und das geht nur, mit einem intakten Hirnstoffwechsel, der alle Eindrücke ins recht Licht rückt. Finde den Fehler!

Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Möchte ich von mir behaupten können, ich besiege meine Sirenen  mit Willenskraft – eine Stoffwechselerkrankung mit bloßen Worten? Jeden Tag 24 Stunden jede Sekunde, jeden Moment? Noch über 1000 weitere Trigger hinweg?

Nein. Das möchte ich nicht. Ganz entschieden nicht. Nehmen wir an, ich würde 80 Jahre alt. Dann hätte ich nun schon die Hälfte meines Lebens damit vergeudet. Das ist zu viel.

Ich akzeptiere hiermit, dass meine Form der chronischen Depression nicht mit einer Verhaltenstherapie (und leider auch nur ganz, ganz, ganz schwer mit CBASP**) zu heilen ist. IchIMG_0278 habe jetzt wieder mal zwei Jahre durch – und ja, vieles hat sich gebessert. Aber nicht genug, um normal leben zu können. Verhaltenstherapie ist eine tolle Ergänzung, wenn man psychisch stabil ist, um Tricks und Kniffe fürs Leben zu lernen oder zu schauen, welches Trauma eine Depression verursacht hat. Alleiniges Allheilmittel ist sie leider nicht. Oder wie mein alter Psychiater immer sagte: “Du wirst Deine SSRI ein Leben lang nehmen müssen. Aber das ist völlig in Ordnung so.” Eben.

Nun beginnt eine neue Nacht. Sie wird wieder einmal die erste sein auf dem Weg zur Besserung.

Wünscht uns einen guten Schlaf!


* Antwort einer lieben Freundin auf meinen letzten FB-Eintrag
** Ich bin nächste Woche zur Auswertung meiner Ergebnisse zwei Jahre nach Ablauf der Studie im ZI Mannheim. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Hier geht’s zurück zum Eingang!

image1

Mein Partner ist depressiv

Die Diagnose ist das eine. Damit leben, das andere. Denn eine Depression macht nicht nur dem oder der Betroffenen das Leben zur Hölle, sondern auch auch Freunden und Angehörigen. Gerade (Ehe-)Partner trifft es schwer, wenn sie den geliebten Menschen nicht wiedererkennen, als hätte über Nacht ein Alien von einem anderen Stern sein Gehirn ausgesaugt und nur noch die Hülle zurückgelassen. Nichts dringt mehr zu ihm vor, alle Versuche, ihn aufzumuntern oder ihm zu helfen, scheitern. Viele Angehörige tragen so schwer an dieser Last, an dieser Verantwortung, dass sie nicht selten selbst in ein Burn-Out oder eine Depression geraten.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Eine schwere Bürde. Müsst Ihr sie ein Leben lang tragen? Nein. Aber wenn Ihr möchtet, helfe ich Euch dabei. Hier findet Ihr Tipps, wie Ihr Depressionen bei Eurem Partner, einem Freund oder Familienmitglied erkennen und ihn oder sie dabei unterstützen könnt, wieder gesund zu werden. Eine Bitte: Wenn Ihr Fragen habt, fragt, egal was! Ich will versuchen, aus meiner Erfahrung heraus auf alles eine Antwort zu finden.*

Woran erkenne ich, dass mein Partner depressiv ist?

  • Jegliche Gefühlsregung schwindet aus seinem Gesicht, seine Mimik wird zur starren Maske.
  • Er schläft abends nicht ein oder tigert schon frühmorgens durchs Haus, weil er nicht schlafen kann. Drei Uhr ist ein typsicher Zeitpunkt, an dem Depressive aufwachen und nicht mehr zur Ruhe kommen können.
  • Er ist ständig am Grübeln und sorgt sich um alles. Er hat Angst vor der Zukunft und weiß nicht, wie es weitergehen soll.
  • Er hat scheinbar zu nichts mehr Lust, vernachlässigt Hobbys, Freundschaften und…
  • … vor allen Dingen sich selbst. In einer depressiven Phase ist es für mich beinahe schon schmerzhaft, schöne Kleider zu tragen oder mich zu schminken. Allein die tägliche Hygiene kostet immens Kraft. Ich kann es einfach nicht tun – als ob ich körperlich gelähmt wäre.
  • Er kann nicht mehr lachen, gar nicht, weder über Witze noch lustige Filme.
  • Er verfällt auch im Job in eine Starre, umgeht Termine, zögert Abgaben hinaus, sucht nach Entschuldigungen dafür, lässt sich krankschreiben, um seiner Pflicht nicht nachkommen zu müssen.
  • Einige Betroffene weinen oft aus für andere nicht ersichtlichen Gründen. Andere zeigen gar keine Gefühle mehr.
  • Dazu gehören auch Liebe, Nähe, Empathie, sogar dem eigenen Partner gegenüber.
  • Er isoliert sich, zieht sich zurück, meidet Menschen.
  • Er kann sich einfach nicht entspannen, selbst im schönsten Urlaub nicht.
  • Alles ist negativ, auch im Positiven sieht er nur das Schlechte.
  • Manche Depressive werden schnell aggressiv, andere gehen drohenden Konflikten sofort aus dem Weg und rennen sprichwörtlich davon.
  • Suchtverhalten kann ein Anzeichen sein – sei es der übermäßige Konsum von Alkohol oder auch von Zucker.
  • Typisch ist der sprunghafte Wechsel von der Depression in die Manie: Plötzlich haben Betroffene den einen großen Plan parat, der ALLES ändern wird (Auswandern, neuer Job, Kürbisse züchten). In einer solchen Phase werden auch abrupt Beziehungen oder Freundschaften beendet oder gegen neue eingetauscht, ohne dass der andere erkennen kann, warum.
  • „Ich will nicht mehr leben“, „Ich kann nicht mehr“. Wer von Depressionen gequält wird, sieht manchmal den Freitod als einzige Lösung. Hört Ihr so etwas von Eurem Partner, versucht, mit ihm zu reden und kontaktiert den Arzt Eures Vertrauens. Depressive nutzen solche Worte nicht, um andere zu erpressen. Manche sind wirklich so fertig, dass sie dem Leiden nur noch ein Ende setzen möchten

Was Eurem Partner nicht hilft

  • Sprüche wie: „Ach komm, draußen ist doch so tolles Wetter!“ oder „Komm endlich in die Puschen!“ oder „Stell Dich nicht so an!“ oder „Du musst einfach mal positiv denken!“ Wenn das so einfach wäre, würden Depressive es tun. Aber sie können es nicht, und ihnen geht es nur noch schlechter, wenn sie durch solche Kommentare ständig auf ihre Defizite hingewiesen werden.
  • In diese Kategorie fällt auch der blöde Spruch „Sei ein Mann!“. Depression ist eine Krankheit, keine (Charakter-)Schwäche. Wenn er nicht kann, hat das sehr wohl Gründe. Bei ihr übrigens auch.
  • „Du markierst ja nur!“ oder „Du willst ja nur im Mittelpunkt stehen!”, ist genauso verletzend wie unzutreffend. Nichts lieber als in der Versenkung verschwinden würden Depressive.
  • „In Afrika verhungern Kinder!“ Natürlich gibt es Menschen auf der Welt, denen es objektiv gesehen sehr viel schlechter geht. Aber das ändert nichts an der Depression und macht den Betroffenen nur noch mehr Kummer, weil es Schuldgefühle verstärkt.
  • Ja, eine Faschingsparty ist lustig. Aber nicht für jemanden, dem es seelisch gerade sehr schlecht geht, der Angst vor Menschen hat und am liebsten unsichtbar sein würde. Zwingt ihn nicht dazu, etwas zu tun, was er nicht möchte und akzeptiert, dass er gerade einfach nicht in der Lage dazu ist, auch „nur schnell auf nen Kaffee zum Nachbarn rüber“ zu gehen.

Was Eurem Partner hilft

  • Es ist oft schwierig, mit einem depressiven Menschen Kontakt aufzunehmen. Viele blocken ab oder behaupten, ihnen fehle gar nichts. Depression ist heute immer noch ein negativ besetzter Stempel, den keiner auf der Stirn haben möchte. Zu der Angst, was denn wohl die Leute dazu sagen würden, kommt die Angst „verrückt“ zu sein und in „der Klapse“ zu enden.
    Der erste Schritt, dem entgegenzuwirken ist, Euch selbst zu informieren: Was ist eine Depression überhaupt, welche Formen gibt es, welche Behandlungsmethoden? Und ganz wichtig: Wo in der Nähe findet Ihr Hilfe? Hier könnt Ihr einiges nachlesen, ansonsten scheut Euch nicht, selbst zum Arzt Eures Vertrauens zu gehen und ihm von Euch und Eurem Partner zu erzählen.
    Ich bitte Euch dabei eindringlich, nicht zu selbsternannten Heilern oder pseudopsychologischen Lehrern oder so genannten Coaches zu gehen! In jeder Stadt gibt es in den Krankenhäusern psychiatrische Ambulanzen mit Notfallsprechstunden. Dort findet Ihr fundiert ausgebildetes Fachpersonal, das Euch weiterhelfen wird und bekommt zügig und vor allem kostenlos einen Termin.
  • An dieser Stelle ein Wort an alle Alleinerziehenden: Bevor ich DeHasen kennenlernte, war auch ich jahrelang mit dem Mausebären alleinerziehend. Das war meiner Depression natürlich egal, sie kam regelmäßig wieder. Denn gerade als Alleinerziehende habt Ihr ein Stress-Abo. Wenn es Euch trifft und Ihr keinen Menschen habt, der Euch unterstützt – geschweige denn einen Partner – und es Euch sehr schlecht geht, lasst Euch krankschreiben. Es nützt niemandem, wenn Ihr Euch bis zur Erschöpfung durchs Leben schleppt, am wenigsten Euren Kindern und Euch selbst!
    In meiner akuten Phase war ich ein halbes Jahr zuhause, und in dieser Zeit habe ich es gerade mal geschafft, den Mausebärn morgens in die Kita zu bringen und nachmittags wieder abzuholen sowie einen Grundstandard an Ernährung und Hygiene aufrecht zu halten. Mit einem Job zusätzlich hätte ich das nie geschafft!
    Auch, wenn Ihr in eine Klinik müsst (keine Angst, für Euer Kind wird gesorgt werden), nutzt diese Zeit, um wieder Kraft zu tanken und zur Therapie zu gehen. Nur so habt Ihr eine Chance, weiterleben zu können. Eure Firma und Euer Umfeld sterben nicht, wenn Ihr ein halbes Jahr pausiert. Ihr allerdings sehr wohl, wenn Ihr es nicht tut!
  • Habt Ihr Euch informiert, ladet Euer (neues) Wissen nicht ungefiltert bei Eurem kranken Partner ab. Sich einzugestehen, depressiv zu sein, ist schwer genug. Wenn andere einen vehement darauf hinweisen und gute Ratschläge geben, fühlt man sich nackt und bloßgestellt und zieht sich noch mehr zurück. Versucht, das Thema behutsam anzugehen. Zum Beispiel, indem Ihr bei Euch zuhause unaufdringlich Lektüre zum Thema bereitlegt, die der Betroffene dann zur Hand nehmen kann, wenn er möchte.
  • Oder fragt Euren Partner vorsichtig, was denn mit ihm los sei. Lasst ihn reden, hört einfach nur zu, gebt keine Ratschläge. Das hilft schon ungemein.
  • Ist Euer Partner offen für Hilfe, begleitet ihn zum Arzt, damit er sich nicht allein und als Versager fühlt. Mir hilft die Erfahrung sehr, dass DeHasen auch in meiner tiefsten Depression bei mir ist und ich nicht einsam und verlassen an breiter Front kämpfen muss. Aber auch das musste ich erst einmal lernen.
  • Eine Depression kostet immense Kraft, Kraft, die für Haushalt oder Familie nicht mehr zur Verfügung steht. Gerade mit Kindern ist ein depressives Leben sehr anstrengend. Entlastet Euren Partner ab und an, schafft ihm Freiräume, damit er sich erholen kann. Aber Obacht: Nehmt ihm nicht alles ab, lebt nicht sein Leben für ihn! Depressive brauchen Aufgaben und einen Alltag, an dem entlang sie sich auf dem Weg zur Besserung aus dem schwarzen Loch wieder heraushangeln können.
    An dieser Stelle ein sehr wichtiger Ratschlag an alle Angehörigen: Unterstützung, Hilfe, Fürsorge, Liebe hilft Depressiven ungemein, wieder ans Licht zu finden. Aber  verliert Euch dabei selbst nicht! Gebt Euch selbst nicht auf – vor allem lauft nicht Gefahr, in die Therapeutenrolle zu rutschen oder den Partner alleine kurieren zu wollen. Das schafft Ihr nicht! Am Ende droht Euch selbst ein Burn-Out oder die Co-Abhängigkeit. Ich bin sogar der Meinung, dass es an der Zeit ist, einen Partner zu verlassen, wenn er Jahr um Jahr an seiner Depression festhält und jegliche Hilfe ablehnt. Und das sage ich als selbst Betroffene! Passt also bitte auf Euch und Euer Leben auf
    .
  • Weil Depressive erstarrt sind, fällt ihnen Bewegung unglaublich schwer. Dabei tut es so gut, Körper und Geist in Schwung zu bringen. DeHasen und ich tanzen. Früher auf Turnieren, heute nur noch so zum Spaß. Einmal die Woche ist Tanzkreis. Wenn ich depressiv bin, erfinde ich immer wieder neue Ausreden, nicht hinzumüssen. Obwohl es mein liebstes Hobby ist! Aber einmal fühle ich mich zu fett, das andere Mal von den Menschen dort überfordert, beim dritten Mal war die Woche zu anstrengend.
    Doch das Verrückte ist: Sobald ich den Trainingssaal betrete, die Luft schnuppere, die Musik höre und wir die ersten Schritte auf dem Parkett tun, bin ich ein anderer Mensch – nämlich wieder ich selbst. Es ist mein Anker, der mich im normalen Leben hält. Vielleicht findet Ihr ja gemeinsam ein Hobby, eine Sportart, bei der es Euch beiden ähnlich geht, bei der Ihr die Depression einfach für ein paar Stunden die Woche hinter Euch lassen könnt.
  • Stress ist das Futter der Depression. Je mehr Stress, umso stärker die Krankheit. Dummerweise ist ein Betroffener so in seiner Dunkelheit gefangen, dass er kein Licht am Ende des Stresstunnels sieht. Dann redet mit Eurem Partner und helft ihm, Ideen zu finden, wie er den Stress reduzieren kann. Wenn ich mal wieder nicht aus der Stressspirale finde, spreche ich mit DeHasen. In den allermeisten Fällen hat er einen Geistesblitz, der so einfach wie genial ist, auf den ich aber selbst nie gekommen wäre.
  • Das Glückskonto: Als es mir sehr schlecht ging, schenkte mir DeHasen ein großes Einmachglas und einen Block mit bunten Zetteln. Immer, wenn ich etwas Schönes oder Positives erlebte, sollte ich es aufschreiben und ins Glas werfen. Am Ende des Jahres öffneten wir das Glas und lasen gemeinsam, was ich auf meinem Glückskonto verbucht hatte. Ich war sehr erstaunt, was ich alles geschafft und Tolles erlebt hatte – denn in meiner (depressiven) Erinnerung war wie immer alles schwarz.

Akzeptieren, nicht negieren

  • Viele Depressive genesen vollständig, genauso viele wie ich zum Beispiel bleiben jedoch ein Leben lang depressiv. Dann muss man damit leben lernen. Und das funktioniert nur, indem man die Krankheit akzeptiert. Es hilft ungemein, wenn aus der Geheimniskrämerei ein offener Umgang und Austausch wird und Euer Partner merkt: Ihr steht hinter ihm, auch wenn seine Krankheit bekannt ist, auch wenn sie ein Leben lang bleibt.
  • Blöder Spruch, aber Wissen ist Macht: Wer weiß, wie eine Depression entsteht, welche chemischen Reaktionen dabei im Körper stattfinden, wie man sie behandeln kann, fühlt sich nicht mehr hilflos und kann auch anderen gegenüber selbstbewusster auftreten, die immer mal wieder fragen: „Oh Gott, wie hältst Du das nur aus?!“ Also informiert Euch. Wo, habe ich oben schon geschrieben.
  • Trigger (Reize) sind heimtückisch, weil kaum ein Partner weiß, was seinen Liebsten triggert und wann. Plötzlich geht es dem andern sehr schlecht, obwohl ihr überhaupt keinen Grund erkennen könnt. Redet miteinander und findet heraus, welche Schlüsselreize ihn in die Depression treiben. Das können einzelne Wörter sein, Erlebnisse, die bei ihm traumatisch besetzt sind, Orte oder bestimmte Ereignisse wie Urlaub.
    Achtet gemeinsam darauf, dass Ihr solche Trigger meidet oder damit umzugehen lernt. Nichts ist für Partner von Betroffenen schlimmer, als hilflos mit ansehen zu müssen, wie der Liebste sich im Kreis dreht und wendet und daran verzweifelt.
  • Depressive, die zwischendurch eine manische Phase haben, in der sie Berge versetzen möchten, überschätzen sich dann oft und bürden sich Dinge auf, die später wieder zu Stress führen. Helft Eurem Partner, indem Ihr ihn fragt, ob dieses Hobby oder dieses Projekt jetzt gerade wirklich sein müssen. Erinnert ihn daran, dass ihm zu viel Stress schadet.
  • Verachtet niemanden, der Medikamente nehmen muss und sprecht nicht abfällig über Psychopharmaka. Weil die wenigstens wissen, wann und warum Antidepressiva manchmal die letzte Rettung für Depressive sind, verurteilen sie Arznei als „Wunderpillen“, „bunte Pillen“, „Glückspillen“ oder gar als Drogen, Betroffene als „Junkies“ oder Leute, die sich einfach mal zum Spaß was einwerfen.
    Das ist sehr verletzend für Depressive! Oft ist ein Medikament die letzte Rettung vor dem (Frei)tod. Und gerade für chronisch Depressive, deren Hirnstoffwechsel dauerhaft außer Gleichgewicht ist, die einzige Möglichkeit, überhaupt ein normales Leben zu führen. Sind Medikamente bei Eurem Partner nötig, erklärt es Euch und anderen wie Diabetes: Ein Diabetiker, der kein Insulin erhält, wird auf Dauer ohne das Mittel  ebenfalls grausam krepieren.
  • Und zuguterletzt: Liebt Euren Partner wie bisher! Ich weiß, es ist schwierig. Aber dieses seltsame Wesen, das Euch gerade teilnahmslos gegenübersteht, ist nicht Euer Partner selbst. Es ist die Depression, die ihn besetzt. Und die ihn gerade lähmt, Euch das zu sagen, was er tief innendrin empfindet: Ich liebe Dich und danke Dir dafür, dass Du da bist.

“Ich liebe Dich, weil Du es gerade nicht kannst.”
DeHasen


*Auch an dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass ich weder Therapeut noch Arzt bin. Ich schreibe meine Erfahrungen als Betroffene nieder. Wo Ihr fundierte Hilfe findet, lest Ihr hier.
Zeichnung im Header: Matthew Johstone

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

 

 

567473-original-R-B-by-Wandersmann-pixelio

Höhlenfrieden

Ihr habt sicher gemerkt, dass ich in den vergangenen Wochen ein wenig sprachlos geworden bin. Ja, auch ein Depressionsprofi verrennt sich immer mal wieder Richtung Finsterwald und hält sich nicht an seine eigenen Vorsätze *seufz*

Ich will Euch hier auch gar nicht groß zutexten, mich einfach kurz melden und damit bis nach Weihnachten abmelden. Die letzten Wochen waren vollgepackt bis zur letzten Sekunde, keine Zeit zum Durchschnaufen, keine Gelegenheit zum Erden. Wenn dann auch noch Dinge passieren, die nun mal passieren – Waschmaschine streikt, Vater im Krankenhaus, Kind hat zig Weihnachtsveranstaltungen – macht jemand, der eh nur auf Notakku läuft, eben schlapp. Dann ist es höchste Zeit, sich in seine Winterhöhle zurückzuziehen, weil jede Mail, jeder Anruf, ja selbst jedes Wort, das man irgendwo im Netz liest, zu viel ist und einen körperlich sticht, so sehr, dass man würgen muss und denkt, die nächste Magen-Darm-Grippe ist im Anmarsch.

Euch möchte ich mitgeben, weil Ihr ja vielleicht auch über Weihnachten besonders gefragt seid (die liebe Familie und so): Macht Euer Ding. Was zuviel ist, ist zuviel, und wenn Euch nicht danach ist, Friedefreudeeierkuchen im trautem Heim zu feiern, klinkt Euch aus. Ihr braucht keinen superduper Christbaum, nicht den 50. selbstgenähten Loopschal für Eure Kollegen, kein Festtagsmenü mit 12 Stunden Küchenhaft, nicht das 20. Selfie von Euch auf Facebook, und der liebe Gott wird es Euch auch nachsehen, wenn Ihr diesmal nicht in der Christmette vorbeischaut (sonst geht Ihr ja auch nie in die Kirche, oder?;-))
Eure Lieben werden das schon verschmerzen.
Und wenn Ihr alleine seid und deswegen traurig, schafft Euch Eure eigene Höhle. Das ist völlig in Ordnung. Ihr seid keinem etwas schuldig und müsst keinerlei Rechenschaft ablegen. Schaut nach Euch, denn:

Schöne Seele braucht reine Höhle.

Ich drück Euch und wünsch Euch einen friedlichen Winterschlaf!


Headerbild: pixelio/wandersmann

Hier geht’s zurück zum Eingang!