Schlagwort-Archiv: Einsamkeit

Kinderhand-in-Erwachsenenhand

Beautiful Trauma

Das kleine Mädchen kauert an der Heizung, umklammert seinen Teddy und wiegt sich hin und her. Eben gerade wurde es von seiner Mutter verprügelt. Mit dem Kochlöffel. Und beschimpft. “Du Drecksmensch! Bin ich von Dir oder Du von mir!?”
Das kleine Mädchen wehrt sich nicht mehr. Es hat aufgehört, 32938087_1617383025056814_1857917330860802048_nmitzuzählen, wie oft schon es misshandelt wurde. Es hat aufgehört, auf Hilfe zu hoffen. Es ist gefangen in einem Alptraum.

20 Jahre später. Das kleine Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau. Die junge Frau versucht zu leben. Aber immer wieder wird sie krank. Die Ärzte reichen sie weiter von einem zum anderen, bis sie beim Psychiater landet. Der hört ihr endlich zu. Und findet heraus: schwere Depression durch langjährige Misshandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung.

Ihre Freundin leiht ihr ein Buch aus. Indianisches Horoskop – der Rabe. Darin steht, dass die junge Frau nach einem schweren Leben mal eine Heilerin sein wird. Die junge Frau lächelt müde und legt das Buch zur Seite.

Die junge Frau kämpft. Wenn sie eines mitbekommen hat in diesem Leben, dann den Willen, zu überleben. Sie studiert, findet einen tollen Job, heiratet, bekommt ein Baby. Aber immer und immer wieder reißt die Depression sie aus dem Alltag, macht ihr das Leben schwer.

5 Jahre später. Die erwachsene Frau hat eine Reihe an Therapien hinter sich. Weil sie schon immer ein Forschergeist war, hat sie sich intensiv mit dem Thema Psyche und Depression auseinandergesetzt. Sie geht an die Öffentlichkeit, erzählt von sich. Sie lernt zahlreiche andere Menschen kennen, denen es genau so geht wie ihr. Sie merkt: Sie ist kein Alien. Sie denkt: Wenn ich nur einem von ihnen mit meinen Erfahrungen helfen kann, ist schon viel gewonnen. Sie gründet einen Blog, schreibt über ihre Depressionen.

10 Jahre später: Das Mädchen von damals ist unterwegs. Es hat eine wundervolle Familie und ein Zuhause gefunden. Sich selbst noch nicht ganz. Es ist noch auf der Suche, aber immerhin kann es seiner inzwischeIMG_7295n chronisch gewordenen Depression die Stirn bieten. Es lebt sein Leben, so gut es eben geht.

Da trifft es eine Bekannte. Die fragt, ob das Mädchen von damals nicht Lust hätte, auszuhelfen. In einem Heim für psychisch und physisch behinderte Menschen. Das Mädchen von damals hat ein bisschen Angst, aber die erwachsene Frau sagt ja.

Ein halbes Jahr später. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau und wiegt sich hin und her. Sie redet nicht viel, aber wenn, hat sie nur ein Thema. Ihre Stereotypie geht an die Nieren.
Aber ihr gegenüber sitzt das Mädchen von damals, das weiß, was sie durchgemacht hat, das weiß, warum sie heute so sein mag, wie sie ist.
Die eine hört der andern zu. Stunden, Tage, Monate. Manchmal treffen sich ihre Augen, und für einen kurzen Moment ist eine Verbindung da, und die eine kann der anderen in die Seele schauen.


Als mich meine Bekannte vor einem halben Jahr fragte, ob ich nicht bei ihr im Behindertenwohnheim aushelfen könnte, war ich ziemlich unsicher. Ich, mit meiner Sozialphobie, meiner toxischen Scham und meinen depressiven Episoden? Puh…

Ich ging hin – und fühlte mich zuhause. Den Menschen dort war es egal, wie ich aussah, was ich für einen Werdegang hatte, wo ich herkam. Wichtig war für sie nur eins: Wer ist für uns da? Wer hört uns zu? Wer versteht uns? Und ich konnte sie so gut verstehen! Denn so viele lebten dort, die ähnlich wie ich in ihrem Leben ein Trauma erlebt hatten, unter dem sie noch heute leiden – so sehr, dass sie mit ihren Psychosen kein eigenständiges Leben mehr führen können.

Mittlerweile bin ich fest dort angestellt, arbeite 25 Stunden die Woche, begleite die Bewohner des Heims in ihrem Alltag. So unterschiedlich ihre Behinderungen, so einzigartig die Menschen.
Ich sehe keine Behinderungen. Ich sehe, was sie erlebt haben,  warum sie so wurden, wie sie sind, und sehr oft erinnern sie mich an das kleine Mädchen von damals.IMG_7245
Es ist keine leichte Aufgabe, aber eine wunderschöne. So viele Heiratsanträge wie dort habe ich noch nie bekommen :-)
Nein, im Ernst. Immer, wenn ich nach Hause gehe, werde ich gefragt, wann ich wiederkomme. Viele sagen mir, wie schön es ist, dass ich jetzt da bin. Ich bin dort nicht nur erwünscht, sondern geliebt.
Das ist für mich eine ganz seltsame Situation: Menschen lieben mich für das, was ich mit ihnen mache, dass ich einfach für sie da bin, dass ich ich bin.

Momentan bewerbe ich mich für ein berufsbegleitendes Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in unserer Nähe. Ich will noch mehr wissen, noch mehr erfahren, wie ich anderen Menschen helfen kann. Und natürlich auch mir selbst.

Außerdem binIMG_7171 ich jetzt Mitglied im Team von project semicolon. Das ist eine internationale Organisation, die depressiven Menschen mit Selbstmord-Gedanken hilft. Gerade wird eine App entwickelt, mit der man einen provider, also Helfer oder Ansprechpartner, in der Nähe finden kann. Ich werde für Deutschland zuständig sein.
Unser Erkennungszeichen ist das Semikolon. Es sagt: “My Story isn’t over yet!”

Macht mir das alles noch Angst? Nein. Ich glaube, ich habe endlich meine Bestimmung im Leben gefunden.
Nach so vielen Um- und Irrwegen, so vielen Schmerzen und schlimmen Zeiten wird es ja auch endlich Zeit dafür. Das kleine Mädchen von damals ist kein Opfer mehr, sondern auf dem Weg zur Heilerin.

Passt auf Euch auf. Und wenn Ihr Hilfe braucht, schreibt mir.
Eure Patricia


 

Bildschirmfoto 2017-05-06 um 09.14.30

Stigma Depression – neue Studie

Als hätte ich es bei meinem Beitrag vor ein paar Tagen gerochen:

Mein Prof hat gerade eine Studie zur  Stigmatisierung von Personen mit Depressionen gestartet. Und mich gefragt, ob ich diese auf meinem Blog veröffentlichen möchte. Natürlich tue ich das gerne! Und würde mich sehr freuen, wenn Ihr – natürlich anonym – daran teilnehmt. Das Ganze ist seriös und hat Hand und Fuß. Autoren sind die Universität Mannheim und das dort ansässige Zentralinstitut für seelische Gesundheit, in dem ich auch in Behandlung war. 

Ihr würdet damit sehr die Forschungen an unserer Krankheit unterstützen.

Hier sind Text und Link zur Studie. Ich danke Euch vielmals!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir freuen uns, dass Sie an dieser Studie teilnehmen möchten. Bitte lesen Sie sich die folgenden Informationen aufmerksam durch.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit Einstellungen zu Depressionen und Vorurteilen gegenüber Personen mit dieser Erkrankung. Zu diesem Thema werden Sie Fragen am Computer beantworten.
Bei Fragen zum genauen Ablauf der Untersuchung, sowie zur Auswahl der Aufgaben wenden Sie sich bitte nach Abschluss der Untersuchung an die Untersuchungsleitung (siehe Kontakt).

Die Dauer der Studie beträgt etwa 10 bis 15 Minuten. Durch Ihre Teilnahme an dieser Studie haben Sie die Möglichkeit, nähere Einblicke in die psychologische Forschung zu erhalten. Vor allem aber können Sie uns dabei helfen besser zu verstehen, wie Vorurteile entstehen und Betroffene darauf reagieren. Des Weiteren können Sie mit Ihrer Teilnahme dazu beitragen, dass Betroffene besser mit Vorurteilen umgehen können.
Ihre Daten sind selbstverständlich vertraulich und werden nur in anonymisierter Form genutzt.
Demographische Angaben wie Alter oder Geschlecht lassen keinen eindeutigen Schluss auf Ihre Person zu. Zu keinem Zeitpunkt im Rahmen der jeweiligen Untersuchung werden wir Sie bitten, Ihren Namen oder andere eindeutige Informationen zu nennen.
Durch die Teilnahme an dieser Studie entsteht kein Risiko,das über die Risiken des alltäglichen Lebens hinausgeht.

Durch die Bestätigung in der Online-Studie, dass Sie diese Einverständniserklärung gelesen haben, erklären Sie sich damit einverstanden an der Untersuchung teilzunehmen.
Ihre Teilnahme an dieser Untersuchung ist freiwillig. Es steht Ihnen zu jedem Zeitpunkt dieser Studie frei, Ihre Teilnahme abzubrechen, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen.
Die Kontaktdaten der Untersuchungsleitung finden Sie zu Beginn und am Ende der Studie.

Und hier der Link:
https://www.soscisurvey.de/zpp-studie/?q=valid


 

Nacht

Hast Du auch Deine Tabletten genommen?

Etwas beschäftigt mich zur Zeit sehr: die Reaktion von Menschen auf meine Depression. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen damit umzugehen. Zwei Dinge veranlassen mich dazu: erstens anderen begreiflich zu machen, wie es jemanden geht, der an dieser furchtbaren Krankheit leidet. Und zweitens, Hoffnung zu verbreiten, dass auch ein Leben mit Depression möglich ist.

Natürlich binde ich es nicht jedem Menschen sofort auf die Nase: “Hallo, ich bin Patricia und depressiv!” Wobei ich das auch schon getan habe. Als mich die Geschäftsführung für meinen letzten PR-Job anfragte, sagte ich: “Lies Dir bitte erst meinen Blog durch. Und dann ruf noch mal an.” Ich bekam den Job. Weil die Geschäftsführung meinen Blog ignorierte. Oder nicht ernst nahm. beaker-47537Und dann sehr erstaunt war, als ich den Job quittierte.

Höre ich deswegen auf, mich zu outen? Nein. Wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. Oder wenn jemand sehr leidet, sage ich: “Du, ich habe das auch.” Ich könnte vorsichtiger sein und ein Leben in völliger Dunkelheit führen, ein Teil von mir weggesperrt in den Tiefen meiner Seele. Und ich verstehe jeden, der das tut. Denn die Erfahrungen bei einem Outing sind nicht immer schön. Ich möchte Sie gerne mit Euch teilen. Damit Ihr das nächste Mal ein bisschen behutsamer mit Menschen umgeht, die sich Euch anvertrauen.

Erstaunen

“Hö? DU bist depressiv?! DAS hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht!” Tja, stell Dir vor. Auch depressive Menschen können ein Leben führen, ein durchaus zufriedenstellendes, erfolgreiches. Sie können Chef sein, Elternteil, eine Familie organisieren, tolle Sportler werden und sehr kreativ. Und dass, obwohl der schwarze Hund ihnen ständig im Nacken sitzt. Wenn so etwas kommt, nehmt es als hqdefaultKompliment und nicht persönlich. Einfach so. Und versucht nicht, Euch zu rechtfertigen.

Ignoranz

Das sind die Leute, denen Ihr Euch offenbart, die aber nicht richtig hinhören und gleich zur Tagesordnung übergehen. Wer ist heute schon nicht depressiv, haben wir nicht alle einen kleinen Schatten?

Genau diese Leute sind dann erstaunt, wenn Ihr Symptome Eurer Krankheit an die Oberfläche lasst und eben mal nicht perfekt seid.
Es ist mühselig, solche Leute aufklären zu wollen, weil sie sowieso kein offenes Ohr für die Nöte andere haben. Kann man mit leben, muss man aber nicht.

Spott

“Jaja, depressiv!” Plus leichtes Kräuseln der Mundwinkel. Das sind Menschen, die auch gerne behaupten, dass es kein Burn-Out gibt. Wir sind halt schlichtweg träge, faul, hypochondrisch. Solchen Leutena3ea252b837add417e5e9666e351d6ab würde ich am liebsten in die Fresse schlagen. Die machen mich am wütendsten. Ich wünsche Ihnen, dass sie nur einen Monat lang in meinen Schuhen gehen müssten. Wahrscheinlich würden Sie sich danach die Kugel geben.
Leider packen mich diese Menschen genau an meinem wunden Punkt und bekommen haargenau und bis ins Detail dargelegt, welche Krankheit eine Depression ist – inklusive aller aktuellen Studien und dezidierter biomechanischer Vorgänge im Hirn. Danach sind die Spötter so plattgelabert, dass sie sich hüten werden, je wieder so etwas Unbedachtes auszusprechen.

Entmündigung

Ja, ein hartes Wort, ich weiß. Es bezieht alle mit ein, die Euch nach Eurem Outing nicht mehr zutrauen, geradeaus zu denken. Gerne kombiniert mit dem Satz: “Hast Du auch Deine Tabletten genommen?!” Als wenn wir keine Seele, keinen Verstand, kein selbstständiges Leben hätten (siehe oben). Ja, es ist bisweilen schwierig, mit einem Depressiven. Weil er immer und ständig an sich selbst zweifelt und alles in Frage stellt. Weil seine 776024-beakerhoneydew460Stimmungsschwankungen nicht nur beim PMS auftauchen, sondern auch zwischendurch. Was gestern noch total schrecklich war, ist heute völlig akzeptabel und keinen Gedanken mehr wert.
Wir WISSEN, dass wir dieses Manko haben, und nicht nur EUCH fällt es schwer, damit umzugehen. Nein, am allerschwersten fällt es uns, weil es sich so real anfühlt, unser Verstand aber weiß, dass es falsch ist.

Unsere “Tabletten” nehmen wir, damit wir nicht von der nächsten Brücke springen. Damit unser Serotonin- und Dopaminhaushalt im Hirn stabil bleibt. Damit wir überhaupt leben können. Trotzdem sind wir Menschen mit Emotionen, die ihren Weg im Leben finden müssen. Und glaubt uns, wir tun ALLES dafür, das zu tun!!
Unsere Tabletten ändern daran nichts. Ihr müsst damit klar kommen oder den Kontakt abrechen. Isso.

Also bitte hört auf, Depressiven diese Frage zu stellen. Wir sind eh schon am Zweifeln und nach einem solchen Kommentar vollauf davon überzeugt, dass wir jetzt gleich sofort zehn Pillen auf einmal schlucken oder noch heute am Feiertag dringend zum Notarzt fahren müssen.

Ablehung

Nach meinem letzten – zugegeben negativen – Text zum Thema Selbstmord hier sah ich ein FB-Posting einer Bekannten, von der ich weiß, dass sie hier mitliest. Sie schrieb sinngemäß, sie habe die Nase voll von Leuten, die immer nur negativ auf der Stelle treten und in ihrem eigenen Sumpf wühlen und niemals voran kommen.

Ich weiß nicht, ob sie mich damit meinte. Aber es hat mich verletzt. Als ob das ein Hobby, die liebste Freizeitbeschäftigung wäre, sich Stunde um Stunde gegen die quälenden Gedanken im Kopf zu wehren, diesen Film, der immer mitläuft und stört, egal, was wir tun.
Deswegen heißt es CHRONISCHE Depression. Oder, wie bei mir in der Diagnose: rezidivierende depressive Störung mit mittelschweren bis schweren Episoden nach ICD-10-GM-2017. Es muppet-show-3ist nicht heilbar. Es ist einfach da und wird immer bleiben.

Ich verstehe jeden, der sich vor solchen Menschen zurückzieht. Ich selbst hätte gerade nicht die Kraft, mit mir zusammen zu leben und mir zuzuhören (vielleicht sollte ich das mal… An dieser Stelle von Herzen ein Danke an meinen Mann!). Aber ich bitte Euch: Ihr müsst uns weder lesen, noch anhören noch treffen. Wo ist also das Problem?

So ein Kommentar tut trotzdem weh. Glaubt mir, könnte ich mein Gehirn austauschen, ich würde es sofort tun. Aber es geht nicht, und den Clown spiele ich nicht mehr.  Auch wenn ich das durchaus kann. Aber nicht immer will. Da müsst Ihr Euch leider andere Spaßvögel suchen. Sorry.

Ratschläger

“Ja, dann musst Du halt mehr an die frische Luft gehen/Leute treffen/Sport machen/aufräumen/einen neuen Job suchen….to be continued.” Den Vogel schoss mal meine Mutter ab: “Du sitzt ja auch nur zuhause rum. Also ICH achte ja immer drauf, dass wir jeden Tag rauskommen. Ich bummel dann mit dem Papa durch den Supermarkt, da sind wir beschäftigt, und es ist gleich viel besser!”

Ha. Haha. Hahaha. Mal abegsehn davon, dass ich ja auch irgendwie einkaufen gehen muss und mich deswegen STÄNDIG in Muppets-com79irgendwelchen Supermärkten befinde, ist dieser Tipp geradezu grandios. Ich werde meinem Hirn mitteilen, beim Anblick der Auslagen von sofort an automatisch Serotonin ausschütte.

Es stimmt schon, ich merke es an mir selbst: Wenn ich mich mal wirklich dazu zwinge, unter (liebe) Menschen zu gehen oder eine Stadt zu erkunden, geht es mit danach tatsächlich besser. Aber es kostet mich auch viel Kraft. Es geht energetisch gesehen plusminus Null auf. Und klar liebe ich bestimmte Dinge, die ich gerne tue und die mir Kraft geben. Aber das ist immer nur von kurzer Dauer. Und hilft akut in einer schweren Phase gar nicht.

Dazu kommt: Viele von uns haben sich tiefgreifend mit unserer Krankheit auseinander gesetzt. Wir WISSEN, was theoretisch helfen SOLLTE. IHR solltet wissen, dass die praktische Umsetzung der Knackpunkt ist. Jeder Gang nach draußen ist wie der Start eines Marathons auf den Himalaja.

Auch, wenn sie lieb gemeint sind: Spart euch Eure Ratschläge. Seid einfach nur da und haltet uns im Arm, OBWOHL wir depressiv sind.  Das hilft mehr als tausend Worte.

Bewunderung

Ja. Ich kann es kaum glauben. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die mich bewundern. Das kommt mir immer ganz seltsam vor, weil ich denke, ich mach doch gar nichts Besonderes. Dann erzählen sie mir, lovato_with_beaker___muppets____by_lovatoedittions-d3b14ybwie nett, schön, kreativ ich bin, was für eine tolle Mutter und Freundin und Ehefrau. Ich nicke dann – emotionslos. Das ist leider auch eine der depressiven Schattenseiten: Man glaubt dem andern nicht. Der muss doch völlig gaga sein, wenn er sowas sagt.

Aber je öfter ich es höre, umso mehr denke ich, das könnte doch stimmen. Ich könnte ja tatsächlich trotz Depression ein ganz wunderbarer Mensch sein. Wäre das nicht einfach – schön? Ich danke allen von Herzen, die einem depressiven Menschen ein Kompliment aussprechen und ihn wertschätzen.

Denn dafür lohnt es sich zu schreiben.
Dafür lohnt es sich zu leben.


Titelbild: ich
Fotos: (c) The Muppets 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Angst essen Seele auf. Oder: Frohes Neues!

Hallo, Ihr Lieben!

Na, seid Ihr gut gelandet im neuen Jahr?

Was sind Eure Vorsätze? Hoffentlich habt Ihr keine und lebt glücklich und zufrieden wie bisher in den Tag hinein. Das wünsche ich Euch!

Weihnachten und Silvester waren bei mir wie immer holprig, aber ich habe es geschafft. Wir hatten dieses Jahr keinen großen Stress, objektiv gesehen. Haben Weihnachten mit der Familie und Silvester mit unseren lieben Nachbarn und Freunden gefeiert. Es war H.-J. Spindler  : pixelio.dewunderschön. Aber mitten in der Neujahrsfeier, so zwischen Gorgonzolabirne und Salamipilzen (Preisfrage: Was gab’s zum Essen?), wurde mir anders. Alles war zu viel, zu laut und am allerliebsten hätte ich mich zuhause auf meiner Couch unter der Decke verkrochen.

Warum? Weil Menschen mich Kraft kosten, sehr viel Kraft. Ihr seht das von außen nicht, ich bin im Laufe der Jahre zum sozialen Profi geworden. Aber dass ich andere treffe, mit ihnen smalltalke, Witze mache, gar esse, ist für mich immer noch ein Spießrutenlauf. Ständig läuft ein Film hinter meiner Stirn und spult ohne Unterbrechung ab: “Was denken die, wie du aussiehst? Du bist so dick geworden, sie verachten dich dafür! Was sollst du nur sagen, wie dich verhalten?” Leider ist es kein Stummfilm.

Vielleicht könnt Ihr Euch das vorstellen. Es ist, als ob Ihr einen Tinnitus hättet, den Ihr mit viel Energie und Geduld ausblenden müsst. Ihr habt also ständig diese Gedanken im Ohr und Kopf und versucht, vordergründig ganz normal zu sein. Mal gelingt es, mal nicht. Es kommt immer darauf an, wie es Euch gerade geht, ob Ihr Wilhelmine Wulff  : pixelio.deohnehin am Energielimit seid oder fremden Leuten gegenüber sitzt (ganz, ganz schlimm!) oder ob Ihr ausgeglichen und ruhig bei vertrauten Menschen seid.

Fokussieren, achtsam sein, im Augenblick ruhen – das hilft manchmal. Das innere Stoppschild rausholen, dem Gedankenrausch die Stirn bieten, der doofen Stimme alle zwei Sekunden den Mund zuhalten. Atmen. Ein. Aus. Und während Ihr rund um die Uhr diese yogaeske Übung praktiziert, immer schön locker bleiben und weiterplaudern. Nicht, damit es keiner merkt – mittlerweile kennen mich meine Freunde und Bekannte ziemlich gut. Sondern weil auch ich Spaß haben will! Weil ich keinen Bock mehr darauf habe, nicht normal wie jeder andere Gesellschaft genießen und feiern zu können!

Soziale Phobie heißt das, was mit meiner Depression einher geht und mir die Freude raubt. Es ist eine harte Nuss, die ich niemals knacken werde. Ich kann mit bestimmten Tricks die Schale wetzen. Aber den Kern erreiche ich nicht. Das ist eben so. Oft spreche im Reckmann  : pixelio.de  5ich mit meinem Prof darüber – denn wer unter Menschen leben will, hat immer damit zu tun.

Das Perfide an einer sozialen Phobie ist, dass sie sich schwer abstellen lässt. Wer Angst vor Spinnen oder Aufzügen hat, macht ein Keinepanikprogramm durch und ist geheilt. Oder er meidet sie ganz einfach. Geht leider bei mir nicht. Jedes Mal, wenn ich raus gehe, ist es, als ob ich aus der schützenden Höhle auf eine Lichtung trete. Das volle Sonnenlicht blendet mich, die Feinde leider nicht, sie stürzen los, bereit zum Töten. Wenn ich das nicht möchte, muss ich mich also wappnen: Panzer rum und durch.

Dabei ist es egal, ob da draußen tatsächlich Feinde lauern oder mich Freunde erwarten. Meinem Hirn ist das gleich. Seufz.

Die Ursache liegt wie so vieles in meiner Kindheit. Wenn ich mal ganz viel Kraft habe, schreibe ich Euch darüber. Nur eine Bitte an dieser Stelle: Sagt Euren Kinder nie-, nie-, niemals, dass sie hässlich und Drecksmenschen sind! Bitte. Danke.

Ist die soziale Phobie nicht ganz ausgeprägt, kommt man gut mit Training dagegen an. Das lernt man in der Verhaltenstherapie oder bei CBASP. Je länger sich die Phobie im Hirn einnistet, um so mehr schädigt sie es aucim Reckmann  : pixelio.de  4h. Über die exakten Vorgänge schreibe ich Euch später noch einen Beitrag. Theoretisch kann ich alle Verteidigungsstrategien aus dem Effeff. Aber wenn meine Gedanken panisch den Kopf verlieren, ist es aus mit wohlüberlegtem Handeln. Ich renne in mein Unglück und versuche, den ganzen Stress zu kompensieren – mit andauerndem Binge Eating. Mir hilft in solchen Situationen nur noch mein Antidepressivum, Citalopram. Es kappt die Emotionsspitzen, es verhindert, dass ich panisch durchdrehe, es hilft mir, zu leben – und ja, auch Weihnachten und Silvester zu überstehen, Menschen zu treffen und das manchmal sogar zu genießen. Den Heißhunger heilt es leider nicht. Aber, mein Gott. Man muss eben Prioritäten setzen…

Wie gesagt. Außenstehende bekommen von diesem inneren Kampf nichts mit, wenn sie mich nicht sehr gut kennen. Und ich lebe ja auch trotzdem weiter – habe meine Familie, einen Haushalt, einen Job und bald mein eigenes Unternehmen, wie viele andere depressive Menschen auch.

Solche Tage wie Weihnachten und Neujahr (der soziale Supergau schlechthin) zeigen mir allerdings, dass meine Kraft nicht unendlich ist. Dass ich wieder kürzer treten muss. Und dass es auch überhaupt gar nicht schlimm ist, an Feiertagen einfach mal allein oder zu zweit auf der Couch rumzulungern (lustigerweise habe ich das von vielen Freunden gehört, die auf einer Party ins neue Jahr geschlittert sind. Yado  : pixelio.deWir werden älter, scheint’s).

Jahrzehnte fand ich das völlig unmöglich, habe mich auch abseits des Jahreswechsels unter Menschen gezwungen. Hat es was gebracht? Nein. Außer enormer Anstrengung. Schuld daran war auch der ein oder andere Psychologe, der meinte, so meine Sozialphobie kurieren zu müssen. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich 20 war: Eine Freundin wollte mit mir Kaffee trinken gehen. Horror! Meine damalige Therapeutin stellte mit mir einen exakten Verhaltensplan für dieses Treffen auf. Und tatsächlich habe ich es überstanden, indem ich jede Sekunde die eingetrichterten Befehle abrief. Ganz toll. Total ungezwungen. Aber: Auch ich glaubte fest daran, dass das der richtige Weg sei. Wie bei den Spinnen. Je näher man ihnen kommt, je öfter man sie trifft, umso furchtloser wird man. Pfft.

Mittlerweile denke ich anders: Warum soll ich so was tun? Ich brödle vor mich hin, und ab und an treffe ich liebe Menschen und feiere sogar mit ihnen. Ganz freiwillig. Und manchmal macht es sogar Spaß. Und wenn mir alles zu viel wird, zu laut und der Tinnitus nicht mehr verstummt, weiß ich: Stoppschild hoch, ab in die Höhle. Doof nur: Dass ich das weiß, heißt nicht, dass ich es auch tue.  Es braucht Tim Reckmann  : pixelio.dewahrscheinlich noch einige Zeit, bis ich mir wieder vertraue – das wird mein großes Thema 2016 sein.

Abgesehen von diesen Einbrüchen, die längst nicht mehr so schlimm sind wie früher, geht es mir neutral bis gut. Zum einen liegt es an all dem, was ich von meinem Prof gelernt habe. Zum anderen an meinem Medikament, von dem ich täglich 20 mg nehme. Ich schlafe normalerweise zügig ein und gut durch bis zum nächsten Morgen. Ich stehe nicht auf mit einer Zentnerlast auf den Schultern, fürchte mich nicht vor dem Tag und würde nicht am liebsten wieder unter die Decke kriechen. Es fällt mir nicht alles so unendlich schwer, ich muss mich nicht von Minute zu Minute schleppen.

Ich kann mich ab und an auf mein Gegenüber konzentrieren und verliere mich nicht im gedanklichen Nirwana. Mein Akku ist noch nicht ganz voll, aber es reicht wieder für acht bis zehn Stunden. Bisweilen kann ich mich entspannen, so einfach zwischendurch, ohne großes Wellnessprogramm. Ich habe wieder Energie, für andere da zu sein. Nicht viel, aber ich hoffe, es hilft ihnen. Draußen nehWolfgang Dirscherl  : pixelio.deme ich meine Umwelt vereinzelt wahr. Bin ich auf der Autobahn unterwegs, fällt mir ab und an auf, dass am Himmel Wolken oder am Wegrand Bäume stehen.

Und manchmal, ganz manchmal, muss ich unwillkürlich lächeln und bin ein kleines bisschen glücklich.


Fotos: pixelio – CFalk (1), H.-J. Spindler (2), Wilhelmine Wulff (3), Tim Reckmann (3+4), Yado (5), Tim Reckmann (6), Wolfgang Dirscherl (7)

Hier geht’s zurück zum Eingang!        Hier geht’s zu Facebook! 

 

 

Folie1

Wir sind viele

10419390_966710606759223_2926704816888587195_n

Depression ist leise. Jeder kann ihr zum Opfer fallen.

10153921_966710646759219_6381613642001991178_n

Und wie unter einer Maske verstecken die Menschen sie
hinter einem Lächeln. – “Mir geht’s gut!”

10404266_966710670092550_2555004102503401834_n

Niemand entdeckt sie, nur Du – denn das Maskieren ist einfach.
Je witziger Du bist, umso weniger ahnen die anderen etwas.

11222483_966710796759204_1378439983411126630_n

Aber du kannst es nicht ewig verbergen.

11227951_966710816759202_967459175059637060_n

Irgendwann bricht jeder ein.

10407995_966710846759199_3269249349859079802_n

Aber das ist völlig okay.

1609851_966710863425864_7347505823239375356_n

Du brauchst Dich für nichts schämen.
Es gibt Menschen da draußen, die Dich verstehen.

11351318_966710930092524_2083195912318277899_n

Sieh jeden neuen Tag als eine Chance, zu wachsen.
Wir sind immer hier und warten auf Dich!

11181091_966710916759192_4629978769416320994_n

Du bist wertvoll. Du wirst geliebt. Du bist nicht allein.
Hab Geduld mit allem, aber am meisten mit Dir selbst.


Quelle der Bilder leider unbekannt. Falls jemand den Autor kennt, freue ich mich über eine Nachricht.

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!                  Hier geht’s zu Facebook!

air-birds-cross-fields-fly-2503402-1920x1080

Kreuzschmerzen

Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Bevor ich mir die Schläge und Schreie zu Hause gab, verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Großvater. Er war Küster unserer Gemeinde und seine Kirche mein Revier. Ich kannte sie alle, die großen und kleinen Heiligen, weil Opa ihnen in seinem Atelier mit beißend riechender Ölfarbe neue Lächeln in die gestrengen Gesichter zauberte. Wenn ich heute an Weihnachten vor seiner Krippe stehe und den heiligen Josef sehe, weiß ich, mein Großvater lächelt mich an.

My lover’s got humour
She’s the giggle at a funeral
Knows everybody’s disapproval
I should’ve worshipped her sooner

Die Glocken waren meine Freunde. Auch sie kannte ich beim Namen, und das Größte war, wenn ich sie zur Heiligen Messe rufen lassen durfte. Dieser Knopf für diese und jener Schalter für jene, und es brauste in den Ohren, dass der Kirchturm wackelte.

If the heavens ever did speak
She’s the last true mouth-piece
Every Sunday’s getting more bleak
A fresh poison each week

Damals war ich fünf. Und ich zweifelte nicht. Nicht, dass es den lieben Gott gab und die Jungfrau Maria und den Heiligen Sankt Martin, der mit seinem wunderbaren Schimmel jeden November durch die Straßen ritt, seinen Mantel und anschließend Weckmänner verteilte.

We were born sick
You heard them say it

Jeden Mai denke ich an diese Zeit, wenn eine bestimmte Baumsorte beginnt, nach Gummibärchen zu duften – jene Bäume, unter denen wir an Fronleichnam feierlich den Leib Christi durch die wunderschön geschmückten Straßen trugen. Erinnerungen, verblasst.

My Church offers no absolutes
She tells me, “Worship in the bedroom.”
The only heaven I’ll be sent to
Is when I’m alone with you—

Ich zweifelte nicht, als ich zur ersten heiligen Kommunion ging, bei der das weiße Kleid allen wichtiger war als das, was da passierte – wie hätten wir es auch verstehen sollen, als Neunjährige? Ich zweifelte niemals, auch nicht, als ich Lobeshymnen im Kirchenchor sang und auch nicht, als ich ganze Jugendgottesdienste vorbereitete.

I was born sick, but I love it
Command me to be well
Amen. Amen.

Du sollst nicht lügen! Während des Firmunterrichts mussten wir wie schon oft zuvor beichten. Das wurde ganz groß geschrieben und war immens wichtig, bläute meine Mutter mir ein. Ich saß da und mir fiel partout nichts ein, was ich hätte falsch gemacht haben können. „Vielleicht“, sagte ich zu dem Priester, „ist meine Sünde, dass meine Mutter micht nicht mag?“
Er verstand den Wink nicht. Er druckste herum und sagte, wenn ich Probleme hätte, sollte ich doch mal mit der Gemeindereferentin sprechen. Gewalt in der Familie, das war nichts für seinen katholischen Beichtstuhl.

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins and you can sharpen your knife
Offer me that deathless death
Good God, let me give you my life

Anyway. Drei Ave-Maria, und die Sache war vergessen. Ich machte tapfer weiter, verteidigte Gott und meine Kirche. Im Gedächtnis blieb mir eine Szene: Unsere Clique fuhr wie jeden Tag mit dem Zug zur Schule. Jemand machte einen Witz über den Papst. Ich war erbost: „Glaubst Du nicht an Gott, wenn Du Dich so über den Papst lustig machst?!“ schrie ich ihn an. Die verwunderten Blicke waren mir egal.

 If I’m a pagan of the good times
My lover’s the sunlight
To keep the Goddess on my side
She demands a sacrifice

Mein Glaube war angeknackst. Ich ließ es nicht zu. Ich war katholisch erzogen, und ich wollte nichts anderes. Und ganz insgeheim hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich Gott verließe. Würde ich nur noch Pech im Leben haben und später schwitzend in der Hölle schmoren? „Gott wird Dich noch strafen!!“, schrie meine Mutter immer wie von Sinnen, wenn sie mal wieder – warum auch immer – auf mich eindrosch.

Drain the whole sea
Get something shiny
Something meaty for the main course

Ich studierte Geschichte, und ich studierte die Bibel und alles, was NICHT in der Bibel stand. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich als Frau wohl die perfekte Priesterin gewesen wäre, hätten irgendwelche antifeministischen Bischöfe nicht auf so einem depperten Konzil die falschen Schriften zum Wort Gottes erklärt.

That’s a fine looking high horse
What you got in the stable?
We’ve a lot of starving faithful
That looks tasty
That looks plenty
This is hungry work

Aber es half nichts. Gott entglitt mir immer mehr, und ich ihm. Was damals im Beichtstuhl zerbrochen wurde, war nicht mehr zu kitten. Wo war er, der liebe Gott mit all seinen Heiligen in meinen tiefsten Depressionen, wenn es mir richtig dreckig ging? Erhörte er meine Gebete, nahm er mich an der Hand und führte mich zu sanften Auen und dem Ruheplatz am Wasser? Leitete sein Stecken und Stab mich mit Zuversicht aus dem Tal der Todesschatten? Nein!

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins so you can sharpen your knife
Offer me my deathless death
Good God, let me give you my life

Vierzig verdammte Jahre musste ich alt werden, um der Hölle zu entrinnen. Und der letzte, der mir dabei geholfen hat, war Gott oder seine Kirche. Blasphemie, mag sein. Aber der einzige, der mich durch all die Jahre gerettet hat, war ich selbst.
Als der Mausebär kam, ließ ich ihn taufen, katholisch natürlich. Ich wollte ihn nicht ungeschützt und ohne Segen in diese Welt schicken. Am Anfang besuchten wir eifrig Kindergottesdienste. Ich wollte, dass er einen Glauben kennenlernt, bevor er sich dafür oder dagegen entscheidet. Aber es war ihm nicht wichtig. Er kennt alle Geschichten über Gott und Jesus und die Heiligen. Aber sie kümmern ihn nicht. Er braucht keinen Herren, der ihm Nächstenliebe gebietet und nach der rechten auch noch die linke Wange schlägt. Der sich einfach so ans Kreuz schlagen lässt ohne Widerworte und dann behauptet, er hätte uns alle damit gerettet. In meinem Fall leider umsonst. Lasset die Kinder zu mir kommen? Im Leben nicht!

No Masters or Kings when the Ritual begins
There is no sweeter innocence than our gentle sin

Wir waren vor kurzem in Paris flittern, DeHasen und ich. Eigentlich wollten wir nur Notre Dame besichtigen (die Glocken!). Nebenbei bemerkte unsere Führerin, dass wir dort heute die Dornenkrone sehen würden. Die Dornenkrone? Die echte? Ich wollte unbedingt dahin. Ich wollte sie sehen. Warum nur, wo ich doch meinem Glauben abgeschworen hatte? Ich konnte es nicht erwarten. Sie lag in Notre Dame, in der hintersten Ecke, verborgen hinter dickem roten Glas. Ich glaube nicht, dass sie jemand erkannte, und ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich die echte war.Krone

Ich setze mich davor, starrte sie an. Und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit, ich war nicht da, in dieser Kirche, ich stand vor Jesus und wir hielten Zwiesprache. „Wieso hast Du das getan?“, warf ich ihm vor, „wieso hast Du so gelitten? Verdammt, ich weiß, was es heißt zu leiden, also wozu? Um ein paar Nasen zu zeigen, wie toll Du bist?“ Ich bekam keine Antwort, natürlich nicht. Aber etwas anderes. Da war einer, dem es wohl ergangen war wie mir. Der genau wusste, wie es sich anfühlt, im tiefsten Dunkel keinen Ausweg mehr zu sehen. All das Leid, all die Schmerzen, all die Menschen, die Dir Unrecht tun, Dich verhöhnen, Dich verprügeln, immer und immer wieder und keiner da, der Dich schützt. Der Dir nicht nur ein billiges Schweißtuch reicht, sondern den andern auf die Fresse haut und schreit: Spielt Eure schmutzigen Spielchen mit jemand anderem!!!

In the madness and soil of that sad earthly scene
Only then I am Human
Only then I am Clean

Als ich fertig geweint hatte, stand ich auf und ging. So ist das, Jesus. Niemand sucht sich aus, in welche Welt er geboren wird. Und sein eigenes Kreuz, das muss schon jeder selbst tragen.

Amen. Amen.


Titelbild: Air birds cross flieds fly, n.n.
Englischer Songtext von Hozier, Take me to church

Foto der Dornenkrone: DeHasn

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!              Hier geht’s zu Facebook!

 

image1

Mein Partner ist depressiv

Die Diagnose ist das eine. Damit leben, das andere. Denn eine Depression macht nicht nur dem oder der Betroffenen das Leben zur Hölle, sondern auch auch Freunden und Angehörigen. Gerade (Ehe-)Partner trifft es schwer, wenn sie den geliebten Menschen nicht wiedererkennen, als hätte über Nacht ein Alien von einem anderen Stern sein Gehirn ausgesaugt und nur noch die Hülle zurückgelassen. Nichts dringt mehr zu ihm vor, alle Versuche, ihn aufzumuntern oder ihm zu helfen, scheitern. Viele Angehörige tragen so schwer an dieser Last, an dieser Verantwortung, dass sie nicht selten selbst in ein Burn-Out oder eine Depression geraten.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Eine schwere Bürde. Müsst Ihr sie ein Leben lang tragen? Nein. Aber wenn Ihr möchtet, helfe ich Euch dabei. Hier findet Ihr Tipps, wie Ihr Depressionen bei Eurem Partner, einem Freund oder Familienmitglied erkennen und ihn oder sie dabei unterstützen könnt, wieder gesund zu werden. Eine Bitte: Wenn Ihr Fragen habt, fragt, egal was! Ich will versuchen, aus meiner Erfahrung heraus auf alles eine Antwort zu finden.*

Woran erkenne ich, dass mein Partner depressiv ist?

  • Jegliche Gefühlsregung schwindet aus seinem Gesicht, seine Mimik wird zur starren Maske.
  • Er schläft abends nicht ein oder tigert schon frühmorgens durchs Haus, weil er nicht schlafen kann. Drei Uhr ist ein typsicher Zeitpunkt, an dem Depressive aufwachen und nicht mehr zur Ruhe kommen können.
  • Er ist ständig am Grübeln und sorgt sich um alles. Er hat Angst vor der Zukunft und weiß nicht, wie es weitergehen soll.
  • Er hat scheinbar zu nichts mehr Lust, vernachlässigt Hobbys, Freundschaften und…
  • … vor allen Dingen sich selbst. In einer depressiven Phase ist es für mich beinahe schon schmerzhaft, schöne Kleider zu tragen oder mich zu schminken. Allein die tägliche Hygiene kostet immens Kraft. Ich kann es einfach nicht tun – als ob ich körperlich gelähmt wäre.
  • Er kann nicht mehr lachen, gar nicht, weder über Witze noch lustige Filme.
  • Er verfällt auch im Job in eine Starre, umgeht Termine, zögert Abgaben hinaus, sucht nach Entschuldigungen dafür, lässt sich krankschreiben, um seiner Pflicht nicht nachkommen zu müssen.
  • Einige Betroffene weinen oft aus für andere nicht ersichtlichen Gründen. Andere zeigen gar keine Gefühle mehr.
  • Dazu gehören auch Liebe, Nähe, Empathie, sogar dem eigenen Partner gegenüber.
  • Er isoliert sich, zieht sich zurück, meidet Menschen.
  • Er kann sich einfach nicht entspannen, selbst im schönsten Urlaub nicht.
  • Alles ist negativ, auch im Positiven sieht er nur das Schlechte.
  • Manche Depressive werden schnell aggressiv, andere gehen drohenden Konflikten sofort aus dem Weg und rennen sprichwörtlich davon.
  • Suchtverhalten kann ein Anzeichen sein – sei es der übermäßige Konsum von Alkohol oder auch von Zucker.
  • Typisch ist der sprunghafte Wechsel von der Depression in die Manie: Plötzlich haben Betroffene den einen großen Plan parat, der ALLES ändern wird (Auswandern, neuer Job, Kürbisse züchten). In einer solchen Phase werden auch abrupt Beziehungen oder Freundschaften beendet oder gegen neue eingetauscht, ohne dass der andere erkennen kann, warum.
  • „Ich will nicht mehr leben“, „Ich kann nicht mehr“. Wer von Depressionen gequält wird, sieht manchmal den Freitod als einzige Lösung. Hört Ihr so etwas von Eurem Partner, versucht, mit ihm zu reden und kontaktiert den Arzt Eures Vertrauens. Depressive nutzen solche Worte nicht, um andere zu erpressen. Manche sind wirklich so fertig, dass sie dem Leiden nur noch ein Ende setzen möchten

Was Eurem Partner nicht hilft

  • Sprüche wie: „Ach komm, draußen ist doch so tolles Wetter!“ oder „Komm endlich in die Puschen!“ oder „Stell Dich nicht so an!“ oder „Du musst einfach mal positiv denken!“ Wenn das so einfach wäre, würden Depressive es tun. Aber sie können es nicht, und ihnen geht es nur noch schlechter, wenn sie durch solche Kommentare ständig auf ihre Defizite hingewiesen werden.
  • In diese Kategorie fällt auch der blöde Spruch „Sei ein Mann!“. Depression ist eine Krankheit, keine (Charakter-)Schwäche. Wenn er nicht kann, hat das sehr wohl Gründe. Bei ihr übrigens auch.
  • „Du markierst ja nur!“ oder „Du willst ja nur im Mittelpunkt stehen!”, ist genauso verletzend wie unzutreffend. Nichts lieber als in der Versenkung verschwinden würden Depressive.
  • „In Afrika verhungern Kinder!“ Natürlich gibt es Menschen auf der Welt, denen es objektiv gesehen sehr viel schlechter geht. Aber das ändert nichts an der Depression und macht den Betroffenen nur noch mehr Kummer, weil es Schuldgefühle verstärkt.
  • Ja, eine Faschingsparty ist lustig. Aber nicht für jemanden, dem es seelisch gerade sehr schlecht geht, der Angst vor Menschen hat und am liebsten unsichtbar sein würde. Zwingt ihn nicht dazu, etwas zu tun, was er nicht möchte und akzeptiert, dass er gerade einfach nicht in der Lage dazu ist, auch „nur schnell auf nen Kaffee zum Nachbarn rüber“ zu gehen.

Was Eurem Partner hilft

  • Es ist oft schwierig, mit einem depressiven Menschen Kontakt aufzunehmen. Viele blocken ab oder behaupten, ihnen fehle gar nichts. Depression ist heute immer noch ein negativ besetzter Stempel, den keiner auf der Stirn haben möchte. Zu der Angst, was denn wohl die Leute dazu sagen würden, kommt die Angst „verrückt“ zu sein und in „der Klapse“ zu enden.
    Der erste Schritt, dem entgegenzuwirken ist, Euch selbst zu informieren: Was ist eine Depression überhaupt, welche Formen gibt es, welche Behandlungsmethoden? Und ganz wichtig: Wo in der Nähe findet Ihr Hilfe? Hier könnt Ihr einiges nachlesen, ansonsten scheut Euch nicht, selbst zum Arzt Eures Vertrauens zu gehen und ihm von Euch und Eurem Partner zu erzählen.
    Ich bitte Euch dabei eindringlich, nicht zu selbsternannten Heilern oder pseudopsychologischen Lehrern oder so genannten Coaches zu gehen! In jeder Stadt gibt es in den Krankenhäusern psychiatrische Ambulanzen mit Notfallsprechstunden. Dort findet Ihr fundiert ausgebildetes Fachpersonal, das Euch weiterhelfen wird und bekommt zügig und vor allem kostenlos einen Termin.
  • An dieser Stelle ein Wort an alle Alleinerziehenden: Bevor ich DeHasen kennenlernte, war auch ich jahrelang mit dem Mausebären alleinerziehend. Das war meiner Depression natürlich egal, sie kam regelmäßig wieder. Denn gerade als Alleinerziehende habt Ihr ein Stress-Abo. Wenn es Euch trifft und Ihr keinen Menschen habt, der Euch unterstützt – geschweige denn einen Partner – und es Euch sehr schlecht geht, lasst Euch krankschreiben. Es nützt niemandem, wenn Ihr Euch bis zur Erschöpfung durchs Leben schleppt, am wenigsten Euren Kindern und Euch selbst!
    In meiner akuten Phase war ich ein halbes Jahr zuhause, und in dieser Zeit habe ich es gerade mal geschafft, den Mausebärn morgens in die Kita zu bringen und nachmittags wieder abzuholen sowie einen Grundstandard an Ernährung und Hygiene aufrecht zu halten. Mit einem Job zusätzlich hätte ich das nie geschafft!
    Auch, wenn Ihr in eine Klinik müsst (keine Angst, für Euer Kind wird gesorgt werden), nutzt diese Zeit, um wieder Kraft zu tanken und zur Therapie zu gehen. Nur so habt Ihr eine Chance, weiterleben zu können. Eure Firma und Euer Umfeld sterben nicht, wenn Ihr ein halbes Jahr pausiert. Ihr allerdings sehr wohl, wenn Ihr es nicht tut!
  • Habt Ihr Euch informiert, ladet Euer (neues) Wissen nicht ungefiltert bei Eurem kranken Partner ab. Sich einzugestehen, depressiv zu sein, ist schwer genug. Wenn andere einen vehement darauf hinweisen und gute Ratschläge geben, fühlt man sich nackt und bloßgestellt und zieht sich noch mehr zurück. Versucht, das Thema behutsam anzugehen. Zum Beispiel, indem Ihr bei Euch zuhause unaufdringlich Lektüre zum Thema bereitlegt, die der Betroffene dann zur Hand nehmen kann, wenn er möchte.
  • Oder fragt Euren Partner vorsichtig, was denn mit ihm los sei. Lasst ihn reden, hört einfach nur zu, gebt keine Ratschläge. Das hilft schon ungemein.
  • Ist Euer Partner offen für Hilfe, begleitet ihn zum Arzt, damit er sich nicht allein und als Versager fühlt. Mir hilft die Erfahrung sehr, dass DeHasen auch in meiner tiefsten Depression bei mir ist und ich nicht einsam und verlassen an breiter Front kämpfen muss. Aber auch das musste ich erst einmal lernen.
  • Eine Depression kostet immense Kraft, Kraft, die für Haushalt oder Familie nicht mehr zur Verfügung steht. Gerade mit Kindern ist ein depressives Leben sehr anstrengend. Entlastet Euren Partner ab und an, schafft ihm Freiräume, damit er sich erholen kann. Aber Obacht: Nehmt ihm nicht alles ab, lebt nicht sein Leben für ihn! Depressive brauchen Aufgaben und einen Alltag, an dem entlang sie sich auf dem Weg zur Besserung aus dem schwarzen Loch wieder heraushangeln können.
    An dieser Stelle ein sehr wichtiger Ratschlag an alle Angehörigen: Unterstützung, Hilfe, Fürsorge, Liebe hilft Depressiven ungemein, wieder ans Licht zu finden. Aber  verliert Euch dabei selbst nicht! Gebt Euch selbst nicht auf – vor allem lauft nicht Gefahr, in die Therapeutenrolle zu rutschen oder den Partner alleine kurieren zu wollen. Das schafft Ihr nicht! Am Ende droht Euch selbst ein Burn-Out oder die Co-Abhängigkeit. Ich bin sogar der Meinung, dass es an der Zeit ist, einen Partner zu verlassen, wenn er Jahr um Jahr an seiner Depression festhält und jegliche Hilfe ablehnt. Und das sage ich als selbst Betroffene! Passt also bitte auf Euch und Euer Leben auf
    .
  • Weil Depressive erstarrt sind, fällt ihnen Bewegung unglaublich schwer. Dabei tut es so gut, Körper und Geist in Schwung zu bringen. DeHasen und ich tanzen. Früher auf Turnieren, heute nur noch so zum Spaß. Einmal die Woche ist Tanzkreis. Wenn ich depressiv bin, erfinde ich immer wieder neue Ausreden, nicht hinzumüssen. Obwohl es mein liebstes Hobby ist! Aber einmal fühle ich mich zu fett, das andere Mal von den Menschen dort überfordert, beim dritten Mal war die Woche zu anstrengend.
    Doch das Verrückte ist: Sobald ich den Trainingssaal betrete, die Luft schnuppere, die Musik höre und wir die ersten Schritte auf dem Parkett tun, bin ich ein anderer Mensch – nämlich wieder ich selbst. Es ist mein Anker, der mich im normalen Leben hält. Vielleicht findet Ihr ja gemeinsam ein Hobby, eine Sportart, bei der es Euch beiden ähnlich geht, bei der Ihr die Depression einfach für ein paar Stunden die Woche hinter Euch lassen könnt.
  • Stress ist das Futter der Depression. Je mehr Stress, umso stärker die Krankheit. Dummerweise ist ein Betroffener so in seiner Dunkelheit gefangen, dass er kein Licht am Ende des Stresstunnels sieht. Dann redet mit Eurem Partner und helft ihm, Ideen zu finden, wie er den Stress reduzieren kann. Wenn ich mal wieder nicht aus der Stressspirale finde, spreche ich mit DeHasen. In den allermeisten Fällen hat er einen Geistesblitz, der so einfach wie genial ist, auf den ich aber selbst nie gekommen wäre.
  • Das Glückskonto: Als es mir sehr schlecht ging, schenkte mir DeHasen ein großes Einmachglas und einen Block mit bunten Zetteln. Immer, wenn ich etwas Schönes oder Positives erlebte, sollte ich es aufschreiben und ins Glas werfen. Am Ende des Jahres öffneten wir das Glas und lasen gemeinsam, was ich auf meinem Glückskonto verbucht hatte. Ich war sehr erstaunt, was ich alles geschafft und Tolles erlebt hatte – denn in meiner (depressiven) Erinnerung war wie immer alles schwarz.

Akzeptieren, nicht negieren

  • Viele Depressive genesen vollständig, genauso viele wie ich zum Beispiel bleiben jedoch ein Leben lang depressiv. Dann muss man damit leben lernen. Und das funktioniert nur, indem man die Krankheit akzeptiert. Es hilft ungemein, wenn aus der Geheimniskrämerei ein offener Umgang und Austausch wird und Euer Partner merkt: Ihr steht hinter ihm, auch wenn seine Krankheit bekannt ist, auch wenn sie ein Leben lang bleibt.
  • Blöder Spruch, aber Wissen ist Macht: Wer weiß, wie eine Depression entsteht, welche chemischen Reaktionen dabei im Körper stattfinden, wie man sie behandeln kann, fühlt sich nicht mehr hilflos und kann auch anderen gegenüber selbstbewusster auftreten, die immer mal wieder fragen: „Oh Gott, wie hältst Du das nur aus?!“ Also informiert Euch. Wo, habe ich oben schon geschrieben.
  • Trigger (Reize) sind heimtückisch, weil kaum ein Partner weiß, was seinen Liebsten triggert und wann. Plötzlich geht es dem andern sehr schlecht, obwohl ihr überhaupt keinen Grund erkennen könnt. Redet miteinander und findet heraus, welche Schlüsselreize ihn in die Depression treiben. Das können einzelne Wörter sein, Erlebnisse, die bei ihm traumatisch besetzt sind, Orte oder bestimmte Ereignisse wie Urlaub.
    Achtet gemeinsam darauf, dass Ihr solche Trigger meidet oder damit umzugehen lernt. Nichts ist für Partner von Betroffenen schlimmer, als hilflos mit ansehen zu müssen, wie der Liebste sich im Kreis dreht und wendet und daran verzweifelt.
  • Depressive, die zwischendurch eine manische Phase haben, in der sie Berge versetzen möchten, überschätzen sich dann oft und bürden sich Dinge auf, die später wieder zu Stress führen. Helft Eurem Partner, indem Ihr ihn fragt, ob dieses Hobby oder dieses Projekt jetzt gerade wirklich sein müssen. Erinnert ihn daran, dass ihm zu viel Stress schadet.
  • Verachtet niemanden, der Medikamente nehmen muss und sprecht nicht abfällig über Psychopharmaka. Weil die wenigstens wissen, wann und warum Antidepressiva manchmal die letzte Rettung für Depressive sind, verurteilen sie Arznei als „Wunderpillen“, „bunte Pillen“, „Glückspillen“ oder gar als Drogen, Betroffene als „Junkies“ oder Leute, die sich einfach mal zum Spaß was einwerfen.
    Das ist sehr verletzend für Depressive! Oft ist ein Medikament die letzte Rettung vor dem (Frei)tod. Und gerade für chronisch Depressive, deren Hirnstoffwechsel dauerhaft außer Gleichgewicht ist, die einzige Möglichkeit, überhaupt ein normales Leben zu führen. Sind Medikamente bei Eurem Partner nötig, erklärt es Euch und anderen wie Diabetes: Ein Diabetiker, der kein Insulin erhält, wird auf Dauer ohne das Mittel  ebenfalls grausam krepieren.
  • Und zuguterletzt: Liebt Euren Partner wie bisher! Ich weiß, es ist schwierig. Aber dieses seltsame Wesen, das Euch gerade teilnahmslos gegenübersteht, ist nicht Euer Partner selbst. Es ist die Depression, die ihn besetzt. Und die ihn gerade lähmt, Euch das zu sagen, was er tief innendrin empfindet: Ich liebe Dich und danke Dir dafür, dass Du da bist.

“Ich liebe Dich, weil Du es gerade nicht kannst.”
DeHasen


*Auch an dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass ich weder Therapeut noch Arzt bin. Ich schreibe meine Erfahrungen als Betroffene nieder. Wo Ihr fundierte Hilfe findet, lest Ihr hier.
Zeichnung im Header: Matthew Johstone

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

 

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Hinterm Horizont geht’s weiter

Wie hat Dein neues Jahr angefangen?

Meins unter Tränen. Und mit einem großen, dicken Seufzer.

Ich hasse Silvester. Dieses ganze Geschiss um Neuanfang (was für ein doofes Wort, oder hat schon jemand mal alt angefangen?), große Vorhaben und tolle Chancen geht mir mächtig auf den Zeiger. Und nicht nur das. Es macht mir Angst. So richtig.

Jetzt haben wir es doch gerade geschafft, uns durchs vergangene Jahr zu wurschteln, haben jedem noch so schlimmen Tag seine strahlenden Momente abgetrotzt (oh, was sind wir für großartige Positivisten!) und jeder noch so tiefen Depression ein Schnippchen geschlagen….und für was? Damit es gerade wieder von vorne losgeht.

Eben noch habe ich mich in unserer Höhle verkrochen und meine wunde Seele geleckt, da muss sie auch schon wieder raus an die Front: Nächste Woche hat der Mausebär Geburtstag und ersehnt eine spannende Party, im Sommer beginnt die Schulzeit – mit ganz vielen neuen Menschen und einem komplett neuen Alltag. Das OLYMPUS DIGITAL CAMERAFrühjahr naht und mit ihm die Zeit, in der ich mich nicht mehr in weiten, kuscheligen Säcken verstecken kann – schon gar nicht beim Schwimmen. Und im Mai – ja, ich weiß, ich sollte überglücklich sein – wartet unsere Hochzeit auf uns. Ein Ereignis, bei dem ich naturgegeben die Braut und somit der Mittelpunkt der Feier sein werde. Jeder wird mich anschauen, jeder wird mich durchschauen, jeden einzelnen Pickel, jede Speckfalte, jedes Haar. Die Vorbereitungen werden in Stress ausarten und was bei Stress passiert, davon können wir Depressiven ja eine ganze Symphonie singen. Ich fühle mich so nackt.

Self-fulfilling prophecy? Wer weiß. DeHasen sagt, wir schaffen das schon und ihm zuliebe werde ich das auch. Aber ist das nicht traurig? Ist das nicht erschütternd, dass man sich auf Dinge wie Geburtstage, Frühling und seine eigene Hochzeit nicht freuen kann? Dass sie einem ANGST machen?

Genau deswegen bin ich traurig. Denn ich kann es momentan nicht ändern. Soviel Willenskraft ich auch aufbringe, ich kann die Angst nicht zur Freude zwingen. Und dann öffnest Du Deinen Email-Account und das soziale Netzwerk, und Dein Handy spuckt Dir 867 Neujahrswünsche aus feierseligen Sternspritzergesichtern entgegen mit den besten Wünschen für ein tolles neues Jahr OLYMPUS DIGITAL CAMERAund ganz viel Glück und Segen auf all Deinen Wegen, und Du stehst da in der finsteren Silvesternacht und weißt ganz genau, dass Du nicht zu den Glücklichen gehören wirst, die einfach durch dieses Jahr hüpfen, dass Du wieder mal kämpfen wirst, dass Deine Energie schon jetzt aufgebraucht ist, da 2015 kaum den ersten Schrei getan hat, dass es ein endloser, langer Weg ist, den Du Dich entlang schleppst über so viele Hügel, die Du überwinden musst mit dem schweren Rucksack auf den Schultern, der Depression heißt.

Ich male schwarz. Ohja. Das kann ich gut. Denn ich bin prädestiniert dafür. Und das macht mich sauer. Richtig wütend. Dass mir irgendjemand irgendetwas irgendwann angetan hat, das mich nicht wie jeder gottverdammte normale Mensch fröhlich Silvester feiern und sich auf die kommenden 365 Tage freuen lässt! Boah, bin ich angepisst!!!

Okay. Schön. Wut ist gut. Sie macht aggressiv, und das setzt Energien frei. Dann eben so herum: Schöpfen wir aus unserer Trauer, unserer Angst, unserer Wut Kraft für das, was da vor uns liegt. Ich will Euch kein glückliches neues Jahr wünschen, weil ich es nicht kann. Weil ich weiß, was uns erwartet. Wie schweOLYMPUS DIGITAL CAMERAr das alles werden wird – für jeden einzelnen mit seinem Päckchen im Rücken. Aber ich will Euch Mut wünschen und Hoffnung, Schritt für Schritt, Augenblick für Augenblick.

Machen wir uns also auf den Weg.
Gemeinsam.
So geht es vielleicht
etwas leichter.


Fotos: DeHasen

Hier geht’s zurück zum Eingang!

567473-original-R-B-by-Wandersmann-pixelio

Höhlenfrieden

Ihr habt sicher gemerkt, dass ich in den vergangenen Wochen ein wenig sprachlos geworden bin. Ja, auch ein Depressionsprofi verrennt sich immer mal wieder Richtung Finsterwald und hält sich nicht an seine eigenen Vorsätze *seufz*

Ich will Euch hier auch gar nicht groß zutexten, mich einfach kurz melden und damit bis nach Weihnachten abmelden. Die letzten Wochen waren vollgepackt bis zur letzten Sekunde, keine Zeit zum Durchschnaufen, keine Gelegenheit zum Erden. Wenn dann auch noch Dinge passieren, die nun mal passieren – Waschmaschine streikt, Vater im Krankenhaus, Kind hat zig Weihnachtsveranstaltungen – macht jemand, der eh nur auf Notakku läuft, eben schlapp. Dann ist es höchste Zeit, sich in seine Winterhöhle zurückzuziehen, weil jede Mail, jeder Anruf, ja selbst jedes Wort, das man irgendwo im Netz liest, zu viel ist und einen körperlich sticht, so sehr, dass man würgen muss und denkt, die nächste Magen-Darm-Grippe ist im Anmarsch.

Euch möchte ich mitgeben, weil Ihr ja vielleicht auch über Weihnachten besonders gefragt seid (die liebe Familie und so): Macht Euer Ding. Was zuviel ist, ist zuviel, und wenn Euch nicht danach ist, Friedefreudeeierkuchen im trautem Heim zu feiern, klinkt Euch aus. Ihr braucht keinen superduper Christbaum, nicht den 50. selbstgenähten Loopschal für Eure Kollegen, kein Festtagsmenü mit 12 Stunden Küchenhaft, nicht das 20. Selfie von Euch auf Facebook, und der liebe Gott wird es Euch auch nachsehen, wenn Ihr diesmal nicht in der Christmette vorbeischaut (sonst geht Ihr ja auch nie in die Kirche, oder?;-))
Eure Lieben werden das schon verschmerzen.
Und wenn Ihr alleine seid und deswegen traurig, schafft Euch Eure eigene Höhle. Das ist völlig in Ordnung. Ihr seid keinem etwas schuldig und müsst keinerlei Rechenschaft ablegen. Schaut nach Euch, denn:

Schöne Seele braucht reine Höhle.

Ich drück Euch und wünsch Euch einen friedlichen Winterschlaf!


Headerbild: pixelio/wandersmann

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

beaker-47537

Hast Du sie noch alle?

Äh… HÄÄÄ?

Ja, natürlich, warte mal: zehn Finger, zehn Zehen, eine Zunge, zwei Augen…

Ne. Jetzt mal im Ernst.
Ab und an fragen mich Leute, warum ich denn SOWAS mache.
Und ich höre genau, dass SOWAS eigentlich meint:
“Hast-Du-sie-noch-alle-wie-kann-man-nur-so-ein-Video-von-sich-online-stellen-und-so-viel-von-sich-preisgeben-und-sich-so-zum-Affen-machen-und-sich-so-zur-Schau-stellen-und-überhaupt-Folie1OH-MEIN-GOTT-ich-muss-mir-an-den-Kopf-fassen-und-mich-ganz-schnell-ganz-viel-FREMDSCHÄMEN!!”

In so einem Fall ziehe ich gerne meine linke Suspekt-Augenbraue hoch und frage zurück: “Hast Du eigentlich meinen Blog gelesen?”

“Hm-ja-naja-njein-nein-kleinlautes-Gebrummel-und-ich wechsel-lieber-schnell-mal-das-Thema.”

Na gut. Hier also noch mal der Grund, warum ich DAS genau NICHT tue: Um…
… mein Gesicht in die Kamera zu halten, damit jeder sieht, wie wunderhübsch ich bin und von Heidi Klum entdeckt zu werden
… via Youtube dank meiner grandiosen Stimme 978 Millionen Likes zu sammeln, ohne Umweg über DSDS meine erste Single zu veröffentlichen und demnächst im Duett mit Samu Haber zu brillieren (obwohl….)
… mich bloßzustellen (wer sich fremdschämt, ist selbst schuld)

Und hier noch mal der Grund, warum ich genau DAS tue:
… weil mir einfach danach ist
… weil es mir persönlich hilft und guttut
… weil es ganz vielen anderen Menschen hilft und guttut
… weil viele, die mich lesen, sehen und hören, sich nicht mehr alleine mit ihren Problemen auf der Welt fühlen
… weil ich mit meinen Worten immer wieder anderen helfen kann, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen

Dieser Blog ist kein Wallfahrtstempel mit Beweihräucherungsschrein. Er diente ursprünglich allein meinem Selbstzweck. Mittlerweile habe ich durch ihn und meine Texte so viele liebe Menschen kennen gelernt, die sich nun auch trauen, offen und ehrlich ins Leben zu treten und sich nicht länger aus Angst vor einer konfektionierten Gesellschaft verstecken. Das macht mich glücklich und berührt mich sehr.

Deswegen: Ja, ich habe sie noch alle – mich selbst, meine Familie und ganz, ganz viele neue, tolle Freunde.

Und jetzt noch mal alle im Chor: Mimimimimimi!

Schön. Sehr schön.
ich geh dann mal an meinen nächsten Blogbeitrag.

BOOOOOOOO!

… meanwhile do this (click to enlarge):

Folie1

Hier geht’s zurück zum Eingang!


Quelle Beaker-Foto: http://1ms.net/s/pichost.me