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Nacht

Hast Du auch Deine Tabletten genommen?

Etwas beschäftigt mich zur Zeit sehr: die Reaktion von Menschen auf meine Depression. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen damit umzugehen. Zwei Dinge veranlassen mich dazu: erstens anderen begreiflich zu machen, wie es jemanden geht, der an dieser furchtbaren Krankheit leidet. Und zweitens, Hoffnung zu verbreiten, dass auch ein Leben mit Depression möglich ist.

Natürlich binde ich es nicht jedem Menschen sofort auf die Nase: “Hallo, ich bin Patricia und depressiv!” Wobei ich das auch schon getan habe. Als mich die Geschäftsführung für meinen letzten PR-Job anfragte, sagte ich: “Lies Dir bitte erst meinen Blog durch. Und dann ruf noch mal an.” Ich bekam den Job. Weil die Geschäftsführung meinen Blog ignorierte. Oder nicht ernst nahm. beaker-47537Und dann sehr erstaunt war, als ich den Job quittierte.

Höre ich deswegen auf, mich zu outen? Nein. Wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. Oder wenn jemand sehr leidet, sage ich: “Du, ich habe das auch.” Ich könnte vorsichtiger sein und ein Leben in völliger Dunkelheit führen, ein Teil von mir weggesperrt in den Tiefen meiner Seele. Und ich verstehe jeden, der das tut. Denn die Erfahrungen bei einem Outing sind nicht immer schön. Ich möchte Sie gerne mit Euch teilen. Damit Ihr das nächste Mal ein bisschen behutsamer mit Menschen umgeht, die sich Euch anvertrauen.

Erstaunen

“Hö? DU bist depressiv?! DAS hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht!” Tja, stell Dir vor. Auch depressive Menschen können ein Leben führen, ein durchaus zufriedenstellendes, erfolgreiches. Sie können Chef sein, Elternteil, eine Familie organisieren, tolle Sportler werden und sehr kreativ. Und dass, obwohl der schwarze Hund ihnen ständig im Nacken sitzt. Wenn so etwas kommt, nehmt es als hqdefaultKompliment und nicht persönlich. Einfach so. Und versucht nicht, Euch zu rechtfertigen.

Ignoranz

Das sind die Leute, denen Ihr Euch offenbart, die aber nicht richtig hinhören und gleich zur Tagesordnung übergehen. Wer ist heute schon nicht depressiv, haben wir nicht alle einen kleinen Schatten?

Genau diese Leute sind dann erstaunt, wenn Ihr Symptome Eurer Krankheit an die Oberfläche lasst und eben mal nicht perfekt seid.
Es ist mühselig, solche Leute aufklären zu wollen, weil sie sowieso kein offenes Ohr für die Nöte andere haben. Kann man mit leben, muss man aber nicht.

Spott

“Jaja, depressiv!” Plus leichtes Kräuseln der Mundwinkel. Das sind Menschen, die auch gerne behaupten, dass es kein Burn-Out gibt. Wir sind halt schlichtweg träge, faul, hypochondrisch. Solchen Leutena3ea252b837add417e5e9666e351d6ab würde ich am liebsten in die Fresse schlagen. Die machen mich am wütendsten. Ich wünsche Ihnen, dass sie nur einen Monat lang in meinen Schuhen gehen müssten. Wahrscheinlich würden Sie sich danach die Kugel geben.
Leider packen mich diese Menschen genau an meinem wunden Punkt und bekommen haargenau und bis ins Detail dargelegt, welche Krankheit eine Depression ist – inklusive aller aktuellen Studien und dezidierter biomechanischer Vorgänge im Hirn. Danach sind die Spötter so plattgelabert, dass sie sich hüten werden, je wieder so etwas Unbedachtes auszusprechen.

Entmündigung

Ja, ein hartes Wort, ich weiß. Es bezieht alle mit ein, die Euch nach Eurem Outing nicht mehr zutrauen, geradeaus zu denken. Gerne kombiniert mit dem Satz: “Hast Du auch Deine Tabletten genommen?!” Als wenn wir keine Seele, keinen Verstand, kein selbstständiges Leben hätten (siehe oben). Ja, es ist bisweilen schwierig, mit einem Depressiven. Weil er immer und ständig an sich selbst zweifelt und alles in Frage stellt. Weil seine 776024-beakerhoneydew460Stimmungsschwankungen nicht nur beim PMS auftauchen, sondern auch zwischendurch. Was gestern noch total schrecklich war, ist heute völlig akzeptabel und keinen Gedanken mehr wert.
Wir WISSEN, dass wir dieses Manko haben, und nicht nur EUCH fällt es schwer, damit umzugehen. Nein, am allerschwersten fällt es uns, weil es sich so real anfühlt, unser Verstand aber weiß, dass es falsch ist.

Unsere “Tabletten” nehmen wir, damit wir nicht von der nächsten Brücke springen. Damit unser Serotonin- und Dopaminhaushalt im Hirn stabil bleibt. Damit wir überhaupt leben können. Trotzdem sind wir Menschen mit Emotionen, die ihren Weg im Leben finden müssen. Und glaubt uns, wir tun ALLES dafür, das zu tun!!
Unsere Tabletten ändern daran nichts. Ihr müsst damit klar kommen oder den Kontakt abrechen. Isso.

Also bitte hört auf, Depressiven diese Frage zu stellen. Wir sind eh schon am Zweifeln und nach einem solchen Kommentar vollauf davon überzeugt, dass wir jetzt gleich sofort zehn Pillen auf einmal schlucken oder noch heute am Feiertag dringend zum Notarzt fahren müssen.

Ablehung

Nach meinem letzten – zugegeben negativen – Text zum Thema Selbstmord hier sah ich ein FB-Posting einer Bekannten, von der ich weiß, dass sie hier mitliest. Sie schrieb sinngemäß, sie habe die Nase voll von Leuten, die immer nur negativ auf der Stelle treten und in ihrem eigenen Sumpf wühlen und niemals voran kommen.

Ich weiß nicht, ob sie mich damit meinte. Aber es hat mich verletzt. Als ob das ein Hobby, die liebste Freizeitbeschäftigung wäre, sich Stunde um Stunde gegen die quälenden Gedanken im Kopf zu wehren, diesen Film, der immer mitläuft und stört, egal, was wir tun.
Deswegen heißt es CHRONISCHE Depression. Oder, wie bei mir in der Diagnose: rezidivierende depressive Störung mit mittelschweren bis schweren Episoden nach ICD-10-GM-2017. Es muppet-show-3ist nicht heilbar. Es ist einfach da und wird immer bleiben.

Ich verstehe jeden, der sich vor solchen Menschen zurückzieht. Ich selbst hätte gerade nicht die Kraft, mit mir zusammen zu leben und mir zuzuhören (vielleicht sollte ich das mal… An dieser Stelle von Herzen ein Danke an meinen Mann!). Aber ich bitte Euch: Ihr müsst uns weder lesen, noch anhören noch treffen. Wo ist also das Problem?

So ein Kommentar tut trotzdem weh. Glaubt mir, könnte ich mein Gehirn austauschen, ich würde es sofort tun. Aber es geht nicht, und den Clown spiele ich nicht mehr.  Auch wenn ich das durchaus kann. Aber nicht immer will. Da müsst Ihr Euch leider andere Spaßvögel suchen. Sorry.

Ratschläger

“Ja, dann musst Du halt mehr an die frische Luft gehen/Leute treffen/Sport machen/aufräumen/einen neuen Job suchen….to be continued.” Den Vogel schoss mal meine Mutter ab: “Du sitzt ja auch nur zuhause rum. Also ICH achte ja immer drauf, dass wir jeden Tag rauskommen. Ich bummel dann mit dem Papa durch den Supermarkt, da sind wir beschäftigt, und es ist gleich viel besser!”

Ha. Haha. Hahaha. Mal abegsehn davon, dass ich ja auch irgendwie einkaufen gehen muss und mich deswegen STÄNDIG in Muppets-com79irgendwelchen Supermärkten befinde, ist dieser Tipp geradezu grandios. Ich werde meinem Hirn mitteilen, beim Anblick der Auslagen von sofort an automatisch Serotonin ausschütte.

Es stimmt schon, ich merke es an mir selbst: Wenn ich mich mal wirklich dazu zwinge, unter (liebe) Menschen zu gehen oder eine Stadt zu erkunden, geht es mit danach tatsächlich besser. Aber es kostet mich auch viel Kraft. Es geht energetisch gesehen plusminus Null auf. Und klar liebe ich bestimmte Dinge, die ich gerne tue und die mir Kraft geben. Aber das ist immer nur von kurzer Dauer. Und hilft akut in einer schweren Phase gar nicht.

Dazu kommt: Viele von uns haben sich tiefgreifend mit unserer Krankheit auseinander gesetzt. Wir WISSEN, was theoretisch helfen SOLLTE. IHR solltet wissen, dass die praktische Umsetzung der Knackpunkt ist. Jeder Gang nach draußen ist wie der Start eines Marathons auf den Himalaja.

Auch, wenn sie lieb gemeint sind: Spart euch Eure Ratschläge. Seid einfach nur da und haltet uns im Arm, OBWOHL wir depressiv sind.  Das hilft mehr als tausend Worte.

Bewunderung

Ja. Ich kann es kaum glauben. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die mich bewundern. Das kommt mir immer ganz seltsam vor, weil ich denke, ich mach doch gar nichts Besonderes. Dann erzählen sie mir, lovato_with_beaker___muppets____by_lovatoedittions-d3b14ybwie nett, schön, kreativ ich bin, was für eine tolle Mutter und Freundin und Ehefrau. Ich nicke dann – emotionslos. Das ist leider auch eine der depressiven Schattenseiten: Man glaubt dem andern nicht. Der muss doch völlig gaga sein, wenn er sowas sagt.

Aber je öfter ich es höre, umso mehr denke ich, das könnte doch stimmen. Ich könnte ja tatsächlich trotz Depression ein ganz wunderbarer Mensch sein. Wäre das nicht einfach – schön? Ich danke allen von Herzen, die einem depressiven Menschen ein Kompliment aussprechen und ihn wertschätzen.

Denn dafür lohnt es sich zu schreiben.
Dafür lohnt es sich zu leben.


Titelbild: ich
Fotos: (c) The Muppets 

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Is there anybody…

… out there – help me sing my song?

Ihr Lieben,

weil ich vermisst werde (danke, dass Ihr an mich denkt❤️), kurz ein kleines Zeichen: Das Leben fährt gerade Achterbahn mit mir. Ich bin wieder mal gekündigt worden – eine Stelle, die ich angenommen hatte, um jemanden aus der Patsche zu helfen. Der Mausebär ist in die Schule gekommen und steht jetzt jeden Tag mittags um eins auf der Matte. DeHasn war wieder unterwegs in der Welt und ich allein zu Haus (oder auf dem Arbeitsamt oder beim Arzt oder in der Physiotherapie oder beim Salzteigbacken…)

Ich hab mir den Außenspiegel abgefahren und kämpfe gerade mit der Versicherung, die erst sagte, sie übernehme de12189792_970877066291487_8947825813354643387_nn Schaden und jetzt nichts mehr davon wissen will. Und wenn ich schon dabei bin, schreibe ich dem Pressesprecher der GEZ böse Briefe, weil die sich meine Daten vom Einwohnermeldeamt gemopst haben, aber nicht raffen, dass ich seit drei Jahren nicht mehr alleine wohne und nun verheiratet bin *AAAAARGH*
Der ganz normale Wahnsinn eben, Ihr kennt das.

Ich überstehe Elternabende und Familienfeiern und Bewerbungsgespräche und übe mich in Großmut und Vergebung.  Zwischendurch ploppt die Vergangenheit auf und reißt mich in Fressstrudel, wobei diese nicht mehr so tief sind wie früher. Bei all dem versuche ich, nicht abzurutschen. Ich bin vorgestern 40 geworden und hadere damit, dass die Hälfte meines Lebens vorbei ist, und diese Hälfte ziemlich bescheiden war.

Auf der anderen Seite fühle ich mich so aufgehoben wie nie. Unsere kleine Familie und meine Freunde geben mir viel Kraft und stehen kompromisslos hinter mir. Meine Näherei entwickelt sich weiter… 12046925_752852831487680_4146317145651418258_nund wird bald etwas sein, was mich hauptberuflich beschäftigt. Ein großer psychosomatischer Klinikverband hat meinen Blog entdeckt und mir eine Kooperation angeboten (ich denke noch drüber nach).  Ich bin gerade völlig im Umbruch, und hoffe nur, dass die Depression nicht wieder zuschlägt.

Ich möchte noch so viel schaffen! Ich will meine Selbstständigkeit – in jedweder Hinsicht.

Jetzt sind gerade wieder Ferien, in denen der Mausebär bespaßt  werden will und ich trotz Kündigung brav ins Büro marschiere, um niemanden hängen zu lassen. Sobald ich eine ruhige Minute habe, melde ich mich ausführlich.

Bei Euch hoffentlich alles gut?

Alles Liebe, Patricia


Header: Pixar, Inside out
Foto oben: Meine Geburtstagskarte vom Hasn und meiner Familie. I love you!
Foto unten: Mein Werk.

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Wir sind viele

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Depression ist leise. Jeder kann ihr zum Opfer fallen.

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Und wie unter einer Maske verstecken die Menschen sie
hinter einem Lächeln. – “Mir geht’s gut!”

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Niemand entdeckt sie, nur Du – denn das Maskieren ist einfach.
Je witziger Du bist, umso weniger ahnen die anderen etwas.

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Aber du kannst es nicht ewig verbergen.

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Irgendwann bricht jeder ein.

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Aber das ist völlig okay.

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Du brauchst Dich für nichts schämen.
Es gibt Menschen da draußen, die Dich verstehen.

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Sieh jeden neuen Tag als eine Chance, zu wachsen.
Wir sind immer hier und warten auf Dich!

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Du bist wertvoll. Du wirst geliebt. Du bist nicht allein.
Hab Geduld mit allem, aber am meisten mit Dir selbst.


Quelle der Bilder leider unbekannt. Falls jemand den Autor kennt, freue ich mich über eine Nachricht.

 

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Schutzbefohlen

Der Mausebär wurde ins Gesicht geschlagen. Im Kindergarten. Weil er anderer Meinung war, als seine “Freundin”. Weil er einfach nur sagte: “Du, das habe ich aber vorhin ganz anders gemeint.”

Der Mausebär ist ungewöhnlich anhänglich, als ich ihn Freitagnachmittag abhole. “Was ist denn los, mein Schatz?”, frage ich. Sie druckst herum, es ist ihr sichtlich unangenehm. Bis sie leise mit der Sprache rausrückt: “Die xy hat mir ins Gesicht geschlagen.”
Viele behutsame Worte später erzählt sie mir ihre Geschichte: Die beiden Mädels waren unterschiedlicher Meinung darüber, was eine von ihnen irgendwann vorher gesagt hatte. Es ging um banale Dinge wie: “Wir wollten doch mit den Puppen spielen?” – “Nein, Du hast gesagt, mit den Legosteinen.”

Okay. Der Mausebär diskutiert gerne. Aber so habe ich ihn erzogen. Immer versuchen, mit Worten eine Lösung zu finden, einen Kompromiss, nachzufragen, dem andern zuzuhören, dann seine Meinung zu äußern. Das ist bisweilen anstrengend. Denn ein Kind, das so aufwächst, in aller Achtung, in großem Respekt, in der Ermunterung, für sich Wort zu ergreifen, fragt nach. Das nervt bisweilen. Und einige ziehen es vor, solche Kinder kurzerhand zum Schweigen zu bringen. Sie geben damit ihr eigenes Verhalten weiter: Unverständnis. Null Bock. Kurzer Prozess. Gewalt.

Auch das andere Mädchen hatte keinen Bock, dem Mausebär zuzuhören. Nachdem dieser seine Meinung geäußert hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Einfach so. “Und was hast Du dann gemacht?”, frage ich meine Tochter erschüttert. “Ich bin weggegangen”, flüstert sie.

Ich muss durchatmen. Ganz tief. Da bringt man seinem Kind bei, Konflikte mit Worten zu lösen, auf den andern einzugehen, ihm zuzuhören, mit ihm zu sprechen. Und der Lohn dafür ist eins auf die Klappe.

Wir kuscheln uns auf die Couch, und es dauert lange, bis ich dem Mausebär erklärt habe, dass Gewalt niemals die Lösung ist. Weggehen aber auch nicht. Dass er sofort laut sagen muss, wenn ein anderer ihm wehtut. Wenn dessen Verhalten nicht gerecht ist. Dass er sich Hilfe suchen soll. Und dass ich immer für ihn da bin. Wir beschließen, am Montag das Thema im Kindergarten anzusprechen – jener Kindergarten, der sich der Vermittlung korrekter Streitkultur rühmt. Der den Kindern in der ganzen Stadt Läden zeigt, wo sie im Notfall Hilfe finden. Und der trotzdem nicht verhindern kann, dass sich seine Schutzbefohlenen in die Fresse schlagen.

Ein Tag und eine Nacht ist vergangen. Der Mausebär ist dieses Wochenende bei seinem Papa. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Wie ich sie kenne, arbeitet das in ihr. Und wird es noch lange tun.

Da rennen wir mit unseren Babys zur Massage, zum Pekip und zur bewusstseinserweiternden Krabbelgruppe. Damit die noch unbefleckten Menschlein besser werden als wir. Gerechter. Fairer. Sozialer. Nur, um das alles dann im vierten, fünften, sechsten Jahr nach ihrer Geburt zu vergessen. Um zu verdrängen, dass die kleinen Menschlein gerade jetzt, wo sie langsam erwachsen werden, für den  Umgang mit sich und der Welt unsere Anleitung brauchen, unsere Unterstützung, unsere Hilfe, unser Wort. Erziehung ist kein Pappenstiel.

Während ich an meiner Nähmaschine sitze, kommt mir ein Telefonat mit der Mutter des Mädchens in den Sinn. Vor kurzem rief sie mich an, weil es im Kindergarten wohl zu Doktorspielen gekommen war. Gerüchten zufolgen. Den wahren Hergang kenne ich nicht. Ich war nicht dabei, und der Mausebär auch nicht. Die Erzieherin vom Mausebär hatte mich beruhigt: “Alles halb so schlimm.”

Das fand die andere Mutter gar nicht: “Meine Tochter wird sich wehren”, droht sie. “Sie soll einfach zurückschlagen. Mein Mann wird es ihr schon beibringen.”

Glückwunsch. Das hat wohl tadellos funktioniert.


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Heile, heile Herzchen

Eigentlich wollte ich Euch heute etwas ganz Bestimmtes erzählen. Aber dann ist etwas ganz anderes passiert: Unvermittelt und wie aus dem Nichts nahm mich eine Person in den Arm und sagte mir tausend zauberhafte Dinge. Wie toll und stark ich sei, wie schön, welch gute Mutter. Dass sie jeden einzelnen meiner Blogbeiträge gelesen und sich sehr um mich gesorgt hätte. Und diese Person war nicht DeHasen (der mir das auch jeden Tag sagt, aber der ist ja parteiisch…), sondern jemand, denn ich nur ab und an treffe.

Ich will das hier nicht alles detailliert aufschreiben. Aber während diese Person mich an der Hand hielt, kam sie mir vor wie ein Engel, der da vor mir stand. Der mit jedem Wort, das er sprach, mein Herz ein Stück heIMG_1487 Kopieilen lies. Es kam mir vor, als spräche sie all die Dinge aus, auf die ich jahrelang umsonst gehofft hatte, die meiner Mutter nie über die Lippen gekommen waren. In meinem Innern wurde es warm, es begann zu leuchten, und dieses Leuchten halte ich seither ganz, ganz fest. Es ist klein und fein – und es ist mein.

Kitschig, ich weiß. Aber in diesem Moment habe ich erfahren, wie wichtig es ist, anderen Leuten zu sagen, wie fabelhaft und schön sie sind. Von Angesicht zu Angesicht. Gerade, wenn es ihnen nicht gut geht. Ohne Wenn und Aber. Sie in den Arm zu nehmen, zu akzeptieren wie sie sind. Sie vertrauen zu lassen, dass man verlässlich für sie da ist. Wie einfach es ist, Herzen heilwerden zu lassen!

Immer, wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Das war also damit gemeint.

Danke. Von Herzen.


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Hinterm Horizont geht’s weiter

Wie hat Dein neues Jahr angefangen?

Meins unter Tränen. Und mit einem großen, dicken Seufzer.

Ich hasse Silvester. Dieses ganze Geschiss um Neuanfang (was für ein doofes Wort, oder hat schon jemand mal alt angefangen?), große Vorhaben und tolle Chancen geht mir mächtig auf den Zeiger. Und nicht nur das. Es macht mir Angst. So richtig.

Jetzt haben wir es doch gerade geschafft, uns durchs vergangene Jahr zu wurschteln, haben jedem noch so schlimmen Tag seine strahlenden Momente abgetrotzt (oh, was sind wir für großartige Positivisten!) und jeder noch so tiefen Depression ein Schnippchen geschlagen….und für was? Damit es gerade wieder von vorne losgeht.

Eben noch habe ich mich in unserer Höhle verkrochen und meine wunde Seele geleckt, da muss sie auch schon wieder raus an die Front: Nächste Woche hat der Mausebär Geburtstag und ersehnt eine spannende Party, im Sommer beginnt die Schulzeit – mit ganz vielen neuen Menschen und einem komplett neuen Alltag. Das OLYMPUS DIGITAL CAMERAFrühjahr naht und mit ihm die Zeit, in der ich mich nicht mehr in weiten, kuscheligen Säcken verstecken kann – schon gar nicht beim Schwimmen. Und im Mai – ja, ich weiß, ich sollte überglücklich sein – wartet unsere Hochzeit auf uns. Ein Ereignis, bei dem ich naturgegeben die Braut und somit der Mittelpunkt der Feier sein werde. Jeder wird mich anschauen, jeder wird mich durchschauen, jeden einzelnen Pickel, jede Speckfalte, jedes Haar. Die Vorbereitungen werden in Stress ausarten und was bei Stress passiert, davon können wir Depressiven ja eine ganze Symphonie singen. Ich fühle mich so nackt.

Self-fulfilling prophecy? Wer weiß. DeHasen sagt, wir schaffen das schon und ihm zuliebe werde ich das auch. Aber ist das nicht traurig? Ist das nicht erschütternd, dass man sich auf Dinge wie Geburtstage, Frühling und seine eigene Hochzeit nicht freuen kann? Dass sie einem ANGST machen?

Genau deswegen bin ich traurig. Denn ich kann es momentan nicht ändern. Soviel Willenskraft ich auch aufbringe, ich kann die Angst nicht zur Freude zwingen. Und dann öffnest Du Deinen Email-Account und das soziale Netzwerk, und Dein Handy spuckt Dir 867 Neujahrswünsche aus feierseligen Sternspritzergesichtern entgegen mit den besten Wünschen für ein tolles neues Jahr OLYMPUS DIGITAL CAMERAund ganz viel Glück und Segen auf all Deinen Wegen, und Du stehst da in der finsteren Silvesternacht und weißt ganz genau, dass Du nicht zu den Glücklichen gehören wirst, die einfach durch dieses Jahr hüpfen, dass Du wieder mal kämpfen wirst, dass Deine Energie schon jetzt aufgebraucht ist, da 2015 kaum den ersten Schrei getan hat, dass es ein endloser, langer Weg ist, den Du Dich entlang schleppst über so viele Hügel, die Du überwinden musst mit dem schweren Rucksack auf den Schultern, der Depression heißt.

Ich male schwarz. Ohja. Das kann ich gut. Denn ich bin prädestiniert dafür. Und das macht mich sauer. Richtig wütend. Dass mir irgendjemand irgendetwas irgendwann angetan hat, das mich nicht wie jeder gottverdammte normale Mensch fröhlich Silvester feiern und sich auf die kommenden 365 Tage freuen lässt! Boah, bin ich angepisst!!!

Okay. Schön. Wut ist gut. Sie macht aggressiv, und das setzt Energien frei. Dann eben so herum: Schöpfen wir aus unserer Trauer, unserer Angst, unserer Wut Kraft für das, was da vor uns liegt. Ich will Euch kein glückliches neues Jahr wünschen, weil ich es nicht kann. Weil ich weiß, was uns erwartet. Wie schweOLYMPUS DIGITAL CAMERAr das alles werden wird – für jeden einzelnen mit seinem Päckchen im Rücken. Aber ich will Euch Mut wünschen und Hoffnung, Schritt für Schritt, Augenblick für Augenblick.

Machen wir uns also auf den Weg.
Gemeinsam.
So geht es vielleicht
etwas leichter.


Fotos: DeHasen

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Hast Du sie noch alle?

Äh… HÄÄÄ?

Ja, natürlich, warte mal: zehn Finger, zehn Zehen, eine Zunge, zwei Augen…

Ne. Jetzt mal im Ernst.
Ab und an fragen mich Leute, warum ich denn SOWAS mache.
Und ich höre genau, dass SOWAS eigentlich meint:
“Hast-Du-sie-noch-alle-wie-kann-man-nur-so-ein-Video-von-sich-online-stellen-und-so-viel-von-sich-preisgeben-und-sich-so-zum-Affen-machen-und-sich-so-zur-Schau-stellen-und-überhaupt-Folie1OH-MEIN-GOTT-ich-muss-mir-an-den-Kopf-fassen-und-mich-ganz-schnell-ganz-viel-FREMDSCHÄMEN!!”

In so einem Fall ziehe ich gerne meine linke Suspekt-Augenbraue hoch und frage zurück: “Hast Du eigentlich meinen Blog gelesen?”

“Hm-ja-naja-njein-nein-kleinlautes-Gebrummel-und-ich wechsel-lieber-schnell-mal-das-Thema.”

Na gut. Hier also noch mal der Grund, warum ich DAS genau NICHT tue: Um…
… mein Gesicht in die Kamera zu halten, damit jeder sieht, wie wunderhübsch ich bin und von Heidi Klum entdeckt zu werden
… via Youtube dank meiner grandiosen Stimme 978 Millionen Likes zu sammeln, ohne Umweg über DSDS meine erste Single zu veröffentlichen und demnächst im Duett mit Samu Haber zu brillieren (obwohl….)
… mich bloßzustellen (wer sich fremdschämt, ist selbst schuld)

Und hier noch mal der Grund, warum ich genau DAS tue:
… weil mir einfach danach ist
… weil es mir persönlich hilft und guttut
… weil es ganz vielen anderen Menschen hilft und guttut
… weil viele, die mich lesen, sehen und hören, sich nicht mehr alleine mit ihren Problemen auf der Welt fühlen
… weil ich mit meinen Worten immer wieder anderen helfen kann, sich auf den Weg zu sich selbst zu machen

Dieser Blog ist kein Wallfahrtstempel mit Beweihräucherungsschrein. Er diente ursprünglich allein meinem Selbstzweck. Mittlerweile habe ich durch ihn und meine Texte so viele liebe Menschen kennen gelernt, die sich nun auch trauen, offen und ehrlich ins Leben zu treten und sich nicht länger aus Angst vor einer konfektionierten Gesellschaft verstecken. Das macht mich glücklich und berührt mich sehr.

Deswegen: Ja, ich habe sie noch alle – mich selbst, meine Familie und ganz, ganz viele neue, tolle Freunde.

Und jetzt noch mal alle im Chor: Mimimimimimi!

Schön. Sehr schön.
ich geh dann mal an meinen nächsten Blogbeitrag.

BOOOOOOOO!

… meanwhile do this (click to enlarge):

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Quelle Beaker-Foto: http://1ms.net/s/pichost.me

 

Josie Meer

Land in Sicht – Tipps für einen antidepressiven Urlaub

Wie versprochen hier die Anleitung für einen absolut antidepressiven Urlaub – und entspannte, finsterwaldfreie Ferien!

“Du musst unbedingt mal raus – fahr doch innen Urlaub!” Tolle Idee. Wirklich. Für alle, die nicht depressiv sind. Jeder andere, der diesem Ratschlag folgt, landet allzu oft im Finsterwald. Warum, steht hier.

Deswegen der ultimative Anti-Depri-Urlaubs-Tipp vorweg: Ihr müsst gar nichts! Es ist völlig legitim, Eure freie Zeit zuhause, in der persönlichen Pampa oder sonstwo zu verbringen. Ja, ich weiß. Depressive dürfen sich nicht einigeln und abschotten. Machen sie ja auch nicht. Irgendwann mal wieder. Wenn es ihnen besser geht. Aber nicht jetzt, im tiefsten Tief. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Hier also meine Absolution (ich bin nicht Gott, aber mal so frei) und meine weiteren Tipps:

· “Tu nur das, was Du schaffst!” Und zwar jetzt in diesem Augenblick. Buch’ keinen Urlaub, weil Du denkst, dass es Dir beim Reiseantritt bestimmt besser gehen wird. Und weil Du jemandem einen Gefallen Josie Meer2tun willst. Ortsveränderungen heißen so, weil sich der Ort verändert. Nicht Du selbst. Oder wie Seneca schon vor 2000 Jahren sagte:

“Du bist, der du bist! Was hilft es, über das Meer zu setzen und den Wohnort zu wechseln? Wenn du dem, was dich drückt, entgehen willst, so musst du nicht an einem anderen Ort sein, sondern selbst ein anderer sein. Deine Reisen werden dir keine Erleichterung schaffen; denn du
reisest mit deinen Leidenschaften, und
deine Übel folgen dir nach.”

Als ich mit dem Mausebär noch alleinerziehend war, hatte ich für uns zwei Wochen Türkei gebucht. Ein traumhafter Urlaub. Wäre es geworden. Aber ich musste ihn kurzfristig absagen. Ich hätte es nicht geschafft – den Flug, Transfer, fremde Welt, allein mit der Maus. Wer hätte das gedacht, sechs Monate vorher, als die Hochglanzprospekte lockten? Also: Bucht – wenn überhaupt – nur das, wozu Ihr jetzt im Moment in der Lage seit. Und wenn das NICHTS ist, ist auch das völlig in Ordnung.

· “Was willst Du eigentlich?” Tja, wenn ich das so genau wüsste. Ich kann in einer depressiven Phase ja noch nicht mal entscheiden, ob ich mir lieber grüne oder graue Gardinen ins Wohnzimmer hängen möchte! Depressive tun sich schwer mit Entscheidungen. Sie trauen sich nicht, sie zweifeln. Was eben richtig ist, kann morgen schon wieder falsch sein und umgekehrt. Plant in so einem Zustand keinen
Urlaub! Das kann nur schief gehen.

Wenn Ihr nicht wisst, was Euch gefällt, hilft das Ausschlussverfahren: “Was willst Du eigentlich NICHT?” Depressive können diese Frage einfacher beantworten. Wer ganz viel wegstreicht, weiß irgendwann, was er will. Das kann dauern. Auch mal etwas länger. Wenn Ihr Euch also nicht hundertpro sicher seid, bucht nichts, was Euch nur zu 80 Prozent überzeugt. Ihr werdet Euch nicht wohlfühlen.

· “Trau Dich!” Und zwar genau das zu sagen, was Du nicht möchtest. Auch wenn Du total konfliktscheu bist und es Dir komplett Josie Meer3übertrieben und pingelig scheint. Ich zum Beispiel brauche das Meer. Ich liebe es, mir vom windigen Wellenrauschen den Kopf freiblasen zu lassen. Den Blick hinaus in die Weite, den  nichts verstellt. In einem Bergdorf würde ich eingehen.
Ich liebe den Norden, weil ich mich dort einmummeln und den Bikini im Schrank lassen kann. Ich mag Ruhe und Stille. Und Sauberkeit und Stil. Ein Haar auf dem Boden oder das falsche Kissenmuster kann mir den ganzen Urlaub vermiesen.

Bin ich deswegen gaga? Nein. Ich buche Urlaub und bezahle dafür. Deswegen erwarte ich auch genau das, was ich will, was mir gefällt, was mir guttut. Und sage das deutlich – meinem Partner, dem Reisebüro, dem Hotel. Übrigens: Kann ich mir genau das gerade nicht leisten, fahre ich nicht weg. Hä?! Genau. Lieber zuhause und sauber als am Meer und versifft. Isso.
Wie stellt Ihr Euch Eure Traumunterkunft vor? Was darf am Ferienort nicht vorhanden sein? Wann fühlt Ihr Euch unwohl? Fragt genau nach! Seid pingelig! Traut Euch!

· Apropos: Wellness ist nicht gleich Wohlfühlen! Im Frühjahr schenkte ich De Hasen zum Geburtstag ein Wellnesswochenende in einem Hammerhotel. Sagten die Bewertungen und 98 Prozent der Gäste. Als wir endlich wieder fahren konnten, war ich krank. Gestresst vom Wellnessen. Krass? Ja. Aber leider ebenfalls typisch für Depressive: Diese pure Konzentration auf das Selbst, der getaktete Tagesablauf, das Gewahrwerden des eigenen Körpers zwischen all den Schönheiten (subjektiv) in der Sauna. Puh. Wenn es dann auch noch in jeder Ecke voll und gesprächig ist, keine Ruhe herrscht, Euch das Frühstück im großen Saal gestylt erwartet, wird aus dem Wellnesswochenende ganz schnell eine Stressstrecke.

Also: Vorsicht vor angeblichen Ausgleich-Arrangements in einer depressiven Phase. Sie bringen Euch mächtig in Schieflage. Wenn Euch Massagen und Saunagänge gut tun, sucht Euch eine Unterkunft mit Verwöhnangebot in der Nähe. Dann könnt Ihr spontan entscheiden, wie viel Wellness Ihr zum Wohlfühlen braucht.

· “Sei spontan!” Speaking of: Nichts macht einem Depressiven mehr Druck, als komplett durchgeplant zu sein, das Bewusstsein, heute diesen und morgen jenen treffen zu müssen. Wie vielen Verabredungen, Festen und VerJosie Meer4anstaltungen ich schon mit einem Magen-
grummen zu- und dann doch kurzfristig wieder abgesagt habe – weil ich spürte, es geht einfach nicht! Urlaube gehören übrigens auch dazu. Meine Freunde wissen das inzwischen und reagieren bei Absagen gelassen.

Was spricht also dagegen, mal nicht ein halbes Jahr im Voraus zu planen? Sondern ganz spontan, hier und heute, irgendwo hin zu fahren? Last-Minute-Angebote gibt es en masse. Egal, ob am Meer, in der Wüste, für zwei Tage oder drei Wochen.
Mach’ Dir die Welt, wie sie Dir gefällt!”

· “Hotel oder Ferienwohnung?” Pest oder Cholera? Im Hotel seid Ihr an feste Essenszeiten gebunden. Also morgens raus aus den Federn, fein machen und ab in den Speisesaal mit all den andern Gästen. Mich persönlich stresst das sehr. Gerade, wenn meine Akne mal wieder blüht (was sie garantiert bei der Aussicht auf ein Frühstück mit mindestens 20 anderen tut). Dann muss ich vor dem ersten Schluck Kaffee  schon komplettes Make-Up auflegen, mich in Schale schmeißen und vor den Augen aller anderen am Buffet vorbei flanieren. Horror.

Logo. Ich könnte auch einfach so da aufkreuzen. Weil es den andern höchstwahrscheinlich egal ist, wie mein Gesicht aussieht. Aber das kann ich nicht. Noch nicht. Also ab in die Ferienwohnung! Okay. Aber hier müsst Ihr alles selber machen. Also, ALLES. Volles Haushaltsprogram im Urlaub. Klasse. Geradezu paradiesisch für einen Depressiven.

Überlegt Euch also gut, welche Unterkunft für Euch in Frage kommt.  Fühlt Ihr Euch mit Komplettkomfort wohler? Oder wenn Ihr im Schlafi an den Frühstückstisch schlurfen könnt? Wenn Ihr Euch nicht entscheiden könnt, bleibt in Eurer gewohnten Umgebung. Ich plädiere ja für diese Lösung: Ferienwohnung mit sämtlichem Service und Frühstück ans Bett. Werde gleich mal recherchieren…

· Wir sind Gewohnheitstiere. Und ganz besonders, wenn es uns nicht gut geht. Die kleinste Veränderung kann ein Tief an Land ziehen. Dabei muss diese Abweichung nicht mal negativ sein: Es gibt Studien über Bräute, die angesichts der bevorstehenden Hochzeit in Depressionen verfallen, weil sie auf einmal im Mittelpunkt stehen und die PlaJosie Meer6nung ihren bekannten Alltag über den Haufen wirft! Was nützt Euch der schönste Wasserbungalow auf den Malediven, wenn Ihr Euch darin nicht aufgehoben fühlt?

Deswegen mein Tipp: Geht es Euch gerade nicht so gut, wählt ein Ziel, dass Ihr schon kennt. Von dem Ihr wisst, wie Ihr hinkommt und was Euch dort erwartet. Trigger lauern sowieso an jeder Ecke, und schlafende Hunde soll man nicht wecken.

· “Wann sind wir endlich dahaaa?!” Ich liebe das Meer. Doch leider liegt es sieben Autostunden von uns entfernt. Ohne Stau und Baustellen. Denkt daran, dass der Weg zu Eurem Traumziel beschwerlich sein kann. Vor allem, wenn Kinder mit an Bord sind. Depressive haben einen langen Atem, weil sie gelernt haben, vieles auszuhalten. Die Quittung kommt aber bald und ziemlich sicher hinterher – am zweiten Urlaubstag oder wieder zurück in der Heimat. Auf einmal geht gar nichts mehr, Ihr bekommt Heulkrämpfe oder seid völlig am Ende.

Plant diese verzögerten Reaktionen Eurer Seele ein und verzichtet im Zweifelsfall lieber auf eine weite Strecke, die zusätzlich und langfristig stresst.

· Stichwort Kinder: Sie gehören einfach dazu, und was ist schöner, als ein gemeinsamer Urlaub mit all seinen Lieben? (Ich kenne die Antwort, und sie heißt alleine zu zweit in Paris ;-)). Klar, wollt Ihr Euren Kids einmal im Jahr das Rundum-Vollzeit-Familien-Paket schnüren. Nur Mama und Papa, 24/7. Gerade, wenn Ihr berufstätig und/oder alleinerziehend seid und der Nachwuchs mehrere Stunden am Tag – achtung, böses Wort – fremdbetreut ist.

Mein Tipp: Tut das nicht, wenn es Euch nicht gut geht! Kinder rund um die Uhr zu bespaßen, geht an die Nieren. Sie wollen springen, schwimmen, ringen, sie wollen raus, was erleben, auf Bäume klettern (und wieder runterfallen). Könnt Ihr das alles auch, wenn Ihr depressiv seid? Könnt Ihr uneingeschränkt und voll Freude mitspielen? Ich kann es nicht. So leid mir das für mein Kind tut.

Deswegen scheut Euch auch während der Ferienzeit nicht, Betreuungsangebote wahrzunehmen. Ihr müsst die Kids ja nicht den ganzen Tag entbehren. Aber Euch wird es gut tun, verlässlich ein paar
Stunden am Stück
frei Schnauze vor Euch hin zu leben. Eure Kleinen haben von einem  tollen Kinderprogramm ungleich mehr als von zig Stunden mit gestressten Eltern.

Extra-Tipp: Fragt genau nach, wie lange die Betreuung wirklich dauert und ob sie verbindlich ist. Nichts ist belastender, als wenn Ihr freie Zeit eingeplant habt und dann trotzdeJosie Meer7m den Pausenclown
spielen sollt.

· Taucht unter! Viele Depressive leiden an einer sozialen Phobie, sie haben Angst, was andere von ihnen denken könnten. Das wird umso schlimmer, je öfter man die anderen zu Gesicht bekommt.
Beispiel: De Hasen und ich waren ein paar Tage in Paris unterwegs. Es war traumhaft. Nicht nur wegen seines Heiratsantrages *schmelz*, sondern weil ich in dieser Menschenmasse komplett abtauchen konnte. Es waren so viele fremde (und eigenartige!) Leute unterwegs, dass ich schlicht nicht aufgefallen bin. Niemand hat mich beobachtet oder sich nach mir umgedreht. Für mich war es Erholung pur. Paradox, oder? Aber unter fremden Leuten, die an Euch vorbei strömen, seid Ihr so unsichtbar wie ein Sandkorn in der Wüste.

Ganz anders im kleinen, familiären Landhotel ein paar Wochen später: Wir hatten eine festen Tisch, sahen jeden Tag dreimal dieselben Gesichter, liefen uns im Schwimmbad, auf dem Spielplatz, im Klo übern Weg. Ganz schnell hatte ich einen Namen und die andern einen Eindruck von mir. Das war natürlich ziemlich sicher kein schlechter, aber Ihr kennt das: Dopamin fehlt - Einschätzung falsch.

· Kleider machen… Ja, ja. Wir wissen es. Aber wenn wir depressiv sind, fehlt manchmal einfach die Energie, uns aufzurüschen. Setzt Euch also nicht zusätzlich unter Druck, indem Ihr Euch in einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel einbucht oder smalltalkend beim  Captain’s Dinner übers Meer schippert. Ihr seid schön, und Ihr habt ein Gespür für tolle Klamotten. Nur gerade jetzt nicht.

Und wenn Ihr gerade am liebsten im Jogginganzug versumpfen möchtet. Na und? Es ist Euer Urlaub, und es ist Euer gutes Recht, genau das zu tun. Ihr müsst niemandem etwas beweisen!

Für Fortgeschrittene: Ich habe gerade im Stern einen interessanten Artikel über eine Schickimicki-Strandbar gelesen. Die Angestellten dort erzählten, woran sie Superreiche erkennen: Daran, dass sie nicht superreich gekleidet sind. Also: Statussymbole und Louis Vuitton tragen nur die, die so sein möchten. Nicht die, die es wirklich sind. Merkt Euch das!

· Pack’ die Tabletten ein! Solltet Ihr Antidepressiva nehmen, lasst Euch rechtzeitig eine neue Schachtel verschreiben. Und nehmt sie weiterhin regelmäßig ein. Auch im Urlaub, besonders da! Die Medikamente regeln Euren Hirnstoffwechsel. Lasst Ihr sie einfach weg, wird es Euch nach ein paar Tagen nicht gut gehen. Selbst, wenn es an Eurem Ferienort einen Arzt gäbe, der Euch Eure Arznei verschreiben könnte: Es dauert mitunter Wochen, bis sie wieder wirkt. Also vermiesJosie Meer8t Euch die Ferien nicht, indem Ihr Urlaub von Euren Antidepressiva macht oder sie schlicht vergesst.

Mir passiert das immer, wenn ich gerade eine gute Phase habe. Ich denke einfach gar nicht daran. Bis ich morgens um drei mal wieder wachliege… Stellt Euch den Diabetiker vor, der im Urlaub sein Insulin vergisst. Nicht schön, oder? Absetzen könnt Ihr Eure Tabletten zuhause, in Begleitung Eures Arztes, über mehrere Wochen hinweg, wenn ihr das möchtet. Ausschleichen nennt man das, und es ist gerade bei Antidepressiva dringend nötig!

Dasselbe gilt übrigens auch für alle anderen Medikamente, Schmerzmittel, Schilddrüsentabletten, Antibabypille etc. pp. Ich verherrliche nicht das Einnehmen von Arznei. Aber wenn Ihr wisst, Ihr seid gerade darauf angewiesen, macht keine Experimente!

 · “Mal so richtig ausschlafen!” Haha. Finde den Fehler. Schlaf ist eine heikle Angelegenheit. Die Depression äußert sich fast immer zuerst in Schlafstörungen. Das Zubettgehen ist ein Drama, morgens seid Ihr froh, wenn Ihr endlich aufstehen könnt (während ich das hier tippe, ist es übrigens 6.15 Uhr und mein Wecker klingelt erst um acht;-)). Dazu kommt die fremde Umgebung, ein Bett, in dem Ihr vielleicht nicht gut liegt, dünne Wände und ein schnarchender, pardon, zart atmender Partner.

Tipp Nummer 1: Macht Euch deswegen keinen Stress! Schlaf ist Schlaf, und gerade Urlaubstage sind für Mittagsschläfchen prädestiniert. Habt kein schlechtes Gewissen, wenn Ihr Euch zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags auf die Couch oder an den Strand legt und schlummert. Behauptungen, der Schlaf vor Mitternacht sei der wertvollste oder ein Mensch müsse acht Stunden am Stück schlafen, um erholt zu sein, sind falsch. Legt Euch immer dann ab, wenn Euch danach ist. Und wo Ihr möchtet. Plant dafür Zeit ein, damit Ihr Euch nicht hundemüde durch irgendwelche Museen schleppt, wenn Ihr lieber die Augen zumachen möchtet. Und wenn Ihr mal eine Nacht gar nicht schlaft, ist das kein Weltuntergang. Ihr müsst ja am kommenden Tag nichts tun, außer urlauben.

Ja, ich weiß. Populärer Schlafförderer bei Depression ist Schlafentzug. Sprich: Wer tagsüber seinen Schlaf verbraucht, findet nachts keine Ruhe. Aber mal ehrlich: Was machen die, die nachts keine Ruhe finden? 24/7 wach bleiben und wie ein Zombie durch die Gegend wanken? Bestimmt nicht.

Tipp Nummer 2: Ohropax! Ja, wirklich. Sie sind mein ständiger Begleiter. Gerade in einer depressiven Phase bin ich extrem lärmempfindlich. Ich höre alles dreifach so laut. Vor allem nachts. Vor allem in fremder Umgebung. Und vor allem in dünnwandigen Hotelzimmern. Also: Ohropax rein, Welt raus. Probiert’s. Es hilft!

· Redet, redet, redet! Und zwar nicht belanglosen Smalltalk, sondern Tacheles. Erklärt Eurem Partner, Eurer Familie, Euren Freunden, wie es Euch gerade geht. Dass Ihr liebend gerne
vJosie MEer9erreisen würdet, es aber im Moment nicht könnt. Oder nicht dorthin oder zu diesem Zeitpunkt. Auch, wenn Reden nicht Eure Paradedisziplin ist: Tut Euch und Euren Lieben diesen einen Gefallen, damit sie wissen, woran sie sind. Habt kein schlechtes Gewissen! Viel schlimmer ist es, jemanden im Ungewissen und auf dem trüben Boden der Vermutungen und Schuldgefühle fischen zu lassen.

Fazit: Wenn Ihr gerade in einer depressiven Phase seid, rate ich Euch von einer Urlaubsreise ab. Auch, wenn Luftveränderung von allen andern propagiert wird. Alle anderen sind nicht depressiv und wissen nicht, was Euch die Kehle zuschnürt. Sagt offen, wie es Euch geht, und habt den Mut, das zu tun, wonach Euch ist. Auch wenn das – und jetzt alle nochmal im Chor – NICHTS ist!

“Die größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern
unsere stillsten Stunden
.”
Friedrich Wilhelm Nietzsche

 “Ha, Du Schlaumeier!”, sagt Ihr jetzt. “Warum hast Du Dich dann nicht selbst an Deine Regeln gehalten in den vergangenen Ferien?!” Tja. Weil ich sie bis dahin auch noch nicht kannte. You live and learn – ich lebe und lerne. Immer wieder. Und diesmal auch für Euch. Ist das nicht klasse? *g*

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Urlaub

Spurenleser

Es ist soweit: Die Bloghütte macht Urlaub! Wir packen unsere
sieben Sachen und schlagen für zwei Wochen unsere Zelte am Meer auf. Wellenwandern, Muschelnkuscheln, Sandstreicheln.

Apropos Sand: Kennt Ihr noch dieses Gefühl unter den Füßen? Der weiche, warme Strand, der bei jedem Schritt weicht, sich zwischen die Zehen schmuggelt auf dem Weg in die Wellen? Dann der kühle Schlick, Stehen auf der Stelle – zwei, drei, vier – bevor Ihr eintaucht, kühl und samten? Und wenn Euch die Küste dann mit einem dicken Schmatzer wieder freigibt und Ihr weiterzieht, bleiben sie, die

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich,
Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigenen und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorüUrlaub2bergezogen war,
b
lickte ich zurück.
Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war.
Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragt
e ich den Herrn:
“Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?”

Da antwortete er: “Mein liebes Kind,
ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.”

Ich wünsche Euch eine wunderbare Sommerzeit. Und die Gewissheit, dass Ihr nie alleine geht – an welchem Strand auch immer.

PS an alle Einbrecher: Unsere Lieblingsnachbarn sitten rund um die Uhr unsere Hütte, und unsere Kotzekatze mag am liebsten Frischfleisch.
Übrigens auch rund um die Uhr.

Spuren im Sand,  ©1964 Margaret Fishback Powers

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Vani

Worten sollen Taten folgen…

…heißt es immer höchst euphorisch, wenn irgendwer zu irgendwas Neuem aufbricht.

Diesmal ist es andersrum. Nach meinem Gekläpper hier auf der
Tastatur die vergangenen zwei Tage habe ich so viele liebe Worte von Euch erhalten – unter anderem diese knuffige Karte von meiner Nachbarin.

Ich danke Euch dafür. Von Herzen.

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