Schlagwort-Archiv: Gefühl

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Titanium

Mitten in meinem Nähwahn (guckst Du hier), am letzten Urlaubstag, klingelt das Telefon. Meine Chefin ist dran – kurz besprechen, was wir die Woche so im Büro machen. Sie hat eine unglaublich tolle Idee (achtung, Ironie): Weil ich es jedes Mal schaffe, jeder beliebigen Zeitung jeden beliebigen Artikel anzudrehen* und dafür so nett mit den verantwortlichen Chefredakteuren plaudere, soll ich diesen Part meiner Arbeit jetzt ausweiten.

Während ich noch damit beschäfigt bin, nicht in Panik zu verfallen, sagt sie: “Ich bewunder Dich echt. Das ist wirklich eine Gabe. Wie schaffst Du das nur, dass Du sofort einen Draht zu den Leuten hast und die Dich mögen? Kannst Du mir mal ein paar Tipps geben?”

Ähm.

Ich erzähle ihr meine Geschichte. Wie ich wieder und wieder kämpfe, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Wie viel Überwindung mich das kostet. Dass ich es aber immer und immer wieder versuche, weil ich weiß, dass ich es kann.
Und dass ich es gut kann.

“Meine Güte”, sagt sie.
“Das zeugt wirklich von Disziplin. Und von Kraft.”

Ja….

I’m bulletproof, nothing to lose
fire away, fire away
ricochet, you take your aim
fire away, fire away
you shoot me down, but I won’t fall

I AM TITANIUM


*Natürlich schreiben wir nur hochkarätige Texte, die wir in hochkarätigen Medien platzieren. Wirklich.
Text aus dem Song “Titanium”, David Guetta feat. Sia – slow accoustic version

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“Du bist zu dick!”

Nichtsahnend öffne ich am Abend den Brief. Wir hatten einen schönen Tag, der Mausebär und ich. Voller Sonne und guter Laune.
Mit Erinnerungen an die schöne Hochzeit und Vorfreude auf unsere Flitterwochen in Paris.

Das ist mit einem Schlag vorbei. Der Brief kommt vom DeHasens Onkel, der auch auf unserer Hochzeit war, mit dem ich getanzt und viel Spaß gehabt hatte. Ich habe ihn insgesamt zweimal gesehen in meinem Leben. Er kennt mich nicht, und ich kenne ihn nicht. Drei Seiten Papier, eng beschrieben, er erzählt sein Leben und holt auf Seite zwei zum Schlag aus. Da steht in 22 Punkt Arial (mindestens), fett und zentriert:

“Aber Patricia,
Du bist zu dick!”

Es folgen seitenweise Ratschläge, Salat, Waage kaufen, Sport machen. Bliblablub. Kein Wort des Dankes, keine Erwähnung unserer Hochzeit. Er würde ja die Bloghütte lesen und wissen, dass ich Fressattacken hätte und wegen meiner Depression grade nicht arbeiten könne.

Lieber Onkel von DeHasen.
Würdest Du die Bloghütte richtig lesen, wärst Du besser informiert.
Vor allem wüsstest Du , WIE SEHR MICH DEINE WORTE TRIGGERN!!!

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
Außer: DON’T PASS ME BY ANYMORE!

Ich geh dann mal ‘ne Runde heulen
und in
mühevoller
Kleinarbeit
die
Scherben
meines
gerade
aufgebauten
Selbtsbewusstsein
einsammeln.

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Geschafft

Ich – wir – haben es geschafft! Das Bild oben zeigt uns um Mitternacht bei unserer Feier, Frisuren und Outfits völlig aufgelöst – und wir beide überglücklich.

Zu diesem Zeitpunkt liegen 16 Stunden voller Aufregung im Fokus dutzender Menschen hinter mir. Und ich bin mächtig stolz, dass es trotz allem so ein wunderbarer Tag war und ich all meine Sorgen vergessen konnte. Mein Aussehen, was die Leute von mir denken… alles war mit einem Mal so egal. Und alle, wirklich alle Gäste waren zauberhaft und sagten uns immer wieder, wie schön wir selbst und unser Fest sei.

Der allerschönste Moment für mich war, als DeHasen mir den Ring an den Finger steckte. Ich musste so weinen in diesem Augenblick. Denn ich war so DSC04781erleichtert…mit einem Mal war ich eine Ehefrau, wir eine richtige Familie – sogar auf dem Papier – das Leben als alleinerziehende, sorgenbeladene, depressive Mutter ist endgültig vorbei.

Natürlich, ich weiß: Die Depression wird mich weiter begleiten, ein Leben lang. Aber es ist so unendlich leichter, wenn da jemand ist, der das mitträgt, wenn da etwas ist, das mich mitträgt: absolutes Vertrauen, eine Familie und eine große innige Liebe.

Nun sind wir zwei Tage verheiratet, sitzen im sonnigen Garten unserer Bloghütte, haben Besuch aus aller Welt – und noch immer ist es wunderbar. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich getraut habe.

“Ach, Schatz”, sagt DeHasen gerade und verdrückt eine Träne, “wir haben so ein schönes Leben”.

Ja, das haben wir.

Passt auf Euch auf!


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Du bist da, um…

… Tja. Warum bin ich eigentlich da? Bei all dem Mist, der mir im Leben begegnet, all den Kämpfen, all den Hoffnungslosigkeiten – warum bin ich dann noch da? Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.16

Der Mausebär und ich haben einen Lieblingsfilm. Den haben wir schon so oft geschaut, dass wir ihn mitsprechen können.

Und dennoch: Jedesmal, wenn wir ihn wieder sehen, bezaubert und fasziniert er uns gleichermaßen. Denn er hat Antworten auf Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.27Fragen, die wir uns jeden Tag aufs Neue stellen. Nehmt Euch Zeit und schaut ihn in Ruhe an. Ihr findet ihn hier.

Und noch etwas möchte ich Euch sagen: Ich schreibe in der letzten Zeit nicht. Wie Ihr wisst, steht uns in zwei Wochen ein großes Fest in die Bloghütte. Mir gehen tausend Gedanken im Kopf herum, und ich formuliere tausend Geschichten. Allein die Zeit fehlt mir, alles aufzuschreiben. Und Zeit braucht es, Geschichten auf Papier – oder in die Tastatur – fließen zu lassen.

Aber glaubt mir, ich bin jeden Tag bei Euch. Nicht nur, weil mir ständig Dinge begegnen, die ich Euch Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.47.21am liebsten mitteilen würde. Sondern auch, weil Euch Dinge begegnen, die Euch beschäftigen, worüber ich mir wiederum Gedanken mache.

Ich bin mit Euch connected, die ganze Zeit, überall.

Passt auf Euch auf.


Film: Die große Frage. Copyright WDR 2014

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Stein-Zeit

Was tun, mitten in der Depression und mit Panikattacken am Hals? Raus! Raus in den Garten, in den großen, wilden Garten. Und dann – einen Stein aufheben. Das Laub darunter behutsam wegfegen, damit die zarten Pflänzlein nicht brechen. DeIMG_2186n Stein wieder hinlegen. Und dann – den zweiten
Stein aufheben. Das Laub darunter behutsam wegfegen, damit die Regenwürmer weiterschlafen können. Den Stein wieder hinlegen. Stein um Atemzug, Atemzug um Stein, bis das Herz weich wird und der Kopf stumm.

Nur ein Stein! Und dann der nächste. Nicht alle auf einmal! Nicht alle Steine und danach noch das Efeubeet und das Rosenbeet und die Rasenfläche und den Vorgarten! Nein. Nur diese eine Reihe, Stein für Stein, so lange, wie es eben braucht.

Während ich mich zwinge und konzentriere, nicht wieder den Überblick und mich selbst zu verlieren, muss ich an Beppo denken. Ihr wisst schon, den Straßenkehrer aus Michael Endes Märchen
“Momo”. Und weil ich mich heute in meinem Garten so verbunden mit ihm, dem Straßenkehrer, gefühlt habe, hier seine Geschichte. Zum Erinnern. Zum Zeitnehmen. Und zum Atemholen:

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenkliIMG_2189ch vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. “Siehst du, Momo”, sagte er dann zum Beispiel, “es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man”.

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: “Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt
IMG_2188es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem.

So darf man es nicht machen.” Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: “Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.” Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: “Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.”

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: “Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.” Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: “Das ist wichtig.”

Nachtrag: Während ich das schreibe und völlig im Hier und Jetzt bin, geht die Tür auf, und der Mausebär kommt plärrend hereingestürmt. Er hat einen Spreisel im Finger. Entweder bekommt er eine Blutvergiftung oder stirbt sofort. Mindestens. Ein Schritt nach dem….”Maaaamaaaaa, das tuuuut sooo weeeeheeee!!!”

Die große Kunst ist, in der Stein-Zeit zu bleiben.
Auch, wenn die nächste Bombe tickt.


Zitat aus: Michael Ende, Momo. Thienemann Verlag; 20. Auflage (1973).

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Sonnentrost

Als diese schlimme Nacht heute endlich zu Ende ging und es hell wurde, fiel mein Blick auf unsere Kotzekatze. Sie saß vor der Tür und ihr Fell leuchtete. Sie hatte ein LED-Lämpchen verschluckt.

Nein, Scherz, natürlich nicht. Es war die Sonne, die immer in unserem Garten aufgeht. Sie hüllte Nini in ein ganz besonderes Licht, ein Trostleuchten, das mich hinaus in die Kälte gehen ließ, um ganz viel davon einzufangen. Und immer, immer wieder geht die Sonne auf.

Ich klemmte die Kotzekatze untern Arm und sah mir von meinem warmen Küchenstuhl aus den Sonnenaufgang an. In dieser Zeit kam die erste Nachricht. Es folgten weitere, Anrufe, SMS, Mails, Kommentare hier in meinem Blog auf meinen letzten Beitrag. Typisch ich hatte ich zuerst ein schlechtes Gewissen: Oh, Gott, Du hast sie aufgeschreckt, sie machen sich jetzt Sorgen, sie denken “Was hat die Alte schon wieder?”
Aber nein. Jedes einzelne Eurer Worte – Regina, Guido, Manu, Vero, Patricia, Belinda, Petra, Matthias, Birgit, Claudia, Katja und alle anderen! –  war und ist mir ein Trost, eine Sänfte, die mich durch die Depression trägt, ein Sonnenaufgang, der die nächtliche Hölle ausschaltet.

Ich danke Euch sehr dafür!

Heute Morgen hatte ich außerdem ein langes Telefonat mit meinem Bruder. Der Gute hat nicht nur bei meinen Eltern auf den Tisch gehauen und sie dezent *hust* gebeten, an meiner Hochzeit einfach mal die Klappe zu halten (ich liebe Dich dafür!!). Er stellte auch die entscheidende Frage: “Welche Dosierung nimmst Du eigentlich gerade?” Da fiel mir ein, dass ich schon seit Wochen, vielleicht Monaten keine einzige Tablette meines Antidepressivums mehr geschluckt hatte, ich habe sie einfach vergessen. Und außerdem war ich ja ab und an bei meinem Prof – was sollte schon schief gehen.

Tja, genau das: teuflische Depression. Sie saugt Dein letztes Transmitterchen Serotonin auf, aber bis Du dahinterkommst, gaukelt sie Dir weiter ist-ja-alles-supi-dupi vor. Bis Du im nächsten Tief steckst (das geht echt über Nacht!) und es Wochen dauert, Deinen Hormonhaushalt mit Medikamenten wieder aufzufüllen.  Ich falle aber auch jedesmal drauf rein. Merde! Eine Freundin schrieb mir:

“Depressionen sind einfach nur pervers. Sie teilen nichts mit. Sie machen nur kaputt um des Kaputtmachens Willen. Auf keinen Fall hinhören. Sie sind die Sirenen des Odysseus.”*

Ich rief mir ins zermaterte Hirn, was ich Euch ständig predige: Sirenen kümmern sich nicht um  Verhaltensregeln und gute Vorsätze. Grundlagen der Psychotherapie sind Ihnen scheißegal. Du musst Deine Ohren vor ihnen verschließen. Und das geht nur, mit einem intakten Hirnstoffwechsel, der alle Eindrücke ins recht Licht rückt. Finde den Fehler!

Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Möchte ich von mir behaupten können, ich besiege meine Sirenen  mit Willenskraft – eine Stoffwechselerkrankung mit bloßen Worten? Jeden Tag 24 Stunden jede Sekunde, jeden Moment? Noch über 1000 weitere Trigger hinweg?

Nein. Das möchte ich nicht. Ganz entschieden nicht. Nehmen wir an, ich würde 80 Jahre alt. Dann hätte ich nun schon die Hälfte meines Lebens damit vergeudet. Das ist zu viel.

Ich akzeptiere hiermit, dass meine Form der chronischen Depression nicht mit einer Verhaltenstherapie (und leider auch nur ganz, ganz, ganz schwer mit CBASP**) zu heilen ist. IchIMG_0278 habe jetzt wieder mal zwei Jahre durch – und ja, vieles hat sich gebessert. Aber nicht genug, um normal leben zu können. Verhaltenstherapie ist eine tolle Ergänzung, wenn man psychisch stabil ist, um Tricks und Kniffe fürs Leben zu lernen oder zu schauen, welches Trauma eine Depression verursacht hat. Alleiniges Allheilmittel ist sie leider nicht. Oder wie mein alter Psychiater immer sagte: “Du wirst Deine SSRI ein Leben lang nehmen müssen. Aber das ist völlig in Ordnung so.” Eben.

Nun beginnt eine neue Nacht. Sie wird wieder einmal die erste sein auf dem Weg zur Besserung.

Wünscht uns einen guten Schlaf!


* Antwort einer lieben Freundin auf meinen letzten FB-Eintrag
** Ich bin nächste Woche zur Auswertung meiner Ergebnisse zwei Jahre nach Ablauf der Studie im ZI Mannheim. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

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Schutzbefohlen

Der Mausebär wurde ins Gesicht geschlagen. Im Kindergarten. Weil er anderer Meinung war, als seine “Freundin”. Weil er einfach nur sagte: “Du, das habe ich aber vorhin ganz anders gemeint.”

Der Mausebär ist ungewöhnlich anhänglich, als ich ihn Freitagnachmittag abhole. “Was ist denn los, mein Schatz?”, frage ich. Sie druckst herum, es ist ihr sichtlich unangenehm. Bis sie leise mit der Sprache rausrückt: “Die xy hat mir ins Gesicht geschlagen.”
Viele behutsame Worte später erzählt sie mir ihre Geschichte: Die beiden Mädels waren unterschiedlicher Meinung darüber, was eine von ihnen irgendwann vorher gesagt hatte. Es ging um banale Dinge wie: “Wir wollten doch mit den Puppen spielen?” – “Nein, Du hast gesagt, mit den Legosteinen.”

Okay. Der Mausebär diskutiert gerne. Aber so habe ich ihn erzogen. Immer versuchen, mit Worten eine Lösung zu finden, einen Kompromiss, nachzufragen, dem andern zuzuhören, dann seine Meinung zu äußern. Das ist bisweilen anstrengend. Denn ein Kind, das so aufwächst, in aller Achtung, in großem Respekt, in der Ermunterung, für sich Wort zu ergreifen, fragt nach. Das nervt bisweilen. Und einige ziehen es vor, solche Kinder kurzerhand zum Schweigen zu bringen. Sie geben damit ihr eigenes Verhalten weiter: Unverständnis. Null Bock. Kurzer Prozess. Gewalt.

Auch das andere Mädchen hatte keinen Bock, dem Mausebär zuzuhören. Nachdem dieser seine Meinung geäußert hatte, schlug sie ihm ins Gesicht. Einfach so. “Und was hast Du dann gemacht?”, frage ich meine Tochter erschüttert. “Ich bin weggegangen”, flüstert sie.

Ich muss durchatmen. Ganz tief. Da bringt man seinem Kind bei, Konflikte mit Worten zu lösen, auf den andern einzugehen, ihm zuzuhören, mit ihm zu sprechen. Und der Lohn dafür ist eins auf die Klappe.

Wir kuscheln uns auf die Couch, und es dauert lange, bis ich dem Mausebär erklärt habe, dass Gewalt niemals die Lösung ist. Weggehen aber auch nicht. Dass er sofort laut sagen muss, wenn ein anderer ihm wehtut. Wenn dessen Verhalten nicht gerecht ist. Dass er sich Hilfe suchen soll. Und dass ich immer für ihn da bin. Wir beschließen, am Montag das Thema im Kindergarten anzusprechen – jener Kindergarten, der sich der Vermittlung korrekter Streitkultur rühmt. Der den Kindern in der ganzen Stadt Läden zeigt, wo sie im Notfall Hilfe finden. Und der trotzdem nicht verhindern kann, dass sich seine Schutzbefohlenen in die Fresse schlagen.

Ein Tag und eine Nacht ist vergangen. Der Mausebär ist dieses Wochenende bei seinem Papa. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Wie ich sie kenne, arbeitet das in ihr. Und wird es noch lange tun.

Da rennen wir mit unseren Babys zur Massage, zum Pekip und zur bewusstseinserweiternden Krabbelgruppe. Damit die noch unbefleckten Menschlein besser werden als wir. Gerechter. Fairer. Sozialer. Nur, um das alles dann im vierten, fünften, sechsten Jahr nach ihrer Geburt zu vergessen. Um zu verdrängen, dass die kleinen Menschlein gerade jetzt, wo sie langsam erwachsen werden, für den  Umgang mit sich und der Welt unsere Anleitung brauchen, unsere Unterstützung, unsere Hilfe, unser Wort. Erziehung ist kein Pappenstiel.

Während ich an meiner Nähmaschine sitze, kommt mir ein Telefonat mit der Mutter des Mädchens in den Sinn. Vor kurzem rief sie mich an, weil es im Kindergarten wohl zu Doktorspielen gekommen war. Gerüchten zufolgen. Den wahren Hergang kenne ich nicht. Ich war nicht dabei, und der Mausebär auch nicht. Die Erzieherin vom Mausebär hatte mich beruhigt: “Alles halb so schlimm.”

Das fand die andere Mutter gar nicht: “Meine Tochter wird sich wehren”, droht sie. “Sie soll einfach zurückschlagen. Mein Mann wird es ihr schon beibringen.”

Glückwunsch. Das hat wohl tadellos funktioniert.


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Heile, heile Herzchen

Eigentlich wollte ich Euch heute etwas ganz Bestimmtes erzählen. Aber dann ist etwas ganz anderes passiert: Unvermittelt und wie aus dem Nichts nahm mich eine Person in den Arm und sagte mir tausend zauberhafte Dinge. Wie toll und stark ich sei, wie schön, welch gute Mutter. Dass sie jeden einzelnen meiner Blogbeiträge gelesen und sich sehr um mich gesorgt hätte. Und diese Person war nicht DeHasen (der mir das auch jeden Tag sagt, aber der ist ja parteiisch…), sondern jemand, denn ich nur ab und an treffe.

Ich will das hier nicht alles detailliert aufschreiben. Aber während diese Person mich an der Hand hielt, kam sie mir vor wie ein Engel, der da vor mir stand. Der mit jedem Wort, das er sprach, mein Herz ein Stück heIMG_1487 Kopieilen lies. Es kam mir vor, als spräche sie all die Dinge aus, auf die ich jahrelang umsonst gehofft hatte, die meiner Mutter nie über die Lippen gekommen waren. In meinem Innern wurde es warm, es begann zu leuchten, und dieses Leuchten halte ich seither ganz, ganz fest. Es ist klein und fein – und es ist mein.

Kitschig, ich weiß. Aber in diesem Moment habe ich erfahren, wie wichtig es ist, anderen Leuten zu sagen, wie fabelhaft und schön sie sind. Von Angesicht zu Angesicht. Gerade, wenn es ihnen nicht gut geht. Ohne Wenn und Aber. Sie in den Arm zu nehmen, zu akzeptieren wie sie sind. Sie vertrauen zu lassen, dass man verlässlich für sie da ist. Wie einfach es ist, Herzen heilwerden zu lassen!

Immer, wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Das war also damit gemeint.

Danke. Von Herzen.


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Hinterm Horizont geht’s weiter

Wie hat Dein neues Jahr angefangen?

Meins unter Tränen. Und mit einem großen, dicken Seufzer.

Ich hasse Silvester. Dieses ganze Geschiss um Neuanfang (was für ein doofes Wort, oder hat schon jemand mal alt angefangen?), große Vorhaben und tolle Chancen geht mir mächtig auf den Zeiger. Und nicht nur das. Es macht mir Angst. So richtig.

Jetzt haben wir es doch gerade geschafft, uns durchs vergangene Jahr zu wurschteln, haben jedem noch so schlimmen Tag seine strahlenden Momente abgetrotzt (oh, was sind wir für großartige Positivisten!) und jeder noch so tiefen Depression ein Schnippchen geschlagen….und für was? Damit es gerade wieder von vorne losgeht.

Eben noch habe ich mich in unserer Höhle verkrochen und meine wunde Seele geleckt, da muss sie auch schon wieder raus an die Front: Nächste Woche hat der Mausebär Geburtstag und ersehnt eine spannende Party, im Sommer beginnt die Schulzeit – mit ganz vielen neuen Menschen und einem komplett neuen Alltag. Das OLYMPUS DIGITAL CAMERAFrühjahr naht und mit ihm die Zeit, in der ich mich nicht mehr in weiten, kuscheligen Säcken verstecken kann – schon gar nicht beim Schwimmen. Und im Mai – ja, ich weiß, ich sollte überglücklich sein – wartet unsere Hochzeit auf uns. Ein Ereignis, bei dem ich naturgegeben die Braut und somit der Mittelpunkt der Feier sein werde. Jeder wird mich anschauen, jeder wird mich durchschauen, jeden einzelnen Pickel, jede Speckfalte, jedes Haar. Die Vorbereitungen werden in Stress ausarten und was bei Stress passiert, davon können wir Depressiven ja eine ganze Symphonie singen. Ich fühle mich so nackt.

Self-fulfilling prophecy? Wer weiß. DeHasen sagt, wir schaffen das schon und ihm zuliebe werde ich das auch. Aber ist das nicht traurig? Ist das nicht erschütternd, dass man sich auf Dinge wie Geburtstage, Frühling und seine eigene Hochzeit nicht freuen kann? Dass sie einem ANGST machen?

Genau deswegen bin ich traurig. Denn ich kann es momentan nicht ändern. Soviel Willenskraft ich auch aufbringe, ich kann die Angst nicht zur Freude zwingen. Und dann öffnest Du Deinen Email-Account und das soziale Netzwerk, und Dein Handy spuckt Dir 867 Neujahrswünsche aus feierseligen Sternspritzergesichtern entgegen mit den besten Wünschen für ein tolles neues Jahr OLYMPUS DIGITAL CAMERAund ganz viel Glück und Segen auf all Deinen Wegen, und Du stehst da in der finsteren Silvesternacht und weißt ganz genau, dass Du nicht zu den Glücklichen gehören wirst, die einfach durch dieses Jahr hüpfen, dass Du wieder mal kämpfen wirst, dass Deine Energie schon jetzt aufgebraucht ist, da 2015 kaum den ersten Schrei getan hat, dass es ein endloser, langer Weg ist, den Du Dich entlang schleppst über so viele Hügel, die Du überwinden musst mit dem schweren Rucksack auf den Schultern, der Depression heißt.

Ich male schwarz. Ohja. Das kann ich gut. Denn ich bin prädestiniert dafür. Und das macht mich sauer. Richtig wütend. Dass mir irgendjemand irgendetwas irgendwann angetan hat, das mich nicht wie jeder gottverdammte normale Mensch fröhlich Silvester feiern und sich auf die kommenden 365 Tage freuen lässt! Boah, bin ich angepisst!!!

Okay. Schön. Wut ist gut. Sie macht aggressiv, und das setzt Energien frei. Dann eben so herum: Schöpfen wir aus unserer Trauer, unserer Angst, unserer Wut Kraft für das, was da vor uns liegt. Ich will Euch kein glückliches neues Jahr wünschen, weil ich es nicht kann. Weil ich weiß, was uns erwartet. Wie schweOLYMPUS DIGITAL CAMERAr das alles werden wird – für jeden einzelnen mit seinem Päckchen im Rücken. Aber ich will Euch Mut wünschen und Hoffnung, Schritt für Schritt, Augenblick für Augenblick.

Machen wir uns also auf den Weg.
Gemeinsam.
So geht es vielleicht
etwas leichter.


Fotos: DeHasen

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Höhlenfrieden

Ihr habt sicher gemerkt, dass ich in den vergangenen Wochen ein wenig sprachlos geworden bin. Ja, auch ein Depressionsprofi verrennt sich immer mal wieder Richtung Finsterwald und hält sich nicht an seine eigenen Vorsätze *seufz*

Ich will Euch hier auch gar nicht groß zutexten, mich einfach kurz melden und damit bis nach Weihnachten abmelden. Die letzten Wochen waren vollgepackt bis zur letzten Sekunde, keine Zeit zum Durchschnaufen, keine Gelegenheit zum Erden. Wenn dann auch noch Dinge passieren, die nun mal passieren – Waschmaschine streikt, Vater im Krankenhaus, Kind hat zig Weihnachtsveranstaltungen – macht jemand, der eh nur auf Notakku läuft, eben schlapp. Dann ist es höchste Zeit, sich in seine Winterhöhle zurückzuziehen, weil jede Mail, jeder Anruf, ja selbst jedes Wort, das man irgendwo im Netz liest, zu viel ist und einen körperlich sticht, so sehr, dass man würgen muss und denkt, die nächste Magen-Darm-Grippe ist im Anmarsch.

Euch möchte ich mitgeben, weil Ihr ja vielleicht auch über Weihnachten besonders gefragt seid (die liebe Familie und so): Macht Euer Ding. Was zuviel ist, ist zuviel, und wenn Euch nicht danach ist, Friedefreudeeierkuchen im trautem Heim zu feiern, klinkt Euch aus. Ihr braucht keinen superduper Christbaum, nicht den 50. selbstgenähten Loopschal für Eure Kollegen, kein Festtagsmenü mit 12 Stunden Küchenhaft, nicht das 20. Selfie von Euch auf Facebook, und der liebe Gott wird es Euch auch nachsehen, wenn Ihr diesmal nicht in der Christmette vorbeischaut (sonst geht Ihr ja auch nie in die Kirche, oder?;-))
Eure Lieben werden das schon verschmerzen.
Und wenn Ihr alleine seid und deswegen traurig, schafft Euch Eure eigene Höhle. Das ist völlig in Ordnung. Ihr seid keinem etwas schuldig und müsst keinerlei Rechenschaft ablegen. Schaut nach Euch, denn:

Schöne Seele braucht reine Höhle.

Ich drück Euch und wünsch Euch einen friedlichen Winterschlaf!


Headerbild: pixelio/wandersmann

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