Schlagwort-Archiv: Gott

air-birds-cross-fields-fly-2503402-1920x1080

Kreuzschmerzen

Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Bevor ich mir die Schläge und Schreie zu Hause gab, verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Großvater. Er war Küster unserer Gemeinde und seine Kirche mein Revier. Ich kannte sie alle, die großen und kleinen Heiligen, weil Opa ihnen in seinem Atelier mit beißend riechender Ölfarbe neue Lächeln in die gestrengen Gesichter zauberte. Wenn ich heute an Weihnachten vor seiner Krippe stehe und den heiligen Josef sehe, weiß ich, mein Großvater lächelt mich an.

My lover’s got humour
She’s the giggle at a funeral
Knows everybody’s disapproval
I should’ve worshipped her sooner

Die Glocken waren meine Freunde. Auch sie kannte ich beim Namen, und das Größte war, wenn ich sie zur Heiligen Messe rufen lassen durfte. Dieser Knopf für diese und jener Schalter für jene, und es brauste in den Ohren, dass der Kirchturm wackelte.

If the heavens ever did speak
She’s the last true mouth-piece
Every Sunday’s getting more bleak
A fresh poison each week

Damals war ich fünf. Und ich zweifelte nicht. Nicht, dass es den lieben Gott gab und die Jungfrau Maria und den Heiligen Sankt Martin, der mit seinem wunderbaren Schimmel jeden November durch die Straßen ritt, seinen Mantel und anschließend Weckmänner verteilte.

We were born sick
You heard them say it

Jeden Mai denke ich an diese Zeit, wenn eine bestimmte Baumsorte beginnt, nach Gummibärchen zu duften – jene Bäume, unter denen wir an Fronleichnam feierlich den Leib Christi durch die wunderschön geschmückten Straßen trugen. Erinnerungen, verblasst.

My Church offers no absolutes
She tells me, “Worship in the bedroom.”
The only heaven I’ll be sent to
Is when I’m alone with you—

Ich zweifelte nicht, als ich zur ersten heiligen Kommunion ging, bei der das weiße Kleid allen wichtiger war als das, was da passierte – wie hätten wir es auch verstehen sollen, als Neunjährige? Ich zweifelte niemals, auch nicht, als ich Lobeshymnen im Kirchenchor sang und auch nicht, als ich ganze Jugendgottesdienste vorbereitete.

I was born sick, but I love it
Command me to be well
Amen. Amen.

Du sollst nicht lügen! Während des Firmunterrichts mussten wir wie schon oft zuvor beichten. Das wurde ganz groß geschrieben und war immens wichtig, bläute meine Mutter mir ein. Ich saß da und mir fiel partout nichts ein, was ich hätte falsch gemacht haben können. „Vielleicht“, sagte ich zu dem Priester, „ist meine Sünde, dass meine Mutter micht nicht mag?“
Er verstand den Wink nicht. Er druckste herum und sagte, wenn ich Probleme hätte, sollte ich doch mal mit der Gemeindereferentin sprechen. Gewalt in der Familie, das war nichts für seinen katholischen Beichtstuhl.

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins and you can sharpen your knife
Offer me that deathless death
Good God, let me give you my life

Anyway. Drei Ave-Maria, und die Sache war vergessen. Ich machte tapfer weiter, verteidigte Gott und meine Kirche. Im Gedächtnis blieb mir eine Szene: Unsere Clique fuhr wie jeden Tag mit dem Zug zur Schule. Jemand machte einen Witz über den Papst. Ich war erbost: „Glaubst Du nicht an Gott, wenn Du Dich so über den Papst lustig machst?!“ schrie ich ihn an. Die verwunderten Blicke waren mir egal.

 If I’m a pagan of the good times
My lover’s the sunlight
To keep the Goddess on my side
She demands a sacrifice

Mein Glaube war angeknackst. Ich ließ es nicht zu. Ich war katholisch erzogen, und ich wollte nichts anderes. Und ganz insgeheim hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich Gott verließe. Würde ich nur noch Pech im Leben haben und später schwitzend in der Hölle schmoren? „Gott wird Dich noch strafen!!“, schrie meine Mutter immer wie von Sinnen, wenn sie mal wieder – warum auch immer – auf mich eindrosch.

Drain the whole sea
Get something shiny
Something meaty for the main course

Ich studierte Geschichte, und ich studierte die Bibel und alles, was NICHT in der Bibel stand. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich als Frau wohl die perfekte Priesterin gewesen wäre, hätten irgendwelche antifeministischen Bischöfe nicht auf so einem depperten Konzil die falschen Schriften zum Wort Gottes erklärt.

That’s a fine looking high horse
What you got in the stable?
We’ve a lot of starving faithful
That looks tasty
That looks plenty
This is hungry work

Aber es half nichts. Gott entglitt mir immer mehr, und ich ihm. Was damals im Beichtstuhl zerbrochen wurde, war nicht mehr zu kitten. Wo war er, der liebe Gott mit all seinen Heiligen in meinen tiefsten Depressionen, wenn es mir richtig dreckig ging? Erhörte er meine Gebete, nahm er mich an der Hand und führte mich zu sanften Auen und dem Ruheplatz am Wasser? Leitete sein Stecken und Stab mich mit Zuversicht aus dem Tal der Todesschatten? Nein!

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins so you can sharpen your knife
Offer me my deathless death
Good God, let me give you my life

Vierzig verdammte Jahre musste ich alt werden, um der Hölle zu entrinnen. Und der letzte, der mir dabei geholfen hat, war Gott oder seine Kirche. Blasphemie, mag sein. Aber der einzige, der mich durch all die Jahre gerettet hat, war ich selbst.
Als der Mausebär kam, ließ ich ihn taufen, katholisch natürlich. Ich wollte ihn nicht ungeschützt und ohne Segen in diese Welt schicken. Am Anfang besuchten wir eifrig Kindergottesdienste. Ich wollte, dass er einen Glauben kennenlernt, bevor er sich dafür oder dagegen entscheidet. Aber es war ihm nicht wichtig. Er kennt alle Geschichten über Gott und Jesus und die Heiligen. Aber sie kümmern ihn nicht. Er braucht keinen Herren, der ihm Nächstenliebe gebietet und nach der rechten auch noch die linke Wange schlägt. Der sich einfach so ans Kreuz schlagen lässt ohne Widerworte und dann behauptet, er hätte uns alle damit gerettet. In meinem Fall leider umsonst. Lasset die Kinder zu mir kommen? Im Leben nicht!

No Masters or Kings when the Ritual begins
There is no sweeter innocence than our gentle sin

Wir waren vor kurzem in Paris flittern, DeHasen und ich. Eigentlich wollten wir nur Notre Dame besichtigen (die Glocken!). Nebenbei bemerkte unsere Führerin, dass wir dort heute die Dornenkrone sehen würden. Die Dornenkrone? Die echte? Ich wollte unbedingt dahin. Ich wollte sie sehen. Warum nur, wo ich doch meinem Glauben abgeschworen hatte? Ich konnte es nicht erwarten. Sie lag in Notre Dame, in der hintersten Ecke, verborgen hinter dickem roten Glas. Ich glaube nicht, dass sie jemand erkannte, und ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich die echte war.Krone

Ich setze mich davor, starrte sie an. Und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit, ich war nicht da, in dieser Kirche, ich stand vor Jesus und wir hielten Zwiesprache. „Wieso hast Du das getan?“, warf ich ihm vor, „wieso hast Du so gelitten? Verdammt, ich weiß, was es heißt zu leiden, also wozu? Um ein paar Nasen zu zeigen, wie toll Du bist?“ Ich bekam keine Antwort, natürlich nicht. Aber etwas anderes. Da war einer, dem es wohl ergangen war wie mir. Der genau wusste, wie es sich anfühlt, im tiefsten Dunkel keinen Ausweg mehr zu sehen. All das Leid, all die Schmerzen, all die Menschen, die Dir Unrecht tun, Dich verhöhnen, Dich verprügeln, immer und immer wieder und keiner da, der Dich schützt. Der Dir nicht nur ein billiges Schweißtuch reicht, sondern den andern auf die Fresse haut und schreit: Spielt Eure schmutzigen Spielchen mit jemand anderem!!!

In the madness and soil of that sad earthly scene
Only then I am Human
Only then I am Clean

Als ich fertig geweint hatte, stand ich auf und ging. So ist das, Jesus. Niemand sucht sich aus, in welche Welt er geboren wird. Und sein eigenes Kreuz, das muss schon jeder selbst tragen.

Amen. Amen.


Titelbild: Air birds cross flieds fly, n.n.
Englischer Songtext von Hozier, Take me to church

Foto der Dornenkrone: DeHasn

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!              Hier geht’s zu Facebook!