Schlagwort-Archiv: Hochzeit

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Wat mut, dat mut: Willkommen in der Scheibenwelt

36 Grad, es wird noch heißer…

Ja, ich weiß. Tolle Ausrede. Genauso wie: Ich muss dringend a) die Kotzekatze vom Baum pflücken, b) nervige Fliegen totklatschen, c) Gummibärchen in der Süßigkeitenschublade nach Farben sortieren, d) to be continued (oh, eine Aufzählung, lieben Gruß an M. ;-) ).

Leider schert das meinen Rücken überhaupt nicht. Ja, meine Welt ist eine Scheibe. Genauer gesagt, eine Bandscheibe. Und wer’s exakt Bild2_06_6313075b45wissen will: eine ziemlich lädierte, seit Jahren überstrapazierte und deswegen tot-quietsch-beleidigte-ich-geb-dir-eins-ins-kreuz-damit-du-dich-kaum-noch-bewegen-kannst-wenn-du-keinen-sport-machts-MIT-DIR-SPIEL-ICH-NICHT-MEHR-DU-BIST-NICHT-MEHR-MEINE-FREUNDIN-DREI-AUSRUFEZEICHEN-Bandscheibe.

Nein, sie lässt sich weder mit charmanter Überredungskunst (“Hömma, Du bist gerade 39, lass Dich mal nicht so hängen, Du Gallertdingens, Du!”) noch wüsten Beschimpfungen (“Sakra-krutzi-deifi, jetzt reiß’ Dich aber mal zusammen!…Autsch, doch nicht so!!”) beruhigen. Sie will wie ein drei Tage bei Regenwetter im Haus eingesperrtes Kleinkind loshüpfen. Und zwar JETZT.

Hachja. Is’ ja nicht so, dass wir schon eine Depression mit uns rumschleppen würden. Naaaahaaaaaain. Jetzt muss einem auch noch der eigene Rücken ins Kreuz fallen!

“Okay”, sage ich zur Scheibe, nachdem ich sie zwei Jahre lang ignoriert habe und sie mich dafür jeden zweiten Monat außer Gefecht gesetzt hat. “Waffenstillstand. Ich schlepp Dich, äh, mich ins Fitti, und Du gibst dann Ruhe. HOST MI ?!?”

Ja, so kam heute der Tag der Tage….während alle anderen zum Badesee pilgerten, tuckerte ich einsam und allein ins Fitnesscenter. Kein Schwein war da, klar bei dem Wetter (hier wäre dann die Stelle, wo Ihr alle ganz laut “OOIMG_1024OOOOCH” sagen müsst), außer dem Trainer. Und der unterzog mich, meinen zwei Jahre alten Trainingsplan (Ihr kennt das: einmal im Studio angemeldet, regelmäßig gezahlt, nie hingegangen) und meine Scheibe erstmal einer Generalüberholung.

Ich gestehe es nicht gerne, aber das tat – gut. Also nicht nur, meinen geplagten Rücken mal wieder richtig zu strecken und meine *räusper* hoffentlich bald wieder vorhandenen Bauchmuskeln zu stärken. Nein, auch der Kopf prustete und pustete mal so richtig durch. Ich hatte völlig vergessen, wie ich beim Training ins Nichts abtauchen kann – ähnlich wie beim Nähen. Blick ins Nirwana und nur fühlen, wie alle Spannung aus dem Körper weicht. Ausatmen. Zur Ruhe kommen. “Schöööön”, sagt die Scheibe da. “Wollen wir vielleicht wieder Freunde sein?”

SPORT UND DEPRESSION

Nein. Ich tue das nicht wegen des bösen Onkels. Denn ich weiß schon seit Jahren, dass ich mich in meinem Körper nicht wohl fühle. Zu den Kreuzschmerzen kommen die Seelenstiche. Jedes Mal, wenn es Sommer wird. Jedes Mal, wenn ich schwimmen gehen muss. Jedes Mal, wenn ich meine Kleidung wechsle und dabei dummerweise mit einem Auge am Spiegel hängen bleibe. Ich mache also auch Sport, damit es mir wieder leichter ums Herz wird.

Dass Sport bei Depressionen helfen soll, ist ein alter Hut. Die Krux daran ist, dass Depressive es einfach nicht schaffen, sich aufzuraffen. Wen nur das bloße (Über)leben – und ich rede jetzt nicht mal vom Job oder Alltag einer alleinerziehenden Mutter! – Energie kostet, wer soll sich da noch ins Fitnesscenter schleppen? Ich schaffe das auch nur, weil es mir gerade gut geht. Diese Kraft nutze ich dafür, endlich etwas für mich zu tun. Denn dass ich kaum ohne Schmerzen stehen, liegen oder sitzen kann, dass ich mich selbst nicht leiden mag, raubt mir jeden Tag zusätzlich Lebenswillen. Ich habe die Wahl, und ich werde sie nutzen, weil ich gerade kann. Wenn Ihr es nicht könnt: Alles ist gut! Macht Euch keinen Stress! Es besteht kein Zwang, als Depressiver Sport zu treiben.

Aber die ganzen Endorphine! Humbug. Noch gibt es keinen Beweis, dass Sport den bei uns gestörten Serotonin-Stoffwechsel wieder ins Lot bringt. Was Bewegung allerdings tut, ist Stress abbauen. Denn wie wir wissen, hat eine langanhaltende Stressbelastung zur Folge, dass der Adrenalinspiegel im Körper steigt. Das führt zu einer Hochregulation des Cortisons und später zu einer Erschöpfung des Systems – auch des Serotonin-Stoffwechsels. Die Folgen sind: Migräne, Schmerzen, Burn-out, Depression.

Was ich damit sagen will: Stress, egal ob körperlicher oder seelischer und vor allem lang anhaltender, muss abgebaut werden – indem wir unseren kompletten Stoffwechsel durch Bewegung wieder ausgleichen. Das funktioniert aber nur, wenn der Sport selbst nicht wieder in Stress ausartet! Also denkt dran: immer schön locker bleiben!





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Kreuzschmerzen

Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Bevor ich mir die Schläge und Schreie zu Hause gab, verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Großvater. Er war Küster unserer Gemeinde und seine Kirche mein Revier. Ich kannte sie alle, die großen und kleinen Heiligen, weil Opa ihnen in seinem Atelier mit beißend riechender Ölfarbe neue Lächeln in die gestrengen Gesichter zauberte. Wenn ich heute an Weihnachten vor seiner Krippe stehe und den heiligen Josef sehe, weiß ich, mein Großvater lächelt mich an.

My lover’s got humour
She’s the giggle at a funeral
Knows everybody’s disapproval
I should’ve worshipped her sooner

Die Glocken waren meine Freunde. Auch sie kannte ich beim Namen, und das Größte war, wenn ich sie zur Heiligen Messe rufen lassen durfte. Dieser Knopf für diese und jener Schalter für jene, und es brauste in den Ohren, dass der Kirchturm wackelte.

If the heavens ever did speak
She’s the last true mouth-piece
Every Sunday’s getting more bleak
A fresh poison each week

Damals war ich fünf. Und ich zweifelte nicht. Nicht, dass es den lieben Gott gab und die Jungfrau Maria und den Heiligen Sankt Martin, der mit seinem wunderbaren Schimmel jeden November durch die Straßen ritt, seinen Mantel und anschließend Weckmänner verteilte.

We were born sick
You heard them say it

Jeden Mai denke ich an diese Zeit, wenn eine bestimmte Baumsorte beginnt, nach Gummibärchen zu duften – jene Bäume, unter denen wir an Fronleichnam feierlich den Leib Christi durch die wunderschön geschmückten Straßen trugen. Erinnerungen, verblasst.

My Church offers no absolutes
She tells me, “Worship in the bedroom.”
The only heaven I’ll be sent to
Is when I’m alone with you—

Ich zweifelte nicht, als ich zur ersten heiligen Kommunion ging, bei der das weiße Kleid allen wichtiger war als das, was da passierte – wie hätten wir es auch verstehen sollen, als Neunjährige? Ich zweifelte niemals, auch nicht, als ich Lobeshymnen im Kirchenchor sang und auch nicht, als ich ganze Jugendgottesdienste vorbereitete.

I was born sick, but I love it
Command me to be well
Amen. Amen.

Du sollst nicht lügen! Während des Firmunterrichts mussten wir wie schon oft zuvor beichten. Das wurde ganz groß geschrieben und war immens wichtig, bläute meine Mutter mir ein. Ich saß da und mir fiel partout nichts ein, was ich hätte falsch gemacht haben können. „Vielleicht“, sagte ich zu dem Priester, „ist meine Sünde, dass meine Mutter micht nicht mag?“
Er verstand den Wink nicht. Er druckste herum und sagte, wenn ich Probleme hätte, sollte ich doch mal mit der Gemeindereferentin sprechen. Gewalt in der Familie, das war nichts für seinen katholischen Beichtstuhl.

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins and you can sharpen your knife
Offer me that deathless death
Good God, let me give you my life

Anyway. Drei Ave-Maria, und die Sache war vergessen. Ich machte tapfer weiter, verteidigte Gott und meine Kirche. Im Gedächtnis blieb mir eine Szene: Unsere Clique fuhr wie jeden Tag mit dem Zug zur Schule. Jemand machte einen Witz über den Papst. Ich war erbost: „Glaubst Du nicht an Gott, wenn Du Dich so über den Papst lustig machst?!“ schrie ich ihn an. Die verwunderten Blicke waren mir egal.

 If I’m a pagan of the good times
My lover’s the sunlight
To keep the Goddess on my side
She demands a sacrifice

Mein Glaube war angeknackst. Ich ließ es nicht zu. Ich war katholisch erzogen, und ich wollte nichts anderes. Und ganz insgeheim hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich Gott verließe. Würde ich nur noch Pech im Leben haben und später schwitzend in der Hölle schmoren? „Gott wird Dich noch strafen!!“, schrie meine Mutter immer wie von Sinnen, wenn sie mal wieder – warum auch immer – auf mich eindrosch.

Drain the whole sea
Get something shiny
Something meaty for the main course

Ich studierte Geschichte, und ich studierte die Bibel und alles, was NICHT in der Bibel stand. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich als Frau wohl die perfekte Priesterin gewesen wäre, hätten irgendwelche antifeministischen Bischöfe nicht auf so einem depperten Konzil die falschen Schriften zum Wort Gottes erklärt.

That’s a fine looking high horse
What you got in the stable?
We’ve a lot of starving faithful
That looks tasty
That looks plenty
This is hungry work

Aber es half nichts. Gott entglitt mir immer mehr, und ich ihm. Was damals im Beichtstuhl zerbrochen wurde, war nicht mehr zu kitten. Wo war er, der liebe Gott mit all seinen Heiligen in meinen tiefsten Depressionen, wenn es mir richtig dreckig ging? Erhörte er meine Gebete, nahm er mich an der Hand und führte mich zu sanften Auen und dem Ruheplatz am Wasser? Leitete sein Stecken und Stab mich mit Zuversicht aus dem Tal der Todesschatten? Nein!

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins so you can sharpen your knife
Offer me my deathless death
Good God, let me give you my life

Vierzig verdammte Jahre musste ich alt werden, um der Hölle zu entrinnen. Und der letzte, der mir dabei geholfen hat, war Gott oder seine Kirche. Blasphemie, mag sein. Aber der einzige, der mich durch all die Jahre gerettet hat, war ich selbst.
Als der Mausebär kam, ließ ich ihn taufen, katholisch natürlich. Ich wollte ihn nicht ungeschützt und ohne Segen in diese Welt schicken. Am Anfang besuchten wir eifrig Kindergottesdienste. Ich wollte, dass er einen Glauben kennenlernt, bevor er sich dafür oder dagegen entscheidet. Aber es war ihm nicht wichtig. Er kennt alle Geschichten über Gott und Jesus und die Heiligen. Aber sie kümmern ihn nicht. Er braucht keinen Herren, der ihm Nächstenliebe gebietet und nach der rechten auch noch die linke Wange schlägt. Der sich einfach so ans Kreuz schlagen lässt ohne Widerworte und dann behauptet, er hätte uns alle damit gerettet. In meinem Fall leider umsonst. Lasset die Kinder zu mir kommen? Im Leben nicht!

No Masters or Kings when the Ritual begins
There is no sweeter innocence than our gentle sin

Wir waren vor kurzem in Paris flittern, DeHasen und ich. Eigentlich wollten wir nur Notre Dame besichtigen (die Glocken!). Nebenbei bemerkte unsere Führerin, dass wir dort heute die Dornenkrone sehen würden. Die Dornenkrone? Die echte? Ich wollte unbedingt dahin. Ich wollte sie sehen. Warum nur, wo ich doch meinem Glauben abgeschworen hatte? Ich konnte es nicht erwarten. Sie lag in Notre Dame, in der hintersten Ecke, verborgen hinter dickem roten Glas. Ich glaube nicht, dass sie jemand erkannte, und ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich die echte war.Krone

Ich setze mich davor, starrte sie an. Und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit, ich war nicht da, in dieser Kirche, ich stand vor Jesus und wir hielten Zwiesprache. „Wieso hast Du das getan?“, warf ich ihm vor, „wieso hast Du so gelitten? Verdammt, ich weiß, was es heißt zu leiden, also wozu? Um ein paar Nasen zu zeigen, wie toll Du bist?“ Ich bekam keine Antwort, natürlich nicht. Aber etwas anderes. Da war einer, dem es wohl ergangen war wie mir. Der genau wusste, wie es sich anfühlt, im tiefsten Dunkel keinen Ausweg mehr zu sehen. All das Leid, all die Schmerzen, all die Menschen, die Dir Unrecht tun, Dich verhöhnen, Dich verprügeln, immer und immer wieder und keiner da, der Dich schützt. Der Dir nicht nur ein billiges Schweißtuch reicht, sondern den andern auf die Fresse haut und schreit: Spielt Eure schmutzigen Spielchen mit jemand anderem!!!

In the madness and soil of that sad earthly scene
Only then I am Human
Only then I am Clean

Als ich fertig geweint hatte, stand ich auf und ging. So ist das, Jesus. Niemand sucht sich aus, in welche Welt er geboren wird. Und sein eigenes Kreuz, das muss schon jeder selbst tragen.

Amen. Amen.


Titelbild: Air birds cross flieds fly, n.n.
Englischer Songtext von Hozier, Take me to church

Foto der Dornenkrone: DeHasn

 

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“Du bist zu dick!”

Nichtsahnend öffne ich am Abend den Brief. Wir hatten einen schönen Tag, der Mausebär und ich. Voller Sonne und guter Laune.
Mit Erinnerungen an die schöne Hochzeit und Vorfreude auf unsere Flitterwochen in Paris.

Das ist mit einem Schlag vorbei. Der Brief kommt vom DeHasens Onkel, der auch auf unserer Hochzeit war, mit dem ich getanzt und viel Spaß gehabt hatte. Ich habe ihn insgesamt zweimal gesehen in meinem Leben. Er kennt mich nicht, und ich kenne ihn nicht. Drei Seiten Papier, eng beschrieben, er erzählt sein Leben und holt auf Seite zwei zum Schlag aus. Da steht in 22 Punkt Arial (mindestens), fett und zentriert:

“Aber Patricia,
Du bist zu dick!”

Es folgen seitenweise Ratschläge, Salat, Waage kaufen, Sport machen. Bliblablub. Kein Wort des Dankes, keine Erwähnung unserer Hochzeit. Er würde ja die Bloghütte lesen und wissen, dass ich Fressattacken hätte und wegen meiner Depression grade nicht arbeiten könne.

Lieber Onkel von DeHasen.
Würdest Du die Bloghütte richtig lesen, wärst Du besser informiert.
Vor allem wüsstest Du , WIE SEHR MICH DEINE WORTE TRIGGERN!!!

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
Außer: DON’T PASS ME BY ANYMORE!

Ich geh dann mal ‘ne Runde heulen
und in
mühevoller
Kleinarbeit
die
Scherben
meines
gerade
aufgebauten
Selbtsbewusstsein
einsammeln.

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Geschafft

Ich – wir – haben es geschafft! Das Bild oben zeigt uns um Mitternacht bei unserer Feier, Frisuren und Outfits völlig aufgelöst – und wir beide überglücklich.

Zu diesem Zeitpunkt liegen 16 Stunden voller Aufregung im Fokus dutzender Menschen hinter mir. Und ich bin mächtig stolz, dass es trotz allem so ein wunderbarer Tag war und ich all meine Sorgen vergessen konnte. Mein Aussehen, was die Leute von mir denken… alles war mit einem Mal so egal. Und alle, wirklich alle Gäste waren zauberhaft und sagten uns immer wieder, wie schön wir selbst und unser Fest sei.

Der allerschönste Moment für mich war, als DeHasen mir den Ring an den Finger steckte. Ich musste so weinen in diesem Augenblick. Denn ich war so DSC04781erleichtert…mit einem Mal war ich eine Ehefrau, wir eine richtige Familie – sogar auf dem Papier – das Leben als alleinerziehende, sorgenbeladene, depressive Mutter ist endgültig vorbei.

Natürlich, ich weiß: Die Depression wird mich weiter begleiten, ein Leben lang. Aber es ist so unendlich leichter, wenn da jemand ist, der das mitträgt, wenn da etwas ist, das mich mitträgt: absolutes Vertrauen, eine Familie und eine große innige Liebe.

Nun sind wir zwei Tage verheiratet, sitzen im sonnigen Garten unserer Bloghütte, haben Besuch aus aller Welt – und noch immer ist es wunderbar. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich getraut habe.

“Ach, Schatz”, sagt DeHasen gerade und verdrückt eine Träne, “wir haben so ein schönes Leben”.

Ja, das haben wir.

Passt auf Euch auf!


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Du bist da, um…

… Tja. Warum bin ich eigentlich da? Bei all dem Mist, der mir im Leben begegnet, all den Kämpfen, all den Hoffnungslosigkeiten – warum bin ich dann noch da? Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.16

Der Mausebär und ich haben einen Lieblingsfilm. Den haben wir schon so oft geschaut, dass wir ihn mitsprechen können.

Und dennoch: Jedesmal, wenn wir ihn wieder sehen, bezaubert und fasziniert er uns gleichermaßen. Denn er hat Antworten auf Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.27Fragen, die wir uns jeden Tag aufs Neue stellen. Nehmt Euch Zeit und schaut ihn in Ruhe an. Ihr findet ihn hier.

Und noch etwas möchte ich Euch sagen: Ich schreibe in der letzten Zeit nicht. Wie Ihr wisst, steht uns in zwei Wochen ein großes Fest in die Bloghütte. Mir gehen tausend Gedanken im Kopf herum, und ich formuliere tausend Geschichten. Allein die Zeit fehlt mir, alles aufzuschreiben. Und Zeit braucht es, Geschichten auf Papier – oder in die Tastatur – fließen zu lassen.

Aber glaubt mir, ich bin jeden Tag bei Euch. Nicht nur, weil mir ständig Dinge begegnen, die ich Euch Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.47.21am liebsten mitteilen würde. Sondern auch, weil Euch Dinge begegnen, die Euch beschäftigen, worüber ich mir wiederum Gedanken mache.

Ich bin mit Euch connected, die ganze Zeit, überall.

Passt auf Euch auf.


Film: Die große Frage. Copyright WDR 2014

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Hier spricht die Braut

Die Depression schreibt die längsten Geschichten. Und so sitze ich schon um exakt 4.19 Uhr in der Früh am Küchentisch – die Katze reibt sich verwirrt die nachtmüden Augen – und schreibe. Stunden habe ich mich im Bett hin- und hergequält, meinen Geist bezwungen, meinem Körper Entspannung empfohlen – und doch versagt. Hello darkness, my old friend. So was von versagt aber auch, ich, die ich alle technischen Mittel gegen drohende Depressionen bis zur Perfektion ausgefeilt habe. Ich, die sich mit knapp 40 immer noch triggern und in den Wahnsinn treiben lässt, als wäre sie nicht Herrin ihrer Sinne.

Verdammt, verdammt, verdammt. Verdammt seien diese Situationen, die all das in mir auslösen, die mein Gehirn auf Autopilot schalten, Patricia an Black Box, wo bist Du?!

Das vergangene Wochenende war eine einzige Fressattacke. Meine Haut bedankt sich mit Ausschlägen, die Augen umschuppt wie ein garstiger Tiefseefisch. Seit gestern Nacht ist mir übel, ich werde krank vor Sorge, ob es eine neue depressive Phase wird. Wäre es doch nur ein Magen-Darm-Infekt! Etwas, woran ich nicht schuld bin!

Aber ich bin schuld, denn ich bin die Braut. Ich liefere mich aus, einem rauschenden Fest, 52 Menschen, für die ich der strahlende Mittelpunkt der Feier sein soll. Wir haben ein schönes Fest geplant, DeHasen und ich. Beide zusammen. Aber statt mich darauf freuen zu können, ist mir, als ginge ich zum Schafott. Der alleinige Gedanke daran versetzt mich in Panik, macht mich krank. Seit einem halben Jahr kenne ich das Datum. Seither nehme ich ab, um eine schöne Braut zu sein. Was regelmäßig in der nächsten Fressattacke endet. Seither achte ich auf mein Gesicht. Was regelmäßig in der nächsten Quetscherei vor dem Spiegel endet. Wie soll ich das an diesem Tag nur verbergen? Wie soll ich mich nur an diesem Tag verbergen? Und wieso kann ich DeHasen nicht einfach den Gefallen tun, meine Klappe halten und mich bedingungslos auf unsere Hochzeit freuen, auf das Ja zueinander, auf die Menschen, die da sind, um uns zu feiern?

Weil ich sie kenne. Sie werfen spitze Stacheln aus, so geschickt, dass sie später behaupten können, ich hätte es mir nur eingebildet:

„Wie, Du hast zwei Kleider zur Auswahl? Wie dekadent!“
„Willst Du das Kleid wirklich anziehen?“
„So, Ihr nehmt also nicht die Band?“
„Die Haare vom Mausebären lässt Du am besten offen, sonst sieht das später total schlimm aus.“
„Du nähst ja ganz schön, aber das Kleid musst Du ihr das nächste Mal nicht mehr anziehen.“
„Also ICH würde die Haare ja hochstecken.“
To be continued.

Ja, ich kenne sie, und sie werden meinen Tag dazu benutzen, mich wieder einmal zu vergleichen. Mit anderen. Mit früher. Sie werden feststellen, dass diese Hochzeit nicht die ist, die sie feiern würden. Sie werden feststellen, dass ich in den vergangenen Jahren zehn Kilo zugenommen habe. Sie werden feststellen, dass meine Haut akne-
narbig und mein Kleid nicht das ist, was ihren Vorstellungen entspricht.

Vielleicht sagen sie auch gar nichts und rümpfen nur die Nase und heben die Augenbraue. Oh, wie gut ich das kenne. Wie gut ich weiß, was es heißt, nämlich: Du bist nicht gut genug und wirst es niemals sein.

Vielleicht denken sie auch gar nicht darüber nach, was sie sagen, wie sehr mich ihre Worte VERLETZEN, weil jedes einzelne ein Trigger ist, das mich in die Vergangenheit schleudert, aus der ich mich ohnehin immer nur mit sehr viel Anstrengung zurück in den Moment holen kann. Wie soll mir das an meinem Hochzeitstag gelingen???

Dazu die vielen Menschen, die ich nicht kenne, die ich nicht abschätzen kann, die aber DeHasens Freunde sind und dazu gehören. Ich werde sie bei meiner Hochzeit wahrscheinlich das erste und einzige Mal sehen. Es kann mir egal sein, was sie von mir denken. Aber das ist es nicht.

Soviel muss noch organisiert werden, von uns, die wir eh schon am Energielimit sind. Von mir, die ich es gerade so schaffe, Tag für Tag zu bewältigen, ohne einzubrechen. Probefrisur? Make-Up? Nägel? All das sind Dinge, für die ich keine Kraft habe.

Ich habe solche Angst.

Mein Gott, was stellt sie sich an? Warum feiert sie dann so groß? Warum lädt sie solche Leute überhaupt ein? Nun, weil ich meine Eltern schlecht ausladen kann.  Und weil ich die Hoffnung habe, dass Menschen, die ich von früher kenne, mich heute so akzeptieren wie ich bin. Und weil DeHasen sich das wünscht. Und ich will ihm diesen Wunsch erfüllen. Einmal im Leben. Das wird doch wohl zu schaffen sein!!! Klar, wird es zu schaffen sein. Aber der Preis dafür ist hoch.

Ich konnte gestern nicht arbeiten gehen, weil ich ständig brechen musste. Ich werde heute nicht arbeiten gehen können, weil ich ständig brechen muss und nicht geschlafen habe. Im März möchte ich einen Tag, nur einen einzigen!!, beruflich in Ausland zu einem Termin, auf den ich mich schon lange freue. Dafür muss ich morgens um sechs aus dem Haus und komme abends um zehn heim. Ich werde es nicht schaffen. Die Angst zieht ihre Kreise, sie öffnet meinem Unterbewusstsein Tür und Tor. Laut propagiert sie durch alle Körperzellen: Du wirst es nicht schaffen! Das ist viel zu lang! Du wirst zusammenbrechen!

Realistisch betrachtet ist das korrekt. Ich bin ich, und ich weiß, dass ich mir solche Tage nicht zumuten soll. Es hat schließlich einen Grund, warum ich nicht mehr Vollzeit arbeite. Aber vielleicht, ganz vielleicht hätte ich es doch geschafft, wenn da nicht die Hochzeit in meinem Rücken wäre. Oder hätte ich die Hochzeit geschafft, wenn die Reise nicht wäre? Es ist alles eins und wie es ist, ist es zu viel und ich zerbreche daran.

Die Reise kann ich absagen. Die Hochzeit nicht. Ich will DeHasen ja auch heiraten und seine Frau werden! Aber so? Es macht mich verrückt, dass mein Kopf mir so einen Strich durch die Rechnung macht, dass ein paar blöde Sprüche reichen, mich in diesen Zustand zu versetzen. DAS will ich nicht!!

Aber so ist das nun mal – und wird es mein Leben lang sein. Ich lebe monatelang glücklich vor mich hin, plane etwas, freue mich – und wenn Du meinst, da geht noch mehr, kommt von irgendwo ein Trigger her.

Bitte, liebe Hochzeitsgäste, bitte. Verkneift Euch an diesem Tag einfach Eure Sprüche. Ich weiß nicht, ob ich ein Kleid tragen und eine strahlende Braut sein werde. Aber selbst wenn nicht: bitte! Ich schaff’ das sonst nicht.


Foto: Desmondlouw.co.za

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Hinterm Horizont geht’s weiter

Wie hat Dein neues Jahr angefangen?

Meins unter Tränen. Und mit einem großen, dicken Seufzer.

Ich hasse Silvester. Dieses ganze Geschiss um Neuanfang (was für ein doofes Wort, oder hat schon jemand mal alt angefangen?), große Vorhaben und tolle Chancen geht mir mächtig auf den Zeiger. Und nicht nur das. Es macht mir Angst. So richtig.

Jetzt haben wir es doch gerade geschafft, uns durchs vergangene Jahr zu wurschteln, haben jedem noch so schlimmen Tag seine strahlenden Momente abgetrotzt (oh, was sind wir für großartige Positivisten!) und jeder noch so tiefen Depression ein Schnippchen geschlagen….und für was? Damit es gerade wieder von vorne losgeht.

Eben noch habe ich mich in unserer Höhle verkrochen und meine wunde Seele geleckt, da muss sie auch schon wieder raus an die Front: Nächste Woche hat der Mausebär Geburtstag und ersehnt eine spannende Party, im Sommer beginnt die Schulzeit – mit ganz vielen neuen Menschen und einem komplett neuen Alltag. Das OLYMPUS DIGITAL CAMERAFrühjahr naht und mit ihm die Zeit, in der ich mich nicht mehr in weiten, kuscheligen Säcken verstecken kann – schon gar nicht beim Schwimmen. Und im Mai – ja, ich weiß, ich sollte überglücklich sein – wartet unsere Hochzeit auf uns. Ein Ereignis, bei dem ich naturgegeben die Braut und somit der Mittelpunkt der Feier sein werde. Jeder wird mich anschauen, jeder wird mich durchschauen, jeden einzelnen Pickel, jede Speckfalte, jedes Haar. Die Vorbereitungen werden in Stress ausarten und was bei Stress passiert, davon können wir Depressiven ja eine ganze Symphonie singen. Ich fühle mich so nackt.

Self-fulfilling prophecy? Wer weiß. DeHasen sagt, wir schaffen das schon und ihm zuliebe werde ich das auch. Aber ist das nicht traurig? Ist das nicht erschütternd, dass man sich auf Dinge wie Geburtstage, Frühling und seine eigene Hochzeit nicht freuen kann? Dass sie einem ANGST machen?

Genau deswegen bin ich traurig. Denn ich kann es momentan nicht ändern. Soviel Willenskraft ich auch aufbringe, ich kann die Angst nicht zur Freude zwingen. Und dann öffnest Du Deinen Email-Account und das soziale Netzwerk, und Dein Handy spuckt Dir 867 Neujahrswünsche aus feierseligen Sternspritzergesichtern entgegen mit den besten Wünschen für ein tolles neues Jahr OLYMPUS DIGITAL CAMERAund ganz viel Glück und Segen auf all Deinen Wegen, und Du stehst da in der finsteren Silvesternacht und weißt ganz genau, dass Du nicht zu den Glücklichen gehören wirst, die einfach durch dieses Jahr hüpfen, dass Du wieder mal kämpfen wirst, dass Deine Energie schon jetzt aufgebraucht ist, da 2015 kaum den ersten Schrei getan hat, dass es ein endloser, langer Weg ist, den Du Dich entlang schleppst über so viele Hügel, die Du überwinden musst mit dem schweren Rucksack auf den Schultern, der Depression heißt.

Ich male schwarz. Ohja. Das kann ich gut. Denn ich bin prädestiniert dafür. Und das macht mich sauer. Richtig wütend. Dass mir irgendjemand irgendetwas irgendwann angetan hat, das mich nicht wie jeder gottverdammte normale Mensch fröhlich Silvester feiern und sich auf die kommenden 365 Tage freuen lässt! Boah, bin ich angepisst!!!

Okay. Schön. Wut ist gut. Sie macht aggressiv, und das setzt Energien frei. Dann eben so herum: Schöpfen wir aus unserer Trauer, unserer Angst, unserer Wut Kraft für das, was da vor uns liegt. Ich will Euch kein glückliches neues Jahr wünschen, weil ich es nicht kann. Weil ich weiß, was uns erwartet. Wie schweOLYMPUS DIGITAL CAMERAr das alles werden wird – für jeden einzelnen mit seinem Päckchen im Rücken. Aber ich will Euch Mut wünschen und Hoffnung, Schritt für Schritt, Augenblick für Augenblick.

Machen wir uns also auf den Weg.
Gemeinsam.
So geht es vielleicht
etwas leichter.


Fotos: DeHasen

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Welle Titel

CBASP – Wellenreiten für chronisch Depressive

Dieser Text ist für A. und M. und alle anderen, die noch einen Ausweg aus der Depression suchen. Er ist ein wenig *räusper* lang geraten. Also nehmt Euch ne Tasse Kaffee, nen Keks und vor allem Zeit und kommt mit mir in den April 2012…

Da sitze ich wieder, in dem kleinen, muffigen Räumchen des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), zweiter Stock, Flur ganz durch, hinten links. Während ich diesen Text schreibe, bin ich erneut mitten drin, im ZDCIM112GOPROimmer, im Geschehen, in der Therapie – jene Therapie, die mir beibrachte, nicht in den Wellen meiner Depression zu versinken, sondern sie zu reiten. Die für mich die Rettung war.

Frühjahr 2012. Ich habe eine Geburt hinter mir, eine Scheidung, drei Umzüge mit Kleinkind, drei Jahre als alleinerziehende berufstätige Mama und einen Arbeitgeber, der mich gerade hinaus gemobbt hat. Alles so viel, dass weder mein Antidepressivum Citalopram noch eine „normale“ Verhaltenstherapie mehr greift. Ich bin am Ende. In meiner Verzweiflung google ich nach Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Depressive und lande auf der Homepage des ZIs. Dort suchen sie Teilnehmer für eine Studie. Eine neue Behandlungsform ist aus den USA herübergeschwappt, angeblich genauso wirksam wie Antidepressiva und vor allem für chronisch Depressive.

Ich maile hin und lande bei meinem heutigen Prof. „Bitte“, flehe ich ihn an, „helfen Sie mir! Das ist meine letzte Rettung.“ Tatsächlich lädt er mich zum Screening ins ZI. Ich werde auf Herz und Seele geprüft. Denn nur Patienten mit eineBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.19.13m tatsächlich chronischen Depressionsverlauf können an der Studie, welche die Wirksamkeit der neuen gegenüber alten Therapieformen beweisen will, teilnehmen. Ich bete, dass der Test positiv ausfällt und ich zu den Probanden der neuen Therapie gehöre. Es klappt. Mein Depressionsindex liegt bei 87 (Gesunde haben null, bei 90 gibt man sich glaub’ ich die Kugel), und ich werde der neuen Therapieform zugeteilt. Ich bin unendlich erleichtert und fortan Studienteilnehmer, Gruppe CBASP.

Was klingt wie eine Wespe mit Startschwierigkeiten, heißt in Langform „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy” (CBASP) – zu Deutsch „Kognitives Verhaltens-Analyse-System der Psychotherapie“. Das neue Behandlungsverfahren wurde Ende der 1990er von Prof. James P. McCullough Jr. (Virginia Commonwealth University, USA) entwickelt, um 2006 kam es nach Deutschland. Es ist bis heute weltweit der einzige Therapieansatz, der speziell für chronisch (länger als zwei Jahre) Depressive konzipiert wurde.

CBASP geht davon aus, dass chronisch Depressive durch früh erfahrene Traumata (Misshandlungen, Verluste oder chronische Vernachlässigung) sozial und emotional in ihrer Entwicklung meblockiert wurden. Die Betroffenen haben nie gelernt, mit anderen Personen und ihrer Umwelt zu interagieren. Wenn sie es heute dennoch versuchen, und das aufgrund fehlenden „sozialen Wissens“ schief geht, sind sie frustriet und ziehen sich immer weiter zurück.

In der Kindheit traumatisierte Menschen bleiben oft in einem präoperativen Entwicklungsstadium stehen, also sozial und kognitiv auf der Stufe eines zwei- bis siebenjährigen Kindes. Versetzt Euch in eine Sechsjährige, die sich durch den Managementdschungel eines Großunternehmens mit all seinen menschlichen Spitzfindigkeiten schlagen muss. Das ist die Erklärung, warum so viele, die doch so qualifiziert sind, so oft scheitern.

Haben Menschen nicht die Chance, dieses Entwicklungsdefizit aufzuarbeiten, leiden sie ein Leben lang an niedrigem Selbstwert und einer generellen Hoffnungslosigkeit. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur genauen Beobachtung und Selbstwahrnehmung. Zudem können sie Erfahrungen kaum verarbeiten. Deswegen fällt es chronisch Depressiven sehr schwer, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Besonders fremde oder neue Menschen und Situationen sind anstrengend, weil sie automatisch mit Personen und Erlebnissen Bildschirmfoto 2014-10-02 um 14.53.25früherer Traumata gleichgesetzt werden. Beispiel: „Mama hat mir immer weh getan, also wird auch Herr oder Frau XY mir immer wehtun.“

Was CBASP nun tut, ist, diese finsteren Gedanken zu durchleuchten, aufzudröseln, kleinzuhacken, zu überprüfen und sie durch neue, positive, zielführende zu ersetzen. Der Patient lernt, dass niemand außer ihm selbst über seine Gedanken bestimmen kann. Dass es in seiner Macht liegt, wie Leute ihn sehen und auf ihn reagieren und wie er sich verhält. Er wird vom ferngesteuerten Opfer seiner Depression zum selbstbestimmten Agitator seines Lebens.

Klingt alles so wunderbar, so einfach, oder? Isses aber nicht. (Wäre ja auch zu schön gewesen… ;-)) Stellt Euch vor, Ihr wart 20 Jahre gelähmt an einen Rollstuhl gefesselt und habt nun die Chance, wieder gehen zu können. Wie lange brauchen Eure Nerven, Eure Muskeln und letztlich Euer Willen, das in Angriff zu nehmen – vom ersten Schritt bis zum Marathonlauf? Vermutlich ein Jahr. Mindestens. Genauso ist es bei CBASP. Zwischen dem Entschluss, sich in Bewegung zu setzenCBASP1 und dem Erreichen der Ziellinie liegt ein Jahr harten Trainings. Ich will Euch zeigen, wie meins aussah.

Zuerst einmal musste ich herausfinden, warum ich falsch gepolt war. Dass ich es war, war mir klar, aber nicht, wieso! Also gingen mein Therapeut und ich meinem Leben auf den Grund – bis in die frühe Kindheit…

  • Wie sah es mit meinen emotionalen Bedürfnissen aus, wurden sie erfüllt? Wie Ihr an dem Flipchart-Blatt aus meiner ersten Sitzung im April 2012 erkennen könnt, lautet die Antwort: Nein. Meine Mutter hatte kein Interesse an mir, unterdrückte mich und trat meine Bedürfnisse sprichwörtlich mit Füßen. Mein Vater tat es ihr gleich. Mein Großvater, der mit uns im Haus lebte, erkannte meine Bedürfnisse, unterstützte mich aber nicht, weil er genauso viel Schiss vor meiner Mutter hatte wie ich.
    Ich lernte: Meine Bedürfnisse und ich interessieren niemanden.
  • Meine Kindheit war geprägt von negativen Gefühlen. Die Mutter drohte mit Strafe (körperliche und psychiche), ansonsten kam von ihr keinerlei Unterstützung. Der Vater strafte ebenso und war kaltherzig. Mit dem Großvater war ich verbunden im Leid, aber auch von ihm kam keine Hilfe.
    Ich lernte: Ich muss CBASP2alles selber mit mir abmachen; ich werde herabgewürdigt und gestraft, wenn ich zeige, wie es mir geht.
  • Bei „Fehlern“ meinerseits (die meine Mutter willkürlich zu solchen erklärte) kam es zur Strafe durch die Mutter, wiederholt abends vom Vater und zu sogenannten Familiengerichten, bei denen ich nochmals verurteilt und bestraft wurde.
    Ich lernte: Ich darf keine Fehler machen! Und ich bekam nie ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.
  • Auch der Beziehungsfähigkeit drückte meine Kindheit ihren Stempel auf. Von meiner Mutter erfuhr ich null Nähe, dafür Gewalt. Dasselbe gilt für meinen Vater, wobei er Nähe zuließ, wenn die Mutter es nicht mitbekam. Meine Großeltern, die weiter weg lebten, gaben mir alle Liebe und Nähe, die sie hatten. Sie waren mein Rückzugsort, der aber zeitlich begrenzt auf ein paar Wochen im Jahr blieb.
    Ich lernte: Beziehungen sind nicht verlässlich.

All diese Erfahrungen, all diese Stempel setzten sich in mir fest und beeinflussten jede weitere Begegnung, jeden weiteren Schritt in meinem restlichen Leben, ja sogar die Art und Weise, wie andere auf mich reagierten. Wie es in den Wald hineinruft…? Ja. Blödes Sprichwort. Aber es stimmt. Wissenschaftlich erwiesen. Schaut Euch den Kiesler-Kreis an. Er zeigt, wie sich Personen untereinander Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.05verhalten, welche Rolle sie einnehmen. Ist der eine dominant-distanziert, wird der andere unterwürfig-distanziert reagieren – so geschehen bei meiner Mutter und mir, siehe mein Kiesler-Kreis von einer Therapiestunde ganz am Anfang. Selten ändert sich der andere. Also könnt Ihr diesen Teufelskreis nur durchbrechen, indem IHR Euch ändert, IHR eine andere Rolle einnehmt. Sobald Ihr nicht mehr feindselig-unterwürfig, sondern zum Beispiel freundlich-dominant agiert, wird der andere freundlich-unterwürfig reagieren. Das ist kein Hokuspokus, keine Magie, sondern einfach menschlich.

Im Nachhinein erklären diese Blätter vom Flipchart meines Therapeuten so vieles, fast alles. Aber bis zum Frühjahr 2012 wusste ich davon nichts. Als Kind hatte ich keine Möglichkeit, das zu erkennen oder zu verändern. Und als Erwachsene war und bin ich noch immer zutiefst schockierBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.32t darüber, was meine Eltern mir angetan und mir somit die Chance auf ein normales, glückliches Leben genommen haben.

Die Kunst war nun also, mich so umzupolen, dass ich auf meine Mutter und stellvertretend alle anderen Menschen nicht mehr feindselig-unterwürfig reagieren oder ihnen erst gar nicht in dieser Weise gegenübertreten würde. Dass ich nicht länger als Opfer leben müsste. Oh, Gott, dachte ich damals, mitten in der Depression. Wie soll ich das nur schaffen? In ganz, ganz, ganz kleinen Schritten und mithilfe der CBASP-Situationsanalyse. Weiter unten habe ich Euch zwei typische Beispiele aus meiner Therapiezeit eingefügt. Wie ein Patient mit Schlaganfall musste ich wieder lernen, meine Gedanken und meinen Körper selbst zu leiten.

„Wenn Sie einen Brief schreiben möchten“, fragte mein Therapeut, „was tun Sie da?“
„Ich mache mir Gedanken über den Inhalt und schreibe los“, sagte ich.
„Hm“, sagte der Therapeut. „Wenn sie einen Brief schreiben möchten, müssen Sie erst einmal einen Stift zur Hand nehmen. Und was tun sie, um den Stift in die Hand zu nehmen?“
„Ich greife danach?“DCIM112GOPRO
„Aha. Und was müssen Sie Ihrer Hand sagen, damit sie das auch tut?“
„Greif!“

Zweimal die Woche fuhr ich nun ins ZI und analysierte eine Stunde lang genau EINE Situation wie zum Beispiel das Aufheben eines Stiftes. Es waren nur Sekundenbruchteile einer Szene, die mich völlig aus der Bahn warfen: Meine Mutter öffnet die Tür, schaut mich an, ich heule. Wir fanden heraus, welche meiner Gedanken mich in die Irrealität, in frühere Situationen, führten. Ich lernte, sie zu destillieren, durch neue zu ersetzen. In zahllosen Rollenspielen saß ich Menschen meines früheren Lebens gegenüber und führte Dialoge ein zweites Mal – bis ich diejenige war, die freundich-dominant den Gesprächsverlauf und damit mein Leben  bestimmte.

Hier seht Ihr zwei meiner Blätter als Beispiel (anklicken), die Ihr gerne auch für Euch als Vorlage herunterladen könnt:
Situationsanalyse Hochzeitskleid
Situationsanalyse Döner

Was wir nicht in den Therapiesitzungen besprechen konnten, analysierte ich alleine zuhause. Nun hat ein Tag ziemlich viele Sekundenbruchteile und eine Woche erst recht. Also analysierte und analysierte ich, in meiner Wohnung stapelten sich Blätterberge, mein Leben war eine einzige Situationsanalyse. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf, erforschte meine Gedanken, entlarvte die Irrläufer, formulierte meinen Schlachtruf („Schlaf ein!“) Welle 02und betete ihn so lange mantramäßig vor mich hin, bis niemand außer mir mehr in meinem Kopf war – und ich tatsächlich einschlief.

Oft genug war ich versucht, wieder meine Antidepressiva, die ich vor Therapiebeginn absetzen musste, zu nehmen. Aber ich hielt durch. Ich wusste, es war meine letzte Chance. Ich lernte, mich bewusst mit Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, Geburtstage zu feiern, zusammen zu arbeiten. Ich fand heraus, was für mich falsch und richtig war, was (und wen) ich liebte und was (und wen) nicht. Ich äußerte Kritik, und Kritik von anderen tat nicht mehr so weh. Und – die Königsdisziplin – ich sagte meiner Mutter ins Gesicht, dass ich anderer Meinung sei als sie und das tun würde, was mir gefiele.

Ein Jahr dauerte es, Training rund um die Uhr, bis sich das neu Erlernte in meinem Hirn festsetzte, automatisierte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nicht mehr bei jeder GeBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.23.55legenheit Blatt und Stift aus der Tasche zog, sondern unbewusst die Situation schon gemeistert hatte. CBASP war fest in mir verankert, hatte alte Denk- und Verhaltensmuster bei Seite geschoben, sich etabliert und mein inneres, traumatisiertes Kind wachsen und heilen lassen. Im April 2013 war mein Leben endlich selbstverständlich geworden, und ein letztes Screening zeigte statt einem Index von 87 die Zahl Drei. Nicht mehr chronisch depressiv. Ganz ohne Medikamente. Nur mit CBASP. Und allein durch mich.

„Aber“, ereifert Ihr Euch nun (ich kann es genau hören ;-)), „aber, der Finsterwald! Im Sommer! In den Ferien! Immer wieder musst Du gegen ihn kämpfen! Wie kannst Du da sagen, Du bist geheilt?!“ Ich antworte wie mein weise schmunzelnder Prof, dem ich vergangene Woche genau dieselbe Frage stellte: „Frau W., sie werden nie geheilt sein“.

Das ist das Leben: Verletzungen hinterlassen Narben. Wir werden dünnhäutig, und manchmal brechen Narben wieder auf. Für mich heißt das, dass ich stets vulnerabel, also verletzlich sein werde. Aber mal ganz ehrlich – wer ist das nicht! Stress ist ein großer Feind. Er macht mich fahrig, ich verliAivasovsky_Ivan_Constantinovich_Moonlit_Seascape_With_Shipwreckere meine Kontur, bin nicht bei mir und in mir, schenke mir keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn dann etwas auf mich einströmt – Konflikt mit dem Ex-Partner, neuer Job, Urlaub – übersehe ich den Leuchtturm und schippere geradewegs ins Unglück. Ich vergesse, die Situation zu analysieren und mich mit einem Schlachtruf wieder heraus zu katapultieren. Oft verliere ich den Blick für die Realität und setze mir Ziele, die selbst mit der ausgefeiltesten CBASP-Methode nicht zu erreichen sind. Ich kämpfe mich mit irrealen Gedanken (Du MUSST das jetzt schaffen!!) gegen den Strom und rudere volle Kraft voraus in den Untergang. Und manchmal – ich geb’s offen zu – hab’ ich auch einfach keinen Bock mehr und lass die Segel gleiten. Ich rutsche auf der nächsten Depressions-Welle aus und strande wieder mal in meinem kleinen, muffigen Räumchen im Mannheimer ZI.

Das ist nicht schlimm. Für mich. Für Außenstehende schon, weil sie Angst haben, dass ich ertrinken würde. Ich kann es verstehen. Noch heute zweifle ich, selbst in guten Phasen, wenn ich den Tanzsaal, den Reitplatz, die Geburtstagsparty oder meDepression me3in Büro betrete: „Was werden sie über Dich denken?!“ Aber es bleibt bei diesem einen, kurzen Stich ins Herz und binnen Sekunden habe ich mich wieder unter Kontrolle. Nur bei zwei Menschen hat sich dieser anfängliche Schmerz, diese Angst völlig verloren. Nicht bei meinen Eltern oder bei meinen besten Freunden. Sondern bei DeHasen und meinem Mausebären.

Ob CBASP dauerhaft eine Alternative zu Antidepressiva bietet? Wir werden sehen, was die Auswertung der Studie im kommenden Jahr bringt. Prof. Christian Schubert, Medizinische Universität Innsbruck, forscht auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie. Ihn hatte ich gefragt, ob ein Leben mit chronischer Depression ohne Medikamente möglich sei. Seine Antwort: „Ja, mit sehr viel harter Arbeit.“

Ich merke das: Extremsituationen wie Vorstellungsgespräche sind immer noch ein enormer Kraftakt und erfordern da, wo andere sich nur auf die Fragen des Gegenübers konzentrieren, meine ganze cbasp3Körper- und Willensbeherrschung. Dass CBASP selbst dann wirkt, seht Ihr an dem psychologischen Gutachten, das eine Firma von mir erstellt hat. Ich verkneife mir ein triumphierendes Grinsen und verweise besonders auf den Bereich „Außenorientierung“ (Den Job habe ich übrigens dann auch bekommen. Es war der mit dem Döner).

Also keine Sorge: Jede Welle, die ich nehme, macht mich stärker. Ich hab nämlich inzwischen nicht nur das Depressions-Seepferdchen. Sondern auch den Freischwimmer. In Silber;-)


  • Die bunten Folien sind aus einem Vortrag von Frank Padberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München (9. November 2009) über Psychotherapie bei chronischen Depressionen.
  • Das kleine Mädchen auf Bild 3 bin ich.
  • Das Bild vom Wrack im Mondlicht ist von Aivasovsky Ivan Constantinovich (Rechte gemeinfrei).
  • Und die wunderschönen Meerfotos sind von DeHasen.
  • Alle weiteren Infos zu CBASP und eine Liste von zertifizierten Therapeuten findet Ihr hier.

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image

Meilenstein

Meine Mutter: “Des Kleid gefällt mer awwer net.”*
Ich (lache und strecke ihr die Zunge raus):
“Ich zieh’s aber trotzdem an!”

Fortschritt 2.0.

 * Ausdruck höchster Abscheu sowie jahrelang erprobter (und bis vor kurzem sehr
erfolgreicher) Manipulationsversuch

Foto: stylbruch 

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Paris2

Sag’ einfach ja!

Ich muss gar nicht viel erzählen. Hört einfach Tim Bendzkos “Sag einfach ja” - und Ihr wisst es.

Noch bin ich verzaubert, mitten in Paris, unter dem glitzernden Eiffelturm, mit De Hasen, der jetzt mein Verlobter ist, überglücklich, Herz am Pulsieren, so voller Gefühl und Wärme und Geborgenheit und Dankbarkeit, dass ich es bin, dass ich das erleben darf, dass es den wunderbarsten Menschen der Welt an meiner Seite gibt, erfüllt mit Liebe.

Und wenn ich dann irgendwann angekommen bin, berichte ich Euch, was im letzten Umschlag stand und wie lang ich kreischend im Kreis rannte.  Wieso der Gare de l’est einer der schönsten und gleichzeitig traurigsten Plätze Paris’ ist und die Welt der Amélie tatsächlich fabelhaft. Dass Wolken ganz sicher Gefühle haben und unbedingt Gesichter. Wieso Esmeralda und Quasimodo in Norte Dame nur eine Nebenrolle spielen.  Wie Montmartre abseits der Touristenpfade schmeckt. Dass fast alle Pariser heute Englisch sprechen, aber Französisch viel zu schön ist, um darauf einzugehen. Warum Metro-
tunnel wie Katakomben riechen. Was Pariser Starbucks-Verkäuferinnen schreiben, wenn man ihnen “Jochen” sagt. Und wie das Seine-
ufer bei Nacht glitzert und die Augen der glücklichsten Menschen der Welt.

À bientôt!

Paris1

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