Schlagwort-Archiv: Pferd

IMG_0974

Das Haar in der Decke

Manchmal erwischt es Dich eiskalt. Auf dem falschen Fuß. Ohne Vorbereitung. Einfach so in einer Sekunde ist es da, triggert Dich und schickt Dich mit Lichtgeschwindigkeit zurück in die Welt, der Du entronnen bist. Die Du seit Jahren erfolgreich in Deine tiefsten Tiefen einschließt und von der Du selbst schon nicht mehr weißt, ob sie je existierte.

Ja. Sie hat existiert. Manifestiert in einem Haar. Einem einzelnen Haar, das sich in dieser blöden Pferdedecke verhakt hat, die Du zufällig aus diesem scheiß Karton ziehst, der bislang unbeachtet in der hintersten Speicherecke wie ein Vampir im Sarg auf seine Auferstehung lauerte.

IMG_3579

Es ist zum Heulen. Da hocke ich, zwischen all den Kisten voller Sommer- und Winterklamotten, die ich am Morgen für den Flohmarkt sortiert habe, halte diese Decke, weiß-lila-blau gestreift, in der Hand und heule wie ein Schlosshund. Erst war ich wütend. Stinksauer. Aggressiv. Nachdem ich die Decke meines ehemaligen Pferdes entdeckt hatte, motzte ich grundlos den Mausebären an und fand mich selbst zum Kotzen. Oh, man, Mama!
Abends, als DeHasen mich anschaut, fange ich an zu flennen. Er will mit mir reden. Ich will nicht. „Wahrscheinlich bin ich nur traurig, dass ich mein Pferd damals verkaufen musste“, äußere ich vage Vermutungen und verziehe mich mit meiner Frustschokolade auf die Couch.

Am nächsten Tag muss ich zu meinem Prof. Ich hab keinen Bock. Ich will nicht mit ihm darüber sprechen. Ich will MIT GAR NIEMANDEM darüber sprechen. Ich will WILL WILL NICHT! „Du“, sagt sanft DeHasen, „ich will Dir nix vorschreiben, aber ich fände es besser, Du fährst hin.“ Also gut, motze ich, schnappe die Schlüssel und mache mich auf den Weg. Durchs Nirvana. Ich bin gar nicht hier. Ständig drifte ich ab in die Welt der Pferdedecke. Muss mich höllisch auf die Straße konzentrieren. Weine und weine und weine, komme endlich an und finde doch keinen Ausweg.

Mein Prof ist erschrocken. „So habe ich Sie ja noch nie gesehen“, sagt er. „Herzlichen Glückwunsch“, sprühe ich Sarkasmus. „Mein Gefühl heute ist: VERZWEIFELT.“ Also gehen wir auf Spurensuche. Wieso macht ein einzelnes Haar in einer alten, verdammten Pferdedecke mich so fertig? Reißt mich zurück und lässt mich nicht mehr los?

Flashbacks, getriggert. Ausgelöst durch ein Ding, einen Geruch, einen Namen, der den Betroffenen in den Emotionen eines früheren Erlebnisses gefangen hält, so dass er Damals und Heute nicht mehr unterscheiden kann. So dass er alles noch einmal durchlebt.

Haar, Decke, Netra, meine Stute, die ich kaufte, weil sie keiner mehr wollte, damals Ende der 90er, während des Studiums, mit jemandem zusammen, der die Hälfte der Stallmiete übernahm. Glückliche Tage mit meiner Freundin, gemeinsam im Sattel, stundenlang unterwegs in den Weinbergen, Philosophieren über Gott und die Welt.

IMG_0966

In meiner Wohnung Enge, Ignoranz, Gewalt. Ein Ex-Freund, der meiner Mutter in nichts nachstand, den ich aber trotzdem liebte und heiraten wollte. Eingriffe in meine Privatsphäre, zerschnittene Tagebücher, die Drohung, sich umzubringen. Der Revolver.

Am anderen Ende der Leitung meine Eltern, meine Mutter, „Ich hab Dich für so intelligent gehalten, wie kannst Du nur mit so jemandem zusammen sein?!“ Ich, wie ich widerspreche, um Verständnis suche, verstoßen werde mit den abschließenden Worten meines Vaters: „Wir kannst Du nur so mit Deiner Mutter sprechen?! Dein weiteres Leben interessiert uns nicht mehr!“

Ich, allein in einer Tragödie, der Mitbesitzer meiner Stute springt ab, mag nicht mehr, mit dem letzten Geld kaufe ich seinen Anteil, halte Netra über Wasser, halte mich über Wasser, rette uns vorm Ertrinken, gehe unter.

Mein Ex-Freund macht sich vom Acker. Auch hier keine Unterstützung. War er je eine?

Ich, morgens um sieben, bei meiner Freundin im Wohnzimmer, zitternd, heulend, in der schlimmsten Depression meines Lebens, muss in den Stall, meine Stute verkaufen, die Käufer kommen gleich, muss standhalten, stark sein, nur dieses eine Gespräch noch. Muss sie hergeben, sie aufgeben, habe es nicht geschafft, sie zu retten. Habe es nicht geschafft, mich zu retten. Hörsturz. Ende der Fahnenstange. Leb’ wohl, süße Netra.

IMG_0967

Jahre ziehen ins Land. Ich heirate, kaufe wieder ein Pferd, stehe wieder vor den Scherben einer Beziehung, muss mich wieder trennen – von Mann und von Pferd. Wieder lasse ich etwas, dass ich mir anvertraut habe, im Stich. Aber muss ich nicht VERDAMMT NOCH MAL ZEITLEBENS DAFÜR VERANTWORLTLICH SEIN?!?

Albträume, ich, auf dem Weg zum Stall, im Stall, Netra ist weg. Oder ist da und am Verhungern, weil ich mich ewig nicht gekümmert habe. Vorwurfsvolle Blicke der Stallbesitzerin. Keiner der Träume endet schön.

Bin es leid, verkaufe alles, schmeiße alles weg, alles alles aus dieser Zeit, was mich an Menschen und Situationen dieser Jahre erinnert, will nicht mehr daran denken. Schaffe, zu vergessen. Dummerweise auch, die letzte Pferdekiste zu räumen. Da steht sie jetzt vor mir, im Muff der Gezeiten, angeschimmelt, Netras weiß-lila-blaue Decke im Bauch, in den Maschen hängen rotfuchsfarbene Härchen. Zieht mich zurück an den Ort, in die Zeit. Sagt mir: Du wirst nie eine verlässliche Beziehung bieten können!

Posttraumatische Belastungsstörung, sagt mein Prof. Schlimme Erfahrungen, die nicht verarbeitet, sondern einfach weggeschmissen werden, manifestieren sich im Unterbewusstsein. Ein Ding, ein Geruch, ein Name sprengen die Ketten, und alles ist wieder da. Bis es die Erlaubnis bekommt, besprochen zu werden, bewusst zu werden, verarbeitet zu werden. Immer und immer wieder. Dann, und erst dann, wird es Teil des autobiographischen Gedächtnisses, eine normale Erinnerung, wertfrei abgespeichert zwischen dem Tod der Lieblingsoma und Eisessen im Sommer. Es geht nicht nur um Netra. Es geht um die ganze verdammte Kacke, die ich mit und nach ihr erlebt habe.

„Sie müssen darüber reden“, mahnt mein Prof. „Fallen Sie nicht in alte Verhaltensmuster zurück! Und wenn Sie nicht reden können, müssen Sie es sortieren. Schreiben Sie es auf.”

Also tue ich das. Bis zum nächsten Haar in der Decke. In der Suppe. Im Leben.

Nachtrag ein paar Tage später: Die frisch gewaschene Decke hat mittlerweile die Kotzekatze akquiriert. Ich finde, sie steht ihr sehr gut.

IMG_0963
Hier geht’s zurück zum Eingang!

a-1962-thelwell-jumping-print_0_0_VTOL

Patiencen im Ponyclub

„Da is’ ja noch voll Staub drin!“ – „Die Hufe musst Du aber ordentlicher machen!“ – „Nein, wir legen erst das Pad drauf und dann die Decke!“ – „Manno, immer darf die alles allein machen!“

Puh. Ich stehe mitten in einer Wolke staubenThelwell shaggy messder Ponys und stänkernder Kinder, alle jeweils um einen Meter groß, und spiele ruhenden Fels im Sandsturm. Das ist meine erste Stunde im Ponyclub und wenn alles gut geht, darf ich das Tohuwabohu gleich unterrichten. Und die nächsten Samstage bis zu meiner Trainerprüfung auch. Aber so ganz bestimmt nicht!

„Der ist sauber, die Hufe sind okay, die Decke kommt unters Pad und die kleine Chantalle darf JETZT ENDLICH AUCH MAL PUTZEN!“, brülle ich über Reitkappen und Ponyohren hinweg. Erstaunte Stille. „Bist Du eine Reitlehrerin?“, fragt ehrfürchtig eins der Mädels. „Ja, die bin ich“, antworte ich im Brustton der Überzeugung eines ThelStartingPointRächers der Enterbten, Beschützers der Witwen und Waisen etc. pp. Scheint zu funktionieren.

Mädels und Pferde halten die Klappe, nehmen Haltung an und nachdem auch Klein-Chantalle endlich ihre Wollmaus zum Pony gebürstet hat, tappern wir gemeinsam auf den Reitplatz. Ich denke an meine Oma, die noch im größten Wirbelsturm unbeeindruckt ihre Patiencen* legte und sage mir: Geduld. Nur Geduld.

Der Platz hat die Ausmaße eines Fußballfeldes, und der Wind treibt Ponys und Kids wie Sandkörner in alle möglichen und unmöglichen Ecken. Kaum habe ich ein Pferdchen abgefangen, hüpft ein anderes schon wieder davon. „Abteilung bilden!“ brülle ich. „Ich will vorne reiten!“ – „Nein, ich!“ – „Der Schorschi muss aber immer hinten gehen, der tritt!“ – „Ich bin noch nie in der Abteilung geritten…“ Geduld. Nur Geduld. „Pupsi vorne, dann Lotti, dann Moritz, dann Seppel, dann Schorschi!“, befehlige ich meine Schutzb1962-thelwell-print_700_600_3TCDBefohlenen und los geht’s.

Das ganze klappt exakt 30 Sekunden. Dann muss Pupsi mal pupsen, Lotti läuft auf, Moritz motzt rum, Seppel sieht seine Chance und büxt aus und Schorschi haben wir auf den letzten hundert Metern irgendwo an ein Grasbüschel verloren. Geduld. Nur Geduld.

Ich stiefele über den Platz, sortiere die Ponys erneut und weiter geht’s. Diesmal schaffen wir eine ganze Runde – bis zum Antraben. Pupsi schläft, Lotti zischt ab, Moritz dreht durch und flitzt in die andere Richtung, Seppel fällt hinter Schorschi, und Schorschi schlägt aus, weil er ja immer hinten gehen muss. Geduld, nur Geduld.

536900_524958334211740_877110117_n„Kinners!“, beordere ich alle zu mir in die Mitte. „Ihr müsst auch schon ein bisschen auf Eure Ponys aufpassen! Wenn wir auf dem Hufschlag** reiten, dann reiten wir auf dem Hufschlag und kreiseln keine moderne Kunst in den Sand, OKAY?“ – „Aber der Moritz haut immer ab, und die Pupsi bleibt immer stehen und und und und!“ Geduld, nur Geduld.

Ich erkläre meinen Schützlingen also nochmal genau die Reiterhilfen, klemme mir Moritz untern Arm, sortiere Lotti hinter Seppel ein und lasse erneut antraben. Himmlische Ruhe. 35 Sekunden lang. „Meine Steigbügel sind zu kurz!“ De45820_524009597639947_1253787012_nr Schrei kommt von Kevin, dessen Lotti endlich einmal akkurat in Reih und Glied geht. Aber ich kann das Kind ja nicht im Sattel dotzen lassen, wenn ich doch vorher erst über die richtige Beinlänge referiert habe. Also Lotti wieder raus aus der Reihe zu mir, Moritz kriegt’s spitz und folgt, seine Reiterin plärrt, ich tröste, verziehe Bügelriemen und brülle den anderen ein „Weitermachen!“ zu. Geduld, nur Geduld.

Unfassbar. Nach einer halben Stunde haben wir es endlich geschafft, einmal diagonal durch die Bahn zu wechseln. Ohne Ausfälle. Ohne Ausbrüche. Ich bin begeistert. Die Kids auch: „Wir wollen galoppieren!“, kreischen sie. Ich habe nix dagegen. „Ohja, alle zusammen!!“, kreischen sie. Ich habe entschieden was dagegen. 554192_524009907639916_1865711985_nGrummeliges Gemotze. Aber die Frau Reitlehrerin setzt sich durch: „Die erste im Galopp, marsch!“ Pupsi macht ihre Sache ganz passabel, auch die anderen hopsen fein ums Reitplatzrund bis… „BREMSEN!!!“ Gerade noch rechtzeitig schaltet Lena Moritz runter, damit er nicht auf den Ich-muss-immer-hinten-geh’n-weil-ich-trete-Schorsch aufbrummt. Geduld, nur Geduld.

Wir galoppieren links herum und rechts herum, üben Übergänge vom Trab zum Schritt und Schorschi büxt nur noch zwei M7ccaf608937fcf9fe97606805983eb48al aus. Am Ende der Stunde bin ich schweißgebadet und habe wahrscheinlich mehr Schritte getrabt als alle Ponys zusammen. Geschafft lasse ich die Kids noch einmal vor mir aufmarschieren. „Oh, das war toll!“ ruft Chantalle, „machst Du nächstes Mal wieder unsere Stunde?!“

Geduld. Nur Geduld.


* patience = franz. Kartenspiel, zu Deutsch “Geduldsspiel”
** immer außenrum am Rand entlang
· Die Abbildungen sind aus meinem alten Ponybuch von Norman Thelwell, einem britischen Cartoonist (1923-2004)
· Namen von der Redaktion geändert. Ähnlichkeiten mit real existierenden Ponys oder Personen sind natüüüüüüürlich rein zufällig.

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

Foto

Wer Äh sagt, muss auch C sagen

„Was’n los?“, frage ich die Besitzerin unseres Reitstalls.
„Ich brauche dringend Unterstützung im Unterricht”, seufzt sie.
„Hm“, sage ich, „vielleicht kann ich Dir helfen?“
„Hm“, sagt sie, „hast Du einen Trainerschein?“
„Äh…ne”, sage ich. „Aber ich kann ja einen machen.”
„Okay”, sagt sie, „gebongt!“

Oha. Da stehe ich nun im Staub des Reithallensands, während der Mausebär auf dem Pummelpony seine Runden dreht, mit einem mündlichen Vertrag in der Tasche und bin….verwirrt. Was die Reitstallbesitzerin nicht weiß: Sie hat gerade an einem uralten, lang verschütten Traum gerüttelt. Reitlehrerin… Der Duft nach Leder, Schweiß und Stroh. Die setzgefalteten Stiefel* und die britischen 10343480_546871955441265_2818792672649148676_nBarbourjacken. Die Arbeit mit Mensch und Pferd bei Wind, Wetter und nervigem Nieselregen…

Hach. So gerne wäre ich Pferdewirtin geworden! Aber ich hatte ein Einser-Abi („Du gehst studieren!“) und danach ein Eins-A-Studium („Du machst was Gescheites!“) und sowieso das falsche Hobby („Du stinkst und machst Dreck!“). Nunja. Mein Lebenstraum schwebte davon, gehalten nur noch an einem brüchigen Schnürchen von meinem Alibidasein als Pferdejournalistin.

Logisch. Theoretisch ist so ein Trainer C** kein Thema. Trotz aller familiärer Widrigkeiten reite ich von Kindheit an, hatte eigene Pferde und einem Job als Textchefin bei Europas größtem deutschsprachigem Reitsportmagazin. Spätestens da lernte ich, wo der Hase, pardon, das Pferd läuft. Ich habe mit franco-iberischen Forschern die Biomechanik berechnet und mit süd-amerikanischen Scientisten die Spiegelneuronen. Ich habe zwischen Klein-Winterheim und Kalkutta die Werte politisch korrekter Offenstallhaltung versus knapp kalkulierter Boxenhaft evaluiert und IMG_0893die Moleküle von Mash und Müsli malträtiert. Ich habe Büffel getrieben, Islandpferde getöltet und die große Kunst der Hohen Schule erritten. Und dann war da noch – hihi – mein Job als Reitschultesterin, in dem ich durch ganz Deutschland tourte und Betriebe auf Herz und Nieren prüfte. Qualitätsmanagement nicht beim Endprodukt, sondern an der Basis. Herr Rach könnte sich ‘ne Scheibe abschneiden. Haha.

Und dann? Als vor sechs Jahren der Mausebär kam, habe ich alles verkauft: Meine Pferde, meine Stiefel, meine Liebe zum Reiten. Weg mit den Dreckschleudern und Geldschluckern, dem unnötigen Ballast! Jetzt war ich Pressetante, und ich war gut so! Wie herrlich, im strömenden Regen nicht mehr von oben bis unten eingesaut über watschende Wiesen zu wackeln, um den störrischen Bock aus der letzten Ecke zu ziehen! Zuhause, im Trockenen, Warmen, bei einer Josie2Tasse schäumendem Milchkaffee…. „MAMA! ICH WILL REITEN!“

HÄ? Aber, Mausebär! Was ist mit Tanz und Tändelei? Bonbonfarbenen Ballettetüden in elitären Elternzirkeln? Im Trockenen, Warmen, bei einer Tasse schäumendem Milchkaffee…?! Alles doof, motzt der Mausebär: „ICH! WILL!! REITEN!!!“

Okay. Also lade ich gottergeben den dreijährigen Mausebärn ins Auto und kehre zurück an den Ort des Schreckens, zu müffelnden Misthaufen, buckelnden Böcken und pappigem  Putzzeug. Tapfer tapse ich mit dem Pony an der Hand und dem Kind obendrauf meine Runden. Bis der Mausebär endlich alt genug für „richtigen Reitunterricht!“ ist. Jetzt muss ich nur noch stundenweise ausharren, je nach Witterung, in sengender Sonne oder klirrender Kälte. Sobald ich wegnicke, kreischt die Stimme übern Platz: „Und jetzt winken wir mal der Mama! MAMA!! Du bist dran!!!“ Ich erzähle jetzt nicht von den Dutzenden Äpfeln, selbstredend keine zum Anbeißen, die ich schon hinterJosie meinem Kind her aus der Bahn geräumt habe. Oder den zig Hexenschüssen, die mich jedes Mal ereilen, wenn ich dem Ponywicht die süßen kleinen Hüfchen knapp über dem Boden auskratzen muss.

Ganz großes Kino. Zwei Jahre schaue ich meinem Kind zu, wie es immer besser wird und im Galopp glückselig gluckst. Ich lerne alle Stallbewohner kennen und schaffe es sogar, mit ihnen ein Wort zu wechseln – selbst mit den zweibeinigen. Ich kehre hier und putze da und fege mich ganz langsam an die Stallbesitzerin heran. „Geben Sie eigentlich auch Unterricht für Große?“, wispere ich leise in ihr Ohr.  „Klar!“, kreischt sie lustig durch die ganze Halle. „Übermorgen um drei!“

Wohohow! Zuhause grabe ich die Reliquien einer längst vergangenen Epoche aus dem Keller, zumindest das, was der Verkaufsrausch verschont hat. Nun gut. Die Hose zwickt. Aber ich bin auch keine 20 mehr. Ich angle nach meinem Helm und fahre zum Stall. Anna heißt die schneeweiße Stute, die miIMG_0877ch heute auf sich nimmt. Sie hat samtweiche Nüstern und glänzenddunkle Augen und duftet nach Leder, nach Schweiß und nach Stroh. Mechanisch beginnt meine Hand das Fell zu putzen, automatischen schließen meine Finger die Trensenriemen. Wow. Aufsteigen klappt noch. Die ersten Schritte auf Annas Rücken sind der Himmel auf Erden!

Und dann folgt die Hölle. Die Stallbesitzerin knechtet und testet, was von meinem verschütten Können noch da ist. Nicht mehr viel. Ich strample und hample, ich huste und pruste, bis ich die ganze Halle zusammenpuste. Egal. Anna erträgt mich mit Engelsgeduld und am gefühlten Ende meiner Tage sitze ich im Sattel und strahle. Meine Lehrmeisterin nutzt die Gunst der Stunde: „Morgen unterrichtest Du mal!“, kommentiert sie den Höllenritt und ist entschwunden.

Na schön. Am nächsten Tag stehe ich in der Bahn, krame in meinen Hirnwindungen, lasse leicht traben und schwer sitzen und habe am Ende der Stunde hyperaktive Hibbler in locker-lässige Eleven verwandelt. Sie pfeifen glücklich vor sich hin, und die Pferde schnauben zufrieden den Takt dazu. Das ist es. Genau das.

IMG_0887Gut. Fassen wir zusammen: Seit einem Vierteljahrhudert trage ich eine zerdepperte Nase, weil ich des Öfteren meinem Pferd voraus war (vor allem überm Sprung). Seit sechs Jahren fröne ich feierlich der sportlichen Abstinenz und studiere Pferde maximal von unten (Hüfchenauskratzten bei Ponys unter einem Meter eröffnet ganz neue Einblicke…). Seit zwei Monaten quält mich ein Bandscheibenvorfall, der besonders bei Püffen und Knüffen kreuzbeleidigte Leberwurst spielt. Und im März 2015 ist meine Trainer-Prüfung.

Ups. Bis dahin muss ich – neben 9865 Stunden Physiotherapie und Fitnesstraining – absolvieren:

1. das Reitabzeichen Klasse III inkl. Basispass Pferdewissen, Longierabzeichen und eine Dressur-, Spring- und Geländeprüfung

2. den Trainerassistenten-Schein inkl. Erste-Hilfe-Kurs, polizeilichem Führungszeugnis plus Lehrgang mit 30 Einheiten à 45 Minuten in den Fächern

  • Aufgaben des Trainerassistenten im Verein/Betrieb
  • Vermittlung von Kenntnissen auf dem Gebiet der Pferdehaltung und des Umgangs mit dem Pferd (einschließlich Transport)
  • Tierschutzgesetz und Ethische Grundsätze
  • 
Theorie zur Unterrichtserteilung
  • Reitlehre bzw. Fahrlehre
  • Praktische Unterstützung von Lehrkräften

3. ein Vorbereitungsseminar zum Trainer C IMG_0906mit Eignungsprüfung und idealerweise Zulassung zur Ausbildung Trainer C

4. den Lehrgang Trainer C mit erfolgreicher Abschlussprüfung nach120 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten mit folgenden Inhalten:

  • Reiten auf ebenem Hufschlag, über Hindernisse und im Gelände (Rahmenanforderungen der Klasse A/L)
  • Praktische Unterrichtserteilung für verschiedene Altersgruppen entsprechend der Rahmenanforderung der Klasse A/L im Dressurreiten/Springreiten und Reiten im Gelände
  • Sportwissenschaftliche Grundlagen wie Sportdidaktik, Trainingslehre, Anatomie/Physiologie des Reiters, Reitlehre, Vermittlung der Kenntnisse gemäß Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1, 2 und 6, Ausbildung des Pferdes, Ausbildung des Reiters, Bewertung und Beurteilung von Lehrpferden
  • Jugendarbeit, Präventionsarbeit, Methoden-/Vermittlungskompetenz, Organisation, Sport und Umwelt, Sicherheit, Erste Hilfe Bodenarbeit
  • Pferdehaltung und Veterinärkunde, Ethische Grundsätze

Wenn, ja wenn ich das alles geschafft habe… dann wird es endlich heißen: „Nach bestIMG_0890andener Prüfung stellt die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) Ihnen ein Zeugnis aus, das Sie zur Führung der Bezeichnung Trainer C berechtigt. Mit dieser Qualifikation können Sie über die Landesverbände eine Trainer C-Lizenz des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und bei der FN einen internationalen Trainerpass erhalten.“

Krass, ey! Danach machst Du aber noch weiter, oder? Das ist ja nix, es gibt ja noch viel mehr, was Du erreichen kannst! Wer C sagt, muss schließlich auch B sagen! Und A erst recht! Äh, nö. Kann man. Muss man aber nicht.

In diesem Sinne – wir sehen uns auf dem Reitplatz :-)
__________________________________________________________________________

*Lederstiefel bekommen beim Einreiten eine so genannte Setzfalte im Knöchelbereich, was den Fuß beweglicher macht.

**Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) unterscheidet die Trainer C, B und A. Die Anforderungen steigen nach Kategorie, an der Spitze steht der Trainer A, der sich in verschiedenen Bereichen weiterqualifizieren kann. Alle Infos gibt es hier.

Auf den Fotos seht Ihr meine Oldenburger Stute Lisette, das sanftmütigste Pferd der Welt – leider aus Altersgründen jetzt in den ewigen Jagdgründen weidend.

Hier geht’s zurück zum Eingang!