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Nacht

Hast Du auch Deine Tabletten genommen?

Etwas beschäftigt mich zur Zeit sehr: die Reaktion von Menschen auf meine Depression. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen damit umzugehen. Zwei Dinge veranlassen mich dazu: erstens anderen begreiflich zu machen, wie es jemanden geht, der an dieser furchtbaren Krankheit leidet. Und zweitens, Hoffnung zu verbreiten, dass auch ein Leben mit Depression möglich ist.

Natürlich binde ich es nicht jedem Menschen sofort auf die Nase: “Hallo, ich bin Patricia und depressiv!” Wobei ich das auch schon getan habe. Als mich die Geschäftsführung für meinen letzten PR-Job anfragte, sagte ich: “Lies Dir bitte erst meinen Blog durch. Und dann ruf noch mal an.” Ich bekam den Job. Weil die Geschäftsführung meinen Blog ignorierte. Oder nicht ernst nahm. beaker-47537Und dann sehr erstaunt war, als ich den Job quittierte.

Höre ich deswegen auf, mich zu outen? Nein. Wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. Oder wenn jemand sehr leidet, sage ich: “Du, ich habe das auch.” Ich könnte vorsichtiger sein und ein Leben in völliger Dunkelheit führen, ein Teil von mir weggesperrt in den Tiefen meiner Seele. Und ich verstehe jeden, der das tut. Denn die Erfahrungen bei einem Outing sind nicht immer schön. Ich möchte Sie gerne mit Euch teilen. Damit Ihr das nächste Mal ein bisschen behutsamer mit Menschen umgeht, die sich Euch anvertrauen.

Erstaunen

“Hö? DU bist depressiv?! DAS hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht!” Tja, stell Dir vor. Auch depressive Menschen können ein Leben führen, ein durchaus zufriedenstellendes, erfolgreiches. Sie können Chef sein, Elternteil, eine Familie organisieren, tolle Sportler werden und sehr kreativ. Und dass, obwohl der schwarze Hund ihnen ständig im Nacken sitzt. Wenn so etwas kommt, nehmt es als hqdefaultKompliment und nicht persönlich. Einfach so. Und versucht nicht, Euch zu rechtfertigen.

Ignoranz

Das sind die Leute, denen Ihr Euch offenbart, die aber nicht richtig hinhören und gleich zur Tagesordnung übergehen. Wer ist heute schon nicht depressiv, haben wir nicht alle einen kleinen Schatten?

Genau diese Leute sind dann erstaunt, wenn Ihr Symptome Eurer Krankheit an die Oberfläche lasst und eben mal nicht perfekt seid.
Es ist mühselig, solche Leute aufklären zu wollen, weil sie sowieso kein offenes Ohr für die Nöte andere haben. Kann man mit leben, muss man aber nicht.

Spott

“Jaja, depressiv!” Plus leichtes Kräuseln der Mundwinkel. Das sind Menschen, die auch gerne behaupten, dass es kein Burn-Out gibt. Wir sind halt schlichtweg träge, faul, hypochondrisch. Solchen Leutena3ea252b837add417e5e9666e351d6ab würde ich am liebsten in die Fresse schlagen. Die machen mich am wütendsten. Ich wünsche Ihnen, dass sie nur einen Monat lang in meinen Schuhen gehen müssten. Wahrscheinlich würden Sie sich danach die Kugel geben.
Leider packen mich diese Menschen genau an meinem wunden Punkt und bekommen haargenau und bis ins Detail dargelegt, welche Krankheit eine Depression ist – inklusive aller aktuellen Studien und dezidierter biomechanischer Vorgänge im Hirn. Danach sind die Spötter so plattgelabert, dass sie sich hüten werden, je wieder so etwas Unbedachtes auszusprechen.

Entmündigung

Ja, ein hartes Wort, ich weiß. Es bezieht alle mit ein, die Euch nach Eurem Outing nicht mehr zutrauen, geradeaus zu denken. Gerne kombiniert mit dem Satz: “Hast Du auch Deine Tabletten genommen?!” Als wenn wir keine Seele, keinen Verstand, kein selbstständiges Leben hätten (siehe oben). Ja, es ist bisweilen schwierig, mit einem Depressiven. Weil er immer und ständig an sich selbst zweifelt und alles in Frage stellt. Weil seine 776024-beakerhoneydew460Stimmungsschwankungen nicht nur beim PMS auftauchen, sondern auch zwischendurch. Was gestern noch total schrecklich war, ist heute völlig akzeptabel und keinen Gedanken mehr wert.
Wir WISSEN, dass wir dieses Manko haben, und nicht nur EUCH fällt es schwer, damit umzugehen. Nein, am allerschwersten fällt es uns, weil es sich so real anfühlt, unser Verstand aber weiß, dass es falsch ist.

Unsere “Tabletten” nehmen wir, damit wir nicht von der nächsten Brücke springen. Damit unser Serotonin- und Dopaminhaushalt im Hirn stabil bleibt. Damit wir überhaupt leben können. Trotzdem sind wir Menschen mit Emotionen, die ihren Weg im Leben finden müssen. Und glaubt uns, wir tun ALLES dafür, das zu tun!!
Unsere Tabletten ändern daran nichts. Ihr müsst damit klar kommen oder den Kontakt abrechen. Isso.

Also bitte hört auf, Depressiven diese Frage zu stellen. Wir sind eh schon am Zweifeln und nach einem solchen Kommentar vollauf davon überzeugt, dass wir jetzt gleich sofort zehn Pillen auf einmal schlucken oder noch heute am Feiertag dringend zum Notarzt fahren müssen.

Ablehung

Nach meinem letzten – zugegeben negativen – Text zum Thema Selbstmord hier sah ich ein FB-Posting einer Bekannten, von der ich weiß, dass sie hier mitliest. Sie schrieb sinngemäß, sie habe die Nase voll von Leuten, die immer nur negativ auf der Stelle treten und in ihrem eigenen Sumpf wühlen und niemals voran kommen.

Ich weiß nicht, ob sie mich damit meinte. Aber es hat mich verletzt. Als ob das ein Hobby, die liebste Freizeitbeschäftigung wäre, sich Stunde um Stunde gegen die quälenden Gedanken im Kopf zu wehren, diesen Film, der immer mitläuft und stört, egal, was wir tun.
Deswegen heißt es CHRONISCHE Depression. Oder, wie bei mir in der Diagnose: rezidivierende depressive Störung mit mittelschweren bis schweren Episoden nach ICD-10-GM-2017. Es muppet-show-3ist nicht heilbar. Es ist einfach da und wird immer bleiben.

Ich verstehe jeden, der sich vor solchen Menschen zurückzieht. Ich selbst hätte gerade nicht die Kraft, mit mir zusammen zu leben und mir zuzuhören (vielleicht sollte ich das mal… An dieser Stelle von Herzen ein Danke an meinen Mann!). Aber ich bitte Euch: Ihr müsst uns weder lesen, noch anhören noch treffen. Wo ist also das Problem?

So ein Kommentar tut trotzdem weh. Glaubt mir, könnte ich mein Gehirn austauschen, ich würde es sofort tun. Aber es geht nicht, und den Clown spiele ich nicht mehr.  Auch wenn ich das durchaus kann. Aber nicht immer will. Da müsst Ihr Euch leider andere Spaßvögel suchen. Sorry.

Ratschläger

“Ja, dann musst Du halt mehr an die frische Luft gehen/Leute treffen/Sport machen/aufräumen/einen neuen Job suchen….to be continued.” Den Vogel schoss mal meine Mutter ab: “Du sitzt ja auch nur zuhause rum. Also ICH achte ja immer drauf, dass wir jeden Tag rauskommen. Ich bummel dann mit dem Papa durch den Supermarkt, da sind wir beschäftigt, und es ist gleich viel besser!”

Ha. Haha. Hahaha. Mal abegsehn davon, dass ich ja auch irgendwie einkaufen gehen muss und mich deswegen STÄNDIG in Muppets-com79irgendwelchen Supermärkten befinde, ist dieser Tipp geradezu grandios. Ich werde meinem Hirn mitteilen, beim Anblick der Auslagen von sofort an automatisch Serotonin ausschütte.

Es stimmt schon, ich merke es an mir selbst: Wenn ich mich mal wirklich dazu zwinge, unter (liebe) Menschen zu gehen oder eine Stadt zu erkunden, geht es mit danach tatsächlich besser. Aber es kostet mich auch viel Kraft. Es geht energetisch gesehen plusminus Null auf. Und klar liebe ich bestimmte Dinge, die ich gerne tue und die mir Kraft geben. Aber das ist immer nur von kurzer Dauer. Und hilft akut in einer schweren Phase gar nicht.

Dazu kommt: Viele von uns haben sich tiefgreifend mit unserer Krankheit auseinander gesetzt. Wir WISSEN, was theoretisch helfen SOLLTE. IHR solltet wissen, dass die praktische Umsetzung der Knackpunkt ist. Jeder Gang nach draußen ist wie der Start eines Marathons auf den Himalaja.

Auch, wenn sie lieb gemeint sind: Spart euch Eure Ratschläge. Seid einfach nur da und haltet uns im Arm, OBWOHL wir depressiv sind.  Das hilft mehr als tausend Worte.

Bewunderung

Ja. Ich kann es kaum glauben. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die mich bewundern. Das kommt mir immer ganz seltsam vor, weil ich denke, ich mach doch gar nichts Besonderes. Dann erzählen sie mir, lovato_with_beaker___muppets____by_lovatoedittions-d3b14ybwie nett, schön, kreativ ich bin, was für eine tolle Mutter und Freundin und Ehefrau. Ich nicke dann – emotionslos. Das ist leider auch eine der depressiven Schattenseiten: Man glaubt dem andern nicht. Der muss doch völlig gaga sein, wenn er sowas sagt.

Aber je öfter ich es höre, umso mehr denke ich, das könnte doch stimmen. Ich könnte ja tatsächlich trotz Depression ein ganz wunderbarer Mensch sein. Wäre das nicht einfach – schön? Ich danke allen von Herzen, die einem depressiven Menschen ein Kompliment aussprechen und ihn wertschätzen.

Denn dafür lohnt es sich zu schreiben.
Dafür lohnt es sich zu leben.


Titelbild: ich
Fotos: (c) The Muppets