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Josie Meer

Land in Sicht – Tipps für einen antidepressiven Urlaub

Wie versprochen hier die Anleitung für einen absolut antidepressiven Urlaub – und entspannte, finsterwaldfreie Ferien!

“Du musst unbedingt mal raus – fahr doch innen Urlaub!” Tolle Idee. Wirklich. Für alle, die nicht depressiv sind. Jeder andere, der diesem Ratschlag folgt, landet allzu oft im Finsterwald. Warum, steht hier.

Deswegen der ultimative Anti-Depri-Urlaubs-Tipp vorweg: Ihr müsst gar nichts! Es ist völlig legitim, Eure freie Zeit zuhause, in der persönlichen Pampa oder sonstwo zu verbringen. Ja, ich weiß. Depressive dürfen sich nicht einigeln und abschotten. Machen sie ja auch nicht. Irgendwann mal wieder. Wenn es ihnen besser geht. Aber nicht jetzt, im tiefsten Tief. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Hier also meine Absolution (ich bin nicht Gott, aber mal so frei) und meine weiteren Tipps:

· “Tu nur das, was Du schaffst!” Und zwar jetzt in diesem Augenblick. Buch’ keinen Urlaub, weil Du denkst, dass es Dir beim Reiseantritt bestimmt besser gehen wird. Und weil Du jemandem einen Gefallen Josie Meer2tun willst. Ortsveränderungen heißen so, weil sich der Ort verändert. Nicht Du selbst. Oder wie Seneca schon vor 2000 Jahren sagte:

“Du bist, der du bist! Was hilft es, über das Meer zu setzen und den Wohnort zu wechseln? Wenn du dem, was dich drückt, entgehen willst, so musst du nicht an einem anderen Ort sein, sondern selbst ein anderer sein. Deine Reisen werden dir keine Erleichterung schaffen; denn du
reisest mit deinen Leidenschaften, und
deine Übel folgen dir nach.”

Als ich mit dem Mausebär noch alleinerziehend war, hatte ich für uns zwei Wochen Türkei gebucht. Ein traumhafter Urlaub. Wäre es geworden. Aber ich musste ihn kurzfristig absagen. Ich hätte es nicht geschafft – den Flug, Transfer, fremde Welt, allein mit der Maus. Wer hätte das gedacht, sechs Monate vorher, als die Hochglanzprospekte lockten? Also: Bucht – wenn überhaupt – nur das, wozu Ihr jetzt im Moment in der Lage seit. Und wenn das NICHTS ist, ist auch das völlig in Ordnung.

· “Was willst Du eigentlich?” Tja, wenn ich das so genau wüsste. Ich kann in einer depressiven Phase ja noch nicht mal entscheiden, ob ich mir lieber grüne oder graue Gardinen ins Wohnzimmer hängen möchte! Depressive tun sich schwer mit Entscheidungen. Sie trauen sich nicht, sie zweifeln. Was eben richtig ist, kann morgen schon wieder falsch sein und umgekehrt. Plant in so einem Zustand keinen
Urlaub! Das kann nur schief gehen.

Wenn Ihr nicht wisst, was Euch gefällt, hilft das Ausschlussverfahren: “Was willst Du eigentlich NICHT?” Depressive können diese Frage einfacher beantworten. Wer ganz viel wegstreicht, weiß irgendwann, was er will. Das kann dauern. Auch mal etwas länger. Wenn Ihr Euch also nicht hundertpro sicher seid, bucht nichts, was Euch nur zu 80 Prozent überzeugt. Ihr werdet Euch nicht wohlfühlen.

· “Trau Dich!” Und zwar genau das zu sagen, was Du nicht möchtest. Auch wenn Du total konfliktscheu bist und es Dir komplett Josie Meer3übertrieben und pingelig scheint. Ich zum Beispiel brauche das Meer. Ich liebe es, mir vom windigen Wellenrauschen den Kopf freiblasen zu lassen. Den Blick hinaus in die Weite, den  nichts verstellt. In einem Bergdorf würde ich eingehen.
Ich liebe den Norden, weil ich mich dort einmummeln und den Bikini im Schrank lassen kann. Ich mag Ruhe und Stille. Und Sauberkeit und Stil. Ein Haar auf dem Boden oder das falsche Kissenmuster kann mir den ganzen Urlaub vermiesen.

Bin ich deswegen gaga? Nein. Ich buche Urlaub und bezahle dafür. Deswegen erwarte ich auch genau das, was ich will, was mir gefällt, was mir guttut. Und sage das deutlich – meinem Partner, dem Reisebüro, dem Hotel. Übrigens: Kann ich mir genau das gerade nicht leisten, fahre ich nicht weg. Hä?! Genau. Lieber zuhause und sauber als am Meer und versifft. Isso.
Wie stellt Ihr Euch Eure Traumunterkunft vor? Was darf am Ferienort nicht vorhanden sein? Wann fühlt Ihr Euch unwohl? Fragt genau nach! Seid pingelig! Traut Euch!

· Apropos: Wellness ist nicht gleich Wohlfühlen! Im Frühjahr schenkte ich De Hasen zum Geburtstag ein Wellnesswochenende in einem Hammerhotel. Sagten die Bewertungen und 98 Prozent der Gäste. Als wir endlich wieder fahren konnten, war ich krank. Gestresst vom Wellnessen. Krass? Ja. Aber leider ebenfalls typisch für Depressive: Diese pure Konzentration auf das Selbst, der getaktete Tagesablauf, das Gewahrwerden des eigenen Körpers zwischen all den Schönheiten (subjektiv) in der Sauna. Puh. Wenn es dann auch noch in jeder Ecke voll und gesprächig ist, keine Ruhe herrscht, Euch das Frühstück im großen Saal gestylt erwartet, wird aus dem Wellnesswochenende ganz schnell eine Stressstrecke.

Also: Vorsicht vor angeblichen Ausgleich-Arrangements in einer depressiven Phase. Sie bringen Euch mächtig in Schieflage. Wenn Euch Massagen und Saunagänge gut tun, sucht Euch eine Unterkunft mit Verwöhnangebot in der Nähe. Dann könnt Ihr spontan entscheiden, wie viel Wellness Ihr zum Wohlfühlen braucht.

· “Sei spontan!” Speaking of: Nichts macht einem Depressiven mehr Druck, als komplett durchgeplant zu sein, das Bewusstsein, heute diesen und morgen jenen treffen zu müssen. Wie vielen Verabredungen, Festen und VerJosie Meer4anstaltungen ich schon mit einem Magen-
grummen zu- und dann doch kurzfristig wieder abgesagt habe – weil ich spürte, es geht einfach nicht! Urlaube gehören übrigens auch dazu. Meine Freunde wissen das inzwischen und reagieren bei Absagen gelassen.

Was spricht also dagegen, mal nicht ein halbes Jahr im Voraus zu planen? Sondern ganz spontan, hier und heute, irgendwo hin zu fahren? Last-Minute-Angebote gibt es en masse. Egal, ob am Meer, in der Wüste, für zwei Tage oder drei Wochen.
Mach’ Dir die Welt, wie sie Dir gefällt!”

· “Hotel oder Ferienwohnung?” Pest oder Cholera? Im Hotel seid Ihr an feste Essenszeiten gebunden. Also morgens raus aus den Federn, fein machen und ab in den Speisesaal mit all den andern Gästen. Mich persönlich stresst das sehr. Gerade, wenn meine Akne mal wieder blüht (was sie garantiert bei der Aussicht auf ein Frühstück mit mindestens 20 anderen tut). Dann muss ich vor dem ersten Schluck Kaffee  schon komplettes Make-Up auflegen, mich in Schale schmeißen und vor den Augen aller anderen am Buffet vorbei flanieren. Horror.

Logo. Ich könnte auch einfach so da aufkreuzen. Weil es den andern höchstwahrscheinlich egal ist, wie mein Gesicht aussieht. Aber das kann ich nicht. Noch nicht. Also ab in die Ferienwohnung! Okay. Aber hier müsst Ihr alles selber machen. Also, ALLES. Volles Haushaltsprogram im Urlaub. Klasse. Geradezu paradiesisch für einen Depressiven.

Überlegt Euch also gut, welche Unterkunft für Euch in Frage kommt.  Fühlt Ihr Euch mit Komplettkomfort wohler? Oder wenn Ihr im Schlafi an den Frühstückstisch schlurfen könnt? Wenn Ihr Euch nicht entscheiden könnt, bleibt in Eurer gewohnten Umgebung. Ich plädiere ja für diese Lösung: Ferienwohnung mit sämtlichem Service und Frühstück ans Bett. Werde gleich mal recherchieren…

· Wir sind Gewohnheitstiere. Und ganz besonders, wenn es uns nicht gut geht. Die kleinste Veränderung kann ein Tief an Land ziehen. Dabei muss diese Abweichung nicht mal negativ sein: Es gibt Studien über Bräute, die angesichts der bevorstehenden Hochzeit in Depressionen verfallen, weil sie auf einmal im Mittelpunkt stehen und die PlaJosie Meer6nung ihren bekannten Alltag über den Haufen wirft! Was nützt Euch der schönste Wasserbungalow auf den Malediven, wenn Ihr Euch darin nicht aufgehoben fühlt?

Deswegen mein Tipp: Geht es Euch gerade nicht so gut, wählt ein Ziel, dass Ihr schon kennt. Von dem Ihr wisst, wie Ihr hinkommt und was Euch dort erwartet. Trigger lauern sowieso an jeder Ecke, und schlafende Hunde soll man nicht wecken.

· “Wann sind wir endlich dahaaa?!” Ich liebe das Meer. Doch leider liegt es sieben Autostunden von uns entfernt. Ohne Stau und Baustellen. Denkt daran, dass der Weg zu Eurem Traumziel beschwerlich sein kann. Vor allem, wenn Kinder mit an Bord sind. Depressive haben einen langen Atem, weil sie gelernt haben, vieles auszuhalten. Die Quittung kommt aber bald und ziemlich sicher hinterher – am zweiten Urlaubstag oder wieder zurück in der Heimat. Auf einmal geht gar nichts mehr, Ihr bekommt Heulkrämpfe oder seid völlig am Ende.

Plant diese verzögerten Reaktionen Eurer Seele ein und verzichtet im Zweifelsfall lieber auf eine weite Strecke, die zusätzlich und langfristig stresst.

· Stichwort Kinder: Sie gehören einfach dazu, und was ist schöner, als ein gemeinsamer Urlaub mit all seinen Lieben? (Ich kenne die Antwort, und sie heißt alleine zu zweit in Paris ;-)). Klar, wollt Ihr Euren Kids einmal im Jahr das Rundum-Vollzeit-Familien-Paket schnüren. Nur Mama und Papa, 24/7. Gerade, wenn Ihr berufstätig und/oder alleinerziehend seid und der Nachwuchs mehrere Stunden am Tag – achtung, böses Wort – fremdbetreut ist.

Mein Tipp: Tut das nicht, wenn es Euch nicht gut geht! Kinder rund um die Uhr zu bespaßen, geht an die Nieren. Sie wollen springen, schwimmen, ringen, sie wollen raus, was erleben, auf Bäume klettern (und wieder runterfallen). Könnt Ihr das alles auch, wenn Ihr depressiv seid? Könnt Ihr uneingeschränkt und voll Freude mitspielen? Ich kann es nicht. So leid mir das für mein Kind tut.

Deswegen scheut Euch auch während der Ferienzeit nicht, Betreuungsangebote wahrzunehmen. Ihr müsst die Kids ja nicht den ganzen Tag entbehren. Aber Euch wird es gut tun, verlässlich ein paar
Stunden am Stück
frei Schnauze vor Euch hin zu leben. Eure Kleinen haben von einem  tollen Kinderprogramm ungleich mehr als von zig Stunden mit gestressten Eltern.

Extra-Tipp: Fragt genau nach, wie lange die Betreuung wirklich dauert und ob sie verbindlich ist. Nichts ist belastender, als wenn Ihr freie Zeit eingeplant habt und dann trotzdeJosie Meer7m den Pausenclown
spielen sollt.

· Taucht unter! Viele Depressive leiden an einer sozialen Phobie, sie haben Angst, was andere von ihnen denken könnten. Das wird umso schlimmer, je öfter man die anderen zu Gesicht bekommt.
Beispiel: De Hasen und ich waren ein paar Tage in Paris unterwegs. Es war traumhaft. Nicht nur wegen seines Heiratsantrages *schmelz*, sondern weil ich in dieser Menschenmasse komplett abtauchen konnte. Es waren so viele fremde (und eigenartige!) Leute unterwegs, dass ich schlicht nicht aufgefallen bin. Niemand hat mich beobachtet oder sich nach mir umgedreht. Für mich war es Erholung pur. Paradox, oder? Aber unter fremden Leuten, die an Euch vorbei strömen, seid Ihr so unsichtbar wie ein Sandkorn in der Wüste.

Ganz anders im kleinen, familiären Landhotel ein paar Wochen später: Wir hatten eine festen Tisch, sahen jeden Tag dreimal dieselben Gesichter, liefen uns im Schwimmbad, auf dem Spielplatz, im Klo übern Weg. Ganz schnell hatte ich einen Namen und die andern einen Eindruck von mir. Das war natürlich ziemlich sicher kein schlechter, aber Ihr kennt das: Dopamin fehlt - Einschätzung falsch.

· Kleider machen… Ja, ja. Wir wissen es. Aber wenn wir depressiv sind, fehlt manchmal einfach die Energie, uns aufzurüschen. Setzt Euch also nicht zusätzlich unter Druck, indem Ihr Euch in einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel einbucht oder smalltalkend beim  Captain’s Dinner übers Meer schippert. Ihr seid schön, und Ihr habt ein Gespür für tolle Klamotten. Nur gerade jetzt nicht.

Und wenn Ihr gerade am liebsten im Jogginganzug versumpfen möchtet. Na und? Es ist Euer Urlaub, und es ist Euer gutes Recht, genau das zu tun. Ihr müsst niemandem etwas beweisen!

Für Fortgeschrittene: Ich habe gerade im Stern einen interessanten Artikel über eine Schickimicki-Strandbar gelesen. Die Angestellten dort erzählten, woran sie Superreiche erkennen: Daran, dass sie nicht superreich gekleidet sind. Also: Statussymbole und Louis Vuitton tragen nur die, die so sein möchten. Nicht die, die es wirklich sind. Merkt Euch das!

· Pack’ die Tabletten ein! Solltet Ihr Antidepressiva nehmen, lasst Euch rechtzeitig eine neue Schachtel verschreiben. Und nehmt sie weiterhin regelmäßig ein. Auch im Urlaub, besonders da! Die Medikamente regeln Euren Hirnstoffwechsel. Lasst Ihr sie einfach weg, wird es Euch nach ein paar Tagen nicht gut gehen. Selbst, wenn es an Eurem Ferienort einen Arzt gäbe, der Euch Eure Arznei verschreiben könnte: Es dauert mitunter Wochen, bis sie wieder wirkt. Also vermiesJosie Meer8t Euch die Ferien nicht, indem Ihr Urlaub von Euren Antidepressiva macht oder sie schlicht vergesst.

Mir passiert das immer, wenn ich gerade eine gute Phase habe. Ich denke einfach gar nicht daran. Bis ich morgens um drei mal wieder wachliege… Stellt Euch den Diabetiker vor, der im Urlaub sein Insulin vergisst. Nicht schön, oder? Absetzen könnt Ihr Eure Tabletten zuhause, in Begleitung Eures Arztes, über mehrere Wochen hinweg, wenn ihr das möchtet. Ausschleichen nennt man das, und es ist gerade bei Antidepressiva dringend nötig!

Dasselbe gilt übrigens auch für alle anderen Medikamente, Schmerzmittel, Schilddrüsentabletten, Antibabypille etc. pp. Ich verherrliche nicht das Einnehmen von Arznei. Aber wenn Ihr wisst, Ihr seid gerade darauf angewiesen, macht keine Experimente!

 · “Mal so richtig ausschlafen!” Haha. Finde den Fehler. Schlaf ist eine heikle Angelegenheit. Die Depression äußert sich fast immer zuerst in Schlafstörungen. Das Zubettgehen ist ein Drama, morgens seid Ihr froh, wenn Ihr endlich aufstehen könnt (während ich das hier tippe, ist es übrigens 6.15 Uhr und mein Wecker klingelt erst um acht;-)). Dazu kommt die fremde Umgebung, ein Bett, in dem Ihr vielleicht nicht gut liegt, dünne Wände und ein schnarchender, pardon, zart atmender Partner.

Tipp Nummer 1: Macht Euch deswegen keinen Stress! Schlaf ist Schlaf, und gerade Urlaubstage sind für Mittagsschläfchen prädestiniert. Habt kein schlechtes Gewissen, wenn Ihr Euch zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags auf die Couch oder an den Strand legt und schlummert. Behauptungen, der Schlaf vor Mitternacht sei der wertvollste oder ein Mensch müsse acht Stunden am Stück schlafen, um erholt zu sein, sind falsch. Legt Euch immer dann ab, wenn Euch danach ist. Und wo Ihr möchtet. Plant dafür Zeit ein, damit Ihr Euch nicht hundemüde durch irgendwelche Museen schleppt, wenn Ihr lieber die Augen zumachen möchtet. Und wenn Ihr mal eine Nacht gar nicht schlaft, ist das kein Weltuntergang. Ihr müsst ja am kommenden Tag nichts tun, außer urlauben.

Ja, ich weiß. Populärer Schlafförderer bei Depression ist Schlafentzug. Sprich: Wer tagsüber seinen Schlaf verbraucht, findet nachts keine Ruhe. Aber mal ehrlich: Was machen die, die nachts keine Ruhe finden? 24/7 wach bleiben und wie ein Zombie durch die Gegend wanken? Bestimmt nicht.

Tipp Nummer 2: Ohropax! Ja, wirklich. Sie sind mein ständiger Begleiter. Gerade in einer depressiven Phase bin ich extrem lärmempfindlich. Ich höre alles dreifach so laut. Vor allem nachts. Vor allem in fremder Umgebung. Und vor allem in dünnwandigen Hotelzimmern. Also: Ohropax rein, Welt raus. Probiert’s. Es hilft!

· Redet, redet, redet! Und zwar nicht belanglosen Smalltalk, sondern Tacheles. Erklärt Eurem Partner, Eurer Familie, Euren Freunden, wie es Euch gerade geht. Dass Ihr liebend gerne
vJosie MEer9erreisen würdet, es aber im Moment nicht könnt. Oder nicht dorthin oder zu diesem Zeitpunkt. Auch, wenn Reden nicht Eure Paradedisziplin ist: Tut Euch und Euren Lieben diesen einen Gefallen, damit sie wissen, woran sie sind. Habt kein schlechtes Gewissen! Viel schlimmer ist es, jemanden im Ungewissen und auf dem trüben Boden der Vermutungen und Schuldgefühle fischen zu lassen.

Fazit: Wenn Ihr gerade in einer depressiven Phase seid, rate ich Euch von einer Urlaubsreise ab. Auch, wenn Luftveränderung von allen andern propagiert wird. Alle anderen sind nicht depressiv und wissen nicht, was Euch die Kehle zuschnürt. Sagt offen, wie es Euch geht, und habt den Mut, das zu tun, wonach Euch ist. Auch wenn das – und jetzt alle nochmal im Chor – NICHTS ist!

“Die größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern
unsere stillsten Stunden
.”
Friedrich Wilhelm Nietzsche

 “Ha, Du Schlaumeier!”, sagt Ihr jetzt. “Warum hast Du Dich dann nicht selbst an Deine Regeln gehalten in den vergangenen Ferien?!” Tja. Weil ich sie bis dahin auch noch nicht kannte. You live and learn – ich lebe und lerne. Immer wieder. Und diesmal auch für Euch. Ist das nicht klasse? *g*

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Urlaub-Titel

Ferien im Finsterwald

Wir sind im Paradies.  Während der Rest von Deutschland im Regentief versinkt, strahlt über uns ein Sonnenhoch. Das Frühstück war opulent, wie alle anderen Mahlzeiten hier – es fehlt an nichts. Der Mausebär ist heute Morgen herzig heiter in die Spielgruppe gehüpft, wir werden ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht Urlaub-Schildbekommen. De Hasen hat mich ausschlafen lassen, ein komplett freier Tag liegt vor mir. Unser Balkon bietet eine Traumaussicht – Pferdekoppel, Meer, Vogelzwitschern, Himmel. Wir sind im Paradies. Aber für mich ist es die Hölle.

3.50 Uhr morgens. Wach. Nicht der fehlende Schlaf ist schlimm. Sondern die Panik, die sich anschleicht. Gestern war es 4.15 Uhr. Ich weiß: Wenn sich die Drei nähert, ist die Depression da. Angst. Ohrensausen. Herzklopfen. Du schaffst den nächsten Tag nicht, wie willst Du das durchstehen, wenn Du nicht ausgeschlafen bist? Absurd. Du bist im Urlaub!

Ja. Ich bin im Urlaub. Und Urlaub ist für Depressive ein Finsterwald. Die Gesunden bleiben außen vor und wiegen verwundert die Köpfe. Sie sehen nicht und verstehen nicht. Wollt Ihr es versuchen? Dann folgt mir auf die Pfade ins Dickicht…

Auf der Flucht

Wir laufen einen Marathon. Er führt übern Stress. Für Euch ist es der gewöhnliche Ich-muss-noch-876-Dinge-einpacken-und-haben-wir-auch-nichts-vergessen-Weg. Aber mein Hirnstoffwechsel hinkt. Und mit ihm die Stress-Regulation. Mein Körper schüttet Cortisol aus. Ich bin bereit zur Flucht. Oder zum Kampf. Ich kann mich nicht entscheiden und verharre, gefangen in Spannung. Während alles seinen Platz im Wagen findet, zieht sich das Cortisol langsam wieder zurück. Normalerweise. Leider nicht in mir. Bei Depressiven schwärmt Cortisol aus, beißt sich fest, bleibt kleben. Es bizzelt in den Gliedern und stellt uns unter Dauerstrom. Ständig auf dem Sprung, Panik im Nacken. Das Cortisol legt unser Immunsystem lahm und entzündet sich an der Haut: Akne mit fast 40 und chronische Sinusitis. Langwierig und kräftezehrend ist es, sich vom Cortisol wieder reinzuwaschen. Mitunter dauert es Wochen, Monate, Jahre.

Rückschläge lauern dabei an jeder Ecke, getarnt als schlechtes Gewissen. Weil man das Schöne nicht genießen kann. Weil man das Teure nicht schätzen kann. Weil man dem Partner nicht anstrahlen kann. Weil man nicht wie jeder gottverdammt andere normale Mensch auch einfach seiUrlaub-Mannshandne Familie umarmen und sich am Paradies freuen kann!

Versumpft

Gleich neben der Stressstrecke wartet der Sumpf des Versagens. Einen Tag – ausgerechnet! – bevor wir in Urlaub fahren, kontaktiert mich ein Headhunter. Hat auf Xing mein Profil entdeckt. Den Link zu meinem Blog hat er großzügig überlesen. Er bietet mir einen Bombenjob bei BASF an. Vollzeit. Für ganz Europa. Pressesprecherin. Einige sagen: Wow! Jackpot! Ich frage mich, ob irgendjemand überhaupt zuhört, wenn ich was sage, liest, was ich schreibe. Unverständnis. Dass ich ablehne. Meine Entscheidung schwankt. Wie kannst Du nur? Du kannst doch nicht! Ja, ich kann nicht. Weil kein normaler Mensch, der ein Kind erzieht und Familie hat, dieses Pensum schaffen würde, sagt mein Prof. Ich glaube ihm nicht. Ich bin ein Versager. Wie immer schon. Sackgasse.

Schlammschlacht

Die Feindesfurcht bleibt. Alles wird zur Bedrohung am Urlaubsort: die neue Umgebung, das fremde Bett, die unbekannten Menschen im Speisesaal, die anderen Mütter in der Kinderbetreuung. Allein ein Geräusch kann Panik auslösen. Ein Lachen von der Wiese, weil ich fürchte, wegen zu großen Lärms nachts nicht schlafen zu können. Fortsetzung folgt. Alle Eindrücke strömen ungefiltert und dreifach so laut auf mich ein, und ich kann mich nirgendwo verkriechen. Trigger heißt das, wenn unser Körper instinktiv auf einen Reiz reagiert, der die Abwärtsspirale antreibt. Bei Depressiven kann alles zum Trigger werden. Der Blick in den Spiegel, die Stimme am Nebentisch, der Anblick eines Schwimmbads. Wecken unschöne Begebenheiten der Vergangenheit und reizen uns bis aufs Blut. Bis die trübe Brühe über uns zusammenschwappt. Wir sind ihr ausgeliefert, macht- und hilflos.

Auf dem Grund kauert die soziale Phobie im Schlamm und freut sich. Sie weiß, wir sind wertlos. Weil wir von Kindheit an nichts anderes erfahren haben. Weil wir im Alter vielfach bestätigt wurden. Unsere Partner sind hilflos. „Ich liebe Dich, weil Du es selbst nici fell in love with youht kannst“, sagt De Hasen oft. Ich versuche, es zu
glauben.

Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, wenn ich auf andere Menschen treffe. Sie treffen muss. Jede Sekunde tastet mein Hirn ab, was der Gegenüber von mir denkt, wie hässlich, albern oder skurril er mich wohl findet. Meine Gedanken schreiben eine Hintergrundmollmusik, deren Text einen Sprung hat: „Du bist zu fett. Du hast Pickel. Deine Nase ist krumm. Deine Klamotten schäbig. Deine Haltung schief. Deine Sprache lächerlich. Vergiss es. An die andern reichst Du eh nie ran.“ Der Aufenthalt unter meinesgleichen wird zum Horrorfilm, Smalltalk eine Farce. Egal, ob im Job oder unter Freunden, sogar in der Familie: Wir bestehen nur, weil wir uns mit übernatürlicher Kraft in eine Rolle pressen, von der wir denken, dass andere sie erwarten. Damit wir normal erscheinen.

Stellt Euch das vor. Und Ihr wisst, wie viel unglaubliche Energie mich mein Beruf als Pressesprecherin gekostet hat. Die zwei neuen Arbeitsstellen binnen zweier Jahre, die Vorstellungsgespräche, diese pseudo-psychologischen Spielchen und Prüfungen. Die Öffentlichkeit, die Veranstaltungen, die Meetings. Mehr, als ein Mensch tragen kann.

Im Dunkel-Dickicht

Undurchdringlich ist der Dschungel. Dort hält sich das Dopamin versteckt. Es weiß, es soll die Menschen erhellen. Ein Wegweiser auf verschlungenem Pfad zwischen Relevanz und Irrelevanz. Wo kein Dopamin, da keine Hoffnungsstreif. Was bleibt dem Depressiven, dem es an Dopamin mangelt, als sich auf Irrlichter zu verlassen, die ihm mit Liebe den Weg in den Abgrund weisen. Simple Sinneseindrücke zur grotesken  Grausamkeit ausstrahlen. Vor allem nachts.

Kennt Ihr den Film Zeit des Erwachsens“ mit Robin Williams und Robert de Niro? Schaut ihn Euch an. Und Ihr wisst, wie es Menschen im Dopamin-Dschungel geht.Urlaub-Quallen

Stau der Glückseligkeit

Der Fluss im Hirn ist unterbrochen. Die Depression hat Serotonin-Dämme errichtet. Es staut sich und kommt nicht weiter und signalisiert dem Körper, dass er zu viel davon hat. Das Glückshormon ebbt ab, versiegt. Das ist fatal. Denn der Neurotransmitter macht nicht nur „glücklich“, er beeinflusst unser komplettes Leben. Steuert unsere Wahrnehmung, unseren Schlaf, regelt unsere Temperatur, Schmerzempfinden und Schmerzverarbeitung. Macht uns Appetit und Lust auf Sex. Bringt Herz-Kreislaufsystem, Verdauung und Blutgerinnung in Schwung.

Wenn Ihr depressiv seid, versiegt dieser Strom der Glückseligkeit. Euch zermürben  Gelenk- und Rückenschmerzen vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Es gibt keinen Tag, an dem Ihr frisch und ausgeschlafen und voller Lust aufspringt. Am Morgen schon seid Ihr am Ende. Ihr schleppt Euch hundemüde durch die Stunden, findet keinen Schlaf. Im Sommer erfriert, im Winter verglüht Ihr. Erleidet Fressanfälle und Magerwahn, Herzrasen, Kreislaufkollapse, Durchfälle und blaue Flecken am ganzen Körper. Ihr vegetiert dahin, bis Ihr nur noch ein Schatten Eurer selbst seid. Völlig entnervt, völlig entkräftet. Und doch – niemand darf es merken! Und es bemerkt auch niemand. Ihr seid Meister der Gesichter, das Rollenspiel Eure höchste Kunst. Jede verdammte Minute.

Willkommen im Finsterwald! Die Dornen schließen sich hinter Euch wie im Märchen die Hecke. Die Hölle, das sind nicht nur die anderen. Die Hölle, das sind wir selbst.

Wa(h)re Wegweiser

Wer weist Euch jetzt den Weg zurück? Und welchen wollt Ihr wählen? Laut einer Studie schaffen es nur sechs Prozent aller Depressiven zurück ans Licht. Ist das ein Wunder? Ja. Der Rest kämpft ein Leben lang. Oder ergibt sich der Dunkelheit. Ist das ein Wunder? Nein.

Urlaub-WegweiserEs fehlt an Wegweisern. An Lotsen. Und an guten Feen. Wer sich alleine auf den Weg macht, scheitert. Wer die falsche Begleitung wählt, irrt. Wer zaubern kann, sehr viel Glück hat oder den Weg nicht zum ersten Mal antritt, wird es vielleicht schaffen. Doch jedes Mal bleibt ein Teil seines Muts, seines Willens auf der Strecke.
Seit 20 Jahren bin ich auf der Reise. In den dunkelsten Finsterwald und zurück ans Licht. Mittlerweile kenne ich fast alle Wege im Schlaf. Und alle Irrlichter beim Namen. Ich habe mich durchgeschlagen, verletzt, überlebt. Gnade mir, wenn ich vergesse, was ich dabei lernen musste. Wenn ich eine Sekunde meine Gedanken freilasse. Der Wald verschlingt mich mit Haut und Haar. Ohne Wenn und Aber.

Gerade wuchert mein persönlicher Finsterwald auf einer kleinen Insel in der Ostsee. Wie gerne würde ich mir darin eine Höhle graben, mich mit Moos bedecken und für immer verschwinden. Damit die Reise ein Ende hat. Aber sie wird nicht zu Ende gehen. Also packe ich wieder mal meine Machete aus und kämpfe mich zurück. An die Ostsee. Zu meiner Familie. Zu mir selbst.

Ich bin schließlich im Urlaub.

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Briefe

Kreischalarm

Wenn wir etwas Spezielles ausdrücken wollen – tiefes Glück, große Empörung oder die schlichte Erkenntnis, dass heute Nacht mal wieder die Kotzekatze zugeschlagen hat – ist es für meine Freundinnen und mich Zeit, schreiend im Kreis zu rennen. Und/oder Prilblümchen zu werfen (ich hab’ Euch lieb!). Das passiert alle paar Wochen, und dann is’ wieder gut.

Aber seit Tagen ist nichts mehr gut. Genauer gesagt, seit dem einunddreißigsten Juli. Da veröffentlichte de Hasen nämlich das:

Briefe3

Am 4. August ging’s los. Jeden Morgen ziert nun eine der regenbogenbunten Kärtchen meinen Frühstücksteller. Darin stehen kryptische Sätze wie: “Ich freue mich, mit Dir in einem Straßencafé unter Bäumen zu sitzen.” Oder die Wettervorhersage eines streng geheimen My-lips-are-sealed-Reiseziels (na, erkennt Ihr die Stadt?):

Briefe2

Ich weiß nur seit Monaten, dass ich mir von morgen an das Wochenende frei nehmen soll. Dass ich mich bequem anziehen kann (“außer Freitagabend, da trage ich Anzug”….*kreisch!!!*). Dass wir bummeln und flanieren, aber nur so viel, wie meine Bandscheibe hergibt. Und seit heute Morgen weiß ich das…

Briefe4

Ich geh dann mal ‘ne Runde weiterkreischen.
AAAAAAAAAAAAAAARRRRRRGGGGHHHHHHHHHH!

PS: Liebe Spanner, Stalker und selbsternannte Superdiebe. Unser Haus wird in dieser Zeit gesittet. Und zwar nicht nur von unserer Wachkatze, die schon einiges auf dem Gewissen hat. Also vergesst es. Lieben Gruß, die Bloghüttler.

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