Schlagwort-Archiv: Robin Williams

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Es geht vorbei

Den unten stehenden  Kommentar habe ich gestern zu meinen Text “Du hast die Wahl” bekommen. Ich möchte ihn gerne mit Euch teilen, weil er so wunderbar mutmachend ist. Danke dafür!
Danke auch für all Eure Zuschriften! Ihr müsst Euch keine Sorgen um mich machen. Ich habe meine Wahl längst getroffen, und die heißt Leben, mit allem, was für mich eben dazu gehört. Ich wollte Euch nur einen Eindruck davon geben, wie es im Kopf von Menschen aussieht, die das Leben nicht mehr ertragen. Damit Ihr es besser versteht.

Viele sagen: Na, dann ignorier doch die Stimmen im Kopf! Oder: Such nach Deinem inneren Wesen und schicke es vor! Tja. Wenn ich das nicht schon all die Jahre versucht hätte. Ich versuche es eben weiter. Vielleicht gelingt es mir irgendwann.

Noch ein Wort zu dem “sich als andere Person fühlen und die vorschicken”: Für mich ist das keine Option mehr. Ich habe so lange in meinem Leben eine und mehrere Rollen gespielt, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Das macht nicht nur mir zu schaffen, sondern auch meinem Mann und allen, die mir nahestehen. Gerade möchte ich einfach nur alle selbst kreierten und von außen auferlegten Rollen abstreifen und rausfinden, was dann noch über bleibt. Ich habe so viele Verhaltentrainings hinter mir, dass ich auf Knopfdruck funktioniere. Nur leben ist das nicht.
Mal sehen, wie ich da weiterkomme. Ich halte auch auf dem Laufenden.

Und jetzt geh ich raus und schau nach, ob die Blumen wirklich so bunt sind ;-)

Ich drück Euch, Patricia

Ich kenne diese Verfassung. Ich kenne die Sehnsucht, es möge vorbei sein. Bald. Am Besten sofort. Für mich ist es vorbei. Diese abgrundtiefe, scheinbar unendliche Müdigkeit und Leere, die ständige Selbstverachtung und das Gefühl nur eine Last zu sein. 

Warum es vorbei ist weiß ich nicht genau.  Es fing an mit einer Ärztin, die mir erklärte, dass ich zu blöd bin das Richtige für mein Kind zu tun. Die mir sogar die Polizei ins Haus schickte, um mein Kind vor mir zu schützen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Polizisten kopfschüttelnd und uns alles Gute wünschend wieder gegangen sind, ohne einen Grund für diese Aktion gefunden zu haben). Aber da bin ich wie aus einer Trance aufgewacht. Genauso fühlte es sich an. Wie aufwachen.

Mein schlummerndes Ego hat sich aufgebäumt und hat einen Urschrei von sich gegeben. Seitdem ist es für mich vorbei. Ich habe noch kurze Phasen, wo sich alles wieder “blöd” anfühlt, aber das vergeht immer sehr schnell. Auch der Verzicht auf Zucker hat viel bewirkt (das meine ich sehr ernst). Ich lebe wieder. Ich fühle mich wie ein Mensch. Ich habe zwar viel abgenommen, aber ich bin immer noch fett. Ist mir egal. Ich bin nicht bereit, dieser Stimme, die mich dafür verhöhnt, nochmal eine Bühne zu geben. Denn ich bin wieder wach. Ich bestimme, wer in meinem Kopf rumtönt. 

Ich erzähle das nicht, um mich als “besser als ihr” darzustellen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte Mut machen. Ich dachte jahrzehntelang nur daran, wie und wann ich es(mich)  beenden kann, ohne andere zu sehr damit zu behelligen. Heute weiß ich, das war nicht ich. Das war so was wie ein Albtraum. Aber jetzt bin ich wach. Und dieses Erwachen wünsche ich allen Betroffenen von ganzem Herzen. Dann seht ihr, wie bunt die Blumen sind und wie blau der Himmel leuchtet.  

Gebt nicht auf! Gebt niemals auf!


 

Welle Titel

CBASP – Wellenreiten für chronisch Depressive

Dieser Text ist für A. und M. und alle anderen, die noch einen Ausweg aus der Depression suchen. Er ist ein wenig *räusper* lang geraten. Also nehmt Euch ne Tasse Kaffee, nen Keks und vor allem Zeit und kommt mit mir in den April 2012…

Da sitze ich wieder, in dem kleinen, muffigen Räumchen des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), zweiter Stock, Flur ganz durch, hinten links. Während ich diesen Text schreibe, bin ich erneut mitten drin, im ZDCIM112GOPROimmer, im Geschehen, in der Therapie – jene Therapie, die mir beibrachte, nicht in den Wellen meiner Depression zu versinken, sondern sie zu reiten. Die für mich die Rettung war.

Frühjahr 2012. Ich habe eine Geburt hinter mir, eine Scheidung, drei Umzüge mit Kleinkind, drei Jahre als alleinerziehende berufstätige Mama und einen Arbeitgeber, der mich gerade hinaus gemobbt hat. Alles so viel, dass weder mein Antidepressivum Citalopram noch eine „normale“ Verhaltenstherapie mehr greift. Ich bin am Ende. In meiner Verzweiflung google ich nach Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Depressive und lande auf der Homepage des ZIs. Dort suchen sie Teilnehmer für eine Studie. Eine neue Behandlungsform ist aus den USA herübergeschwappt, angeblich genauso wirksam wie Antidepressiva und vor allem für chronisch Depressive.

Ich maile hin und lande bei meinem heutigen Prof. „Bitte“, flehe ich ihn an, „helfen Sie mir! Das ist meine letzte Rettung.“ Tatsächlich lädt er mich zum Screening ins ZI. Ich werde auf Herz und Seele geprüft. Denn nur Patienten mit eineBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.19.13m tatsächlich chronischen Depressionsverlauf können an der Studie, welche die Wirksamkeit der neuen gegenüber alten Therapieformen beweisen will, teilnehmen. Ich bete, dass der Test positiv ausfällt und ich zu den Probanden der neuen Therapie gehöre. Es klappt. Mein Depressionsindex liegt bei 87 (Gesunde haben null, bei 90 gibt man sich glaub’ ich die Kugel), und ich werde der neuen Therapieform zugeteilt. Ich bin unendlich erleichtert und fortan Studienteilnehmer, Gruppe CBASP.

Was klingt wie eine Wespe mit Startschwierigkeiten, heißt in Langform „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy” (CBASP) – zu Deutsch „Kognitives Verhaltens-Analyse-System der Psychotherapie“. Das neue Behandlungsverfahren wurde Ende der 1990er von Prof. James P. McCullough Jr. (Virginia Commonwealth University, USA) entwickelt, um 2006 kam es nach Deutschland. Es ist bis heute weltweit der einzige Therapieansatz, der speziell für chronisch (länger als zwei Jahre) Depressive konzipiert wurde.

CBASP geht davon aus, dass chronisch Depressive durch früh erfahrene Traumata (Misshandlungen, Verluste oder chronische Vernachlässigung) sozial und emotional in ihrer Entwicklung meblockiert wurden. Die Betroffenen haben nie gelernt, mit anderen Personen und ihrer Umwelt zu interagieren. Wenn sie es heute dennoch versuchen, und das aufgrund fehlenden „sozialen Wissens“ schief geht, sind sie frustriet und ziehen sich immer weiter zurück.

In der Kindheit traumatisierte Menschen bleiben oft in einem präoperativen Entwicklungsstadium stehen, also sozial und kognitiv auf der Stufe eines zwei- bis siebenjährigen Kindes. Versetzt Euch in eine Sechsjährige, die sich durch den Managementdschungel eines Großunternehmens mit all seinen menschlichen Spitzfindigkeiten schlagen muss. Das ist die Erklärung, warum so viele, die doch so qualifiziert sind, so oft scheitern.

Haben Menschen nicht die Chance, dieses Entwicklungsdefizit aufzuarbeiten, leiden sie ein Leben lang an niedrigem Selbstwert und einer generellen Hoffnungslosigkeit. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur genauen Beobachtung und Selbstwahrnehmung. Zudem können sie Erfahrungen kaum verarbeiten. Deswegen fällt es chronisch Depressiven sehr schwer, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Besonders fremde oder neue Menschen und Situationen sind anstrengend, weil sie automatisch mit Personen und Erlebnissen Bildschirmfoto 2014-10-02 um 14.53.25früherer Traumata gleichgesetzt werden. Beispiel: „Mama hat mir immer weh getan, also wird auch Herr oder Frau XY mir immer wehtun.“

Was CBASP nun tut, ist, diese finsteren Gedanken zu durchleuchten, aufzudröseln, kleinzuhacken, zu überprüfen und sie durch neue, positive, zielführende zu ersetzen. Der Patient lernt, dass niemand außer ihm selbst über seine Gedanken bestimmen kann. Dass es in seiner Macht liegt, wie Leute ihn sehen und auf ihn reagieren und wie er sich verhält. Er wird vom ferngesteuerten Opfer seiner Depression zum selbstbestimmten Agitator seines Lebens.

Klingt alles so wunderbar, so einfach, oder? Isses aber nicht. (Wäre ja auch zu schön gewesen… ;-)) Stellt Euch vor, Ihr wart 20 Jahre gelähmt an einen Rollstuhl gefesselt und habt nun die Chance, wieder gehen zu können. Wie lange brauchen Eure Nerven, Eure Muskeln und letztlich Euer Willen, das in Angriff zu nehmen – vom ersten Schritt bis zum Marathonlauf? Vermutlich ein Jahr. Mindestens. Genauso ist es bei CBASP. Zwischen dem Entschluss, sich in Bewegung zu setzenCBASP1 und dem Erreichen der Ziellinie liegt ein Jahr harten Trainings. Ich will Euch zeigen, wie meins aussah.

Zuerst einmal musste ich herausfinden, warum ich falsch gepolt war. Dass ich es war, war mir klar, aber nicht, wieso! Also gingen mein Therapeut und ich meinem Leben auf den Grund – bis in die frühe Kindheit…

  • Wie sah es mit meinen emotionalen Bedürfnissen aus, wurden sie erfüllt? Wie Ihr an dem Flipchart-Blatt aus meiner ersten Sitzung im April 2012 erkennen könnt, lautet die Antwort: Nein. Meine Mutter hatte kein Interesse an mir, unterdrückte mich und trat meine Bedürfnisse sprichwörtlich mit Füßen. Mein Vater tat es ihr gleich. Mein Großvater, der mit uns im Haus lebte, erkannte meine Bedürfnisse, unterstützte mich aber nicht, weil er genauso viel Schiss vor meiner Mutter hatte wie ich.
    Ich lernte: Meine Bedürfnisse und ich interessieren niemanden.
  • Meine Kindheit war geprägt von negativen Gefühlen. Die Mutter drohte mit Strafe (körperliche und psychiche), ansonsten kam von ihr keinerlei Unterstützung. Der Vater strafte ebenso und war kaltherzig. Mit dem Großvater war ich verbunden im Leid, aber auch von ihm kam keine Hilfe.
    Ich lernte: Ich muss CBASP2alles selber mit mir abmachen; ich werde herabgewürdigt und gestraft, wenn ich zeige, wie es mir geht.
  • Bei „Fehlern“ meinerseits (die meine Mutter willkürlich zu solchen erklärte) kam es zur Strafe durch die Mutter, wiederholt abends vom Vater und zu sogenannten Familiengerichten, bei denen ich nochmals verurteilt und bestraft wurde.
    Ich lernte: Ich darf keine Fehler machen! Und ich bekam nie ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.
  • Auch der Beziehungsfähigkeit drückte meine Kindheit ihren Stempel auf. Von meiner Mutter erfuhr ich null Nähe, dafür Gewalt. Dasselbe gilt für meinen Vater, wobei er Nähe zuließ, wenn die Mutter es nicht mitbekam. Meine Großeltern, die weiter weg lebten, gaben mir alle Liebe und Nähe, die sie hatten. Sie waren mein Rückzugsort, der aber zeitlich begrenzt auf ein paar Wochen im Jahr blieb.
    Ich lernte: Beziehungen sind nicht verlässlich.

All diese Erfahrungen, all diese Stempel setzten sich in mir fest und beeinflussten jede weitere Begegnung, jeden weiteren Schritt in meinem restlichen Leben, ja sogar die Art und Weise, wie andere auf mich reagierten. Wie es in den Wald hineinruft…? Ja. Blödes Sprichwort. Aber es stimmt. Wissenschaftlich erwiesen. Schaut Euch den Kiesler-Kreis an. Er zeigt, wie sich Personen untereinander Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.05verhalten, welche Rolle sie einnehmen. Ist der eine dominant-distanziert, wird der andere unterwürfig-distanziert reagieren – so geschehen bei meiner Mutter und mir, siehe mein Kiesler-Kreis von einer Therapiestunde ganz am Anfang. Selten ändert sich der andere. Also könnt Ihr diesen Teufelskreis nur durchbrechen, indem IHR Euch ändert, IHR eine andere Rolle einnehmt. Sobald Ihr nicht mehr feindselig-unterwürfig, sondern zum Beispiel freundlich-dominant agiert, wird der andere freundlich-unterwürfig reagieren. Das ist kein Hokuspokus, keine Magie, sondern einfach menschlich.

Im Nachhinein erklären diese Blätter vom Flipchart meines Therapeuten so vieles, fast alles. Aber bis zum Frühjahr 2012 wusste ich davon nichts. Als Kind hatte ich keine Möglichkeit, das zu erkennen oder zu verändern. Und als Erwachsene war und bin ich noch immer zutiefst schockierBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.32t darüber, was meine Eltern mir angetan und mir somit die Chance auf ein normales, glückliches Leben genommen haben.

Die Kunst war nun also, mich so umzupolen, dass ich auf meine Mutter und stellvertretend alle anderen Menschen nicht mehr feindselig-unterwürfig reagieren oder ihnen erst gar nicht in dieser Weise gegenübertreten würde. Dass ich nicht länger als Opfer leben müsste. Oh, Gott, dachte ich damals, mitten in der Depression. Wie soll ich das nur schaffen? In ganz, ganz, ganz kleinen Schritten und mithilfe der CBASP-Situationsanalyse. Weiter unten habe ich Euch zwei typische Beispiele aus meiner Therapiezeit eingefügt. Wie ein Patient mit Schlaganfall musste ich wieder lernen, meine Gedanken und meinen Körper selbst zu leiten.

„Wenn Sie einen Brief schreiben möchten“, fragte mein Therapeut, „was tun Sie da?“
„Ich mache mir Gedanken über den Inhalt und schreibe los“, sagte ich.
„Hm“, sagte der Therapeut. „Wenn sie einen Brief schreiben möchten, müssen Sie erst einmal einen Stift zur Hand nehmen. Und was tun sie, um den Stift in die Hand zu nehmen?“
„Ich greife danach?“DCIM112GOPRO
„Aha. Und was müssen Sie Ihrer Hand sagen, damit sie das auch tut?“
„Greif!“

Zweimal die Woche fuhr ich nun ins ZI und analysierte eine Stunde lang genau EINE Situation wie zum Beispiel das Aufheben eines Stiftes. Es waren nur Sekundenbruchteile einer Szene, die mich völlig aus der Bahn warfen: Meine Mutter öffnet die Tür, schaut mich an, ich heule. Wir fanden heraus, welche meiner Gedanken mich in die Irrealität, in frühere Situationen, führten. Ich lernte, sie zu destillieren, durch neue zu ersetzen. In zahllosen Rollenspielen saß ich Menschen meines früheren Lebens gegenüber und führte Dialoge ein zweites Mal – bis ich diejenige war, die freundich-dominant den Gesprächsverlauf und damit mein Leben  bestimmte.

Hier seht Ihr zwei meiner Blätter als Beispiel (anklicken), die Ihr gerne auch für Euch als Vorlage herunterladen könnt:
Situationsanalyse Hochzeitskleid
Situationsanalyse Döner

Was wir nicht in den Therapiesitzungen besprechen konnten, analysierte ich alleine zuhause. Nun hat ein Tag ziemlich viele Sekundenbruchteile und eine Woche erst recht. Also analysierte und analysierte ich, in meiner Wohnung stapelten sich Blätterberge, mein Leben war eine einzige Situationsanalyse. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf, erforschte meine Gedanken, entlarvte die Irrläufer, formulierte meinen Schlachtruf („Schlaf ein!“) Welle 02und betete ihn so lange mantramäßig vor mich hin, bis niemand außer mir mehr in meinem Kopf war – und ich tatsächlich einschlief.

Oft genug war ich versucht, wieder meine Antidepressiva, die ich vor Therapiebeginn absetzen musste, zu nehmen. Aber ich hielt durch. Ich wusste, es war meine letzte Chance. Ich lernte, mich bewusst mit Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, Geburtstage zu feiern, zusammen zu arbeiten. Ich fand heraus, was für mich falsch und richtig war, was (und wen) ich liebte und was (und wen) nicht. Ich äußerte Kritik, und Kritik von anderen tat nicht mehr so weh. Und – die Königsdisziplin – ich sagte meiner Mutter ins Gesicht, dass ich anderer Meinung sei als sie und das tun würde, was mir gefiele.

Ein Jahr dauerte es, Training rund um die Uhr, bis sich das neu Erlernte in meinem Hirn festsetzte, automatisierte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nicht mehr bei jeder GeBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.23.55legenheit Blatt und Stift aus der Tasche zog, sondern unbewusst die Situation schon gemeistert hatte. CBASP war fest in mir verankert, hatte alte Denk- und Verhaltensmuster bei Seite geschoben, sich etabliert und mein inneres, traumatisiertes Kind wachsen und heilen lassen. Im April 2013 war mein Leben endlich selbstverständlich geworden, und ein letztes Screening zeigte statt einem Index von 87 die Zahl Drei. Nicht mehr chronisch depressiv. Ganz ohne Medikamente. Nur mit CBASP. Und allein durch mich.

„Aber“, ereifert Ihr Euch nun (ich kann es genau hören ;-)), „aber, der Finsterwald! Im Sommer! In den Ferien! Immer wieder musst Du gegen ihn kämpfen! Wie kannst Du da sagen, Du bist geheilt?!“ Ich antworte wie mein weise schmunzelnder Prof, dem ich vergangene Woche genau dieselbe Frage stellte: „Frau W., sie werden nie geheilt sein“.

Das ist das Leben: Verletzungen hinterlassen Narben. Wir werden dünnhäutig, und manchmal brechen Narben wieder auf. Für mich heißt das, dass ich stets vulnerabel, also verletzlich sein werde. Aber mal ganz ehrlich – wer ist das nicht! Stress ist ein großer Feind. Er macht mich fahrig, ich verliAivasovsky_Ivan_Constantinovich_Moonlit_Seascape_With_Shipwreckere meine Kontur, bin nicht bei mir und in mir, schenke mir keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn dann etwas auf mich einströmt – Konflikt mit dem Ex-Partner, neuer Job, Urlaub – übersehe ich den Leuchtturm und schippere geradewegs ins Unglück. Ich vergesse, die Situation zu analysieren und mich mit einem Schlachtruf wieder heraus zu katapultieren. Oft verliere ich den Blick für die Realität und setze mir Ziele, die selbst mit der ausgefeiltesten CBASP-Methode nicht zu erreichen sind. Ich kämpfe mich mit irrealen Gedanken (Du MUSST das jetzt schaffen!!) gegen den Strom und rudere volle Kraft voraus in den Untergang. Und manchmal – ich geb’s offen zu – hab’ ich auch einfach keinen Bock mehr und lass die Segel gleiten. Ich rutsche auf der nächsten Depressions-Welle aus und strande wieder mal in meinem kleinen, muffigen Räumchen im Mannheimer ZI.

Das ist nicht schlimm. Für mich. Für Außenstehende schon, weil sie Angst haben, dass ich ertrinken würde. Ich kann es verstehen. Noch heute zweifle ich, selbst in guten Phasen, wenn ich den Tanzsaal, den Reitplatz, die Geburtstagsparty oder meDepression me3in Büro betrete: „Was werden sie über Dich denken?!“ Aber es bleibt bei diesem einen, kurzen Stich ins Herz und binnen Sekunden habe ich mich wieder unter Kontrolle. Nur bei zwei Menschen hat sich dieser anfängliche Schmerz, diese Angst völlig verloren. Nicht bei meinen Eltern oder bei meinen besten Freunden. Sondern bei DeHasen und meinem Mausebären.

Ob CBASP dauerhaft eine Alternative zu Antidepressiva bietet? Wir werden sehen, was die Auswertung der Studie im kommenden Jahr bringt. Prof. Christian Schubert, Medizinische Universität Innsbruck, forscht auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie. Ihn hatte ich gefragt, ob ein Leben mit chronischer Depression ohne Medikamente möglich sei. Seine Antwort: „Ja, mit sehr viel harter Arbeit.“

Ich merke das: Extremsituationen wie Vorstellungsgespräche sind immer noch ein enormer Kraftakt und erfordern da, wo andere sich nur auf die Fragen des Gegenübers konzentrieren, meine ganze cbasp3Körper- und Willensbeherrschung. Dass CBASP selbst dann wirkt, seht Ihr an dem psychologischen Gutachten, das eine Firma von mir erstellt hat. Ich verkneife mir ein triumphierendes Grinsen und verweise besonders auf den Bereich „Außenorientierung“ (Den Job habe ich übrigens dann auch bekommen. Es war der mit dem Döner).

Also keine Sorge: Jede Welle, die ich nehme, macht mich stärker. Ich hab nämlich inzwischen nicht nur das Depressions-Seepferdchen. Sondern auch den Freischwimmer. In Silber;-)


  • Die bunten Folien sind aus einem Vortrag von Frank Padberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München (9. November 2009) über Psychotherapie bei chronischen Depressionen.
  • Das kleine Mädchen auf Bild 3 bin ich.
  • Das Bild vom Wrack im Mondlicht ist von Aivasovsky Ivan Constantinovich (Rechte gemeinfrei).
  • Und die wunderschönen Meerfotos sind von DeHasen.
  • Alle weiteren Infos zu CBASP und eine Liste von zertifizierten Therapeuten findet Ihr hier.

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Urlaub-Titel

Ferien im Finsterwald

Wir sind im Paradies.  Während der Rest von Deutschland im Regentief versinkt, strahlt über uns ein Sonnenhoch. Das Frühstück war opulent, wie alle anderen Mahlzeiten hier – es fehlt an nichts. Der Mausebär ist heute Morgen herzig heiter in die Spielgruppe gehüpft, wir werden ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht Urlaub-Schildbekommen. De Hasen hat mich ausschlafen lassen, ein komplett freier Tag liegt vor mir. Unser Balkon bietet eine Traumaussicht – Pferdekoppel, Meer, Vogelzwitschern, Himmel. Wir sind im Paradies. Aber für mich ist es die Hölle.

3.50 Uhr morgens. Wach. Nicht der fehlende Schlaf ist schlimm. Sondern die Panik, die sich anschleicht. Gestern war es 4.15 Uhr. Ich weiß: Wenn sich die Drei nähert, ist die Depression da. Angst. Ohrensausen. Herzklopfen. Du schaffst den nächsten Tag nicht, wie willst Du das durchstehen, wenn Du nicht ausgeschlafen bist? Absurd. Du bist im Urlaub!

Ja. Ich bin im Urlaub. Und Urlaub ist für Depressive ein Finsterwald. Die Gesunden bleiben außen vor und wiegen verwundert die Köpfe. Sie sehen nicht und verstehen nicht. Wollt Ihr es versuchen? Dann folgt mir auf die Pfade ins Dickicht…

Auf der Flucht

Wir laufen einen Marathon. Er führt übern Stress. Für Euch ist es der gewöhnliche Ich-muss-noch-876-Dinge-einpacken-und-haben-wir-auch-nichts-vergessen-Weg. Aber mein Hirnstoffwechsel hinkt. Und mit ihm die Stress-Regulation. Mein Körper schüttet Cortisol aus. Ich bin bereit zur Flucht. Oder zum Kampf. Ich kann mich nicht entscheiden und verharre, gefangen in Spannung. Während alles seinen Platz im Wagen findet, zieht sich das Cortisol langsam wieder zurück. Normalerweise. Leider nicht in mir. Bei Depressiven schwärmt Cortisol aus, beißt sich fest, bleibt kleben. Es bizzelt in den Gliedern und stellt uns unter Dauerstrom. Ständig auf dem Sprung, Panik im Nacken. Das Cortisol legt unser Immunsystem lahm und entzündet sich an der Haut: Akne mit fast 40 und chronische Sinusitis. Langwierig und kräftezehrend ist es, sich vom Cortisol wieder reinzuwaschen. Mitunter dauert es Wochen, Monate, Jahre.

Rückschläge lauern dabei an jeder Ecke, getarnt als schlechtes Gewissen. Weil man das Schöne nicht genießen kann. Weil man das Teure nicht schätzen kann. Weil man dem Partner nicht anstrahlen kann. Weil man nicht wie jeder gottverdammt andere normale Mensch auch einfach seiUrlaub-Mannshandne Familie umarmen und sich am Paradies freuen kann!

Versumpft

Gleich neben der Stressstrecke wartet der Sumpf des Versagens. Einen Tag – ausgerechnet! – bevor wir in Urlaub fahren, kontaktiert mich ein Headhunter. Hat auf Xing mein Profil entdeckt. Den Link zu meinem Blog hat er großzügig überlesen. Er bietet mir einen Bombenjob bei BASF an. Vollzeit. Für ganz Europa. Pressesprecherin. Einige sagen: Wow! Jackpot! Ich frage mich, ob irgendjemand überhaupt zuhört, wenn ich was sage, liest, was ich schreibe. Unverständnis. Dass ich ablehne. Meine Entscheidung schwankt. Wie kannst Du nur? Du kannst doch nicht! Ja, ich kann nicht. Weil kein normaler Mensch, der ein Kind erzieht und Familie hat, dieses Pensum schaffen würde, sagt mein Prof. Ich glaube ihm nicht. Ich bin ein Versager. Wie immer schon. Sackgasse.

Schlammschlacht

Die Feindesfurcht bleibt. Alles wird zur Bedrohung am Urlaubsort: die neue Umgebung, das fremde Bett, die unbekannten Menschen im Speisesaal, die anderen Mütter in der Kinderbetreuung. Allein ein Geräusch kann Panik auslösen. Ein Lachen von der Wiese, weil ich fürchte, wegen zu großen Lärms nachts nicht schlafen zu können. Fortsetzung folgt. Alle Eindrücke strömen ungefiltert und dreifach so laut auf mich ein, und ich kann mich nirgendwo verkriechen. Trigger heißt das, wenn unser Körper instinktiv auf einen Reiz reagiert, der die Abwärtsspirale antreibt. Bei Depressiven kann alles zum Trigger werden. Der Blick in den Spiegel, die Stimme am Nebentisch, der Anblick eines Schwimmbads. Wecken unschöne Begebenheiten der Vergangenheit und reizen uns bis aufs Blut. Bis die trübe Brühe über uns zusammenschwappt. Wir sind ihr ausgeliefert, macht- und hilflos.

Auf dem Grund kauert die soziale Phobie im Schlamm und freut sich. Sie weiß, wir sind wertlos. Weil wir von Kindheit an nichts anderes erfahren haben. Weil wir im Alter vielfach bestätigt wurden. Unsere Partner sind hilflos. „Ich liebe Dich, weil Du es selbst nici fell in love with youht kannst“, sagt De Hasen oft. Ich versuche, es zu
glauben.

Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, wenn ich auf andere Menschen treffe. Sie treffen muss. Jede Sekunde tastet mein Hirn ab, was der Gegenüber von mir denkt, wie hässlich, albern oder skurril er mich wohl findet. Meine Gedanken schreiben eine Hintergrundmollmusik, deren Text einen Sprung hat: „Du bist zu fett. Du hast Pickel. Deine Nase ist krumm. Deine Klamotten schäbig. Deine Haltung schief. Deine Sprache lächerlich. Vergiss es. An die andern reichst Du eh nie ran.“ Der Aufenthalt unter meinesgleichen wird zum Horrorfilm, Smalltalk eine Farce. Egal, ob im Job oder unter Freunden, sogar in der Familie: Wir bestehen nur, weil wir uns mit übernatürlicher Kraft in eine Rolle pressen, von der wir denken, dass andere sie erwarten. Damit wir normal erscheinen.

Stellt Euch das vor. Und Ihr wisst, wie viel unglaubliche Energie mich mein Beruf als Pressesprecherin gekostet hat. Die zwei neuen Arbeitsstellen binnen zweier Jahre, die Vorstellungsgespräche, diese pseudo-psychologischen Spielchen und Prüfungen. Die Öffentlichkeit, die Veranstaltungen, die Meetings. Mehr, als ein Mensch tragen kann.

Im Dunkel-Dickicht

Undurchdringlich ist der Dschungel. Dort hält sich das Dopamin versteckt. Es weiß, es soll die Menschen erhellen. Ein Wegweiser auf verschlungenem Pfad zwischen Relevanz und Irrelevanz. Wo kein Dopamin, da keine Hoffnungsstreif. Was bleibt dem Depressiven, dem es an Dopamin mangelt, als sich auf Irrlichter zu verlassen, die ihm mit Liebe den Weg in den Abgrund weisen. Simple Sinneseindrücke zur grotesken  Grausamkeit ausstrahlen. Vor allem nachts.

Kennt Ihr den Film Zeit des Erwachsens“ mit Robin Williams und Robert de Niro? Schaut ihn Euch an. Und Ihr wisst, wie es Menschen im Dopamin-Dschungel geht.Urlaub-Quallen

Stau der Glückseligkeit

Der Fluss im Hirn ist unterbrochen. Die Depression hat Serotonin-Dämme errichtet. Es staut sich und kommt nicht weiter und signalisiert dem Körper, dass er zu viel davon hat. Das Glückshormon ebbt ab, versiegt. Das ist fatal. Denn der Neurotransmitter macht nicht nur „glücklich“, er beeinflusst unser komplettes Leben. Steuert unsere Wahrnehmung, unseren Schlaf, regelt unsere Temperatur, Schmerzempfinden und Schmerzverarbeitung. Macht uns Appetit und Lust auf Sex. Bringt Herz-Kreislaufsystem, Verdauung und Blutgerinnung in Schwung.

Wenn Ihr depressiv seid, versiegt dieser Strom der Glückseligkeit. Euch zermürben  Gelenk- und Rückenschmerzen vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Es gibt keinen Tag, an dem Ihr frisch und ausgeschlafen und voller Lust aufspringt. Am Morgen schon seid Ihr am Ende. Ihr schleppt Euch hundemüde durch die Stunden, findet keinen Schlaf. Im Sommer erfriert, im Winter verglüht Ihr. Erleidet Fressanfälle und Magerwahn, Herzrasen, Kreislaufkollapse, Durchfälle und blaue Flecken am ganzen Körper. Ihr vegetiert dahin, bis Ihr nur noch ein Schatten Eurer selbst seid. Völlig entnervt, völlig entkräftet. Und doch – niemand darf es merken! Und es bemerkt auch niemand. Ihr seid Meister der Gesichter, das Rollenspiel Eure höchste Kunst. Jede verdammte Minute.

Willkommen im Finsterwald! Die Dornen schließen sich hinter Euch wie im Märchen die Hecke. Die Hölle, das sind nicht nur die anderen. Die Hölle, das sind wir selbst.

Wa(h)re Wegweiser

Wer weist Euch jetzt den Weg zurück? Und welchen wollt Ihr wählen? Laut einer Studie schaffen es nur sechs Prozent aller Depressiven zurück ans Licht. Ist das ein Wunder? Ja. Der Rest kämpft ein Leben lang. Oder ergibt sich der Dunkelheit. Ist das ein Wunder? Nein.

Urlaub-WegweiserEs fehlt an Wegweisern. An Lotsen. Und an guten Feen. Wer sich alleine auf den Weg macht, scheitert. Wer die falsche Begleitung wählt, irrt. Wer zaubern kann, sehr viel Glück hat oder den Weg nicht zum ersten Mal antritt, wird es vielleicht schaffen. Doch jedes Mal bleibt ein Teil seines Muts, seines Willens auf der Strecke.
Seit 20 Jahren bin ich auf der Reise. In den dunkelsten Finsterwald und zurück ans Licht. Mittlerweile kenne ich fast alle Wege im Schlaf. Und alle Irrlichter beim Namen. Ich habe mich durchgeschlagen, verletzt, überlebt. Gnade mir, wenn ich vergesse, was ich dabei lernen musste. Wenn ich eine Sekunde meine Gedanken freilasse. Der Wald verschlingt mich mit Haut und Haar. Ohne Wenn und Aber.

Gerade wuchert mein persönlicher Finsterwald auf einer kleinen Insel in der Ostsee. Wie gerne würde ich mir darin eine Höhle graben, mich mit Moos bedecken und für immer verschwinden. Damit die Reise ein Ende hat. Aber sie wird nicht zu Ende gehen. Also packe ich wieder mal meine Machete aus und kämpfe mich zurück. An die Ostsee. Zu meiner Familie. Zu mir selbst.

Ich bin schließlich im Urlaub.

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Robin

Tears of a Clown

“I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived. I did not wish to live what was not life, living is so dear; nor did I wish to practise resignation, unless it was quite necessary. I wanted to live deep and suck out all the marrow of life, to live so sturdily and Spartan-like as to put to rout all that was not life, to cut a broad swath and shave close, to drive life into a corner, and reduce it to its lowest terms.”

Henry David Thoreau, Walden: Or, Life in the Woods
and Robbin Williams in Dead Poets Society

Seit Tagen suche ich nach einem Aufhänger für mein Thema Depression. Heute morgen hatte ich ihn. Mädels, wisst Ihr noch, wie wir im “Club der toten Dichter” waren? Ganz allein im Kino außer dem ollen Schreiberling auf den hinteren Rängen, weil irgendwie keiner so recht wusste, was dieses Drama mit dem Komiker Robin Williams eigentlich sollte? Wer hätte gedacht, dass es einmal sein eigenes wird.

Sein Tod macht mich wütend. Er hätte nicht sein müssen. Genau wie der von Robert Enke, schon fast vergessen. Andreas Biermann, der vergangenen Monat den Freitod wählte. Sie alle waren depressiv. Ja mei, sagen die Leute. Dann hätten sich’s halt z’ammenreißen müssen! Glaubt mir. Genau das haben sie getan. Über Monate und Jahre hinweg. Sie und alle anderen abermillionen Menschen in der Welt, die an dieser furchtbaren Krankheit leiden. Ihre Krux ist, dass sie nicht reden. Dass sie sich verstecken aus Angst, aus Scham. Dass ihnen keiner erklärt, dass sie für ihr Leiden nichts können. Dass sie es nicht selbst ausgesucht haben. Dass ihr Serotonin-Stoffwechsel den Dienst quittiert. Und dass sie all das nicht wissen.

Ich weiß das. Nicht, weil ich Gott bin. Sondern weil ich seit 20 Jahren selbst an dieser Krankheit leide. Ich bin chronisch depressiv.

Ich weiß, wie viel Kraft es kostet, das zu verbergen. Wie groß die Befürchtung ist, jemand könnte es entdecken. Im Freundeskreis, in der Familie, im Job – worst case! Es ist die Anstrengung, normal zu sein, die uns zermürbt. Das Unverständnis. Das Unwissen.

Okay. Gehen wir es an. Erklären wir der Welt, was da in uns vorgeht. Schildern wir unseren Kampf ums Überleben. Und haben wir Achtung vor allen, die am Ende keine Kraft mehr hatten.

R.I.P. Robin