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Nacht

Kopf sagt Bauch meint

Da war sie wieder, die Drei vor der Null.

Seufz. Guten Morgen, liebe Sorgen.

Was soll denn das jetzt? Befreit von allem, was mich in den vergangenen Monaten runtergezogen und Kraft gekostet hat, müsste es mir doch blendend (also in Euren Worten: normal ohne große Emotionswallungen) gehen. 12190930_837788489682942_2079298748456974226_nIst aber nicht so. Ich bin hundemüde und starre auf den Wecker, und der zeigt unbarmherzig drei. Okay. Eins nach drei.

Um halb sieben steht die Familie auf. Noch dreieinhalb Stunden Zeit. Zum Wachliegen. Zum Grübeln. Die kleine Kratzekatze (ja, wir haben Nachwuchs!) kommt zu mir ins Bett gekrabbelt, legt sich um meinen Kopf, will meine Gedanken wegschnurren. Die Süße. Klappt leider nicht.

Also raffe ich mich auf, schleppe mich nach unten – die Kotzekatze macht große Augen, selbst ihr ist das noch eindeutig zu früh – schalte den ersten Kaffee ein, schnappe mir Laptop, Kratzekatze und Kaffee und igle mich auf der Couch ein.

Drei Tage geht das nun schon wieder so. Na gut. Ist ja nicht so, dass ich nach all den Jahren kein perfekter Selbstanalyst wäre. Ich Folie1weiß es doch, ist doch gut, Mensch: Ich habe wieder mal meinen Bauch ignoriert. Geh weg da, weg!, knurrt der.

Was ist passiert? Klar, die unschöne Trennung von meinem Arbeitgeber sitzt mir in den Knochen, die mir genommene Möglichkeit, meine Sicht der Dinge darzulegen, damit alle mich wieder lieb haben. Doofes altes Verhaltensmuster. So was arbeitet nach, gerade bei Menschen, die alle Kräfte mobilisieren und dann irgendwann zusammensacken, weil nichts mehr geht. Das war Mist, ganz klar, aber nicht der alleinige Grund.

Vor einigen Wochen hatte ich mich mit jemandem getroffen, der Leute für den Aufbau eines Geschäftes suchte. Nähtechnisch. Und da ich ja gerade auf dem Weg in die Selbstständigkeit bin, dachte ich, wäre das doch eine wunderbare Gelegenheit, Fuß zu fassen. Wir trafen uns, und mein Bauch sagte: Obacht! Ich hatte ein ungutes Gefühl, und als ich zuhause in Ruhe reflektierte (wir haben ja was gelernt in der Therapie), erkannte ich, dass ich gerade dabei war, in den Misthaufen reinzureiten, aus dem ich mich eben erst so mühsam freigeschaufelt hatte. Die Chemie stimmte nicht, der Zeitpunkt stimmte nicht, meine Rolle in diesem Spiel stimmte nicht.

Ich besprach das mit DeHasn, und uns war klar, dass ich mich aus dieser Sache raushalten wollte. Tja. Und dann ging ich doch wieder hin und nahm einen Auftrag an. Ich fluchte und schwitzte Blut und Wasser, weil das Material garstig war, und weil ich niemanden Bestimmten vor Augen hatte, für den ich da Stunde um Stunde an Folie1der Nähmaschine saß. Stitch for stitch filled with love. Was sonst in meinen Werken steckt, fehlte diesem Stück völlig.

Nun gut, ich gab es ab, weil es bestellt war und wurde umgehend mit einem zweiten Teil der gleichen Machart beauftragt. Das Geld dafür sollte ich erhalten, sobald es sich verkauft hätte. Wieder murrte mein Bauch. Nein, sagte er, das ist nicht gut! Du hast keinen Bock auf dieses Projekt, und Du weißt gar nicht, ob Du für all die Mühe entlohnt wirst. Klappe, sagte mein Kopf. Da müssen wir jetzt durch, sagte mein Kopf. Stell Dich nicht so an, sagte mein Kopf.

Zeitgleich war ich mit DeMausebär in der Bücherei und nahm interessehalber ein Buch für mich mit. Angstfrei leben für Dummies. Ich mag diese Reihe, weil sie fundiert von Fachleuten geschrieben ist. Und voll wertvoller Informationen für alle, die sich nichts unter einer Depression, Panikattacke und sonstigen psychischen Krankheiten vorstellen können. Im Prinzip stand da, was ich schon wusste. Aber: Beim Lesen der Tipps, wie man mit Angst umgehen sollte, dachte ich auf einmal: What the fuck?!?

WIESO um alles in der Welt muss ich immer und immer wieder mit etwas umgehen müssen, was ich nicht will? Wieso vergeude ich Monate und Jahre meines Lebens damit, enorme Kräfte zu mobilisieren, um mich mit Dingen zu konfrontieren, die mir einfach nicht gut tun? Welcher normale Mensch kettet sich ständig an Gleisen fest und hofft, mit Folie1seiner mentalen Stärke einen ICE auszubremsen. Hallo?!?

Ich habe das jetzt wahrlich lang genug getan. Warum also soll ich mir immer neue Situationen suchen, in denen ich mich bewähren muss? Wo die doch sowieso bei meiner Vorgeschichte an jeder Ecke lauern! Um auch dem letzten Hirni klarzumachen, dass Depressive keine Weicheier sind? Pah!

Ihr merkt, ich bin sauer. Leicht angefressen. Ehrlich gesagt: ES KOTZT MICH AN!

Dafür kann jetzt der arme Stoff nichts und das Projekt auch nicht und alle anderen Beteiligten am wenigsten. Aber ich kann was dafür. Nämlich solche Dinge einfach sein lassen. Auf meinen Bauch hören (oh, Du frommer Wunsch!). Und endlich, endlich, endlich nichts mehr angehen, von dem ich weiß, dass es mir nichts bringt. Außer schlaflosen Nächten.

Ganz schön clever, so ein Bauch. Hat nach 40 Jahren immer noch nicht resigniert und schaut sich genau an, vor was mein Kopf die Augen verschließt. Still struggling in life…

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Zwischen den Zeilen: Mark Forster, Bauch und Kopf
Fotos: Unsere kleine Kratzekatze

Folie1

Die Angst, Du selbst zu sein

Ich bin wieder hier. Nicht in meinem Revier.
Sondern an genau dem Punkt. Also doch in meinem Revier.
Ich wusste, wusste, wusste, dass es schief gehen würde. Aber ich wollte, wollte, wollte es allen beweisen. Vor allem mir. Dass ich kein Schwächling bin. Dass ich über mich hinauswachsen werde. Dass ich Dinge tun kann, die ich abgrundtief verabscheue, mich dazu zwingen, weil es mir zeigt, wie stark ich bin.

Jo. Habe ich auch alles geschafft. Mit viel Kraft. Mit viel Energie. Mit viel Überredungskunst. Mit vielen Bauchschmerzen. Mit dem Gefühl, mich selbst zu verleugnen.

Aber fangen wir ganz vorne an…
Ihr erinnert Euch. An meinen Ausbruch im Frühling 2014. Weg aus diesem PR-Management-Gedöns. Wie frei habe ich mich damals gefühlt! Wie richtig! Auf dem Weg in MEIN Leben! Tja. Und dann kam der Anruf. Von meiner lieben Ex-Kollegin. Ob ich nicht, ich könne das doch so gut und überhaupt, ich müsse ja nur Texte schreiben.
Ganz ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich damals geritten hat, zuzusagen. Doch, ich erinnere mich. Wir saßen gemütlich auf der Couch in der Lounge, ich extra in meinen ollen Klamotten (Revoluzzer), und die Regeln waren klar: nur nach meinen Bedingungen. Ich gab  dem Team sogar meine Bloghütte zu lesen, damit sie verstünden, auf was sie sich einließen.IMG_3366

Jo. Nennen wir es Anpassungsschwierigkeiten. Mit viel Unterstützung von meinem Prof habe ich mir ein Standing aufgebaut, mir einen respektvollen  Umgang erkämpft, mir erfolgreich bestätigt, wie wohl ich mich mit all dem fühle.

Dann kamen die Anrufe. Optimisten nennen es Kundengewinnung, Realisten Kaltakquise. Es gibt Menschen, die lieben es, bei fremden Leuten anzuklingeln und Dinge zu präsentieren mit dem Ziel, sie zu vertickern. Ich hasse es.

Nein, Ihr merkt das natürlich nicht. Gelernt ist gelernt. Bei Meetings, auf Elternabenden, im Smalltalk … ich bin eine ganz normale, freundliche, humorvolle Frau. Wenn keiner ein Thema findet, ich weiß immer, wie das Gespräch vorankommt. Ich spüre die feinsten Stimmungsnuancen und kann Euch so lenken, dass sich zum Schluss alle wieder lieb haben. Toll, sagen alle. Die ist cool.

Aber in mir drin schreit es. Jedes Mal. Wenn ich weiß, ich treffe gleich auf jemanden, gehen alle Alarmglocken an. Ich wappne mich IMG_2789zur Flucht. Und kann doch nicht weg. Ich muss es durchstehen. Mit einer riesigen Angst in mir.

Geht es mir gut, komme ich damit zurecht. Bei vielen, die ich mag, kann ich es sogar ganz verdrängen. Aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht überfordere – zwei, drei Treffen mit Fremden kurz hintereinander sind machbar, danach wird es kritisch. Dann  brauche ich eine Pause. Geht es mir schlecht, wird das Fremde zum Ungeheuer. Jeden Morgen muss ich mich wappnen, um mit eiserner Rüstung den Tag zu überstehen.

Jo. Und jetzt stellt Euch vor, Euer Job besteht auf einmal nur noch darin, fremde Leute anzuquatschen, um Ihnen Dinge, die sie wahrscheinlich nicht brauchen, anzudrehen. Stellt Euch den Alarm vor, der jedes Mal ausgelöst wird, lange, bevor ihr zum Hörer greift. Die Panik, wenn sich jemand meldet. Und die Kraft, die es kostet, all das zu unterdrücken – weil es ja der Job ist. Und irgendeiner muss den Job ja machen. Und Du kannst das doch so gut, sagt der Chef.

Moment. Aber war für genau diesen Job nicht ganz was anderes vereinbart? So am Anfang? Stand da nicht was von “nur Texte schreiben”?

IMG_3087Jo. Aber man wächst doch mit seinen Aufgaben, sagen alle. Und wenn man es nie versucht, weiß man nie, ob es nicht doch klappt, sagen alle. Und man wird stärker, indem man sich seinen Ängsten stellt, sagen alle. Und Du bist doch erfolgreich, Du kannst den Leuten doch was verkaufen, sagen alle.

Also machte ich weiter. Und weiter. Und weiter.

Stunden haben mein Prof und ich damit verbracht, diese Arbeit auseinanderzunehmen. Immer, wenn ich gut gelaunt kam und sagte: JETZT ist alles gut, reichte ein Blick von ihm, und das Kartenhaus fiel   zusammen. Aber ich wollte es schaffen! Ich wollte das Geld verdienen und in meinem Job glücklich sein, verdammt noch mal!

Ich würde noch heute da sitzen und mit dem Hörer in der Hand vor mich hinzittern, wenn mich das Nähen nicht gerettet hätte. Huh, klingt das pathetisch. Ist aber so. Mitten in dieser Jobkrise kommen Leute auf mich zu und interessieren sich für das, was ich zuhause erschaffe. Ich muss sie nicht hinter ihrem Telefon vor locken. Sie kommen von ganz alleine! Warum? Gute Frage. Ich denke, es ist die Freude an dem, was ich tue, die auch andere begeistert. Waren wir genau da vor einem Jahr nicht schon einmal?

Jo. Ein letzter Arschtritt noch, dann ist’s gut, muss sich mein Karma gedacht haben. Ich bekam die Kündigung zum Ende des Jahres. Nur einen winzigen Moment ließ ich mich von der Depression in die Opferecke ziehen (“Du hast wieder versagt-Du kannst nichts-Du wirst nie im realen Leben bestehen-bliblablub”). Aber dann wurde ich sauer. SO RICHTIG SAUER!!!

Für DIESEN JOB habe ich vor einem Jahr meine Pläne fallen lassen!!! Für DIESEN JOB habe ich mein Können, meine Energie, meine Erfahrung gegeben!!! Für DIESEN JOB habe ich meine Bedingungen und mich selbst verraten!!! Ich habe mir den ARSCH UND DIE SEELE AUFGERISSEN!!!

AAAAAAARGH!

Dann halt nicht. Dann investiere ich meinen Grips und meine Kraft eben in mich selbst! Und schenke all das, was ich die vergangenen Jahrzehnte gelernt und getan hab nur noch Menschen, die ich mag: Euch. Und mir.
Die ganze Geschichte erzähle ich Euch ein anderes Mal, aber gerade bin ich dabei, mich mit meinem eigenen Modelabel selbstständig zu machen. Und, oh Wunder, seit ich das beschlossen habe, öffnet sich eine Tür nach der anderen.

Jo. Klingt alles so einfach, oder? Isses aber nicht. Denn ich will diesen Job gewissenhaft bis zum Ende ausführen. Bis zum letzten Tag. Damit ich mir NICHTS nachsagen lassen kann. Gelernt ist gelernt.
Geht nur leider nicht. Als ich die fünfte Nacht hintereinander wieder morgens um drei wach lag, war Sense. Gottseidank kenne ich mich mittlerweile und merke genau, wann das nächste Tief anrollt.
Also habe ich in mich reingehört. Nein, sagte mein Ich. Ich will da nicht mehr hin. Ich unterstütze Dich nicht länger bei diesem Wahnsinn. Du hast wieder mal meine ganzen Reserven aufgebraucht. Und wenn Du doch gehst, KOTZE ICH DIR VOR DIE FÜSSE!!

Mein Arzt schrieb mich sofort krank. Ich habe das gar nicht 11225081_376314909205802_5655480503466403323_nverstanden. Ich komme mir vor wie ein Lügner, jemand, der sich extra Urlaub ergaunert, der sich vor der Arbeit drückt. Ich sehe, dass es mir schlecht geht, aber ich begreife es nicht. Ich habe das Gefühl, meinen Chef im Stich zu lassen. Er muss ähnlich denken. Entsprechend sarkastisch war die Reaktion aus dem Büro: die letzten Wochen noch blau machen, von wegen krank, jaja.

Wenn ich an einem Schuld habe, dann an dieser Reaktion. Denn ich habe mich die ganze Zeit hinter einer Fassade versteckt. Die Tüte mit dem immerwährenden Lächeln über den Kopf gestülpt. Ich wollte es so. Ich wollte, dass jeder dachte, es ginge mir gut, ich schaffe das!

Jo. Was lernen wir daraus? Dass auch ich als alter Depressions-Hase noch immer Fehler mache und daraus lerne, lernen muss. Aber auch etwas ganz Wunderbares: Wenn Ihr Euch traut, die Tüte vom Kopf zu ziehen,  hat Euer wahres Ich endlich die Luft, die es zum Leben braucht.

Gebt ihm die Chance. Habt keine Angst davor!


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Bloghuette22

Noch’n Blog?!

Zugegeben. Als mein Mann von meinem Blog sprach, hatte ich keinen blassen Schimmer, wie so was funktioniert. Klar habe ich die eine oder andere Bekannte, die munter vor sich hinbloggte. So über Schnittmuster für Mädchenkleider. Ihren Abnehmmarathon. Oder über unser liebstes IPad-Spiel, die Sims (liebe Grüße an Petra und danke dafür!).

Ich warf also die vier Buchstaben in die Suchmaschine. Und wurde zugeschüttet mit Blogs – blog.de, blog.eu, blog.com, soweit der Bildschirm reichte. Okay. Ich musste schlucken. Die Online-Welt hatte ja geradezu auf mich gewartet. Und auf noch’n Blog.

Anyway. Ich hatte einen Grund, und ich hatte ein Ziel. So vieles ist passiert, so viel habe ich erlebt und erforscht. Den Kampf im Alleinerziehendmamasein und das Glück einer Patchworkfamilie. Die tiefste Depression morgens um drei und den regebogenfarbensten Augenblick am Sonntagnachmittag. Mein Leben hat mich gebeutelt. Aber immer habe ich Menschen getroffen, denen es genauso ging. Die einsam waren und Hilfe brauchten. Die mir den Rücken stärkten und mich gerettet haben.
Ich war niemals allein, und dafür danke ich ihnen.

Für Euch ist dieser Blog.
Ihr seid in meiner Hütte immer willkommen!

Übrigens…warum dieser Blog so heißt, erfahrt Ihr hier.

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