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Kinderhand-in-Erwachsenenhand

Beautiful Trauma

Das kleine Mädchen kauert an der Heizung, umklammert seinen Teddy und wiegt sich hin und her. Eben gerade wurde es von seiner Mutter verprügelt. Mit dem Kochlöffel. Und beschimpft. “Du Drecksmensch! Bin ich von Dir oder Du von mir!?”
Das kleine Mädchen wehrt sich nicht mehr. Es hat aufgehört, 32938087_1617383025056814_1857917330860802048_nmitzuzählen, wie oft schon es misshandelt wurde. Es hat aufgehört, auf Hilfe zu hoffen. Es ist gefangen in einem Alptraum.

20 Jahre später. Das kleine Mädchen ist mittlerweile eine junge Frau. Die junge Frau versucht zu leben. Aber immer wieder wird sie krank. Die Ärzte reichen sie weiter von einem zum anderen, bis sie beim Psychiater landet. Der hört ihr endlich zu. Und findet heraus: schwere Depression durch langjährige Misshandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung.

Ihre Freundin leiht ihr ein Buch aus. Indianisches Horoskop – der Rabe. Darin steht, dass die junge Frau nach einem schweren Leben mal eine Heilerin sein wird. Die junge Frau lächelt müde und legt das Buch zur Seite.

Die junge Frau kämpft. Wenn sie eines mitbekommen hat in diesem Leben, dann den Willen, zu überleben. Sie studiert, findet einen tollen Job, heiratet, bekommt ein Baby. Aber immer und immer wieder reißt die Depression sie aus dem Alltag, macht ihr das Leben schwer.

5 Jahre später. Die erwachsene Frau hat eine Reihe an Therapien hinter sich. Weil sie schon immer ein Forschergeist war, hat sie sich intensiv mit dem Thema Psyche und Depression auseinandergesetzt. Sie geht an die Öffentlichkeit, erzählt von sich. Sie lernt zahlreiche andere Menschen kennen, denen es genau so geht wie ihr. Sie merkt: Sie ist kein Alien. Sie denkt: Wenn ich nur einem von ihnen mit meinen Erfahrungen helfen kann, ist schon viel gewonnen. Sie gründet einen Blog, schreibt über ihre Depressionen.

10 Jahre später: Das Mädchen von damals ist unterwegs. Es hat eine wundervolle Familie und ein Zuhause gefunden. Sich selbst noch nicht ganz. Es ist noch auf der Suche, aber immerhin kann es seiner inzwischeIMG_7295n chronisch gewordenen Depression die Stirn bieten. Es lebt sein Leben, so gut es eben geht.

Da trifft es eine Bekannte. Die fragt, ob das Mädchen von damals nicht Lust hätte, auszuhelfen. In einem Heim für psychisch und physisch behinderte Menschen. Das Mädchen von damals hat ein bisschen Angst, aber die erwachsene Frau sagt ja.

Ein halbes Jahr später. Auf dem Stuhl sitzt eine junge Frau und wiegt sich hin und her. Sie redet nicht viel, aber wenn, hat sie nur ein Thema. Ihre Stereotypie geht an die Nieren.
Aber ihr gegenüber sitzt das Mädchen von damals, das weiß, was sie durchgemacht hat, das weiß, warum sie heute so sein mag, wie sie ist.
Die eine hört der andern zu. Stunden, Tage, Monate. Manchmal treffen sich ihre Augen, und für einen kurzen Moment ist eine Verbindung da, und die eine kann der anderen in die Seele schauen.


Als mich meine Bekannte vor einem halben Jahr fragte, ob ich nicht bei ihr im Behindertenwohnheim aushelfen könnte, war ich ziemlich unsicher. Ich, mit meiner Sozialphobie, meiner toxischen Scham und meinen depressiven Episoden? Puh…

Ich ging hin – und fühlte mich zuhause. Den Menschen dort war es egal, wie ich aussah, was ich für einen Werdegang hatte, wo ich herkam. Wichtig war für sie nur eins: Wer ist für uns da? Wer hört uns zu? Wer versteht uns? Und ich konnte sie so gut verstehen! Denn so viele lebten dort, die ähnlich wie ich in ihrem Leben ein Trauma erlebt hatten, unter dem sie noch heute leiden – so sehr, dass sie mit ihren Psychosen kein eigenständiges Leben mehr führen können.

Mittlerweile bin ich fest dort angestellt, arbeite 25 Stunden die Woche, begleite die Bewohner des Heims in ihrem Alltag. So unterschiedlich ihre Behinderungen, so einzigartig die Menschen.
Ich sehe keine Behinderungen. Ich sehe, was sie erlebt haben,  warum sie so wurden, wie sie sind, und sehr oft erinnern sie mich an das kleine Mädchen von damals.IMG_7245
Es ist keine leichte Aufgabe, aber eine wunderschöne. So viele Heiratsanträge wie dort habe ich noch nie bekommen :-)
Nein, im Ernst. Immer, wenn ich nach Hause gehe, werde ich gefragt, wann ich wiederkomme. Viele sagen mir, wie schön es ist, dass ich jetzt da bin. Ich bin dort nicht nur erwünscht, sondern geliebt.
Das ist für mich eine ganz seltsame Situation: Menschen lieben mich für das, was ich mit ihnen mache, dass ich einfach für sie da bin, dass ich ich bin.

Momentan bewerbe ich mich für ein berufsbegleitendes Sozialpädagogik-Studium an der Hochschule in unserer Nähe. Ich will noch mehr wissen, noch mehr erfahren, wie ich anderen Menschen helfen kann. Und natürlich auch mir selbst.

Außerdem binIMG_7171 ich jetzt Mitglied im Team von project semicolon. Das ist eine internationale Organisation, die depressiven Menschen mit Selbstmord-Gedanken hilft. Gerade wird eine App entwickelt, mit der man einen provider, also Helfer oder Ansprechpartner, in der Nähe finden kann. Ich werde für Deutschland zuständig sein.
Unser Erkennungszeichen ist das Semikolon. Es sagt: “My Story isn’t over yet!”

Macht mir das alles noch Angst? Nein. Ich glaube, ich habe endlich meine Bestimmung im Leben gefunden.
Nach so vielen Um- und Irrwegen, so vielen Schmerzen und schlimmen Zeiten wird es ja auch endlich Zeit dafür. Das kleine Mädchen von damals ist kein Opfer mehr, sondern auf dem Weg zur Heilerin.

Passt auf Euch auf. Und wenn Ihr Hilfe braucht, schreibt mir.
Eure Patricia


 

Nacht

Hast Du auch Deine Tabletten genommen?

Etwas beschäftigt mich zur Zeit sehr: die Reaktion von Menschen auf meine Depression. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, offen damit umzugehen. Zwei Dinge veranlassen mich dazu: erstens anderen begreiflich zu machen, wie es jemanden geht, der an dieser furchtbaren Krankheit leidet. Und zweitens, Hoffnung zu verbreiten, dass auch ein Leben mit Depression möglich ist.

Natürlich binde ich es nicht jedem Menschen sofort auf die Nase: “Hallo, ich bin Patricia und depressiv!” Wobei ich das auch schon getan habe. Als mich die Geschäftsführung für meinen letzten PR-Job anfragte, sagte ich: “Lies Dir bitte erst meinen Blog durch. Und dann ruf noch mal an.” Ich bekam den Job. Weil die Geschäftsführung meinen Blog ignorierte. Oder nicht ernst nahm. beaker-47537Und dann sehr erstaunt war, als ich den Job quittierte.

Höre ich deswegen auf, mich zu outen? Nein. Wer mich fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. Oder wenn jemand sehr leidet, sage ich: “Du, ich habe das auch.” Ich könnte vorsichtiger sein und ein Leben in völliger Dunkelheit führen, ein Teil von mir weggesperrt in den Tiefen meiner Seele. Und ich verstehe jeden, der das tut. Denn die Erfahrungen bei einem Outing sind nicht immer schön. Ich möchte Sie gerne mit Euch teilen. Damit Ihr das nächste Mal ein bisschen behutsamer mit Menschen umgeht, die sich Euch anvertrauen.

Erstaunen

“Hö? DU bist depressiv?! DAS hätte ich jetzt nicht von Dir gedacht!” Tja, stell Dir vor. Auch depressive Menschen können ein Leben führen, ein durchaus zufriedenstellendes, erfolgreiches. Sie können Chef sein, Elternteil, eine Familie organisieren, tolle Sportler werden und sehr kreativ. Und dass, obwohl der schwarze Hund ihnen ständig im Nacken sitzt. Wenn so etwas kommt, nehmt es als hqdefaultKompliment und nicht persönlich. Einfach so. Und versucht nicht, Euch zu rechtfertigen.

Ignoranz

Das sind die Leute, denen Ihr Euch offenbart, die aber nicht richtig hinhören und gleich zur Tagesordnung übergehen. Wer ist heute schon nicht depressiv, haben wir nicht alle einen kleinen Schatten?

Genau diese Leute sind dann erstaunt, wenn Ihr Symptome Eurer Krankheit an die Oberfläche lasst und eben mal nicht perfekt seid.
Es ist mühselig, solche Leute aufklären zu wollen, weil sie sowieso kein offenes Ohr für die Nöte andere haben. Kann man mit leben, muss man aber nicht.

Spott

“Jaja, depressiv!” Plus leichtes Kräuseln der Mundwinkel. Das sind Menschen, die auch gerne behaupten, dass es kein Burn-Out gibt. Wir sind halt schlichtweg träge, faul, hypochondrisch. Solchen Leutena3ea252b837add417e5e9666e351d6ab würde ich am liebsten in die Fresse schlagen. Die machen mich am wütendsten. Ich wünsche Ihnen, dass sie nur einen Monat lang in meinen Schuhen gehen müssten. Wahrscheinlich würden Sie sich danach die Kugel geben.
Leider packen mich diese Menschen genau an meinem wunden Punkt und bekommen haargenau und bis ins Detail dargelegt, welche Krankheit eine Depression ist – inklusive aller aktuellen Studien und dezidierter biomechanischer Vorgänge im Hirn. Danach sind die Spötter so plattgelabert, dass sie sich hüten werden, je wieder so etwas Unbedachtes auszusprechen.

Entmündigung

Ja, ein hartes Wort, ich weiß. Es bezieht alle mit ein, die Euch nach Eurem Outing nicht mehr zutrauen, geradeaus zu denken. Gerne kombiniert mit dem Satz: “Hast Du auch Deine Tabletten genommen?!” Als wenn wir keine Seele, keinen Verstand, kein selbstständiges Leben hätten (siehe oben). Ja, es ist bisweilen schwierig, mit einem Depressiven. Weil er immer und ständig an sich selbst zweifelt und alles in Frage stellt. Weil seine 776024-beakerhoneydew460Stimmungsschwankungen nicht nur beim PMS auftauchen, sondern auch zwischendurch. Was gestern noch total schrecklich war, ist heute völlig akzeptabel und keinen Gedanken mehr wert.
Wir WISSEN, dass wir dieses Manko haben, und nicht nur EUCH fällt es schwer, damit umzugehen. Nein, am allerschwersten fällt es uns, weil es sich so real anfühlt, unser Verstand aber weiß, dass es falsch ist.

Unsere “Tabletten” nehmen wir, damit wir nicht von der nächsten Brücke springen. Damit unser Serotonin- und Dopaminhaushalt im Hirn stabil bleibt. Damit wir überhaupt leben können. Trotzdem sind wir Menschen mit Emotionen, die ihren Weg im Leben finden müssen. Und glaubt uns, wir tun ALLES dafür, das zu tun!!
Unsere Tabletten ändern daran nichts. Ihr müsst damit klar kommen oder den Kontakt abrechen. Isso.

Also bitte hört auf, Depressiven diese Frage zu stellen. Wir sind eh schon am Zweifeln und nach einem solchen Kommentar vollauf davon überzeugt, dass wir jetzt gleich sofort zehn Pillen auf einmal schlucken oder noch heute am Feiertag dringend zum Notarzt fahren müssen.

Ablehung

Nach meinem letzten – zugegeben negativen – Text zum Thema Selbstmord hier sah ich ein FB-Posting einer Bekannten, von der ich weiß, dass sie hier mitliest. Sie schrieb sinngemäß, sie habe die Nase voll von Leuten, die immer nur negativ auf der Stelle treten und in ihrem eigenen Sumpf wühlen und niemals voran kommen.

Ich weiß nicht, ob sie mich damit meinte. Aber es hat mich verletzt. Als ob das ein Hobby, die liebste Freizeitbeschäftigung wäre, sich Stunde um Stunde gegen die quälenden Gedanken im Kopf zu wehren, diesen Film, der immer mitläuft und stört, egal, was wir tun.
Deswegen heißt es CHRONISCHE Depression. Oder, wie bei mir in der Diagnose: rezidivierende depressive Störung mit mittelschweren bis schweren Episoden nach ICD-10-GM-2017. Es muppet-show-3ist nicht heilbar. Es ist einfach da und wird immer bleiben.

Ich verstehe jeden, der sich vor solchen Menschen zurückzieht. Ich selbst hätte gerade nicht die Kraft, mit mir zusammen zu leben und mir zuzuhören (vielleicht sollte ich das mal… An dieser Stelle von Herzen ein Danke an meinen Mann!). Aber ich bitte Euch: Ihr müsst uns weder lesen, noch anhören noch treffen. Wo ist also das Problem?

So ein Kommentar tut trotzdem weh. Glaubt mir, könnte ich mein Gehirn austauschen, ich würde es sofort tun. Aber es geht nicht, und den Clown spiele ich nicht mehr.  Auch wenn ich das durchaus kann. Aber nicht immer will. Da müsst Ihr Euch leider andere Spaßvögel suchen. Sorry.

Ratschläger

“Ja, dann musst Du halt mehr an die frische Luft gehen/Leute treffen/Sport machen/aufräumen/einen neuen Job suchen….to be continued.” Den Vogel schoss mal meine Mutter ab: “Du sitzt ja auch nur zuhause rum. Also ICH achte ja immer drauf, dass wir jeden Tag rauskommen. Ich bummel dann mit dem Papa durch den Supermarkt, da sind wir beschäftigt, und es ist gleich viel besser!”

Ha. Haha. Hahaha. Mal abegsehn davon, dass ich ja auch irgendwie einkaufen gehen muss und mich deswegen STÄNDIG in Muppets-com79irgendwelchen Supermärkten befinde, ist dieser Tipp geradezu grandios. Ich werde meinem Hirn mitteilen, beim Anblick der Auslagen von sofort an automatisch Serotonin ausschütte.

Es stimmt schon, ich merke es an mir selbst: Wenn ich mich mal wirklich dazu zwinge, unter (liebe) Menschen zu gehen oder eine Stadt zu erkunden, geht es mit danach tatsächlich besser. Aber es kostet mich auch viel Kraft. Es geht energetisch gesehen plusminus Null auf. Und klar liebe ich bestimmte Dinge, die ich gerne tue und die mir Kraft geben. Aber das ist immer nur von kurzer Dauer. Und hilft akut in einer schweren Phase gar nicht.

Dazu kommt: Viele von uns haben sich tiefgreifend mit unserer Krankheit auseinander gesetzt. Wir WISSEN, was theoretisch helfen SOLLTE. IHR solltet wissen, dass die praktische Umsetzung der Knackpunkt ist. Jeder Gang nach draußen ist wie der Start eines Marathons auf den Himalaja.

Auch, wenn sie lieb gemeint sind: Spart euch Eure Ratschläge. Seid einfach nur da und haltet uns im Arm, OBWOHL wir depressiv sind.  Das hilft mehr als tausend Worte.

Bewunderung

Ja. Ich kann es kaum glauben. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die mich bewundern. Das kommt mir immer ganz seltsam vor, weil ich denke, ich mach doch gar nichts Besonderes. Dann erzählen sie mir, lovato_with_beaker___muppets____by_lovatoedittions-d3b14ybwie nett, schön, kreativ ich bin, was für eine tolle Mutter und Freundin und Ehefrau. Ich nicke dann – emotionslos. Das ist leider auch eine der depressiven Schattenseiten: Man glaubt dem andern nicht. Der muss doch völlig gaga sein, wenn er sowas sagt.

Aber je öfter ich es höre, umso mehr denke ich, das könnte doch stimmen. Ich könnte ja tatsächlich trotz Depression ein ganz wunderbarer Mensch sein. Wäre das nicht einfach – schön? Ich danke allen von Herzen, die einem depressiven Menschen ein Kompliment aussprechen und ihn wertschätzen.

Denn dafür lohnt es sich zu schreiben.
Dafür lohnt es sich zu leben.


Titelbild: ich
Fotos: (c) The Muppets 

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Es geht vorbei

Den unten stehenden  Kommentar habe ich gestern zu meinen Text “Du hast die Wahl” bekommen. Ich möchte ihn gerne mit Euch teilen, weil er so wunderbar mutmachend ist. Danke dafür!
Danke auch für all Eure Zuschriften! Ihr müsst Euch keine Sorgen um mich machen. Ich habe meine Wahl längst getroffen, und die heißt Leben, mit allem, was für mich eben dazu gehört. Ich wollte Euch nur einen Eindruck davon geben, wie es im Kopf von Menschen aussieht, die das Leben nicht mehr ertragen. Damit Ihr es besser versteht.

Viele sagen: Na, dann ignorier doch die Stimmen im Kopf! Oder: Such nach Deinem inneren Wesen und schicke es vor! Tja. Wenn ich das nicht schon all die Jahre versucht hätte. Ich versuche es eben weiter. Vielleicht gelingt es mir irgendwann.

Noch ein Wort zu dem “sich als andere Person fühlen und die vorschicken”: Für mich ist das keine Option mehr. Ich habe so lange in meinem Leben eine und mehrere Rollen gespielt, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Das macht nicht nur mir zu schaffen, sondern auch meinem Mann und allen, die mir nahestehen. Gerade möchte ich einfach nur alle selbst kreierten und von außen auferlegten Rollen abstreifen und rausfinden, was dann noch über bleibt. Ich habe so viele Verhaltentrainings hinter mir, dass ich auf Knopfdruck funktioniere. Nur leben ist das nicht.
Mal sehen, wie ich da weiterkomme. Ich halte auch auf dem Laufenden.

Und jetzt geh ich raus und schau nach, ob die Blumen wirklich so bunt sind ;-)

Ich drück Euch, Patricia

Ich kenne diese Verfassung. Ich kenne die Sehnsucht, es möge vorbei sein. Bald. Am Besten sofort. Für mich ist es vorbei. Diese abgrundtiefe, scheinbar unendliche Müdigkeit und Leere, die ständige Selbstverachtung und das Gefühl nur eine Last zu sein. 

Warum es vorbei ist weiß ich nicht genau.  Es fing an mit einer Ärztin, die mir erklärte, dass ich zu blöd bin das Richtige für mein Kind zu tun. Die mir sogar die Polizei ins Haus schickte, um mein Kind vor mir zu schützen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Polizisten kopfschüttelnd und uns alles Gute wünschend wieder gegangen sind, ohne einen Grund für diese Aktion gefunden zu haben). Aber da bin ich wie aus einer Trance aufgewacht. Genauso fühlte es sich an. Wie aufwachen.

Mein schlummerndes Ego hat sich aufgebäumt und hat einen Urschrei von sich gegeben. Seitdem ist es für mich vorbei. Ich habe noch kurze Phasen, wo sich alles wieder “blöd” anfühlt, aber das vergeht immer sehr schnell. Auch der Verzicht auf Zucker hat viel bewirkt (das meine ich sehr ernst). Ich lebe wieder. Ich fühle mich wie ein Mensch. Ich habe zwar viel abgenommen, aber ich bin immer noch fett. Ist mir egal. Ich bin nicht bereit, dieser Stimme, die mich dafür verhöhnt, nochmal eine Bühne zu geben. Denn ich bin wieder wach. Ich bestimme, wer in meinem Kopf rumtönt. 

Ich erzähle das nicht, um mich als “besser als ihr” darzustellen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte Mut machen. Ich dachte jahrzehntelang nur daran, wie und wann ich es(mich)  beenden kann, ohne andere zu sehr damit zu behelligen. Heute weiß ich, das war nicht ich. Das war so was wie ein Albtraum. Aber jetzt bin ich wach. Und dieses Erwachen wünsche ich allen Betroffenen von ganzem Herzen. Dann seht ihr, wie bunt die Blumen sind und wie blau der Himmel leuchtet.  

Gebt nicht auf! Gebt niemals auf!


 

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Du bist da, um…

… Tja. Warum bin ich eigentlich da? Bei all dem Mist, der mir im Leben begegnet, all den Kämpfen, all den Hoffnungslosigkeiten – warum bin ich dann noch da? Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.16

Der Mausebär und ich haben einen Lieblingsfilm. Den haben wir schon so oft geschaut, dass wir ihn mitsprechen können.

Und dennoch: Jedesmal, wenn wir ihn wieder sehen, bezaubert und fasziniert er uns gleichermaßen. Denn er hat Antworten auf Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.27Fragen, die wir uns jeden Tag aufs Neue stellen. Nehmt Euch Zeit und schaut ihn in Ruhe an. Ihr findet ihn hier.

Und noch etwas möchte ich Euch sagen: Ich schreibe in der letzten Zeit nicht. Wie Ihr wisst, steht uns in zwei Wochen ein großes Fest in die Bloghütte. Mir gehen tausend Gedanken im Kopf herum, und ich formuliere tausend Geschichten. Allein die Zeit fehlt mir, alles aufzuschreiben. Und Zeit braucht es, Geschichten auf Papier – oder in die Tastatur – fließen zu lassen.

Aber glaubt mir, ich bin jeden Tag bei Euch. Nicht nur, weil mir ständig Dinge begegnen, die ich Euch Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.47.21am liebsten mitteilen würde. Sondern auch, weil Euch Dinge begegnen, die Euch beschäftigen, worüber ich mir wiederum Gedanken mache.

Ich bin mit Euch connected, die ganze Zeit, überall.

Passt auf Euch auf.


Film: Die große Frage. Copyright WDR 2014

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Mein Partner ist depressiv

Die Diagnose ist das eine. Damit leben, das andere. Denn eine Depression macht nicht nur dem oder der Betroffenen das Leben zur Hölle, sondern auch auch Freunden und Angehörigen. Gerade (Ehe-)Partner trifft es schwer, wenn sie den geliebten Menschen nicht wiedererkennen, als hätte über Nacht ein Alien von einem anderen Stern sein Gehirn ausgesaugt und nur noch die Hülle zurückgelassen. Nichts dringt mehr zu ihm vor, alle Versuche, ihn aufzumuntern oder ihm zu helfen, scheitern. Viele Angehörige tragen so schwer an dieser Last, an dieser Verantwortung, dass sie nicht selten selbst in ein Burn-Out oder eine Depression geraten.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Eine schwere Bürde. Müsst Ihr sie ein Leben lang tragen? Nein. Aber wenn Ihr möchtet, helfe ich Euch dabei. Hier findet Ihr Tipps, wie Ihr Depressionen bei Eurem Partner, einem Freund oder Familienmitglied erkennen und ihn oder sie dabei unterstützen könnt, wieder gesund zu werden. Eine Bitte: Wenn Ihr Fragen habt, fragt, egal was! Ich will versuchen, aus meiner Erfahrung heraus auf alles eine Antwort zu finden.*

Woran erkenne ich, dass mein Partner depressiv ist?

  • Jegliche Gefühlsregung schwindet aus seinem Gesicht, seine Mimik wird zur starren Maske.
  • Er schläft abends nicht ein oder tigert schon frühmorgens durchs Haus, weil er nicht schlafen kann. Drei Uhr ist ein typsicher Zeitpunkt, an dem Depressive aufwachen und nicht mehr zur Ruhe kommen können.
  • Er ist ständig am Grübeln und sorgt sich um alles. Er hat Angst vor der Zukunft und weiß nicht, wie es weitergehen soll.
  • Er hat scheinbar zu nichts mehr Lust, vernachlässigt Hobbys, Freundschaften und…
  • … vor allen Dingen sich selbst. In einer depressiven Phase ist es für mich beinahe schon schmerzhaft, schöne Kleider zu tragen oder mich zu schminken. Allein die tägliche Hygiene kostet immens Kraft. Ich kann es einfach nicht tun – als ob ich körperlich gelähmt wäre.
  • Er kann nicht mehr lachen, gar nicht, weder über Witze noch lustige Filme.
  • Er verfällt auch im Job in eine Starre, umgeht Termine, zögert Abgaben hinaus, sucht nach Entschuldigungen dafür, lässt sich krankschreiben, um seiner Pflicht nicht nachkommen zu müssen.
  • Einige Betroffene weinen oft aus für andere nicht ersichtlichen Gründen. Andere zeigen gar keine Gefühle mehr.
  • Dazu gehören auch Liebe, Nähe, Empathie, sogar dem eigenen Partner gegenüber.
  • Er isoliert sich, zieht sich zurück, meidet Menschen.
  • Er kann sich einfach nicht entspannen, selbst im schönsten Urlaub nicht.
  • Alles ist negativ, auch im Positiven sieht er nur das Schlechte.
  • Manche Depressive werden schnell aggressiv, andere gehen drohenden Konflikten sofort aus dem Weg und rennen sprichwörtlich davon.
  • Suchtverhalten kann ein Anzeichen sein – sei es der übermäßige Konsum von Alkohol oder auch von Zucker.
  • Typisch ist der sprunghafte Wechsel von der Depression in die Manie: Plötzlich haben Betroffene den einen großen Plan parat, der ALLES ändern wird (Auswandern, neuer Job, Kürbisse züchten). In einer solchen Phase werden auch abrupt Beziehungen oder Freundschaften beendet oder gegen neue eingetauscht, ohne dass der andere erkennen kann, warum.
  • „Ich will nicht mehr leben“, „Ich kann nicht mehr“. Wer von Depressionen gequält wird, sieht manchmal den Freitod als einzige Lösung. Hört Ihr so etwas von Eurem Partner, versucht, mit ihm zu reden und kontaktiert den Arzt Eures Vertrauens. Depressive nutzen solche Worte nicht, um andere zu erpressen. Manche sind wirklich so fertig, dass sie dem Leiden nur noch ein Ende setzen möchten

Was Eurem Partner nicht hilft

  • Sprüche wie: „Ach komm, draußen ist doch so tolles Wetter!“ oder „Komm endlich in die Puschen!“ oder „Stell Dich nicht so an!“ oder „Du musst einfach mal positiv denken!“ Wenn das so einfach wäre, würden Depressive es tun. Aber sie können es nicht, und ihnen geht es nur noch schlechter, wenn sie durch solche Kommentare ständig auf ihre Defizite hingewiesen werden.
  • In diese Kategorie fällt auch der blöde Spruch „Sei ein Mann!“. Depression ist eine Krankheit, keine (Charakter-)Schwäche. Wenn er nicht kann, hat das sehr wohl Gründe. Bei ihr übrigens auch.
  • „Du markierst ja nur!“ oder „Du willst ja nur im Mittelpunkt stehen!”, ist genauso verletzend wie unzutreffend. Nichts lieber als in der Versenkung verschwinden würden Depressive.
  • „In Afrika verhungern Kinder!“ Natürlich gibt es Menschen auf der Welt, denen es objektiv gesehen sehr viel schlechter geht. Aber das ändert nichts an der Depression und macht den Betroffenen nur noch mehr Kummer, weil es Schuldgefühle verstärkt.
  • Ja, eine Faschingsparty ist lustig. Aber nicht für jemanden, dem es seelisch gerade sehr schlecht geht, der Angst vor Menschen hat und am liebsten unsichtbar sein würde. Zwingt ihn nicht dazu, etwas zu tun, was er nicht möchte und akzeptiert, dass er gerade einfach nicht in der Lage dazu ist, auch „nur schnell auf nen Kaffee zum Nachbarn rüber“ zu gehen.

Was Eurem Partner hilft

  • Es ist oft schwierig, mit einem depressiven Menschen Kontakt aufzunehmen. Viele blocken ab oder behaupten, ihnen fehle gar nichts. Depression ist heute immer noch ein negativ besetzter Stempel, den keiner auf der Stirn haben möchte. Zu der Angst, was denn wohl die Leute dazu sagen würden, kommt die Angst „verrückt“ zu sein und in „der Klapse“ zu enden.
    Der erste Schritt, dem entgegenzuwirken ist, Euch selbst zu informieren: Was ist eine Depression überhaupt, welche Formen gibt es, welche Behandlungsmethoden? Und ganz wichtig: Wo in der Nähe findet Ihr Hilfe? Hier könnt Ihr einiges nachlesen, ansonsten scheut Euch nicht, selbst zum Arzt Eures Vertrauens zu gehen und ihm von Euch und Eurem Partner zu erzählen.
    Ich bitte Euch dabei eindringlich, nicht zu selbsternannten Heilern oder pseudopsychologischen Lehrern oder so genannten Coaches zu gehen! In jeder Stadt gibt es in den Krankenhäusern psychiatrische Ambulanzen mit Notfallsprechstunden. Dort findet Ihr fundiert ausgebildetes Fachpersonal, das Euch weiterhelfen wird und bekommt zügig und vor allem kostenlos einen Termin.
  • An dieser Stelle ein Wort an alle Alleinerziehenden: Bevor ich DeHasen kennenlernte, war auch ich jahrelang mit dem Mausebären alleinerziehend. Das war meiner Depression natürlich egal, sie kam regelmäßig wieder. Denn gerade als Alleinerziehende habt Ihr ein Stress-Abo. Wenn es Euch trifft und Ihr keinen Menschen habt, der Euch unterstützt – geschweige denn einen Partner – und es Euch sehr schlecht geht, lasst Euch krankschreiben. Es nützt niemandem, wenn Ihr Euch bis zur Erschöpfung durchs Leben schleppt, am wenigsten Euren Kindern und Euch selbst!
    In meiner akuten Phase war ich ein halbes Jahr zuhause, und in dieser Zeit habe ich es gerade mal geschafft, den Mausebärn morgens in die Kita zu bringen und nachmittags wieder abzuholen sowie einen Grundstandard an Ernährung und Hygiene aufrecht zu halten. Mit einem Job zusätzlich hätte ich das nie geschafft!
    Auch, wenn Ihr in eine Klinik müsst (keine Angst, für Euer Kind wird gesorgt werden), nutzt diese Zeit, um wieder Kraft zu tanken und zur Therapie zu gehen. Nur so habt Ihr eine Chance, weiterleben zu können. Eure Firma und Euer Umfeld sterben nicht, wenn Ihr ein halbes Jahr pausiert. Ihr allerdings sehr wohl, wenn Ihr es nicht tut!
  • Habt Ihr Euch informiert, ladet Euer (neues) Wissen nicht ungefiltert bei Eurem kranken Partner ab. Sich einzugestehen, depressiv zu sein, ist schwer genug. Wenn andere einen vehement darauf hinweisen und gute Ratschläge geben, fühlt man sich nackt und bloßgestellt und zieht sich noch mehr zurück. Versucht, das Thema behutsam anzugehen. Zum Beispiel, indem Ihr bei Euch zuhause unaufdringlich Lektüre zum Thema bereitlegt, die der Betroffene dann zur Hand nehmen kann, wenn er möchte.
  • Oder fragt Euren Partner vorsichtig, was denn mit ihm los sei. Lasst ihn reden, hört einfach nur zu, gebt keine Ratschläge. Das hilft schon ungemein.
  • Ist Euer Partner offen für Hilfe, begleitet ihn zum Arzt, damit er sich nicht allein und als Versager fühlt. Mir hilft die Erfahrung sehr, dass DeHasen auch in meiner tiefsten Depression bei mir ist und ich nicht einsam und verlassen an breiter Front kämpfen muss. Aber auch das musste ich erst einmal lernen.
  • Eine Depression kostet immense Kraft, Kraft, die für Haushalt oder Familie nicht mehr zur Verfügung steht. Gerade mit Kindern ist ein depressives Leben sehr anstrengend. Entlastet Euren Partner ab und an, schafft ihm Freiräume, damit er sich erholen kann. Aber Obacht: Nehmt ihm nicht alles ab, lebt nicht sein Leben für ihn! Depressive brauchen Aufgaben und einen Alltag, an dem entlang sie sich auf dem Weg zur Besserung aus dem schwarzen Loch wieder heraushangeln können.
    An dieser Stelle ein sehr wichtiger Ratschlag an alle Angehörigen: Unterstützung, Hilfe, Fürsorge, Liebe hilft Depressiven ungemein, wieder ans Licht zu finden. Aber  verliert Euch dabei selbst nicht! Gebt Euch selbst nicht auf – vor allem lauft nicht Gefahr, in die Therapeutenrolle zu rutschen oder den Partner alleine kurieren zu wollen. Das schafft Ihr nicht! Am Ende droht Euch selbst ein Burn-Out oder die Co-Abhängigkeit. Ich bin sogar der Meinung, dass es an der Zeit ist, einen Partner zu verlassen, wenn er Jahr um Jahr an seiner Depression festhält und jegliche Hilfe ablehnt. Und das sage ich als selbst Betroffene! Passt also bitte auf Euch und Euer Leben auf
    .
  • Weil Depressive erstarrt sind, fällt ihnen Bewegung unglaublich schwer. Dabei tut es so gut, Körper und Geist in Schwung zu bringen. DeHasen und ich tanzen. Früher auf Turnieren, heute nur noch so zum Spaß. Einmal die Woche ist Tanzkreis. Wenn ich depressiv bin, erfinde ich immer wieder neue Ausreden, nicht hinzumüssen. Obwohl es mein liebstes Hobby ist! Aber einmal fühle ich mich zu fett, das andere Mal von den Menschen dort überfordert, beim dritten Mal war die Woche zu anstrengend.
    Doch das Verrückte ist: Sobald ich den Trainingssaal betrete, die Luft schnuppere, die Musik höre und wir die ersten Schritte auf dem Parkett tun, bin ich ein anderer Mensch – nämlich wieder ich selbst. Es ist mein Anker, der mich im normalen Leben hält. Vielleicht findet Ihr ja gemeinsam ein Hobby, eine Sportart, bei der es Euch beiden ähnlich geht, bei der Ihr die Depression einfach für ein paar Stunden die Woche hinter Euch lassen könnt.
  • Stress ist das Futter der Depression. Je mehr Stress, umso stärker die Krankheit. Dummerweise ist ein Betroffener so in seiner Dunkelheit gefangen, dass er kein Licht am Ende des Stresstunnels sieht. Dann redet mit Eurem Partner und helft ihm, Ideen zu finden, wie er den Stress reduzieren kann. Wenn ich mal wieder nicht aus der Stressspirale finde, spreche ich mit DeHasen. In den allermeisten Fällen hat er einen Geistesblitz, der so einfach wie genial ist, auf den ich aber selbst nie gekommen wäre.
  • Das Glückskonto: Als es mir sehr schlecht ging, schenkte mir DeHasen ein großes Einmachglas und einen Block mit bunten Zetteln. Immer, wenn ich etwas Schönes oder Positives erlebte, sollte ich es aufschreiben und ins Glas werfen. Am Ende des Jahres öffneten wir das Glas und lasen gemeinsam, was ich auf meinem Glückskonto verbucht hatte. Ich war sehr erstaunt, was ich alles geschafft und Tolles erlebt hatte – denn in meiner (depressiven) Erinnerung war wie immer alles schwarz.

Akzeptieren, nicht negieren

  • Viele Depressive genesen vollständig, genauso viele wie ich zum Beispiel bleiben jedoch ein Leben lang depressiv. Dann muss man damit leben lernen. Und das funktioniert nur, indem man die Krankheit akzeptiert. Es hilft ungemein, wenn aus der Geheimniskrämerei ein offener Umgang und Austausch wird und Euer Partner merkt: Ihr steht hinter ihm, auch wenn seine Krankheit bekannt ist, auch wenn sie ein Leben lang bleibt.
  • Blöder Spruch, aber Wissen ist Macht: Wer weiß, wie eine Depression entsteht, welche chemischen Reaktionen dabei im Körper stattfinden, wie man sie behandeln kann, fühlt sich nicht mehr hilflos und kann auch anderen gegenüber selbstbewusster auftreten, die immer mal wieder fragen: „Oh Gott, wie hältst Du das nur aus?!“ Also informiert Euch. Wo, habe ich oben schon geschrieben.
  • Trigger (Reize) sind heimtückisch, weil kaum ein Partner weiß, was seinen Liebsten triggert und wann. Plötzlich geht es dem andern sehr schlecht, obwohl ihr überhaupt keinen Grund erkennen könnt. Redet miteinander und findet heraus, welche Schlüsselreize ihn in die Depression treiben. Das können einzelne Wörter sein, Erlebnisse, die bei ihm traumatisch besetzt sind, Orte oder bestimmte Ereignisse wie Urlaub.
    Achtet gemeinsam darauf, dass Ihr solche Trigger meidet oder damit umzugehen lernt. Nichts ist für Partner von Betroffenen schlimmer, als hilflos mit ansehen zu müssen, wie der Liebste sich im Kreis dreht und wendet und daran verzweifelt.
  • Depressive, die zwischendurch eine manische Phase haben, in der sie Berge versetzen möchten, überschätzen sich dann oft und bürden sich Dinge auf, die später wieder zu Stress führen. Helft Eurem Partner, indem Ihr ihn fragt, ob dieses Hobby oder dieses Projekt jetzt gerade wirklich sein müssen. Erinnert ihn daran, dass ihm zu viel Stress schadet.
  • Verachtet niemanden, der Medikamente nehmen muss und sprecht nicht abfällig über Psychopharmaka. Weil die wenigstens wissen, wann und warum Antidepressiva manchmal die letzte Rettung für Depressive sind, verurteilen sie Arznei als „Wunderpillen“, „bunte Pillen“, „Glückspillen“ oder gar als Drogen, Betroffene als „Junkies“ oder Leute, die sich einfach mal zum Spaß was einwerfen.
    Das ist sehr verletzend für Depressive! Oft ist ein Medikament die letzte Rettung vor dem (Frei)tod. Und gerade für chronisch Depressive, deren Hirnstoffwechsel dauerhaft außer Gleichgewicht ist, die einzige Möglichkeit, überhaupt ein normales Leben zu führen. Sind Medikamente bei Eurem Partner nötig, erklärt es Euch und anderen wie Diabetes: Ein Diabetiker, der kein Insulin erhält, wird auf Dauer ohne das Mittel  ebenfalls grausam krepieren.
  • Und zuguterletzt: Liebt Euren Partner wie bisher! Ich weiß, es ist schwierig. Aber dieses seltsame Wesen, das Euch gerade teilnahmslos gegenübersteht, ist nicht Euer Partner selbst. Es ist die Depression, die ihn besetzt. Und die ihn gerade lähmt, Euch das zu sagen, was er tief innendrin empfindet: Ich liebe Dich und danke Dir dafür, dass Du da bist.

“Ich liebe Dich, weil Du es gerade nicht kannst.”
DeHasen


*Auch an dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass ich weder Therapeut noch Arzt bin. Ich schreibe meine Erfahrungen als Betroffene nieder. Wo Ihr fundierte Hilfe findet, lest Ihr hier.
Zeichnung im Header: Matthew Johstone

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Das Haar in der Decke

Manchmal erwischt es Dich eiskalt. Auf dem falschen Fuß. Ohne Vorbereitung. Einfach so in einer Sekunde ist es da, triggert Dich und schickt Dich mit Lichtgeschwindigkeit zurück in die Welt, der Du entronnen bist. Die Du seit Jahren erfolgreich in Deine tiefsten Tiefen einschließt und von der Du selbst schon nicht mehr weißt, ob sie je existierte.

Ja. Sie hat existiert. Manifestiert in einem Haar. Einem einzelnen Haar, das sich in dieser blöden Pferdedecke verhakt hat, die Du zufällig aus diesem scheiß Karton ziehst, der bislang unbeachtet in der hintersten Speicherecke wie ein Vampir im Sarg auf seine Auferstehung lauerte.

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Es ist zum Heulen. Da hocke ich, zwischen all den Kisten voller Sommer- und Winterklamotten, die ich am Morgen für den Flohmarkt sortiert habe, halte diese Decke, weiß-lila-blau gestreift, in der Hand und heule wie ein Schlosshund. Erst war ich wütend. Stinksauer. Aggressiv. Nachdem ich die Decke meines ehemaligen Pferdes entdeckt hatte, motzte ich grundlos den Mausebären an und fand mich selbst zum Kotzen. Oh, man, Mama!
Abends, als DeHasen mich anschaut, fange ich an zu flennen. Er will mit mir reden. Ich will nicht. „Wahrscheinlich bin ich nur traurig, dass ich mein Pferd damals verkaufen musste“, äußere ich vage Vermutungen und verziehe mich mit meiner Frustschokolade auf die Couch.

Am nächsten Tag muss ich zu meinem Prof. Ich hab keinen Bock. Ich will nicht mit ihm darüber sprechen. Ich will MIT GAR NIEMANDEM darüber sprechen. Ich will WILL WILL NICHT! „Du“, sagt sanft DeHasen, „ich will Dir nix vorschreiben, aber ich fände es besser, Du fährst hin.“ Also gut, motze ich, schnappe die Schlüssel und mache mich auf den Weg. Durchs Nirvana. Ich bin gar nicht hier. Ständig drifte ich ab in die Welt der Pferdedecke. Muss mich höllisch auf die Straße konzentrieren. Weine und weine und weine, komme endlich an und finde doch keinen Ausweg.

Mein Prof ist erschrocken. „So habe ich Sie ja noch nie gesehen“, sagt er. „Herzlichen Glückwunsch“, sprühe ich Sarkasmus. „Mein Gefühl heute ist: VERZWEIFELT.“ Also gehen wir auf Spurensuche. Wieso macht ein einzelnes Haar in einer alten, verdammten Pferdedecke mich so fertig? Reißt mich zurück und lässt mich nicht mehr los?

Flashbacks, getriggert. Ausgelöst durch ein Ding, einen Geruch, einen Namen, der den Betroffenen in den Emotionen eines früheren Erlebnisses gefangen hält, so dass er Damals und Heute nicht mehr unterscheiden kann. So dass er alles noch einmal durchlebt.

Haar, Decke, Netra, meine Stute, die ich kaufte, weil sie keiner mehr wollte, damals Ende der 90er, während des Studiums, mit jemandem zusammen, der die Hälfte der Stallmiete übernahm. Glückliche Tage mit meiner Freundin, gemeinsam im Sattel, stundenlang unterwegs in den Weinbergen, Philosophieren über Gott und die Welt.

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In meiner Wohnung Enge, Ignoranz, Gewalt. Ein Ex-Freund, der meiner Mutter in nichts nachstand, den ich aber trotzdem liebte und heiraten wollte. Eingriffe in meine Privatsphäre, zerschnittene Tagebücher, die Drohung, sich umzubringen. Der Revolver.

Am anderen Ende der Leitung meine Eltern, meine Mutter, „Ich hab Dich für so intelligent gehalten, wie kannst Du nur mit so jemandem zusammen sein?!“ Ich, wie ich widerspreche, um Verständnis suche, verstoßen werde mit den abschließenden Worten meines Vaters: „Wir kannst Du nur so mit Deiner Mutter sprechen?! Dein weiteres Leben interessiert uns nicht mehr!“

Ich, allein in einer Tragödie, der Mitbesitzer meiner Stute springt ab, mag nicht mehr, mit dem letzten Geld kaufe ich seinen Anteil, halte Netra über Wasser, halte mich über Wasser, rette uns vorm Ertrinken, gehe unter.

Mein Ex-Freund macht sich vom Acker. Auch hier keine Unterstützung. War er je eine?

Ich, morgens um sieben, bei meiner Freundin im Wohnzimmer, zitternd, heulend, in der schlimmsten Depression meines Lebens, muss in den Stall, meine Stute verkaufen, die Käufer kommen gleich, muss standhalten, stark sein, nur dieses eine Gespräch noch. Muss sie hergeben, sie aufgeben, habe es nicht geschafft, sie zu retten. Habe es nicht geschafft, mich zu retten. Hörsturz. Ende der Fahnenstange. Leb’ wohl, süße Netra.

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Jahre ziehen ins Land. Ich heirate, kaufe wieder ein Pferd, stehe wieder vor den Scherben einer Beziehung, muss mich wieder trennen – von Mann und von Pferd. Wieder lasse ich etwas, dass ich mir anvertraut habe, im Stich. Aber muss ich nicht VERDAMMT NOCH MAL ZEITLEBENS DAFÜR VERANTWORLTLICH SEIN?!?

Albträume, ich, auf dem Weg zum Stall, im Stall, Netra ist weg. Oder ist da und am Verhungern, weil ich mich ewig nicht gekümmert habe. Vorwurfsvolle Blicke der Stallbesitzerin. Keiner der Träume endet schön.

Bin es leid, verkaufe alles, schmeiße alles weg, alles alles aus dieser Zeit, was mich an Menschen und Situationen dieser Jahre erinnert, will nicht mehr daran denken. Schaffe, zu vergessen. Dummerweise auch, die letzte Pferdekiste zu räumen. Da steht sie jetzt vor mir, im Muff der Gezeiten, angeschimmelt, Netras weiß-lila-blaue Decke im Bauch, in den Maschen hängen rotfuchsfarbene Härchen. Zieht mich zurück an den Ort, in die Zeit. Sagt mir: Du wirst nie eine verlässliche Beziehung bieten können!

Posttraumatische Belastungsstörung, sagt mein Prof. Schlimme Erfahrungen, die nicht verarbeitet, sondern einfach weggeschmissen werden, manifestieren sich im Unterbewusstsein. Ein Ding, ein Geruch, ein Name sprengen die Ketten, und alles ist wieder da. Bis es die Erlaubnis bekommt, besprochen zu werden, bewusst zu werden, verarbeitet zu werden. Immer und immer wieder. Dann, und erst dann, wird es Teil des autobiographischen Gedächtnisses, eine normale Erinnerung, wertfrei abgespeichert zwischen dem Tod der Lieblingsoma und Eisessen im Sommer. Es geht nicht nur um Netra. Es geht um die ganze verdammte Kacke, die ich mit und nach ihr erlebt habe.

„Sie müssen darüber reden“, mahnt mein Prof. „Fallen Sie nicht in alte Verhaltensmuster zurück! Und wenn Sie nicht reden können, müssen Sie es sortieren. Schreiben Sie es auf.”

Also tue ich das. Bis zum nächsten Haar in der Decke. In der Suppe. Im Leben.

Nachtrag ein paar Tage später: Die frisch gewaschene Decke hat mittlerweile die Kotzekatze akquiriert. Ich finde, sie steht ihr sehr gut.

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Welle Titel

CBASP – Wellenreiten für chronisch Depressive

Dieser Text ist für A. und M. und alle anderen, die noch einen Ausweg aus der Depression suchen. Er ist ein wenig *räusper* lang geraten. Also nehmt Euch ne Tasse Kaffee, nen Keks und vor allem Zeit und kommt mit mir in den April 2012…

Da sitze ich wieder, in dem kleinen, muffigen Räumchen des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), zweiter Stock, Flur ganz durch, hinten links. Während ich diesen Text schreibe, bin ich erneut mitten drin, im ZDCIM112GOPROimmer, im Geschehen, in der Therapie – jene Therapie, die mir beibrachte, nicht in den Wellen meiner Depression zu versinken, sondern sie zu reiten. Die für mich die Rettung war.

Frühjahr 2012. Ich habe eine Geburt hinter mir, eine Scheidung, drei Umzüge mit Kleinkind, drei Jahre als alleinerziehende berufstätige Mama und einen Arbeitgeber, der mich gerade hinaus gemobbt hat. Alles so viel, dass weder mein Antidepressivum Citalopram noch eine „normale“ Verhaltenstherapie mehr greift. Ich bin am Ende. In meiner Verzweiflung google ich nach Behandlungsmöglichkeiten für chronisch Depressive und lande auf der Homepage des ZIs. Dort suchen sie Teilnehmer für eine Studie. Eine neue Behandlungsform ist aus den USA herübergeschwappt, angeblich genauso wirksam wie Antidepressiva und vor allem für chronisch Depressive.

Ich maile hin und lande bei meinem heutigen Prof. „Bitte“, flehe ich ihn an, „helfen Sie mir! Das ist meine letzte Rettung.“ Tatsächlich lädt er mich zum Screening ins ZI. Ich werde auf Herz und Seele geprüft. Denn nur Patienten mit eineBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.19.13m tatsächlich chronischen Depressionsverlauf können an der Studie, welche die Wirksamkeit der neuen gegenüber alten Therapieformen beweisen will, teilnehmen. Ich bete, dass der Test positiv ausfällt und ich zu den Probanden der neuen Therapie gehöre. Es klappt. Mein Depressionsindex liegt bei 87 (Gesunde haben null, bei 90 gibt man sich glaub’ ich die Kugel), und ich werde der neuen Therapieform zugeteilt. Ich bin unendlich erleichtert und fortan Studienteilnehmer, Gruppe CBASP.

Was klingt wie eine Wespe mit Startschwierigkeiten, heißt in Langform „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy” (CBASP) – zu Deutsch „Kognitives Verhaltens-Analyse-System der Psychotherapie“. Das neue Behandlungsverfahren wurde Ende der 1990er von Prof. James P. McCullough Jr. (Virginia Commonwealth University, USA) entwickelt, um 2006 kam es nach Deutschland. Es ist bis heute weltweit der einzige Therapieansatz, der speziell für chronisch (länger als zwei Jahre) Depressive konzipiert wurde.

CBASP geht davon aus, dass chronisch Depressive durch früh erfahrene Traumata (Misshandlungen, Verluste oder chronische Vernachlässigung) sozial und emotional in ihrer Entwicklung meblockiert wurden. Die Betroffenen haben nie gelernt, mit anderen Personen und ihrer Umwelt zu interagieren. Wenn sie es heute dennoch versuchen, und das aufgrund fehlenden „sozialen Wissens“ schief geht, sind sie frustriet und ziehen sich immer weiter zurück.

In der Kindheit traumatisierte Menschen bleiben oft in einem präoperativen Entwicklungsstadium stehen, also sozial und kognitiv auf der Stufe eines zwei- bis siebenjährigen Kindes. Versetzt Euch in eine Sechsjährige, die sich durch den Managementdschungel eines Großunternehmens mit all seinen menschlichen Spitzfindigkeiten schlagen muss. Das ist die Erklärung, warum so viele, die doch so qualifiziert sind, so oft scheitern.

Haben Menschen nicht die Chance, dieses Entwicklungsdefizit aufzuarbeiten, leiden sie ein Leben lang an niedrigem Selbstwert und einer generellen Hoffnungslosigkeit. Ihnen fehlt die Fähigkeit zur genauen Beobachtung und Selbstwahrnehmung. Zudem können sie Erfahrungen kaum verarbeiten. Deswegen fällt es chronisch Depressiven sehr schwer, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten. Besonders fremde oder neue Menschen und Situationen sind anstrengend, weil sie automatisch mit Personen und Erlebnissen Bildschirmfoto 2014-10-02 um 14.53.25früherer Traumata gleichgesetzt werden. Beispiel: „Mama hat mir immer weh getan, also wird auch Herr oder Frau XY mir immer wehtun.“

Was CBASP nun tut, ist, diese finsteren Gedanken zu durchleuchten, aufzudröseln, kleinzuhacken, zu überprüfen und sie durch neue, positive, zielführende zu ersetzen. Der Patient lernt, dass niemand außer ihm selbst über seine Gedanken bestimmen kann. Dass es in seiner Macht liegt, wie Leute ihn sehen und auf ihn reagieren und wie er sich verhält. Er wird vom ferngesteuerten Opfer seiner Depression zum selbstbestimmten Agitator seines Lebens.

Klingt alles so wunderbar, so einfach, oder? Isses aber nicht. (Wäre ja auch zu schön gewesen… ;-)) Stellt Euch vor, Ihr wart 20 Jahre gelähmt an einen Rollstuhl gefesselt und habt nun die Chance, wieder gehen zu können. Wie lange brauchen Eure Nerven, Eure Muskeln und letztlich Euer Willen, das in Angriff zu nehmen – vom ersten Schritt bis zum Marathonlauf? Vermutlich ein Jahr. Mindestens. Genauso ist es bei CBASP. Zwischen dem Entschluss, sich in Bewegung zu setzenCBASP1 und dem Erreichen der Ziellinie liegt ein Jahr harten Trainings. Ich will Euch zeigen, wie meins aussah.

Zuerst einmal musste ich herausfinden, warum ich falsch gepolt war. Dass ich es war, war mir klar, aber nicht, wieso! Also gingen mein Therapeut und ich meinem Leben auf den Grund – bis in die frühe Kindheit…

  • Wie sah es mit meinen emotionalen Bedürfnissen aus, wurden sie erfüllt? Wie Ihr an dem Flipchart-Blatt aus meiner ersten Sitzung im April 2012 erkennen könnt, lautet die Antwort: Nein. Meine Mutter hatte kein Interesse an mir, unterdrückte mich und trat meine Bedürfnisse sprichwörtlich mit Füßen. Mein Vater tat es ihr gleich. Mein Großvater, der mit uns im Haus lebte, erkannte meine Bedürfnisse, unterstützte mich aber nicht, weil er genauso viel Schiss vor meiner Mutter hatte wie ich.
    Ich lernte: Meine Bedürfnisse und ich interessieren niemanden.
  • Meine Kindheit war geprägt von negativen Gefühlen. Die Mutter drohte mit Strafe (körperliche und psychiche), ansonsten kam von ihr keinerlei Unterstützung. Der Vater strafte ebenso und war kaltherzig. Mit dem Großvater war ich verbunden im Leid, aber auch von ihm kam keine Hilfe.
    Ich lernte: Ich muss CBASP2alles selber mit mir abmachen; ich werde herabgewürdigt und gestraft, wenn ich zeige, wie es mir geht.
  • Bei „Fehlern“ meinerseits (die meine Mutter willkürlich zu solchen erklärte) kam es zur Strafe durch die Mutter, wiederholt abends vom Vater und zu sogenannten Familiengerichten, bei denen ich nochmals verurteilt und bestraft wurde.
    Ich lernte: Ich darf keine Fehler machen! Und ich bekam nie ein Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.
  • Auch der Beziehungsfähigkeit drückte meine Kindheit ihren Stempel auf. Von meiner Mutter erfuhr ich null Nähe, dafür Gewalt. Dasselbe gilt für meinen Vater, wobei er Nähe zuließ, wenn die Mutter es nicht mitbekam. Meine Großeltern, die weiter weg lebten, gaben mir alle Liebe und Nähe, die sie hatten. Sie waren mein Rückzugsort, der aber zeitlich begrenzt auf ein paar Wochen im Jahr blieb.
    Ich lernte: Beziehungen sind nicht verlässlich.

All diese Erfahrungen, all diese Stempel setzten sich in mir fest und beeinflussten jede weitere Begegnung, jeden weiteren Schritt in meinem restlichen Leben, ja sogar die Art und Weise, wie andere auf mich reagierten. Wie es in den Wald hineinruft…? Ja. Blödes Sprichwort. Aber es stimmt. Wissenschaftlich erwiesen. Schaut Euch den Kiesler-Kreis an. Er zeigt, wie sich Personen untereinander Bildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.05verhalten, welche Rolle sie einnehmen. Ist der eine dominant-distanziert, wird der andere unterwürfig-distanziert reagieren – so geschehen bei meiner Mutter und mir, siehe mein Kiesler-Kreis von einer Therapiestunde ganz am Anfang. Selten ändert sich der andere. Also könnt Ihr diesen Teufelskreis nur durchbrechen, indem IHR Euch ändert, IHR eine andere Rolle einnehmt. Sobald Ihr nicht mehr feindselig-unterwürfig, sondern zum Beispiel freundlich-dominant agiert, wird der andere freundlich-unterwürfig reagieren. Das ist kein Hokuspokus, keine Magie, sondern einfach menschlich.

Im Nachhinein erklären diese Blätter vom Flipchart meines Therapeuten so vieles, fast alles. Aber bis zum Frühjahr 2012 wusste ich davon nichts. Als Kind hatte ich keine Möglichkeit, das zu erkennen oder zu verändern. Und als Erwachsene war und bin ich noch immer zutiefst schockierBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.38.32t darüber, was meine Eltern mir angetan und mir somit die Chance auf ein normales, glückliches Leben genommen haben.

Die Kunst war nun also, mich so umzupolen, dass ich auf meine Mutter und stellvertretend alle anderen Menschen nicht mehr feindselig-unterwürfig reagieren oder ihnen erst gar nicht in dieser Weise gegenübertreten würde. Dass ich nicht länger als Opfer leben müsste. Oh, Gott, dachte ich damals, mitten in der Depression. Wie soll ich das nur schaffen? In ganz, ganz, ganz kleinen Schritten und mithilfe der CBASP-Situationsanalyse. Weiter unten habe ich Euch zwei typische Beispiele aus meiner Therapiezeit eingefügt. Wie ein Patient mit Schlaganfall musste ich wieder lernen, meine Gedanken und meinen Körper selbst zu leiten.

„Wenn Sie einen Brief schreiben möchten“, fragte mein Therapeut, „was tun Sie da?“
„Ich mache mir Gedanken über den Inhalt und schreibe los“, sagte ich.
„Hm“, sagte der Therapeut. „Wenn sie einen Brief schreiben möchten, müssen Sie erst einmal einen Stift zur Hand nehmen. Und was tun sie, um den Stift in die Hand zu nehmen?“
„Ich greife danach?“DCIM112GOPRO
„Aha. Und was müssen Sie Ihrer Hand sagen, damit sie das auch tut?“
„Greif!“

Zweimal die Woche fuhr ich nun ins ZI und analysierte eine Stunde lang genau EINE Situation wie zum Beispiel das Aufheben eines Stiftes. Es waren nur Sekundenbruchteile einer Szene, die mich völlig aus der Bahn warfen: Meine Mutter öffnet die Tür, schaut mich an, ich heule. Wir fanden heraus, welche meiner Gedanken mich in die Irrealität, in frühere Situationen, führten. Ich lernte, sie zu destillieren, durch neue zu ersetzen. In zahllosen Rollenspielen saß ich Menschen meines früheren Lebens gegenüber und führte Dialoge ein zweites Mal – bis ich diejenige war, die freundich-dominant den Gesprächsverlauf und damit mein Leben  bestimmte.

Hier seht Ihr zwei meiner Blätter als Beispiel (anklicken), die Ihr gerne auch für Euch als Vorlage herunterladen könnt:
Situationsanalyse Hochzeitskleid
Situationsanalyse Döner

Was wir nicht in den Therapiesitzungen besprechen konnten, analysierte ich alleine zuhause. Nun hat ein Tag ziemlich viele Sekundenbruchteile und eine Woche erst recht. Also analysierte und analysierte ich, in meiner Wohnung stapelten sich Blätterberge, mein Leben war eine einzige Situationsanalyse. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte, stand ich auf, erforschte meine Gedanken, entlarvte die Irrläufer, formulierte meinen Schlachtruf („Schlaf ein!“) Welle 02und betete ihn so lange mantramäßig vor mich hin, bis niemand außer mir mehr in meinem Kopf war – und ich tatsächlich einschlief.

Oft genug war ich versucht, wieder meine Antidepressiva, die ich vor Therapiebeginn absetzen musste, zu nehmen. Aber ich hielt durch. Ich wusste, es war meine letzte Chance. Ich lernte, mich bewusst mit Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden, Geburtstage zu feiern, zusammen zu arbeiten. Ich fand heraus, was für mich falsch und richtig war, was (und wen) ich liebte und was (und wen) nicht. Ich äußerte Kritik, und Kritik von anderen tat nicht mehr so weh. Und – die Königsdisziplin – ich sagte meiner Mutter ins Gesicht, dass ich anderer Meinung sei als sie und das tun würde, was mir gefiele.

Ein Jahr dauerte es, Training rund um die Uhr, bis sich das neu Erlernte in meinem Hirn festsetzte, automatisierte. Irgendwann fiel mir auf, dass ich nicht mehr bei jeder GeBildschirmfoto 2014-10-02 um 09.23.55legenheit Blatt und Stift aus der Tasche zog, sondern unbewusst die Situation schon gemeistert hatte. CBASP war fest in mir verankert, hatte alte Denk- und Verhaltensmuster bei Seite geschoben, sich etabliert und mein inneres, traumatisiertes Kind wachsen und heilen lassen. Im April 2013 war mein Leben endlich selbstverständlich geworden, und ein letztes Screening zeigte statt einem Index von 87 die Zahl Drei. Nicht mehr chronisch depressiv. Ganz ohne Medikamente. Nur mit CBASP. Und allein durch mich.

„Aber“, ereifert Ihr Euch nun (ich kann es genau hören ;-)), „aber, der Finsterwald! Im Sommer! In den Ferien! Immer wieder musst Du gegen ihn kämpfen! Wie kannst Du da sagen, Du bist geheilt?!“ Ich antworte wie mein weise schmunzelnder Prof, dem ich vergangene Woche genau dieselbe Frage stellte: „Frau W., sie werden nie geheilt sein“.

Das ist das Leben: Verletzungen hinterlassen Narben. Wir werden dünnhäutig, und manchmal brechen Narben wieder auf. Für mich heißt das, dass ich stets vulnerabel, also verletzlich sein werde. Aber mal ganz ehrlich – wer ist das nicht! Stress ist ein großer Feind. Er macht mich fahrig, ich verliAivasovsky_Ivan_Constantinovich_Moonlit_Seascape_With_Shipwreckere meine Kontur, bin nicht bei mir und in mir, schenke mir keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn dann etwas auf mich einströmt – Konflikt mit dem Ex-Partner, neuer Job, Urlaub – übersehe ich den Leuchtturm und schippere geradewegs ins Unglück. Ich vergesse, die Situation zu analysieren und mich mit einem Schlachtruf wieder heraus zu katapultieren. Oft verliere ich den Blick für die Realität und setze mir Ziele, die selbst mit der ausgefeiltesten CBASP-Methode nicht zu erreichen sind. Ich kämpfe mich mit irrealen Gedanken (Du MUSST das jetzt schaffen!!) gegen den Strom und rudere volle Kraft voraus in den Untergang. Und manchmal – ich geb’s offen zu – hab’ ich auch einfach keinen Bock mehr und lass die Segel gleiten. Ich rutsche auf der nächsten Depressions-Welle aus und strande wieder mal in meinem kleinen, muffigen Räumchen im Mannheimer ZI.

Das ist nicht schlimm. Für mich. Für Außenstehende schon, weil sie Angst haben, dass ich ertrinken würde. Ich kann es verstehen. Noch heute zweifle ich, selbst in guten Phasen, wenn ich den Tanzsaal, den Reitplatz, die Geburtstagsparty oder meDepression me3in Büro betrete: „Was werden sie über Dich denken?!“ Aber es bleibt bei diesem einen, kurzen Stich ins Herz und binnen Sekunden habe ich mich wieder unter Kontrolle. Nur bei zwei Menschen hat sich dieser anfängliche Schmerz, diese Angst völlig verloren. Nicht bei meinen Eltern oder bei meinen besten Freunden. Sondern bei DeHasen und meinem Mausebären.

Ob CBASP dauerhaft eine Alternative zu Antidepressiva bietet? Wir werden sehen, was die Auswertung der Studie im kommenden Jahr bringt. Prof. Christian Schubert, Medizinische Universität Innsbruck, forscht auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie. Ihn hatte ich gefragt, ob ein Leben mit chronischer Depression ohne Medikamente möglich sei. Seine Antwort: „Ja, mit sehr viel harter Arbeit.“

Ich merke das: Extremsituationen wie Vorstellungsgespräche sind immer noch ein enormer Kraftakt und erfordern da, wo andere sich nur auf die Fragen des Gegenübers konzentrieren, meine ganze cbasp3Körper- und Willensbeherrschung. Dass CBASP selbst dann wirkt, seht Ihr an dem psychologischen Gutachten, das eine Firma von mir erstellt hat. Ich verkneife mir ein triumphierendes Grinsen und verweise besonders auf den Bereich „Außenorientierung“ (Den Job habe ich übrigens dann auch bekommen. Es war der mit dem Döner).

Also keine Sorge: Jede Welle, die ich nehme, macht mich stärker. Ich hab nämlich inzwischen nicht nur das Depressions-Seepferdchen. Sondern auch den Freischwimmer. In Silber;-)


  • Die bunten Folien sind aus einem Vortrag von Frank Padberg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Ludwig-Maximilians-Universität München (9. November 2009) über Psychotherapie bei chronischen Depressionen.
  • Das kleine Mädchen auf Bild 3 bin ich.
  • Das Bild vom Wrack im Mondlicht ist von Aivasovsky Ivan Constantinovich (Rechte gemeinfrei).
  • Und die wunderschönen Meerfotos sind von DeHasen.
  • Alle weiteren Infos zu CBASP und eine Liste von zertifizierten Therapeuten findet Ihr hier.

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Barbed Berries (8217012089) von Craig Sunter from Manchester UK - Barbed BerriesUploaded by russavia

Stich in die Seele

„Du hast Dich ja zugerichtet!“, seufzt meine Lieblingskosmetikerin. Eigentlich bin ich zum Ausreinigen bei ihr. Aber ihr bleibt nicht viel zum Reinigen. Erst einmal muss sie das Schlachtfeld auf meinem Gesicht verarzten.

Immer und immer wieder ist das so. Seit Jahren verbieten mir zig Fachleute, an meiner Haut herumzudoktern. Ich tue es trotzdem, ein Zwang, dem ich nicht Fotowiderstehen kann. Narben und Flecken singen ein Requiem auf einst unversehrte, zarte Wangen. Wenn ich Mitesser, die keine sind, ausquetsche, fühle ich mich rein. Der Druck in mir lässt nach. Erst, wenn alles blutet und schmerzt, komme ich zu mir – und erschrecke über das, was ich mir wieder angetan habe. „Sie vergewaltigen sich selbst“, sagt mein Prof. Er hat wohl Recht.

Ein 14-jähriges Mädchen liest meinen Blog und schreibt mir: „Ich schneide mir in die Arme. Bin ich auch depressiv?“ Ich sitze vor der Frage und schlucke. Nein, denke ich mir, Du bist nicht depressiv. Du hast vermutlich Borderline.

Borderliner zu sein ist schlimmer, als Depressionen zu haben. Allein das Wort stigmatisiert, noch bevor man seinen Namen sagen kann. „Die Verrückten, Schizophrenen, die sich mit Rasierklingen die Arme aufritzen! Bah, wie eklig! Die haben ja was an der Klatsche!“ Ja, vermutlich haben wir was an der Klatsche. Und vermutlich seid genau Ihr der Grund dafür.

Es gibt viele Formen von Borderline. Die Grenzen zur Depression sind fließend. Selbstverletzung ist nur ein SympFolie1tom davon, und nicht jeder Borderliner ritzt sich. In jedem Fall aber sind die Wunden Reaktionen auf einschneidende Erlebnisse.

Wie alle anderen Krankheiten lässt sich auch Borderline nur durch ein detailliertes Screening mittels der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification (ICD-10-GM) diagnostizieren. Betroffene müssen Dutzende, sehr persönliche Fragen beantworten, bis feststeht, was genau sie haben und – ganz wichtig – wie genau sie behandelt werden können. Mich macht es sehr wütend, wenn Menschen andere abfällig als Borderliner bezeichnen, ohne einen blassen Schimmer zu haben. Ich empfehle mich und die Fachliteratur.

Borderline heißt übersetzt Grenzlinie. Das Wort stammt vom amerikanischen Psychoanalytiker Adolf Stern, der 1938 alle Symptome zusammenfasste und die Krankheit an der Grenze von neurotischen zu psychotischen Störungen ansiedelte. In neuester Zeit assoziieren viele Borderline mit Menschen, die am Abgrund wandeln. Und so ist es auch:

  •  Betroffene mögen nicht alleine sein und Trennungen auf jeden Fall vermeiden; oft versuchen sie, andere durch ihr Verhalten zu manipulieren oder kontrollieren.tumblr_n2qqps9njj1skbkwbo1_500
  • In Krisen schalten Betroffene komplett ab, sind gefühlstaub. Sie erleben sich als fremd und verändert – wie „im falschen Film“, in „Watte gepackt“ oder einem „Alptraum, aus dem niemand erwacht“.
  • Zwischenmenschliche Beziehungen sind sehr intensiv, aber auch sehr instabil – ein stetes Wechselbad von Hass und Liebe. Partnerschaften werden himmelhochjauchzend begonnen und dann kurze Zeit später ohne ersichtlichen Grund abrupt beendet.
  • Gefühle sind genauso unkontrollierbar, sie ändern sich von einer Sekunde auf die andere, reichen von Angst und Depression über Wut und Aggression bis zum Drang zu sterben oder sich zu zerstören. Stimmungen werden unreflektiert und sofort an andere weitergegeben
  • Impulsivität ist ein großes Thema. Betroffene leben ohne Rücksicht auf Verluste, was oft zu lebens- oder existenzbedrohlichen Situationen führt. Dazu gehört auch Kaufsucht.
  • Schlimm für Betroffene ist, dass sie um ihre Krankheit und ihre Makel wissen. Und sich dafür zu Tode schämen.
  • Borderliner sind wie die meisten Menschen wunderhübsch, finden sich aber abgrundtief hässlich – Folge einer gestörten Selbstwahrnehmung. „Hi, I’m Emma and I hate myself“, schreibt das 14-jährige Mädchen aus meinem Postfach auf ihrer Website.*

Die Ursache für Borderline liegt wie so oft in einer traumatischen Kindheit. Unsicher-desorganisierte Bindungen, keine Words hurtVerlässlichkeit, kein Schutz. Gewalt an Seele und Leib mit Worten und Taten. Wie bei Depressiven auch beeinflussen solche Erlebnisse den Gehirnstoffwechsel, vor allem den des Serotonins.
Das cholinerge System wird empfindsamer; es umfasst die vegetativen Nervenfasern, an deren Enden Acetylcholin gebildet und als Transmitter freigesetzt wird. Acetylcholin (ACh) ist einer der wichtigsten Botenstoffe im Organismus, er vermittelt zum Beispiel die Erregungsübertragung zwischen Nerven und Muskeln und regelt das Zusammenspiel von Sympathikus und Parasymphatikus. Ist das cholinerge System aus dem Gleichgewicht, kann Erregung nicht mehr abgebaut werden. Ein Mangel an Acetylcholin kann zu Alzheimer führen.
Bei vielen Borderlinern ist die Amygdala, der Mandelkern im Hirn, verkleinert und übererregbar. Sie können Stress nicht mehr verarbeiten. Die Hirnschäden bei Betroffenen sind vergleichbar mit jenen von Patienten, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

Emma weiß, wie sich all das anfühlt. Und ich fühle mit ihr. Jedes Mal bin ich geschockt, wenn auf meiner Überweisung ans ZI neben Depression das Wort Borderline-Syndrom steht. Schnell falte ich den Schein zusammen. Niemand soll es sehen. Vor allem ich nicht.

Folie1Mir geht es mittlerweile gut – bis auf die Quetschpartien im Gesicht. Meiner kleinen Brieffreundin nicht. Ich bin keine Therapeutin und zum ersten Mal fühle ich mich rat- und hilflos. Aber ich bin für sie da und sie für mich, und gemeinsam werden wir einen Weg finden:

Kinder erkennen sich am Gang. Auch im Grenzfall.

*Natürlich heißt Emma nicht Emma, und auch die Zitate auf dieser Seite stammen bis auf das erstgenannte nicht von ihr, sondern von anderen Betroffenen (sic! = Rechtschreibung vom Original übernommen).

Header: Barbed Berries (8217012089) by Craig Sunter,  Manchester (UK)

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Urlaub-Titel

Ferien im Finsterwald

Wir sind im Paradies.  Während der Rest von Deutschland im Regentief versinkt, strahlt über uns ein Sonnenhoch. Das Frühstück war opulent, wie alle anderen Mahlzeiten hier – es fehlt an nichts. Der Mausebär ist heute Morgen herzig heiter in die Spielgruppe gehüpft, wir werden ihn den ganzen Tag nicht zu Gesicht Urlaub-Schildbekommen. De Hasen hat mich ausschlafen lassen, ein komplett freier Tag liegt vor mir. Unser Balkon bietet eine Traumaussicht – Pferdekoppel, Meer, Vogelzwitschern, Himmel. Wir sind im Paradies. Aber für mich ist es die Hölle.

3.50 Uhr morgens. Wach. Nicht der fehlende Schlaf ist schlimm. Sondern die Panik, die sich anschleicht. Gestern war es 4.15 Uhr. Ich weiß: Wenn sich die Drei nähert, ist die Depression da. Angst. Ohrensausen. Herzklopfen. Du schaffst den nächsten Tag nicht, wie willst Du das durchstehen, wenn Du nicht ausgeschlafen bist? Absurd. Du bist im Urlaub!

Ja. Ich bin im Urlaub. Und Urlaub ist für Depressive ein Finsterwald. Die Gesunden bleiben außen vor und wiegen verwundert die Köpfe. Sie sehen nicht und verstehen nicht. Wollt Ihr es versuchen? Dann folgt mir auf die Pfade ins Dickicht…

Auf der Flucht

Wir laufen einen Marathon. Er führt übern Stress. Für Euch ist es der gewöhnliche Ich-muss-noch-876-Dinge-einpacken-und-haben-wir-auch-nichts-vergessen-Weg. Aber mein Hirnstoffwechsel hinkt. Und mit ihm die Stress-Regulation. Mein Körper schüttet Cortisol aus. Ich bin bereit zur Flucht. Oder zum Kampf. Ich kann mich nicht entscheiden und verharre, gefangen in Spannung. Während alles seinen Platz im Wagen findet, zieht sich das Cortisol langsam wieder zurück. Normalerweise. Leider nicht in mir. Bei Depressiven schwärmt Cortisol aus, beißt sich fest, bleibt kleben. Es bizzelt in den Gliedern und stellt uns unter Dauerstrom. Ständig auf dem Sprung, Panik im Nacken. Das Cortisol legt unser Immunsystem lahm und entzündet sich an der Haut: Akne mit fast 40 und chronische Sinusitis. Langwierig und kräftezehrend ist es, sich vom Cortisol wieder reinzuwaschen. Mitunter dauert es Wochen, Monate, Jahre.

Rückschläge lauern dabei an jeder Ecke, getarnt als schlechtes Gewissen. Weil man das Schöne nicht genießen kann. Weil man das Teure nicht schätzen kann. Weil man dem Partner nicht anstrahlen kann. Weil man nicht wie jeder gottverdammt andere normale Mensch auch einfach seiUrlaub-Mannshandne Familie umarmen und sich am Paradies freuen kann!

Versumpft

Gleich neben der Stressstrecke wartet der Sumpf des Versagens. Einen Tag – ausgerechnet! – bevor wir in Urlaub fahren, kontaktiert mich ein Headhunter. Hat auf Xing mein Profil entdeckt. Den Link zu meinem Blog hat er großzügig überlesen. Er bietet mir einen Bombenjob bei BASF an. Vollzeit. Für ganz Europa. Pressesprecherin. Einige sagen: Wow! Jackpot! Ich frage mich, ob irgendjemand überhaupt zuhört, wenn ich was sage, liest, was ich schreibe. Unverständnis. Dass ich ablehne. Meine Entscheidung schwankt. Wie kannst Du nur? Du kannst doch nicht! Ja, ich kann nicht. Weil kein normaler Mensch, der ein Kind erzieht und Familie hat, dieses Pensum schaffen würde, sagt mein Prof. Ich glaube ihm nicht. Ich bin ein Versager. Wie immer schon. Sackgasse.

Schlammschlacht

Die Feindesfurcht bleibt. Alles wird zur Bedrohung am Urlaubsort: die neue Umgebung, das fremde Bett, die unbekannten Menschen im Speisesaal, die anderen Mütter in der Kinderbetreuung. Allein ein Geräusch kann Panik auslösen. Ein Lachen von der Wiese, weil ich fürchte, wegen zu großen Lärms nachts nicht schlafen zu können. Fortsetzung folgt. Alle Eindrücke strömen ungefiltert und dreifach so laut auf mich ein, und ich kann mich nirgendwo verkriechen. Trigger heißt das, wenn unser Körper instinktiv auf einen Reiz reagiert, der die Abwärtsspirale antreibt. Bei Depressiven kann alles zum Trigger werden. Der Blick in den Spiegel, die Stimme am Nebentisch, der Anblick eines Schwimmbads. Wecken unschöne Begebenheiten der Vergangenheit und reizen uns bis aufs Blut. Bis die trübe Brühe über uns zusammenschwappt. Wir sind ihr ausgeliefert, macht- und hilflos.

Auf dem Grund kauert die soziale Phobie im Schlamm und freut sich. Sie weiß, wir sind wertlos. Weil wir von Kindheit an nichts anderes erfahren haben. Weil wir im Alter vielfach bestätigt wurden. Unsere Partner sind hilflos. „Ich liebe Dich, weil Du es selbst nici fell in love with youht kannst“, sagt De Hasen oft. Ich versuche, es zu
glauben.

Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg, wenn ich auf andere Menschen treffe. Sie treffen muss. Jede Sekunde tastet mein Hirn ab, was der Gegenüber von mir denkt, wie hässlich, albern oder skurril er mich wohl findet. Meine Gedanken schreiben eine Hintergrundmollmusik, deren Text einen Sprung hat: „Du bist zu fett. Du hast Pickel. Deine Nase ist krumm. Deine Klamotten schäbig. Deine Haltung schief. Deine Sprache lächerlich. Vergiss es. An die andern reichst Du eh nie ran.“ Der Aufenthalt unter meinesgleichen wird zum Horrorfilm, Smalltalk eine Farce. Egal, ob im Job oder unter Freunden, sogar in der Familie: Wir bestehen nur, weil wir uns mit übernatürlicher Kraft in eine Rolle pressen, von der wir denken, dass andere sie erwarten. Damit wir normal erscheinen.

Stellt Euch das vor. Und Ihr wisst, wie viel unglaubliche Energie mich mein Beruf als Pressesprecherin gekostet hat. Die zwei neuen Arbeitsstellen binnen zweier Jahre, die Vorstellungsgespräche, diese pseudo-psychologischen Spielchen und Prüfungen. Die Öffentlichkeit, die Veranstaltungen, die Meetings. Mehr, als ein Mensch tragen kann.

Im Dunkel-Dickicht

Undurchdringlich ist der Dschungel. Dort hält sich das Dopamin versteckt. Es weiß, es soll die Menschen erhellen. Ein Wegweiser auf verschlungenem Pfad zwischen Relevanz und Irrelevanz. Wo kein Dopamin, da keine Hoffnungsstreif. Was bleibt dem Depressiven, dem es an Dopamin mangelt, als sich auf Irrlichter zu verlassen, die ihm mit Liebe den Weg in den Abgrund weisen. Simple Sinneseindrücke zur grotesken  Grausamkeit ausstrahlen. Vor allem nachts.

Kennt Ihr den Film Zeit des Erwachsens“ mit Robin Williams und Robert de Niro? Schaut ihn Euch an. Und Ihr wisst, wie es Menschen im Dopamin-Dschungel geht.Urlaub-Quallen

Stau der Glückseligkeit

Der Fluss im Hirn ist unterbrochen. Die Depression hat Serotonin-Dämme errichtet. Es staut sich und kommt nicht weiter und signalisiert dem Körper, dass er zu viel davon hat. Das Glückshormon ebbt ab, versiegt. Das ist fatal. Denn der Neurotransmitter macht nicht nur „glücklich“, er beeinflusst unser komplettes Leben. Steuert unsere Wahrnehmung, unseren Schlaf, regelt unsere Temperatur, Schmerzempfinden und Schmerzverarbeitung. Macht uns Appetit und Lust auf Sex. Bringt Herz-Kreislaufsystem, Verdauung und Blutgerinnung in Schwung.

Wenn Ihr depressiv seid, versiegt dieser Strom der Glückseligkeit. Euch zermürben  Gelenk- und Rückenschmerzen vom Aufstehen bis zum Zubettgehen. Es gibt keinen Tag, an dem Ihr frisch und ausgeschlafen und voller Lust aufspringt. Am Morgen schon seid Ihr am Ende. Ihr schleppt Euch hundemüde durch die Stunden, findet keinen Schlaf. Im Sommer erfriert, im Winter verglüht Ihr. Erleidet Fressanfälle und Magerwahn, Herzrasen, Kreislaufkollapse, Durchfälle und blaue Flecken am ganzen Körper. Ihr vegetiert dahin, bis Ihr nur noch ein Schatten Eurer selbst seid. Völlig entnervt, völlig entkräftet. Und doch – niemand darf es merken! Und es bemerkt auch niemand. Ihr seid Meister der Gesichter, das Rollenspiel Eure höchste Kunst. Jede verdammte Minute.

Willkommen im Finsterwald! Die Dornen schließen sich hinter Euch wie im Märchen die Hecke. Die Hölle, das sind nicht nur die anderen. Die Hölle, das sind wir selbst.

Wa(h)re Wegweiser

Wer weist Euch jetzt den Weg zurück? Und welchen wollt Ihr wählen? Laut einer Studie schaffen es nur sechs Prozent aller Depressiven zurück ans Licht. Ist das ein Wunder? Ja. Der Rest kämpft ein Leben lang. Oder ergibt sich der Dunkelheit. Ist das ein Wunder? Nein.

Urlaub-WegweiserEs fehlt an Wegweisern. An Lotsen. Und an guten Feen. Wer sich alleine auf den Weg macht, scheitert. Wer die falsche Begleitung wählt, irrt. Wer zaubern kann, sehr viel Glück hat oder den Weg nicht zum ersten Mal antritt, wird es vielleicht schaffen. Doch jedes Mal bleibt ein Teil seines Muts, seines Willens auf der Strecke.
Seit 20 Jahren bin ich auf der Reise. In den dunkelsten Finsterwald und zurück ans Licht. Mittlerweile kenne ich fast alle Wege im Schlaf. Und alle Irrlichter beim Namen. Ich habe mich durchgeschlagen, verletzt, überlebt. Gnade mir, wenn ich vergesse, was ich dabei lernen musste. Wenn ich eine Sekunde meine Gedanken freilasse. Der Wald verschlingt mich mit Haut und Haar. Ohne Wenn und Aber.

Gerade wuchert mein persönlicher Finsterwald auf einer kleinen Insel in der Ostsee. Wie gerne würde ich mir darin eine Höhle graben, mich mit Moos bedecken und für immer verschwinden. Damit die Reise ein Ende hat. Aber sie wird nicht zu Ende gehen. Also packe ich wieder mal meine Machete aus und kämpfe mich zurück. An die Ostsee. Zu meiner Familie. Zu mir selbst.

Ich bin schließlich im Urlaub.

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