Schlagwort-Archiv: zuhause

www.jochen-boy.de

Schatzsucher

long time no see…

Ich habe Euch sträflich vernachlässigt.
Vor allem aber habe ich mich selbst vernachlässigt.

Alles, was ich Euch in den vergangenen Artikeln geschrieben habe, hat sehr an meinen Nerven gezerrt… mit den bekannten Auswirkungen.

Seit ein paar Wochen entspannt sich die Lage: Mein Existenzgründerzuschuss ist durch, ich bin jetzt komplett selbstständig, es sind Ferien, DeHasn war mit dem Mausebären eine Woche im Urlaub – und ich hatte Zeit. Es ist unglaublich, wie wertvoll Zeit ist. Vor allem Zeit, sich zu resetten.

Ich habe gemerkt, wie sehr mir diese Minuten und Stunden gefehlt haben. Dazusitzen, sich zu ordnen, Prioritäten zu setzen, sich selbst wieder wichtig zu nehmen. Bis vor kurzem hatte ich dafür überhaupt keinen Kopf. Ich hetzte und hetzte und machte und machte…. und wäre wohl wieder einmal ins Burnout gerannt. Was hat mich abgehalten?

Abgesehen von meiner tollen Familie und meinen Freunden *kuss!* denke ich, dass es zum größten Teil mit meinem Job zusammenhängt. ENDLICH tue ich wieder etwas, was mir Freude macht, was für mich einen Sinn ergibt. Vor allem macht es mich stolz, nun für mich verantwortlich zu sein, MEINE Geschäfte zu führen (und nicht immer den Karren für jemand anderen aus dem Dreck zu ziehen). Es tut mir so gut, meine Zeit einzuteilen. Das ist eine große Freiheit, die ich sehr genieße: Habe ich morgens um fünf einen  Flow, dann arbeite ich eben morgens um fünf. Habe ich mittags keine Energie mehr, tanke ich bei einem Nickerchen auf. Es ist so viel effektiver, so zu arbeiten. Und so zu leben!
Ich arbeite wohl mehr als zuvor. Aber es stresst mich nicht mehr.

Langsam, ganz langsam lege ich mich wieder frei. Geduld braucht das, aber es bringt auch unendliche Ruhe – meditativ, wie das Sandwaschen am Fluss auf der Suche nach Gold.

Den Klinikaufenthalt habe ich gecancelt. Ich frage mich, wie ein depressiver Mensch diese Bürokratieberge bewältigen soll, bis er überhaupt einmal einen Platz in einer für ihn passenden (!) Klinik erhält. Und dazu noch die zu ihm passende (!) Behandlung. Viel zu viel Stress. Und dann: Was ist, wenn man wieder zuhause ist? In der alten Umgebung? Da nehme ich lieber den direkten Weg: sich zuhause besser fühlen lernen.

Das Essen ist nach wie vor meine Krux, aber jetzt habe ich Zeit, mich auch darum zu kümmern. Vor allem ist es ein Umlernen von Gewohnheiten. Und das dauert – zwei Schritte vor, einer zurück. Immerhin! Ein Schritt nach vorne!
Es ist wie beim Tanzen. Da dreht man den Walzer sein Leben lang rechts rum und soll auf einmal links rum zirkeln. Heidewitzka! Das klappt nur mit viel Training. Und Balance. Und einem, der einen sicher im Arm hält <3

Ab er es wird. Und deswegen habe ich jetzt auch die Hintergrundfarbe der Bloghütte auf Weiß geändert. Auf einer Seite zumindest. Ich finde, das ist ein guter Anfang :-)

Passt auf Euch auf!


 Hier geht’s zurück zum Eingang           Hier geht’s zu Facebook

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Angst essen Seele auf. Oder: Frohes Neues!

Hallo, Ihr Lieben!

Na, seid Ihr gut gelandet im neuen Jahr?

Was sind Eure Vorsätze? Hoffentlich habt Ihr keine und lebt glücklich und zufrieden wie bisher in den Tag hinein. Das wünsche ich Euch!

Weihnachten und Silvester waren bei mir wie immer holprig, aber ich habe es geschafft. Wir hatten dieses Jahr keinen großen Stress, objektiv gesehen. Haben Weihnachten mit der Familie und Silvester mit unseren lieben Nachbarn und Freunden gefeiert. Es war H.-J. Spindler  : pixelio.dewunderschön. Aber mitten in der Neujahrsfeier, so zwischen Gorgonzolabirne und Salamipilzen (Preisfrage: Was gab’s zum Essen?), wurde mir anders. Alles war zu viel, zu laut und am allerliebsten hätte ich mich zuhause auf meiner Couch unter der Decke verkrochen.

Warum? Weil Menschen mich Kraft kosten, sehr viel Kraft. Ihr seht das von außen nicht, ich bin im Laufe der Jahre zum sozialen Profi geworden. Aber dass ich andere treffe, mit ihnen smalltalke, Witze mache, gar esse, ist für mich immer noch ein Spießrutenlauf. Ständig läuft ein Film hinter meiner Stirn und spult ohne Unterbrechung ab: “Was denken die, wie du aussiehst? Du bist so dick geworden, sie verachten dich dafür! Was sollst du nur sagen, wie dich verhalten?” Leider ist es kein Stummfilm.

Vielleicht könnt Ihr Euch das vorstellen. Es ist, als ob Ihr einen Tinnitus hättet, den Ihr mit viel Energie und Geduld ausblenden müsst. Ihr habt also ständig diese Gedanken im Ohr und Kopf und versucht, vordergründig ganz normal zu sein. Mal gelingt es, mal nicht. Es kommt immer darauf an, wie es Euch gerade geht, ob Ihr Wilhelmine Wulff  : pixelio.deohnehin am Energielimit seid oder fremden Leuten gegenüber sitzt (ganz, ganz schlimm!) oder ob Ihr ausgeglichen und ruhig bei vertrauten Menschen seid.

Fokussieren, achtsam sein, im Augenblick ruhen – das hilft manchmal. Das innere Stoppschild rausholen, dem Gedankenrausch die Stirn bieten, der doofen Stimme alle zwei Sekunden den Mund zuhalten. Atmen. Ein. Aus. Und während Ihr rund um die Uhr diese yogaeske Übung praktiziert, immer schön locker bleiben und weiterplaudern. Nicht, damit es keiner merkt – mittlerweile kennen mich meine Freunde und Bekannte ziemlich gut. Sondern weil auch ich Spaß haben will! Weil ich keinen Bock mehr darauf habe, nicht normal wie jeder andere Gesellschaft genießen und feiern zu können!

Soziale Phobie heißt das, was mit meiner Depression einher geht und mir die Freude raubt. Es ist eine harte Nuss, die ich niemals knacken werde. Ich kann mit bestimmten Tricks die Schale wetzen. Aber den Kern erreiche ich nicht. Das ist eben so. Oft spreche im Reckmann  : pixelio.de  5ich mit meinem Prof darüber – denn wer unter Menschen leben will, hat immer damit zu tun.

Das Perfide an einer sozialen Phobie ist, dass sie sich schwer abstellen lässt. Wer Angst vor Spinnen oder Aufzügen hat, macht ein Keinepanikprogramm durch und ist geheilt. Oder er meidet sie ganz einfach. Geht leider bei mir nicht. Jedes Mal, wenn ich raus gehe, ist es, als ob ich aus der schützenden Höhle auf eine Lichtung trete. Das volle Sonnenlicht blendet mich, die Feinde leider nicht, sie stürzen los, bereit zum Töten. Wenn ich das nicht möchte, muss ich mich also wappnen: Panzer rum und durch.

Dabei ist es egal, ob da draußen tatsächlich Feinde lauern oder mich Freunde erwarten. Meinem Hirn ist das gleich. Seufz.

Die Ursache liegt wie so vieles in meiner Kindheit. Wenn ich mal ganz viel Kraft habe, schreibe ich Euch darüber. Nur eine Bitte an dieser Stelle: Sagt Euren Kinder nie-, nie-, niemals, dass sie hässlich und Drecksmenschen sind! Bitte. Danke.

Ist die soziale Phobie nicht ganz ausgeprägt, kommt man gut mit Training dagegen an. Das lernt man in der Verhaltenstherapie oder bei CBASP. Je länger sich die Phobie im Hirn einnistet, um so mehr schädigt sie es aucim Reckmann  : pixelio.de  4h. Über die exakten Vorgänge schreibe ich Euch später noch einen Beitrag. Theoretisch kann ich alle Verteidigungsstrategien aus dem Effeff. Aber wenn meine Gedanken panisch den Kopf verlieren, ist es aus mit wohlüberlegtem Handeln. Ich renne in mein Unglück und versuche, den ganzen Stress zu kompensieren – mit andauerndem Binge Eating. Mir hilft in solchen Situationen nur noch mein Antidepressivum, Citalopram. Es kappt die Emotionsspitzen, es verhindert, dass ich panisch durchdrehe, es hilft mir, zu leben – und ja, auch Weihnachten und Silvester zu überstehen, Menschen zu treffen und das manchmal sogar zu genießen. Den Heißhunger heilt es leider nicht. Aber, mein Gott. Man muss eben Prioritäten setzen…

Wie gesagt. Außenstehende bekommen von diesem inneren Kampf nichts mit, wenn sie mich nicht sehr gut kennen. Und ich lebe ja auch trotzdem weiter – habe meine Familie, einen Haushalt, einen Job und bald mein eigenes Unternehmen, wie viele andere depressive Menschen auch.

Solche Tage wie Weihnachten und Neujahr (der soziale Supergau schlechthin) zeigen mir allerdings, dass meine Kraft nicht unendlich ist. Dass ich wieder kürzer treten muss. Und dass es auch überhaupt gar nicht schlimm ist, an Feiertagen einfach mal allein oder zu zweit auf der Couch rumzulungern (lustigerweise habe ich das von vielen Freunden gehört, die auf einer Party ins neue Jahr geschlittert sind. Yado  : pixelio.deWir werden älter, scheint’s).

Jahrzehnte fand ich das völlig unmöglich, habe mich auch abseits des Jahreswechsels unter Menschen gezwungen. Hat es was gebracht? Nein. Außer enormer Anstrengung. Schuld daran war auch der ein oder andere Psychologe, der meinte, so meine Sozialphobie kurieren zu müssen. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich 20 war: Eine Freundin wollte mit mir Kaffee trinken gehen. Horror! Meine damalige Therapeutin stellte mit mir einen exakten Verhaltensplan für dieses Treffen auf. Und tatsächlich habe ich es überstanden, indem ich jede Sekunde die eingetrichterten Befehle abrief. Ganz toll. Total ungezwungen. Aber: Auch ich glaubte fest daran, dass das der richtige Weg sei. Wie bei den Spinnen. Je näher man ihnen kommt, je öfter man sie trifft, umso furchtloser wird man. Pfft.

Mittlerweile denke ich anders: Warum soll ich so was tun? Ich brödle vor mich hin, und ab und an treffe ich liebe Menschen und feiere sogar mit ihnen. Ganz freiwillig. Und manchmal macht es sogar Spaß. Und wenn mir alles zu viel wird, zu laut und der Tinnitus nicht mehr verstummt, weiß ich: Stoppschild hoch, ab in die Höhle. Doof nur: Dass ich das weiß, heißt nicht, dass ich es auch tue.  Es braucht Tim Reckmann  : pixelio.dewahrscheinlich noch einige Zeit, bis ich mir wieder vertraue – das wird mein großes Thema 2016 sein.

Abgesehen von diesen Einbrüchen, die längst nicht mehr so schlimm sind wie früher, geht es mir neutral bis gut. Zum einen liegt es an all dem, was ich von meinem Prof gelernt habe. Zum anderen an meinem Medikament, von dem ich täglich 20 mg nehme. Ich schlafe normalerweise zügig ein und gut durch bis zum nächsten Morgen. Ich stehe nicht auf mit einer Zentnerlast auf den Schultern, fürchte mich nicht vor dem Tag und würde nicht am liebsten wieder unter die Decke kriechen. Es fällt mir nicht alles so unendlich schwer, ich muss mich nicht von Minute zu Minute schleppen.

Ich kann mich ab und an auf mein Gegenüber konzentrieren und verliere mich nicht im gedanklichen Nirwana. Mein Akku ist noch nicht ganz voll, aber es reicht wieder für acht bis zehn Stunden. Bisweilen kann ich mich entspannen, so einfach zwischendurch, ohne großes Wellnessprogramm. Ich habe wieder Energie, für andere da zu sein. Nicht viel, aber ich hoffe, es hilft ihnen. Draußen nehWolfgang Dirscherl  : pixelio.deme ich meine Umwelt vereinzelt wahr. Bin ich auf der Autobahn unterwegs, fällt mir ab und an auf, dass am Himmel Wolken oder am Wegrand Bäume stehen.

Und manchmal, ganz manchmal, muss ich unwillkürlich lächeln und bin ein kleines bisschen glücklich.


Fotos: pixelio – CFalk (1), H.-J. Spindler (2), Wilhelmine Wulff (3), Tim Reckmann (3+4), Yado (5), Tim Reckmann (6), Wolfgang Dirscherl (7)

Hier geht’s zurück zum Eingang!        Hier geht’s zu Facebook! 

 

 

Pixar-Inside-Out-Trailer_5

Is there anybody…

… out there – help me sing my song?

Ihr Lieben,

weil ich vermisst werde (danke, dass Ihr an mich denkt❤️), kurz ein kleines Zeichen: Das Leben fährt gerade Achterbahn mit mir. Ich bin wieder mal gekündigt worden – eine Stelle, die ich angenommen hatte, um jemanden aus der Patsche zu helfen. Der Mausebär ist in die Schule gekommen und steht jetzt jeden Tag mittags um eins auf der Matte. DeHasn war wieder unterwegs in der Welt und ich allein zu Haus (oder auf dem Arbeitsamt oder beim Arzt oder in der Physiotherapie oder beim Salzteigbacken…)

Ich hab mir den Außenspiegel abgefahren und kämpfe gerade mit der Versicherung, die erst sagte, sie übernehme de12189792_970877066291487_8947825813354643387_nn Schaden und jetzt nichts mehr davon wissen will. Und wenn ich schon dabei bin, schreibe ich dem Pressesprecher der GEZ böse Briefe, weil die sich meine Daten vom Einwohnermeldeamt gemopst haben, aber nicht raffen, dass ich seit drei Jahren nicht mehr alleine wohne und nun verheiratet bin *AAAAARGH*
Der ganz normale Wahnsinn eben, Ihr kennt das.

Ich überstehe Elternabende und Familienfeiern und Bewerbungsgespräche und übe mich in Großmut und Vergebung.  Zwischendurch ploppt die Vergangenheit auf und reißt mich in Fressstrudel, wobei diese nicht mehr so tief sind wie früher. Bei all dem versuche ich, nicht abzurutschen. Ich bin vorgestern 40 geworden und hadere damit, dass die Hälfte meines Lebens vorbei ist, und diese Hälfte ziemlich bescheiden war.

Auf der anderen Seite fühle ich mich so aufgehoben wie nie. Unsere kleine Familie und meine Freunde geben mir viel Kraft und stehen kompromisslos hinter mir. Meine Näherei entwickelt sich weiter… 12046925_752852831487680_4146317145651418258_nund wird bald etwas sein, was mich hauptberuflich beschäftigt. Ein großer psychosomatischer Klinikverband hat meinen Blog entdeckt und mir eine Kooperation angeboten (ich denke noch drüber nach).  Ich bin gerade völlig im Umbruch, und hoffe nur, dass die Depression nicht wieder zuschlägt.

Ich möchte noch so viel schaffen! Ich will meine Selbstständigkeit – in jedweder Hinsicht.

Jetzt sind gerade wieder Ferien, in denen der Mausebär bespaßt  werden will und ich trotz Kündigung brav ins Büro marschiere, um niemanden hängen zu lassen. Sobald ich eine ruhige Minute habe, melde ich mich ausführlich.

Bei Euch hoffentlich alles gut?

Alles Liebe, Patricia


Header: Pixar, Inside out
Foto oben: Meine Geburtstagskarte vom Hasn und meiner Familie. I love you!
Foto unten: Mein Werk.

Hier geht’s zurück zum Eingang!                    Hier geht’s zu Facebook!

air-birds-cross-fields-fly-2503402-1920x1080

Kreuzschmerzen

Ich bin in der Kirche aufgewachsen. Bevor ich mir die Schläge und Schreie zu Hause gab, verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Großvater. Er war Küster unserer Gemeinde und seine Kirche mein Revier. Ich kannte sie alle, die großen und kleinen Heiligen, weil Opa ihnen in seinem Atelier mit beißend riechender Ölfarbe neue Lächeln in die gestrengen Gesichter zauberte. Wenn ich heute an Weihnachten vor seiner Krippe stehe und den heiligen Josef sehe, weiß ich, mein Großvater lächelt mich an.

My lover’s got humour
She’s the giggle at a funeral
Knows everybody’s disapproval
I should’ve worshipped her sooner

Die Glocken waren meine Freunde. Auch sie kannte ich beim Namen, und das Größte war, wenn ich sie zur Heiligen Messe rufen lassen durfte. Dieser Knopf für diese und jener Schalter für jene, und es brauste in den Ohren, dass der Kirchturm wackelte.

If the heavens ever did speak
She’s the last true mouth-piece
Every Sunday’s getting more bleak
A fresh poison each week

Damals war ich fünf. Und ich zweifelte nicht. Nicht, dass es den lieben Gott gab und die Jungfrau Maria und den Heiligen Sankt Martin, der mit seinem wunderbaren Schimmel jeden November durch die Straßen ritt, seinen Mantel und anschließend Weckmänner verteilte.

We were born sick
You heard them say it

Jeden Mai denke ich an diese Zeit, wenn eine bestimmte Baumsorte beginnt, nach Gummibärchen zu duften – jene Bäume, unter denen wir an Fronleichnam feierlich den Leib Christi durch die wunderschön geschmückten Straßen trugen. Erinnerungen, verblasst.

My Church offers no absolutes
She tells me, “Worship in the bedroom.”
The only heaven I’ll be sent to
Is when I’m alone with you—

Ich zweifelte nicht, als ich zur ersten heiligen Kommunion ging, bei der das weiße Kleid allen wichtiger war als das, was da passierte – wie hätten wir es auch verstehen sollen, als Neunjährige? Ich zweifelte niemals, auch nicht, als ich Lobeshymnen im Kirchenchor sang und auch nicht, als ich ganze Jugendgottesdienste vorbereitete.

I was born sick, but I love it
Command me to be well
Amen. Amen.

Du sollst nicht lügen! Während des Firmunterrichts mussten wir wie schon oft zuvor beichten. Das wurde ganz groß geschrieben und war immens wichtig, bläute meine Mutter mir ein. Ich saß da und mir fiel partout nichts ein, was ich hätte falsch gemacht haben können. „Vielleicht“, sagte ich zu dem Priester, „ist meine Sünde, dass meine Mutter micht nicht mag?“
Er verstand den Wink nicht. Er druckste herum und sagte, wenn ich Probleme hätte, sollte ich doch mal mit der Gemeindereferentin sprechen. Gewalt in der Familie, das war nichts für seinen katholischen Beichtstuhl.

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins and you can sharpen your knife
Offer me that deathless death
Good God, let me give you my life

Anyway. Drei Ave-Maria, und die Sache war vergessen. Ich machte tapfer weiter, verteidigte Gott und meine Kirche. Im Gedächtnis blieb mir eine Szene: Unsere Clique fuhr wie jeden Tag mit dem Zug zur Schule. Jemand machte einen Witz über den Papst. Ich war erbost: „Glaubst Du nicht an Gott, wenn Du Dich so über den Papst lustig machst?!“ schrie ich ihn an. Die verwunderten Blicke waren mir egal.

 If I’m a pagan of the good times
My lover’s the sunlight
To keep the Goddess on my side
She demands a sacrifice

Mein Glaube war angeknackst. Ich ließ es nicht zu. Ich war katholisch erzogen, und ich wollte nichts anderes. Und ganz insgeheim hatte ich Angst, was passieren würde, wenn ich Gott verließe. Würde ich nur noch Pech im Leben haben und später schwitzend in der Hölle schmoren? „Gott wird Dich noch strafen!!“, schrie meine Mutter immer wie von Sinnen, wenn sie mal wieder – warum auch immer – auf mich eindrosch.

Drain the whole sea
Get something shiny
Something meaty for the main course

Ich studierte Geschichte, und ich studierte die Bibel und alles, was NICHT in der Bibel stand. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich als Frau wohl die perfekte Priesterin gewesen wäre, hätten irgendwelche antifeministischen Bischöfe nicht auf so einem depperten Konzil die falschen Schriften zum Wort Gottes erklärt.

That’s a fine looking high horse
What you got in the stable?
We’ve a lot of starving faithful
That looks tasty
That looks plenty
This is hungry work

Aber es half nichts. Gott entglitt mir immer mehr, und ich ihm. Was damals im Beichtstuhl zerbrochen wurde, war nicht mehr zu kitten. Wo war er, der liebe Gott mit all seinen Heiligen in meinen tiefsten Depressionen, wenn es mir richtig dreckig ging? Erhörte er meine Gebete, nahm er mich an der Hand und führte mich zu sanften Auen und dem Ruheplatz am Wasser? Leitete sein Stecken und Stab mich mit Zuversicht aus dem Tal der Todesschatten? Nein!

Take me to church
I’ll worship like a dog at the shrine of your lies
I’ll tell you my sins so you can sharpen your knife
Offer me my deathless death
Good God, let me give you my life

Vierzig verdammte Jahre musste ich alt werden, um der Hölle zu entrinnen. Und der letzte, der mir dabei geholfen hat, war Gott oder seine Kirche. Blasphemie, mag sein. Aber der einzige, der mich durch all die Jahre gerettet hat, war ich selbst.
Als der Mausebär kam, ließ ich ihn taufen, katholisch natürlich. Ich wollte ihn nicht ungeschützt und ohne Segen in diese Welt schicken. Am Anfang besuchten wir eifrig Kindergottesdienste. Ich wollte, dass er einen Glauben kennenlernt, bevor er sich dafür oder dagegen entscheidet. Aber es war ihm nicht wichtig. Er kennt alle Geschichten über Gott und Jesus und die Heiligen. Aber sie kümmern ihn nicht. Er braucht keinen Herren, der ihm Nächstenliebe gebietet und nach der rechten auch noch die linke Wange schlägt. Der sich einfach so ans Kreuz schlagen lässt ohne Widerworte und dann behauptet, er hätte uns alle damit gerettet. In meinem Fall leider umsonst. Lasset die Kinder zu mir kommen? Im Leben nicht!

No Masters or Kings when the Ritual begins
There is no sweeter innocence than our gentle sin

Wir waren vor kurzem in Paris flittern, DeHasen und ich. Eigentlich wollten wir nur Notre Dame besichtigen (die Glocken!). Nebenbei bemerkte unsere Führerin, dass wir dort heute die Dornenkrone sehen würden. Die Dornenkrone? Die echte? Ich wollte unbedingt dahin. Ich wollte sie sehen. Warum nur, wo ich doch meinem Glauben abgeschworen hatte? Ich konnte es nicht erwarten. Sie lag in Notre Dame, in der hintersten Ecke, verborgen hinter dickem roten Glas. Ich glaube nicht, dass sie jemand erkannte, und ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich die echte war.Krone

Ich setze mich davor, starrte sie an. Und weinte. Ich konnte nicht mehr aufhören damit, ich war nicht da, in dieser Kirche, ich stand vor Jesus und wir hielten Zwiesprache. „Wieso hast Du das getan?“, warf ich ihm vor, „wieso hast Du so gelitten? Verdammt, ich weiß, was es heißt zu leiden, also wozu? Um ein paar Nasen zu zeigen, wie toll Du bist?“ Ich bekam keine Antwort, natürlich nicht. Aber etwas anderes. Da war einer, dem es wohl ergangen war wie mir. Der genau wusste, wie es sich anfühlt, im tiefsten Dunkel keinen Ausweg mehr zu sehen. All das Leid, all die Schmerzen, all die Menschen, die Dir Unrecht tun, Dich verhöhnen, Dich verprügeln, immer und immer wieder und keiner da, der Dich schützt. Der Dir nicht nur ein billiges Schweißtuch reicht, sondern den andern auf die Fresse haut und schreit: Spielt Eure schmutzigen Spielchen mit jemand anderem!!!

In the madness and soil of that sad earthly scene
Only then I am Human
Only then I am Clean

Als ich fertig geweint hatte, stand ich auf und ging. So ist das, Jesus. Niemand sucht sich aus, in welche Welt er geboren wird. Und sein eigenes Kreuz, das muss schon jeder selbst tragen.

Amen. Amen.


Titelbild: Air birds cross flieds fly, n.n.
Englischer Songtext von Hozier, Take me to church

Foto der Dornenkrone: DeHasn

 

Hier geht’s zurück zum Eingang!              Hier geht’s zu Facebook!

 

SONY DSC

Geschafft

Ich – wir – haben es geschafft! Das Bild oben zeigt uns um Mitternacht bei unserer Feier, Frisuren und Outfits völlig aufgelöst – und wir beide überglücklich.

Zu diesem Zeitpunkt liegen 16 Stunden voller Aufregung im Fokus dutzender Menschen hinter mir. Und ich bin mächtig stolz, dass es trotz allem so ein wunderbarer Tag war und ich all meine Sorgen vergessen konnte. Mein Aussehen, was die Leute von mir denken… alles war mit einem Mal so egal. Und alle, wirklich alle Gäste waren zauberhaft und sagten uns immer wieder, wie schön wir selbst und unser Fest sei.

Der allerschönste Moment für mich war, als DeHasen mir den Ring an den Finger steckte. Ich musste so weinen in diesem Augenblick. Denn ich war so DSC04781erleichtert…mit einem Mal war ich eine Ehefrau, wir eine richtige Familie – sogar auf dem Papier – das Leben als alleinerziehende, sorgenbeladene, depressive Mutter ist endgültig vorbei.

Natürlich, ich weiß: Die Depression wird mich weiter begleiten, ein Leben lang. Aber es ist so unendlich leichter, wenn da jemand ist, der das mitträgt, wenn da etwas ist, das mich mitträgt: absolutes Vertrauen, eine Familie und eine große innige Liebe.

Nun sind wir zwei Tage verheiratet, sitzen im sonnigen Garten unserer Bloghütte, haben Besuch aus aller Welt – und noch immer ist es wunderbar. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich getraut habe.

“Ach, Schatz”, sagt DeHasen gerade und verdrückt eine Träne, “wir haben so ein schönes Leben”.

Ja, das haben wir.

Passt auf Euch auf!


Hier geht’s zurück zum Eingang!

Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.44.38

Du bist da, um…

… Tja. Warum bin ich eigentlich da? Bei all dem Mist, der mir im Leben begegnet, all den Kämpfen, all den Hoffnungslosigkeiten – warum bin ich dann noch da? Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.16

Der Mausebär und ich haben einen Lieblingsfilm. Den haben wir schon so oft geschaut, dass wir ihn mitsprechen können.

Und dennoch: Jedesmal, wenn wir ihn wieder sehen, bezaubert und fasziniert er uns gleichermaßen. Denn er hat Antworten auf Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.51.27Fragen, die wir uns jeden Tag aufs Neue stellen. Nehmt Euch Zeit und schaut ihn in Ruhe an. Ihr findet ihn hier.

Und noch etwas möchte ich Euch sagen: Ich schreibe in der letzten Zeit nicht. Wie Ihr wisst, steht uns in zwei Wochen ein großes Fest in die Bloghütte. Mir gehen tausend Gedanken im Kopf herum, und ich formuliere tausend Geschichten. Allein die Zeit fehlt mir, alles aufzuschreiben. Und Zeit braucht es, Geschichten auf Papier – oder in die Tastatur – fließen zu lassen.

Aber glaubt mir, ich bin jeden Tag bei Euch. Nicht nur, weil mir ständig Dinge begegnen, die ich Euch Bildschirmfoto 2015-04-25 um 08.47.21am liebsten mitteilen würde. Sondern auch, weil Euch Dinge begegnen, die Euch beschäftigen, worüber ich mir wiederum Gedanken mache.

Ich bin mit Euch connected, die ganze Zeit, überall.

Passt auf Euch auf.


Film: Die große Frage. Copyright WDR 2014

Hier geht’s zurück zum Eingang!

IMG_2185

Stein-Zeit

Was tun, mitten in der Depression und mit Panikattacken am Hals? Raus! Raus in den Garten, in den großen, wilden Garten. Und dann – einen Stein aufheben. Das Laub darunter behutsam wegfegen, damit die zarten Pflänzlein nicht brechen. DeIMG_2186n Stein wieder hinlegen. Und dann – den zweiten
Stein aufheben. Das Laub darunter behutsam wegfegen, damit die Regenwürmer weiterschlafen können. Den Stein wieder hinlegen. Stein um Atemzug, Atemzug um Stein, bis das Herz weich wird und der Kopf stumm.

Nur ein Stein! Und dann der nächste. Nicht alle auf einmal! Nicht alle Steine und danach noch das Efeubeet und das Rosenbeet und die Rasenfläche und den Vorgarten! Nein. Nur diese eine Reihe, Stein für Stein, so lange, wie es eben braucht.

Während ich mich zwinge und konzentriere, nicht wieder den Überblick und mich selbst zu verlieren, muss ich an Beppo denken. Ihr wisst schon, den Straßenkehrer aus Michael Endes Märchen
“Momo”. Und weil ich mich heute in meinem Garten so verbunden mit ihm, dem Straßenkehrer, gefühlt habe, hier seine Geschichte. Zum Erinnern. Zum Zeitnehmen. Und zum Atemholen:

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenkliIMG_2189ch vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug – Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. “Siehst du, Momo”, sagte er dann zum Beispiel, “es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man”.

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: “Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt
IMG_2188es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem.

So darf man es nicht machen.” Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: “Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.” Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: “Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.”

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: “Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.” Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: “Das ist wichtig.”

Nachtrag: Während ich das schreibe und völlig im Hier und Jetzt bin, geht die Tür auf, und der Mausebär kommt plärrend hereingestürmt. Er hat einen Spreisel im Finger. Entweder bekommt er eine Blutvergiftung oder stirbt sofort. Mindestens. Ein Schritt nach dem….”Maaaamaaaaa, das tuuuut sooo weeeeheeee!!!”

Die große Kunst ist, in der Stein-Zeit zu bleiben.
Auch, wenn die nächste Bombe tickt.


Zitat aus: Michael Ende, Momo. Thienemann Verlag; 20. Auflage (1973).

Hier geht’s zurück zum Eingang!

567473-original-R-B-by-Wandersmann-pixelio

Höhlenfrieden

Ihr habt sicher gemerkt, dass ich in den vergangenen Wochen ein wenig sprachlos geworden bin. Ja, auch ein Depressionsprofi verrennt sich immer mal wieder Richtung Finsterwald und hält sich nicht an seine eigenen Vorsätze *seufz*

Ich will Euch hier auch gar nicht groß zutexten, mich einfach kurz melden und damit bis nach Weihnachten abmelden. Die letzten Wochen waren vollgepackt bis zur letzten Sekunde, keine Zeit zum Durchschnaufen, keine Gelegenheit zum Erden. Wenn dann auch noch Dinge passieren, die nun mal passieren – Waschmaschine streikt, Vater im Krankenhaus, Kind hat zig Weihnachtsveranstaltungen – macht jemand, der eh nur auf Notakku läuft, eben schlapp. Dann ist es höchste Zeit, sich in seine Winterhöhle zurückzuziehen, weil jede Mail, jeder Anruf, ja selbst jedes Wort, das man irgendwo im Netz liest, zu viel ist und einen körperlich sticht, so sehr, dass man würgen muss und denkt, die nächste Magen-Darm-Grippe ist im Anmarsch.

Euch möchte ich mitgeben, weil Ihr ja vielleicht auch über Weihnachten besonders gefragt seid (die liebe Familie und so): Macht Euer Ding. Was zuviel ist, ist zuviel, und wenn Euch nicht danach ist, Friedefreudeeierkuchen im trautem Heim zu feiern, klinkt Euch aus. Ihr braucht keinen superduper Christbaum, nicht den 50. selbstgenähten Loopschal für Eure Kollegen, kein Festtagsmenü mit 12 Stunden Küchenhaft, nicht das 20. Selfie von Euch auf Facebook, und der liebe Gott wird es Euch auch nachsehen, wenn Ihr diesmal nicht in der Christmette vorbeischaut (sonst geht Ihr ja auch nie in die Kirche, oder?;-))
Eure Lieben werden das schon verschmerzen.
Und wenn Ihr alleine seid und deswegen traurig, schafft Euch Eure eigene Höhle. Das ist völlig in Ordnung. Ihr seid keinem etwas schuldig und müsst keinerlei Rechenschaft ablegen. Schaut nach Euch, denn:

Schöne Seele braucht reine Höhle.

Ich drück Euch und wünsch Euch einen friedlichen Winterschlaf!


Headerbild: pixelio/wandersmann

Hier geht’s zurück zum Eingang!

 

Josie Meer

Land in Sicht – Tipps für einen antidepressiven Urlaub

Wie versprochen hier die Anleitung für einen absolut antidepressiven Urlaub – und entspannte, finsterwaldfreie Ferien!

“Du musst unbedingt mal raus – fahr doch innen Urlaub!” Tolle Idee. Wirklich. Für alle, die nicht depressiv sind. Jeder andere, der diesem Ratschlag folgt, landet allzu oft im Finsterwald. Warum, steht hier.

Deswegen der ultimative Anti-Depri-Urlaubs-Tipp vorweg: Ihr müsst gar nichts! Es ist völlig legitim, Eure freie Zeit zuhause, in der persönlichen Pampa oder sonstwo zu verbringen. Ja, ich weiß. Depressive dürfen sich nicht einigeln und abschotten. Machen sie ja auch nicht. Irgendwann mal wieder. Wenn es ihnen besser geht. Aber nicht jetzt, im tiefsten Tief. Dann wird alles nur noch schlimmer.

Hier also meine Absolution (ich bin nicht Gott, aber mal so frei) und meine weiteren Tipps:

· “Tu nur das, was Du schaffst!” Und zwar jetzt in diesem Augenblick. Buch’ keinen Urlaub, weil Du denkst, dass es Dir beim Reiseantritt bestimmt besser gehen wird. Und weil Du jemandem einen Gefallen Josie Meer2tun willst. Ortsveränderungen heißen so, weil sich der Ort verändert. Nicht Du selbst. Oder wie Seneca schon vor 2000 Jahren sagte:

“Du bist, der du bist! Was hilft es, über das Meer zu setzen und den Wohnort zu wechseln? Wenn du dem, was dich drückt, entgehen willst, so musst du nicht an einem anderen Ort sein, sondern selbst ein anderer sein. Deine Reisen werden dir keine Erleichterung schaffen; denn du
reisest mit deinen Leidenschaften, und
deine Übel folgen dir nach.”

Als ich mit dem Mausebär noch alleinerziehend war, hatte ich für uns zwei Wochen Türkei gebucht. Ein traumhafter Urlaub. Wäre es geworden. Aber ich musste ihn kurzfristig absagen. Ich hätte es nicht geschafft – den Flug, Transfer, fremde Welt, allein mit der Maus. Wer hätte das gedacht, sechs Monate vorher, als die Hochglanzprospekte lockten? Also: Bucht – wenn überhaupt – nur das, wozu Ihr jetzt im Moment in der Lage seit. Und wenn das NICHTS ist, ist auch das völlig in Ordnung.

· “Was willst Du eigentlich?” Tja, wenn ich das so genau wüsste. Ich kann in einer depressiven Phase ja noch nicht mal entscheiden, ob ich mir lieber grüne oder graue Gardinen ins Wohnzimmer hängen möchte! Depressive tun sich schwer mit Entscheidungen. Sie trauen sich nicht, sie zweifeln. Was eben richtig ist, kann morgen schon wieder falsch sein und umgekehrt. Plant in so einem Zustand keinen
Urlaub! Das kann nur schief gehen.

Wenn Ihr nicht wisst, was Euch gefällt, hilft das Ausschlussverfahren: “Was willst Du eigentlich NICHT?” Depressive können diese Frage einfacher beantworten. Wer ganz viel wegstreicht, weiß irgendwann, was er will. Das kann dauern. Auch mal etwas länger. Wenn Ihr Euch also nicht hundertpro sicher seid, bucht nichts, was Euch nur zu 80 Prozent überzeugt. Ihr werdet Euch nicht wohlfühlen.

· “Trau Dich!” Und zwar genau das zu sagen, was Du nicht möchtest. Auch wenn Du total konfliktscheu bist und es Dir komplett Josie Meer3übertrieben und pingelig scheint. Ich zum Beispiel brauche das Meer. Ich liebe es, mir vom windigen Wellenrauschen den Kopf freiblasen zu lassen. Den Blick hinaus in die Weite, den  nichts verstellt. In einem Bergdorf würde ich eingehen.
Ich liebe den Norden, weil ich mich dort einmummeln und den Bikini im Schrank lassen kann. Ich mag Ruhe und Stille. Und Sauberkeit und Stil. Ein Haar auf dem Boden oder das falsche Kissenmuster kann mir den ganzen Urlaub vermiesen.

Bin ich deswegen gaga? Nein. Ich buche Urlaub und bezahle dafür. Deswegen erwarte ich auch genau das, was ich will, was mir gefällt, was mir guttut. Und sage das deutlich – meinem Partner, dem Reisebüro, dem Hotel. Übrigens: Kann ich mir genau das gerade nicht leisten, fahre ich nicht weg. Hä?! Genau. Lieber zuhause und sauber als am Meer und versifft. Isso.
Wie stellt Ihr Euch Eure Traumunterkunft vor? Was darf am Ferienort nicht vorhanden sein? Wann fühlt Ihr Euch unwohl? Fragt genau nach! Seid pingelig! Traut Euch!

· Apropos: Wellness ist nicht gleich Wohlfühlen! Im Frühjahr schenkte ich De Hasen zum Geburtstag ein Wellnesswochenende in einem Hammerhotel. Sagten die Bewertungen und 98 Prozent der Gäste. Als wir endlich wieder fahren konnten, war ich krank. Gestresst vom Wellnessen. Krass? Ja. Aber leider ebenfalls typisch für Depressive: Diese pure Konzentration auf das Selbst, der getaktete Tagesablauf, das Gewahrwerden des eigenen Körpers zwischen all den Schönheiten (subjektiv) in der Sauna. Puh. Wenn es dann auch noch in jeder Ecke voll und gesprächig ist, keine Ruhe herrscht, Euch das Frühstück im großen Saal gestylt erwartet, wird aus dem Wellnesswochenende ganz schnell eine Stressstrecke.

Also: Vorsicht vor angeblichen Ausgleich-Arrangements in einer depressiven Phase. Sie bringen Euch mächtig in Schieflage. Wenn Euch Massagen und Saunagänge gut tun, sucht Euch eine Unterkunft mit Verwöhnangebot in der Nähe. Dann könnt Ihr spontan entscheiden, wie viel Wellness Ihr zum Wohlfühlen braucht.

· “Sei spontan!” Speaking of: Nichts macht einem Depressiven mehr Druck, als komplett durchgeplant zu sein, das Bewusstsein, heute diesen und morgen jenen treffen zu müssen. Wie vielen Verabredungen, Festen und VerJosie Meer4anstaltungen ich schon mit einem Magen-
grummen zu- und dann doch kurzfristig wieder abgesagt habe – weil ich spürte, es geht einfach nicht! Urlaube gehören übrigens auch dazu. Meine Freunde wissen das inzwischen und reagieren bei Absagen gelassen.

Was spricht also dagegen, mal nicht ein halbes Jahr im Voraus zu planen? Sondern ganz spontan, hier und heute, irgendwo hin zu fahren? Last-Minute-Angebote gibt es en masse. Egal, ob am Meer, in der Wüste, für zwei Tage oder drei Wochen.
Mach’ Dir die Welt, wie sie Dir gefällt!”

· “Hotel oder Ferienwohnung?” Pest oder Cholera? Im Hotel seid Ihr an feste Essenszeiten gebunden. Also morgens raus aus den Federn, fein machen und ab in den Speisesaal mit all den andern Gästen. Mich persönlich stresst das sehr. Gerade, wenn meine Akne mal wieder blüht (was sie garantiert bei der Aussicht auf ein Frühstück mit mindestens 20 anderen tut). Dann muss ich vor dem ersten Schluck Kaffee  schon komplettes Make-Up auflegen, mich in Schale schmeißen und vor den Augen aller anderen am Buffet vorbei flanieren. Horror.

Logo. Ich könnte auch einfach so da aufkreuzen. Weil es den andern höchstwahrscheinlich egal ist, wie mein Gesicht aussieht. Aber das kann ich nicht. Noch nicht. Also ab in die Ferienwohnung! Okay. Aber hier müsst Ihr alles selber machen. Also, ALLES. Volles Haushaltsprogram im Urlaub. Klasse. Geradezu paradiesisch für einen Depressiven.

Überlegt Euch also gut, welche Unterkunft für Euch in Frage kommt.  Fühlt Ihr Euch mit Komplettkomfort wohler? Oder wenn Ihr im Schlafi an den Frühstückstisch schlurfen könnt? Wenn Ihr Euch nicht entscheiden könnt, bleibt in Eurer gewohnten Umgebung. Ich plädiere ja für diese Lösung: Ferienwohnung mit sämtlichem Service und Frühstück ans Bett. Werde gleich mal recherchieren…

· Wir sind Gewohnheitstiere. Und ganz besonders, wenn es uns nicht gut geht. Die kleinste Veränderung kann ein Tief an Land ziehen. Dabei muss diese Abweichung nicht mal negativ sein: Es gibt Studien über Bräute, die angesichts der bevorstehenden Hochzeit in Depressionen verfallen, weil sie auf einmal im Mittelpunkt stehen und die PlaJosie Meer6nung ihren bekannten Alltag über den Haufen wirft! Was nützt Euch der schönste Wasserbungalow auf den Malediven, wenn Ihr Euch darin nicht aufgehoben fühlt?

Deswegen mein Tipp: Geht es Euch gerade nicht so gut, wählt ein Ziel, dass Ihr schon kennt. Von dem Ihr wisst, wie Ihr hinkommt und was Euch dort erwartet. Trigger lauern sowieso an jeder Ecke, und schlafende Hunde soll man nicht wecken.

· “Wann sind wir endlich dahaaa?!” Ich liebe das Meer. Doch leider liegt es sieben Autostunden von uns entfernt. Ohne Stau und Baustellen. Denkt daran, dass der Weg zu Eurem Traumziel beschwerlich sein kann. Vor allem, wenn Kinder mit an Bord sind. Depressive haben einen langen Atem, weil sie gelernt haben, vieles auszuhalten. Die Quittung kommt aber bald und ziemlich sicher hinterher – am zweiten Urlaubstag oder wieder zurück in der Heimat. Auf einmal geht gar nichts mehr, Ihr bekommt Heulkrämpfe oder seid völlig am Ende.

Plant diese verzögerten Reaktionen Eurer Seele ein und verzichtet im Zweifelsfall lieber auf eine weite Strecke, die zusätzlich und langfristig stresst.

· Stichwort Kinder: Sie gehören einfach dazu, und was ist schöner, als ein gemeinsamer Urlaub mit all seinen Lieben? (Ich kenne die Antwort, und sie heißt alleine zu zweit in Paris ;-)). Klar, wollt Ihr Euren Kids einmal im Jahr das Rundum-Vollzeit-Familien-Paket schnüren. Nur Mama und Papa, 24/7. Gerade, wenn Ihr berufstätig und/oder alleinerziehend seid und der Nachwuchs mehrere Stunden am Tag – achtung, böses Wort – fremdbetreut ist.

Mein Tipp: Tut das nicht, wenn es Euch nicht gut geht! Kinder rund um die Uhr zu bespaßen, geht an die Nieren. Sie wollen springen, schwimmen, ringen, sie wollen raus, was erleben, auf Bäume klettern (und wieder runterfallen). Könnt Ihr das alles auch, wenn Ihr depressiv seid? Könnt Ihr uneingeschränkt und voll Freude mitspielen? Ich kann es nicht. So leid mir das für mein Kind tut.

Deswegen scheut Euch auch während der Ferienzeit nicht, Betreuungsangebote wahrzunehmen. Ihr müsst die Kids ja nicht den ganzen Tag entbehren. Aber Euch wird es gut tun, verlässlich ein paar
Stunden am Stück
frei Schnauze vor Euch hin zu leben. Eure Kleinen haben von einem  tollen Kinderprogramm ungleich mehr als von zig Stunden mit gestressten Eltern.

Extra-Tipp: Fragt genau nach, wie lange die Betreuung wirklich dauert und ob sie verbindlich ist. Nichts ist belastender, als wenn Ihr freie Zeit eingeplant habt und dann trotzdeJosie Meer7m den Pausenclown
spielen sollt.

· Taucht unter! Viele Depressive leiden an einer sozialen Phobie, sie haben Angst, was andere von ihnen denken könnten. Das wird umso schlimmer, je öfter man die anderen zu Gesicht bekommt.
Beispiel: De Hasen und ich waren ein paar Tage in Paris unterwegs. Es war traumhaft. Nicht nur wegen seines Heiratsantrages *schmelz*, sondern weil ich in dieser Menschenmasse komplett abtauchen konnte. Es waren so viele fremde (und eigenartige!) Leute unterwegs, dass ich schlicht nicht aufgefallen bin. Niemand hat mich beobachtet oder sich nach mir umgedreht. Für mich war es Erholung pur. Paradox, oder? Aber unter fremden Leuten, die an Euch vorbei strömen, seid Ihr so unsichtbar wie ein Sandkorn in der Wüste.

Ganz anders im kleinen, familiären Landhotel ein paar Wochen später: Wir hatten eine festen Tisch, sahen jeden Tag dreimal dieselben Gesichter, liefen uns im Schwimmbad, auf dem Spielplatz, im Klo übern Weg. Ganz schnell hatte ich einen Namen und die andern einen Eindruck von mir. Das war natürlich ziemlich sicher kein schlechter, aber Ihr kennt das: Dopamin fehlt - Einschätzung falsch.

· Kleider machen… Ja, ja. Wir wissen es. Aber wenn wir depressiv sind, fehlt manchmal einfach die Energie, uns aufzurüschen. Setzt Euch also nicht zusätzlich unter Druck, indem Ihr Euch in einem Fünf-Sterne-Superior-Hotel einbucht oder smalltalkend beim  Captain’s Dinner übers Meer schippert. Ihr seid schön, und Ihr habt ein Gespür für tolle Klamotten. Nur gerade jetzt nicht.

Und wenn Ihr gerade am liebsten im Jogginganzug versumpfen möchtet. Na und? Es ist Euer Urlaub, und es ist Euer gutes Recht, genau das zu tun. Ihr müsst niemandem etwas beweisen!

Für Fortgeschrittene: Ich habe gerade im Stern einen interessanten Artikel über eine Schickimicki-Strandbar gelesen. Die Angestellten dort erzählten, woran sie Superreiche erkennen: Daran, dass sie nicht superreich gekleidet sind. Also: Statussymbole und Louis Vuitton tragen nur die, die so sein möchten. Nicht die, die es wirklich sind. Merkt Euch das!

· Pack’ die Tabletten ein! Solltet Ihr Antidepressiva nehmen, lasst Euch rechtzeitig eine neue Schachtel verschreiben. Und nehmt sie weiterhin regelmäßig ein. Auch im Urlaub, besonders da! Die Medikamente regeln Euren Hirnstoffwechsel. Lasst Ihr sie einfach weg, wird es Euch nach ein paar Tagen nicht gut gehen. Selbst, wenn es an Eurem Ferienort einen Arzt gäbe, der Euch Eure Arznei verschreiben könnte: Es dauert mitunter Wochen, bis sie wieder wirkt. Also vermiesJosie Meer8t Euch die Ferien nicht, indem Ihr Urlaub von Euren Antidepressiva macht oder sie schlicht vergesst.

Mir passiert das immer, wenn ich gerade eine gute Phase habe. Ich denke einfach gar nicht daran. Bis ich morgens um drei mal wieder wachliege… Stellt Euch den Diabetiker vor, der im Urlaub sein Insulin vergisst. Nicht schön, oder? Absetzen könnt Ihr Eure Tabletten zuhause, in Begleitung Eures Arztes, über mehrere Wochen hinweg, wenn ihr das möchtet. Ausschleichen nennt man das, und es ist gerade bei Antidepressiva dringend nötig!

Dasselbe gilt übrigens auch für alle anderen Medikamente, Schmerzmittel, Schilddrüsentabletten, Antibabypille etc. pp. Ich verherrliche nicht das Einnehmen von Arznei. Aber wenn Ihr wisst, Ihr seid gerade darauf angewiesen, macht keine Experimente!

 · “Mal so richtig ausschlafen!” Haha. Finde den Fehler. Schlaf ist eine heikle Angelegenheit. Die Depression äußert sich fast immer zuerst in Schlafstörungen. Das Zubettgehen ist ein Drama, morgens seid Ihr froh, wenn Ihr endlich aufstehen könnt (während ich das hier tippe, ist es übrigens 6.15 Uhr und mein Wecker klingelt erst um acht;-)). Dazu kommt die fremde Umgebung, ein Bett, in dem Ihr vielleicht nicht gut liegt, dünne Wände und ein schnarchender, pardon, zart atmender Partner.

Tipp Nummer 1: Macht Euch deswegen keinen Stress! Schlaf ist Schlaf, und gerade Urlaubstage sind für Mittagsschläfchen prädestiniert. Habt kein schlechtes Gewissen, wenn Ihr Euch zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags auf die Couch oder an den Strand legt und schlummert. Behauptungen, der Schlaf vor Mitternacht sei der wertvollste oder ein Mensch müsse acht Stunden am Stück schlafen, um erholt zu sein, sind falsch. Legt Euch immer dann ab, wenn Euch danach ist. Und wo Ihr möchtet. Plant dafür Zeit ein, damit Ihr Euch nicht hundemüde durch irgendwelche Museen schleppt, wenn Ihr lieber die Augen zumachen möchtet. Und wenn Ihr mal eine Nacht gar nicht schlaft, ist das kein Weltuntergang. Ihr müsst ja am kommenden Tag nichts tun, außer urlauben.

Ja, ich weiß. Populärer Schlafförderer bei Depression ist Schlafentzug. Sprich: Wer tagsüber seinen Schlaf verbraucht, findet nachts keine Ruhe. Aber mal ehrlich: Was machen die, die nachts keine Ruhe finden? 24/7 wach bleiben und wie ein Zombie durch die Gegend wanken? Bestimmt nicht.

Tipp Nummer 2: Ohropax! Ja, wirklich. Sie sind mein ständiger Begleiter. Gerade in einer depressiven Phase bin ich extrem lärmempfindlich. Ich höre alles dreifach so laut. Vor allem nachts. Vor allem in fremder Umgebung. Und vor allem in dünnwandigen Hotelzimmern. Also: Ohropax rein, Welt raus. Probiert’s. Es hilft!

· Redet, redet, redet! Und zwar nicht belanglosen Smalltalk, sondern Tacheles. Erklärt Eurem Partner, Eurer Familie, Euren Freunden, wie es Euch gerade geht. Dass Ihr liebend gerne
vJosie MEer9erreisen würdet, es aber im Moment nicht könnt. Oder nicht dorthin oder zu diesem Zeitpunkt. Auch, wenn Reden nicht Eure Paradedisziplin ist: Tut Euch und Euren Lieben diesen einen Gefallen, damit sie wissen, woran sie sind. Habt kein schlechtes Gewissen! Viel schlimmer ist es, jemanden im Ungewissen und auf dem trüben Boden der Vermutungen und Schuldgefühle fischen zu lassen.

Fazit: Wenn Ihr gerade in einer depressiven Phase seid, rate ich Euch von einer Urlaubsreise ab. Auch, wenn Luftveränderung von allen andern propagiert wird. Alle anderen sind nicht depressiv und wissen nicht, was Euch die Kehle zuschnürt. Sagt offen, wie es Euch geht, und habt den Mut, das zu tun, wonach Euch ist. Auch wenn das – und jetzt alle nochmal im Chor – NICHTS ist!

“Die größten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern
unsere stillsten Stunden
.”
Friedrich Wilhelm Nietzsche

 “Ha, Du Schlaumeier!”, sagt Ihr jetzt. “Warum hast Du Dich dann nicht selbst an Deine Regeln gehalten in den vergangenen Ferien?!” Tja. Weil ich sie bis dahin auch noch nicht kannte. You live and learn – ich lebe und lerne. Immer wieder. Und diesmal auch für Euch. Ist das nicht klasse? *g*

Hier geht’s zurück zum Eingang!

Wir Waschweiber…

…würden weiße Wäsche waschen – und zwar sehr gerne nur eben diese, denn dann wären wir nach zwei Maschinen durch!

Wir sind wieder zuhause. Und während De Hasen in seinem Büro 8669436 Mails abarbeitet, der Mausebär wieder die Kita aufmischt und ich an meinem neuen Projekt und den alten Bandscheiben feile, schleudere ich mit Wäschekörben um mich. Aus diesem Grund gibt es noch keinen neuen, wirklich tiefgründigen Beitrag hier in der
Bloghütte – außer der Erkenntnis, dass rosa Stoffballerinas NICHT in die helle Kochwäsche gehören *räusper*

NiniIch bin froh, wieder zuhause zu sein und mich um meinen – sprichwörtlich – eigenen Dreck kümmern zu können! In der Zwischenzeit habe ich viele Nachrichten und Briefe von Euch erhalten. Ich freue mich über jedes einzelne Wort, weil es mir zeigt, dass mein Blog einen Sinn macht. Bei vielem, was Ihr schreibt, muss ich schlucken, ich fühle mit Euch…

…mit dem Mädchen, das sich ritzt, weil es die Welt nicht mehr erträgt.
…mit der jungen Frau, die nur noch schwarz sieht und deren Freund sich deswegen große Sorgen macht.
…mit der Mittvierzigerin, die wie ich gegen eine soziale Phobie kämpft und trotzdem jeden Tag tapfer ins Büro geht.
…mit der älteren Dame, deren Mann sich in die Alkoholsucht geflüchtet hatte, weil er nicht der war, der er sein sollte.

Euch allen danke ich für Euer Vertrauen! Ich habe Euch versprochen, ich schreibe Euch dazu und mache Euer Thema – natürlich anonym – zu meinem Thema, um Euch und anderen zu helfen. Ich bin weiß Gott kein Therapeut, aber durch meine Krankheits-Karriere kenne ich die eine oder andere Person oder Information, die Euch vielleicht wieder ein Stück weiterbringt auf Eurem Weg ins Leben zurück.

Gleich morgen geht es los…wenn ich den rosa Farbstich wieder aus der weißen Wäsche gewienert habe.

Header: Jean Siméon Chardin, Die Wäscherin (um 1735, Rechte gemeinfrei)

Hier geht’s zurück zum Eingang!