Depri

Was ist eine Depression?

Depression ist kein Zuckerschlecken. Aber behandelbar. Die Krux allerdings ist, dass es kaum Menschen – und was noch viel schlimmer ist – Ärzte gibt, die sie erkennen. Denn Depression hat viele Gesichter. Und doppelt so viele Symptome. Ich möchte hier keinen dieser billigen Selbstchecks aus dem Internet zitieren. Um eine Depression zu diagnostizieren, wenden Fachleute ein international standardisiertes Testverfahren wie bei jeder anderen Krankheit auch an – die ICD-10-GM.

Also redet Euch nicht ein, wenn es Euch wirklich dreckig geht, wenn Ihr kein Licht am Ende des Tunnels mehr seht und es morgens kaum mehr aus dem Bett schafft, Ihr wärt nur mies drauf. Oder hättet eine Phase. Klar gibt es die auch. Ich sach nur PMS. Aber wenn das nicht mehr verschwindet, geht zum Arzt. Nur zu welchem? Euer Hausarzt wird Euch vermutlich eine depressive Verstimmung bescheinigen, eventuell das Antidepressivum verschreiben, das er schon seit 30 Jahren verabreicht und Euch dann mit einer Liste von Psychologen-Telefonnummer nach Hause schicken. Ruf’ doch mal an!

Gefangen im Unfähigsein

Dieser Satz ist für einen  Depressiven fatal. Denn das mühsame Anklingeln bei 25 Therapeuten, das wiederholte Zurschaustellen seines Leidens, wird ihm nichts bringen. Außer drei Monaten Wartezeit. Minimun. Und wenn er dann endlich beim Psychologen-Schrägstrich-Psychotherapeuten-Schrägstrich-Heilpraktiker für Psychologie (to be continued) auf der Couch sitzt, wird er feststellen, dass der ihm außer dummen Fragen gar nichts stellt. Keine Hilfe. Keine Unterstützung.

Ich male schwarz. Mag sein. Aber ich habe es hunderte Male erlebt. Bei mir, bei Freunden. Was, bitteschön, soll ein Depressiver tun, wenn er die Order erhält, doch mal selbst über die Lösung seines Problems nachzudenken? Tut er das nicht schon die ganze Zeit, morgens, abends, nachts? Er soll sein Leben umwälzen und erfahren, was er alles besser machen muss. Allein, er kann es nicht.

Denn die Depression ist heimtückisch. Sie legt den Stoffwechsel im Hirn lahm und verhindert, dass ausreichend Serotonin zur Verfügung steht. Etwas, was meist nur medikamentös zu richten ist,  wie der Insulinmangel beim Diabetespatienten. Nicht mit Wünschelruten. Und da sagt Ihr einem, der bei Euch Hilfe sucht, er soll doch einfach mal an was Schönes denken? F*ck you!

Du bist NICHT schuld!

Deswegen meine dringende Bitte: Wenn es Euch schlecht geht, sucht eine psychiatrische Ambulanz in Eurer Nähe! Jede größere Stadt hat eine. Es ist nichts anderes, als ob Ihr mit einem gebrochenen Arm in die Notfallaufnahme der Chirurgie ginget. Und das würdet Ihr doch sofort, oder? (Meine Ambulanz ist das Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. Mehr dazu und meiner Behandlung lest Ihr in meinem Blog.) Dort gibt es Ärzte, die sich auskennen.  Die Euch sofort untersuchen. Die wissen, was Euch hilft. Habt keine Scheu! Ihr spart Euch Monate des Leidens. Und rettet Euer Leben.

Depressionen  entstehen nicht über Nacht. Sie sind das Ergebnis eines langzeitigen Traumas, vieler kurzfristiger Traumata oder eines Schocks. Es gibt tausende Ursachen. Gewalt in der Kindheit, Verlust eines Menschen, Unfall, Job – und Stress. Stress ist der Feind des Immunsystems, und neuere Forschungen bestätigen einen Zusammenhang zwischen Immunschwäche und Depression. Das Fachgebiet heißt Psychoneuroimmunologie. Ich hatte darüber ein interessantes Gespräch mit Prof. Christian Schubert, Medizinische Universität Innsbruck. Er hat auch ein Buch dazu veröffentlicht. Bei 3Sat gab es eine gute Doku dazu.

Egal wie, das Ergebnis ist immer ähnlich: Der Stoffwechsel im Gehirn verändert sich (den genauen Grund und chemische Zusammensetzungen findet Ihr hier). Sehr oft arbeiten Rezeptoren für Serotonin – das uns ja alle glücklich macht, wie wir wissen – nicht mehr korrekt. Medikamente, so genannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) greifen ein und regulieren den Botenstoffhaushalt wieder. Ihr könnt es Euch vorstellen wie das Insulin, dass sich Diabetespatienten spritzen müssen. Die bekanntesten SSRI heißen Citalopram und Cipramil. Es gibt noch viele andere Medikamente mit unterschiedlichsten Wirkweisen. Welches Euch helfen kann, erklärt Euch ein Facharzt nach genauer Untersuchung.

Versteck’ Dich nicht!

Viele Depressive schämen sich ihrer Krankheit. Schuld daran sind nicht sie, sondern die Öffentlichkeit, die nichts darüber weiß und noch immer mit Vorurteilen gespickt ist. Fast alle Depressive wie ich auch führen ein völlig normales Leben, haben einen Job, eine Familie, Hobbys. Was sie von Gesunden unterscheidet, ist die immense Anstrengung, die dieses Versteckspiel kostet. Stellt Euch vor, Ihr habt wochenlang nicht geschlafen und schleppt Euch trotzdem zu einem wichtigen Meeting, weil davon Euer Job abhängt. Tja. So geht es uns fast jeden Tag.

Ich habe lange Zeit dieselbe Strategie gefahren. Hat sich ja auch bewährt. Beim ein oder andern, die meisten blieben auf der Strecke. Heute bin ich überzeugt, dass all das Vertuschen das Ganze nur noch schlimmer macht. Ich bin überzeugt davon, dass sich nur ein Minimun all der Selbstmörder umbringen würde, wenn die Umwelt ihre Depression erkannt und ernst genommen hätte. Wenn sie gewusst hätte, was die Ursachen sind. Und Depression anerkennen würde wie jede andere Krankheit auch. Wir sind nicht blöd. Oder faul. Oder gemeingefährlich. Wir sind – leider Gottes – nicht gesund. Körperlich.

Licht am Ende des Tunnels

Zur Zeit laufen Versuche, ob chronische Depressionen nicht doch durch eine Therapieform ohne Medikamente heilbar wären. (“Aber natürlich sind sie das, Frau W.!”, würde mein Prof jetzt ausrufen. Er hat mich noch nicht ganz davon überzeugt. Schöne Grüße an dieser Stelle!) Das ZI Mannheim vergleicht zum Beispiel die klassische Verhaltenstherapie mit der neuen Form CBASP. Es bleibt abzuwarten, ob sie erfolgsversprechend ist. Ich selbst habe an dieser Studie teilgenommen – mehr dazu hier.

Seit etwa zwei Jahren geht es mir mit und trotz meiner chronischen Depression gut. Es war ein harter Weg hierher und wie oft strauchele ich noch immer und verliere allen Mut. Aber das macht nichts:

“No need to run and hide, it’s a wonderful, wonderful life!” (Black)

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Tür an Tür mit der Depression

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