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Wat mut, dat mut: Willkommen in der Scheibenwelt

36 Grad, es wird noch heißer…

Ja, ich weiß. Tolle Ausrede. Genauso wie: Ich muss dringend a) die Kotzekatze vom Baum pflücken, b) nervige Fliegen totklatschen, c) Gummibärchen in der Süßigkeitenschublade nach Farben sortieren, d) to be continued (oh, eine Aufzählung, lieben Gruß an M. ;-) ).

Leider schert das meinen Rücken überhaupt nicht. Ja, meine Welt ist eine Scheibe. Genauer gesagt, eine Bandscheibe. Und wer’s exakt Bild2_06_6313075b45wissen will: eine ziemlich lädierte, seit Jahren überstrapazierte und deswegen tot-quietsch-beleidigte-ich-geb-dir-eins-ins-kreuz-damit-du-dich-kaum-noch-bewegen-kannst-wenn-du-keinen-sport-machts-MIT-DIR-SPIEL-ICH-NICHT-MEHR-DU-BIST-NICHT-MEHR-MEINE-FREUNDIN-DREI-AUSRUFEZEICHEN-Bandscheibe.

Nein, sie lässt sich weder mit charmanter Überredungskunst (“Hömma, Du bist gerade 39, lass Dich mal nicht so hängen, Du Gallertdingens, Du!”) noch wüsten Beschimpfungen (“Sakra-krutzi-deifi, jetzt reiß’ Dich aber mal zusammen!…Autsch, doch nicht so!!”) beruhigen. Sie will wie ein drei Tage bei Regenwetter im Haus eingesperrtes Kleinkind loshüpfen. Und zwar JETZT.

Hachja. Is’ ja nicht so, dass wir schon eine Depression mit uns rumschleppen würden. Naaaahaaaaaain. Jetzt muss einem auch noch der eigene Rücken ins Kreuz fallen!

“Okay”, sage ich zur Scheibe, nachdem ich sie zwei Jahre lang ignoriert habe und sie mich dafür jeden zweiten Monat außer Gefecht gesetzt hat. “Waffenstillstand. Ich schlepp Dich, äh, mich ins Fitti, und Du gibst dann Ruhe. HOST MI ?!?”

Ja, so kam heute der Tag der Tage….während alle anderen zum Badesee pilgerten, tuckerte ich einsam und allein ins Fitnesscenter. Kein Schwein war da, klar bei dem Wetter (hier wäre dann die Stelle, wo Ihr alle ganz laut “OOIMG_1024OOOOCH” sagen müsst), außer dem Trainer. Und der unterzog mich, meinen zwei Jahre alten Trainingsplan (Ihr kennt das: einmal im Studio angemeldet, regelmäßig gezahlt, nie hingegangen) und meine Scheibe erstmal einer Generalüberholung.

Ich gestehe es nicht gerne, aber das tat – gut. Also nicht nur, meinen geplagten Rücken mal wieder richtig zu strecken und meine *räusper* hoffentlich bald wieder vorhandenen Bauchmuskeln zu stärken. Nein, auch der Kopf prustete und pustete mal so richtig durch. Ich hatte völlig vergessen, wie ich beim Training ins Nichts abtauchen kann – ähnlich wie beim Nähen. Blick ins Nirwana und nur fühlen, wie alle Spannung aus dem Körper weicht. Ausatmen. Zur Ruhe kommen. “Schöööön”, sagt die Scheibe da. “Wollen wir vielleicht wieder Freunde sein?”

SPORT UND DEPRESSION

Nein. Ich tue das nicht wegen des bösen Onkels. Denn ich weiß schon seit Jahren, dass ich mich in meinem Körper nicht wohl fühle. Zu den Kreuzschmerzen kommen die Seelenstiche. Jedes Mal, wenn es Sommer wird. Jedes Mal, wenn ich schwimmen gehen muss. Jedes Mal, wenn ich meine Kleidung wechsle und dabei dummerweise mit einem Auge am Spiegel hängen bleibe. Ich mache also auch Sport, damit es mir wieder leichter ums Herz wird.

Dass Sport bei Depressionen helfen soll, ist ein alter Hut. Die Krux daran ist, dass Depressive es einfach nicht schaffen, sich aufzuraffen. Wen nur das bloße (Über)leben – und ich rede jetzt nicht mal vom Job oder Alltag einer alleinerziehenden Mutter! – Energie kostet, wer soll sich da noch ins Fitnesscenter schleppen? Ich schaffe das auch nur, weil es mir gerade gut geht. Diese Kraft nutze ich dafür, endlich etwas für mich zu tun. Denn dass ich kaum ohne Schmerzen stehen, liegen oder sitzen kann, dass ich mich selbst nicht leiden mag, raubt mir jeden Tag zusätzlich Lebenswillen. Ich habe die Wahl, und ich werde sie nutzen, weil ich gerade kann. Wenn Ihr es nicht könnt: Alles ist gut! Macht Euch keinen Stress! Es besteht kein Zwang, als Depressiver Sport zu treiben.

Aber die ganzen Endorphine! Humbug. Noch gibt es keinen Beweis, dass Sport den bei uns gestörten Serotonin-Stoffwechsel wieder ins Lot bringt. Was Bewegung allerdings tut, ist Stress abbauen. Denn wie wir wissen, hat eine langanhaltende Stressbelastung zur Folge, dass der Adrenalinspiegel im Körper steigt. Das führt zu einer Hochregulation des Cortisons und später zu einer Erschöpfung des Systems – auch des Serotonin-Stoffwechsels. Die Folgen sind: Migräne, Schmerzen, Burn-out, Depression.

Was ich damit sagen will: Stress, egal ob körperlicher oder seelischer und vor allem lang anhaltender, muss abgebaut werden – indem wir unseren kompletten Stoffwechsel durch Bewegung wieder ausgleichen. Das funktioniert aber nur, wenn der Sport selbst nicht wieder in Stress ausartet! Also denkt dran: immer schön locker bleiben!





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Ein Gedanke zu „Wat mut, dat mut: Willkommen in der Scheibenwelt“

  1. Ich kenne das. Ich habe in der Tagesklinik auch wieder seit Jahren mit Sport angefangen: Badminton – einmal die Woche. Am Anfang war ich noch ehrgeizig und war zusätzlich unter der Woche noch auf dem Crosstrainer oder bin Fahrrad gefahren, habe auch mit Shred angefangen… jetzt bin ich froh, wenn ich es einmal die Woche zum Badminton schaffe und meine Familie ist da auch nicht sehr unterstützend. Ich muss mich also regelrecht zwingen, aber wenn ich es nicht tue, weiß, dass es mir wieder schlechter geht, denn der Sport an sich tut mir unheimlich gut. Vielleicht hast du ja jemanden, der dich regelmäßig erinnert oder hinschleppt, gerade dann, wenn du dich selbst nicht aufraffen kannst?

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