Schiffchen3

Du hast die Wahl

“Es gibt nur eine Alternative, aber die wählen wir nicht.”
“Nein, die nicht.”

Es ist Zeit, wieder zu schreiben. Für alle, die denken, dass sie dieses Leben nicht mehr aushalten. Vor kurzem war ich seit langem wieder mal in der Bloghütte – ich hatte ein PlugIn für meinen anderen Blog gesucht. Dabei streifte ich mein Dashboard, das mir anzeigt, wie Leser zu mir finden.  Das Suchwort, das am häufigsten zu mir führte, war Selbstmord.

Wenn das Leben grad zu allem schweigt
dir noch eine Antwort schuldig bleibt
dir nichts andres zuzurufen scheint als Nein
Es geht vorbei

Das bewegt mich gerade: Wie anstrengend es ist, mit chronischen Depressionen zu leben. Und dass es keinen Ausweg gibt. Entweder man lebt damit – oder nicht. Ich möchte Euch heute nur mal einen Tag in meinem Leben skizzieren, damit Ihr vielleicht versteht, warum depressive Menschen an Suizid denken. Es ist mein persönliches Empfinden, aber vielleicht erkennt Ihr Euch wieder.
Merke: So geht es mir heute, nach zahlreichen Therapien und mit einem Antidepressivum, das ich seit 20 Jahren nehmen muss. Wie es mir in meinen schlimmen, akuten Phasen ging, könnt Ihr am Anfang dieses Blogs nachlesen.

Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt
sich tarnt bis zur Unkenntlichkeit
wenn etwas hilft mit Sicherheit, dann Zeit
Es geht vorbei, es geht vorbei

3 Uhr morgens Die typische Aufwachzeit für Depressive. Von da an Panikattacken, Zukunftsängste, Zweifel, Magenkrummen. Mittlerweile schaffe ich es des Öfteren, mich rumzudrehen und noch mal einzuschlafen.

6.30 Uhr Der Wecker klingelt, ein neuer Tag. Noch keine Minute alt, liegt er bleiern auf mir. Ich seufze, quäle mich aus dem Bett und gehe ins Bad. Der Spiegel sagt mir wie jeden Morgen, dass ich fett und  hässlich bin, und dass sich das auch nie mehr ändern wird. Das macht mich fertig. Ich schleiche zum Schrank und weiß, alles, was ich anziehe, macht mich noch fetter und hässlicher. Ich will mich in meinen Jogginganzug verkriechen und nie wieder raus gehen. Ausgerechnet heute muss ich raus. Ich bin am Verzweifeln. Wie kann ich mich am besten tarnen? Tausend Stimmen in meinem Kopf, die mich heute wieder bis tief in die Nacht begleiten werden:
“Du bist hässlich.”
“Du bist fett.”
“Was werden die Leute sagen, wenn sie Dich so sehen? Vor allem die, die Dich noch schlanker in Erinnerung haben?”
“Ich schaffe das nicht, ich schaffe den Tag nicht.”
“Du musst aber, die Kunden erwarten ihre Aufträge, Dein Kind will versorgt sein, das Haus, der Garten, Dein Mann!”

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich

Mit einer Zentnerlast auf den Schultern schleiche ich nach unten zum Frühstück.

7.30 Uhr Wir sitzen am Frühstückstisch. Ich wäre so gerne allein. So ganz allein. Ohne Kindergeplapper, ohne prüfende Blicke vom Mann, der weiß, dass was nicht stimmt. Wie jeden Morgen. Ich leide unter meinem schlechten Gewissen, weil ich mein Kind doch lieben muss und froh sein, dass es so lebendig ist und so ein Sonnenschein und ständig am Lachen und Singen. Dass ich meinem Mann keine gutgelaunte, attraktive Frau sein kann. Es macht mich fertig. Der Lärm macht mich fertig. Für andere da zu sein, macht mich fertig.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu gehn
komm nicht auf Scherben zum stehn

8.30 Uhr Mann und Kind sind aus dem Haus, ich habe die erste Runde mit dem Hund gedreht und könnte mich schon wieder auf die Couch legen und die Decke über den Kopf ziehen. Ich gehe in mein Nähzimmer und sehe das Chaos.
Die Stimmen sind auch (wieder) da. Ständig geht es:
“Du  bist ein Messi.”
“Wie sieht es hier denn aus.”
“Was wird Dein Mann sagen!”
“Was die Leute, wenn sie Dich besuchen kommen!”
“Aber ich kann nicht aufräumen, ich bin so erschöpft. Und das bisschen Kraft, das ich habe, brauche ich zum Nähen.”
“Ach, quatsch, andere schaffen das auch, stell Dich nicht so an.”

Ich spare mir eine Antwort und nähe bis… oh Gott, schon halb zwei! In zehn Minuten steht das Kind schon wieder auf der Matte!
Aber ich muss noch so viel tun!
Und will allein sein.

Wenn die Angst dich in die Enge treibt
es fürs Gegenhalten nicht mehr reicht
du es einfach grad nicht besser weißt
dann sei
es geht vorbei

Oh, nein, heute Mittag müssen wir auch noch zusammen zum Arzt/ in die Bücherei/ jemanden besuchen!
Ich klappe innerlich zusammen, kriege keine Luft mehr, richte mein Äußeres auf und

13.45 Uhr öffne strahlend die Tür: “Na, mein Schatz, wie war Dein Tag?”
Wir machen Hausaufgaben. Ich denke ständig an das, was ich deswegen nicht schaffe.
“Du Looser, Du!”
“Wenn Dein Mann heimkommt, wird er sich wieder fragen, was Du den ganzen Tag gemacht hast.”
“Oh Gott, schau nur, der Garten, so hässlich!”
“Dieses Haus, es macht mich fertig, ich muss raus hier.”
“Deine Kunden warten schon seit einer Woche auf Ihre Bestellungen!”

Wenn jeder Tag dem andern gleicht
und ein Feuer der Gewohnheit weicht
wenn lieben grade kämpfen heißt
dann bleib
es geht vorbei

15 Uhr Wir gehen in die Bücherei. Das Anziehen zuvor war wieder eine Qual, das Schminken ebenso. Ich kann nicht ungeschminkt aus dem Haus wegen meiner Aknenarben. Und weil ich ja sowieso hässlich bin. Ich quäle mich zum Auto und hoffe, das mich niemand sieht und anspricht. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, gerade in Gesprächen mit anderen. Selbstverständlichkeiten fallen mir nicht mehr ein, ich rede wirr und ringe nach Worten. Wie fremdgesteuert halte ich Konversation. Es kostet so viel Mühe.
Ich weiß nicht, ob das den anderen auffällt, bin unsicher, was sie über mich denken.
“Die ist ja komisch.”
“Was redet die für ein dummes Zeug?”
“Die ist doch nicht ganz klar im Kopf!”
“Achja, die Depressive:”

15.30 Uhr In der Bücherei. Menschen suchen nach Lesestoff. Ich suche nach einer Ecke zum Verstecken. Ich versuche, mich nicht in den Scheiben zu spiegeln.
“Mann ist die fett.”
“Die könnte auch mal abnehmen.”
“Das arme Kind, bei der Mutter!”
Mein Kind ist glücklich und zeigt mir die neueste Wilde Hühner-Ausgabe. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Ich rede, aber bin nic17796420_1233164566811997_6630604599439192606_nht da. Ich will nur noch weg hier.

Es ist warm. Es wird Frühling. Ich hasse den Frühling, weil ich mich nicht mehr in weite, dicke Jacken ducken kann. Mit jedem Zentimeter Haut mehr, den ich zeigen muss, weil ich schwitze wie ein Tier, steigt mein Depressionsindex.

Scheiße. Da kommt eine Kundin auf mich zu. Wenn die mich hier so sieht. Ich hasse es, unvorbereitet auf Bekannte zu treffen. Wieder dieser Smalltalk. Die denkt bestimmt, ich bin komplett bescheuert. Völlig erschöpft und in mich zusammengesunken verlasse ich die Bücherei.

17 Uhr Wir fahren nach Hause. Ich kann mich kaum auf den Verkehr konzentrieren. Die Stimmen wüten in meinem Kopf, sprechen die heutigen Szenarien noch mal durch und beschimpfen und erniedrigen mich. Wäre das doch nur vorbei. Endlich vorbei.
Der Baum am Wegrand sieht verlockend aus. Der nächste auch. Nein. Ich habe ein Kind im Wagen und Verantwortung. Außerdem habe ich beschlossen, dass das nicht mein Weg ist. Aber ich verstehe jeden nur zu gut, der ihn geht.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich

18.30 Uhr Wir sind alle wieder zuhause und sitzen beim Abendessen. Ich bin alle, nicht mehr aufnahmefähig. Aber ich muss noch mein Kind ins Bett bringen. Ich schleppe mich die Treppe hoch. Weil ich so fertig bin und keine Kraft mehr habe, bin ich gereizt. Ich meckere mein Kind an, das wieder mal trödelt. Das Kind weiß nicht, warum ich meckere und wird bockig. Die schöne Vorlesezeit wird zur Farce. Mühsam schaffe ich es, mich zu kontrollieren und gelassen heiter den Buchtext vorzutragen und das Kind in den Schlaf zu kuscheln.

Die Stimmen sind immer noch wach:
“Boah, musste das jetzt sein?”
“Wieso kannst Du nicht auch so toll und energiegeladen sein wie andere Mamas auch?”
“Ich will das hier alles nicht, ich will alleine sein.”
“Dann mach doch, lass doch Dein Kind im Stich, Du Versager.”
“Das wird immer so weitergehen, morgen schon wieder. und übermorgen. Und überüberübermorgen.”

22.15 Uhr Endlich sind Kind und Mann im Bett und ich allein. Ich 17796278_1233165990145188_543768191006433019_nmuss jetzt Schokolade essen, anders werde ich die Anspannung des Tages nicht los.
“Boah, Du fette Kuh, schon wieder!”
“Wenn Dein Mann morgen das Schoki-Papier findet, ist er wieder enttäuscht von Dir.”
“Lasst mich alle in Ruhe. Ich brauche das jetzt, ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.”
“Doch, deiner Gesundheit, schau Dich doch mal an, Deine Haut, das Fett!”
Irgendwann habe ich die Schnauze im wahrsten Wortsinn voll, schleppe mich ins Bad, erniedrige mich wieder selbst vorm Spiegel, schleppe mich ins Bett und stöpsle die Ohropax rein. Stille. Wenigstens für ein paar Stunden.

6 Uhr Schon wieder ein neuer Tag. Der genauso ist. Mit all den Erniedrigungen, die sekündlich in meinem Gehirn aufploppen. Mit der Kraftlosigkeit, die daher rührt, schon zu lange gekämpft zu haben. Mit der Gewissheit, dass ich nie richtig fit für dieses Leben sein werde. Mit der Frage, was es das alles wert ist. Und mit der Bitte, dass es endlich, endlich, endlich bald vorbei ist.

Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu gehn
komm nicht auf Scherben zum stehn


Titelfoto: Ich, fotografiert von meinem Mann
Songtext: Andreas Bourani, Hey

8 Gedanken zu „Du hast die Wahl“

  1. Hey hey Du Liebe!

    ich habe ein sehr schönes Bild von Dir: Dein tanzendes singendes schwingendes lachendes inneres Wesen, das trotz ALLER geschilderten Zweifel, Ängste und Nöte Dein WIRKLICHES Inneres ist.

    Wenn Du Morgen früh vor dem Spiegel stehst, schau mal tief in Deine Augen und Du wirst es Dir zuwinken sehen, es wird Dich unterstützen und durch den Tag führen, und wann immer Du es brauchst, an die Oberfläche kommen.

    Lass Dich nicht täuschen und entmutigen von den Umständen. In ähnlichen Situationen habe ich immer Karla vorgeschickt, wann immer Inge sich etwas nicht zutraute, Kopf in den Sand, nix sehen und hören, usw. Wenn Du vor dem Leben draußen zögerst, schick Deine andere innere Person vor, die wird das wunderbar für Dich erledigen. Probiers mal, mir hat das geholfen. Das ist kein Theaterspielen oder vertäuschen guter Laune oder ähnliches, wenn Du schwach und ausgelaugt bist, es ist Dein geheimes inneres Wesen. Es ist da! Und es schert sich einen Dreck drum, was die anderen denken! Singen Schwingen Lachen Tanzen Lieben und alles unbequeme erledigen, das ist sein Revier.

    Laß Dich lieb umarmen, Du bist ein wundervoller wertvoller Mensch!

    Inge

    1. Liebste Inge,

      danke, dass Du mich immer wieder aufbaust und an mich glaubst! Dieses andere Wesen vorschicken tue ich schon seit Jahren. So sehr, dass ich gar nicht mehr weiß, wer ich nun eigentlich bin. Ich habe dazu keine Kraft mehr. Ich wäre gerne dieses Wesen. Aber ich mag mich auch nicht mehr aufspalten, um am Leben teilnehmen zu können. Mal sehen…
      Alles Liebe! Patricia

      1. Da muss ich mal kurz reingrätschen. Sorry, wenn das nicht so nett ist.
        Eine “anderes Wesen” vorschicken, ihm gar noch einen anderen Namen geben, halte ich nicht für sinnvoll, für manche eher gefährlich. Maximal kann das eine kurzfristige Hilfestellung sein. Du, Patricia, verlierst dich dabei. Tu es nie wieder! Sei Patricia und gib Patricia was sie braucht. Du bist eine vollständige Person mit verschiedenen Ebenen. Die gehören alle zusammen. Nur manchmal verlieren sie die Verbindung zueinander. Daran zu arbeiten ist möglich! Ich habe, z.B., meinem Körper versprochen, dass ich ihm nicht mehr wehtue, weil er immer für mich da war. Er hat viel erduldet und ich danke es ihm, indem ich ihn nun besser behandle. Ich lebe bewusster. Auf allen Ebenen. Das gibt mir so viel.
        Wenn du nicht mehr kannst, dann mach einen Cut. Egal, wie toll alles sein müsste. Es ist es nicht, weil du es nicht wahrnehmen kannst. Ein Blinder kann ja auch kein Gemälde bewundern. Es geht halt nicht. Denk noch mal über einen stationären Aufenthalt in einer geeigneten Klinik nach.

        Heilung ist möglich!!

  2. Ich kenne diese Verfassung. Ich kenne die Sehnsucht, es möge vorbei sein. Bald. Am Besten sofort. Für mich ist es vorbei. Diese abgrundtiefe, scheinbar unendliche Müdigkeit und Leere, die ständige Selbstverachtung und das Gefühl nur eine Last zu sein.
    Warum es vorbei ist weiß ich nicht genau. Es fing an mit einer Ärztin, die mir erklärte, dass ich zu blöd bin das Richtige für mein Kind zu tun. Die mir sogar die Polizei ins Haus schickte, um mein Kind vor mir zu schützen. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Polizisten kopfschüttelnd und uns alles Gute wünschend wieder gegangen sind, ohne einen Grund für diese Aktion gefunden zu haben). Aber da bin ich wie aus einer Trance aufgewacht. Genauso fühlte es sich an. Wie aufwachen.

    Mein schlummerndes Ego hat sich aufgebäumt und hat einen Urschrei von sich gegeben. Seitdem ist es für mich vorbei. Ich habe noch kurze Phasen, wo sich alles wieder “blöd” anfühlt, aber das vergeht immer sehr schnell. Auch der Verzicht auf Zucker hat viel bewirkt (das meine ich sehr ernst). Ich lebe wieder. Ich fühle mich wie ein Mensch. Ich habe zwar viel abgenommen, aber ich bin immer noch fett. Ist mir egal. Ich bin nicht bereit, dieser Stimme, die mich dafür verhöhnt, nochmal eine Bühne zu geben. Denn ich bin wieder wach. Ich bestimme, wer in meinem Kopf rumtönt.

    Ich erzähle das nicht, um mich als “besser als ihr” darzustellen. Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich möchte Mut machen. Ich dachte jahrzehntelang nur daran, wie und wann ich es(mich) beenden kann, ohne andere zu sehr damit zu behelligen. Heute weiß ich, das war nicht ich. Das war so was wie ein Albtraum. Aber jetzt bin ich wach. Und dieses Erwachen wünsche ich allen Betroffenen von ganzem Herzen. Dann seht ihr, wie bunt die Blumen sind und wie blau der Himmel leuchtet.

    Gebt nicht auf! Gebt niemals auf!

    1. Oh, Birgit. Vielen Dank für diese wunderbaren Worte! Das macht echt Mut. Denn es kann ja nicht der Sinn des Lebens sein, so vor sich hin zu darben. Ich hoffe, mein Urschrei kommt auch bald :-/ Alles Liebe und nochmals danke, Patricia

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